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Samstag, 12. Oktober 2013

Katharsis versus Kathexis - Wohin mit den ganzen Gefühlen?



Es brodelt in vielen Menschen. Es rumort, es kocht, es zwickt, es ist kurz vorm Explodieren. Was ist dieses ES? ES sind Gefühle und Emotionen, die immer mehr hochkochen. Dies zeigt sich in unterschiedlichen Ausprägungen. Die einen explodieren tatsächlich, indem sie z. B. jemanden anschreien oder einen Streit über Belanglosigkeiten anzetteln, die nächsten fressen Gefühle still in sich hinein und haben früher oder später körperliche Symptome, und eine große Anzahl Menschen versucht die Gefühle mit Shopping, Konsum, Alkohol und Ablenkung zu vertuschen. Wen wundert’s, schließlich sind wir dahin gehend in unserer Gesellschaft manipuliert worden, dass es nicht okay ist, Gefühle zu haben oder zu zeigen. Man muss stark, verlässlich und professionell sein und da passen Gefühle nun einmal nicht hinein. Was sollen denn die Nachbarn und Kollegen sonst denken! Gefühle sind negativ, albern, kindisch und destruktiv. Doch viele Menschen sind am Anschlag und der Versuch, das, was da innen drin brodelt zu unterdrücken, geht irgendwann voll nach hinten los.

Es ist Zeit, sich zu besinnen und zwar darauf, dass Gefühle und Emotionen kein Design-Fehler von Gott sind, sondern ein wesentlicher Bestandteil von uns. Sie sind gewollt. Sie gehören zu uns. Es sind archetypische Kräfte, die uns dienen. Das scheint eine große Anzahl von Menschen jedoch zu verdrängen. Wie viele Bücher und Workshops gibt es, in denen Sie lernen können gaaanz ruhig zu sein und Ihre Wut zu kontrollieren oder wie viele Seminare versprechen Ihnen, dass Sie nach Besuch der selbigen weniger Angst haben. Es ist wirklich erschreckend. Kürzlich erzählte mir ein junger Mann, dass er für ein Jahr in einem Ashram in Indien war und dort eine bestimmte Art von Mediation lernte, um letztendlich ganz ruhig und gelassen zu sein. Das funktionierte auch zunächst prima. Und dann, so erzählte er, kam nach einem Jahr der Tag, an dem seine Mutter und seine Schwester ihn in Indien besuchten… und – Sie ahnen es - innerhalb von 2 Stunden triggerten die beiden das komplette alte Programm in ihm und all seine unterdrückten Gefühle wurden in rasender Geschwindigkeit zum Kochen gebracht. Vorbei war’s mit der Gelassenheit. Lassen Sie uns daher eine Sache klarstellen: Wut, Traurigkeit, Angst und Freude sind archetypische, d. h. ursprüngliche Gefühlsterritorien. Sie gehen niemals weg. Vielleicht schaffen Sie es, diese Ur-Kräfte über einen bestimmten Zeitraum zu kontrollieren oder zu unterdrücken, doch irgendwann kommt der Punkt, an dem alles, was verdrängt wurde, wie ein Boomerang zurück kommt. Es ist Zeit, die Kraft der Gefühle wieder in Besitz zu nehmen und zu nutzen.

Dieses Thema wird insofern immer brisanter, als dass die nationalen und weltweiten politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen alles andere als vertrauenswürdig sind und Instabilität und Unsicherheit zunehmen. Was können Sie also tun, wenn in Ihnen ein Gefühls-Cocktail brodelt und scheinbar alles zu viel wird?

Grundsätzlich haben Sie zwei Möglichkeiten: Katharsis oder Kathexis.

Lassen Sie uns zunächst Katharsis betrachten. Stellen Sie sich vor, Sie haben Ihre Gefühle über diverse große und kleine Dinge bisher gedeckelt. Die meisten Menschen tun dies. Sie bauen eine sogenannte Taubheitsschwelle auf, um Gefühle nicht fühlen zu müssen, um in einer Großstadt überleben oder in einer bestimmten Firma arbeiten zu können, kurzum: um im Alltags-Dschungel der modernen Gesellschaft zu überleben. Auf einer Skala von 0 bis 100% Gefühls-Maximum haben viele Menschen Ihre Taubheitsschwelle bei ca. 80% liegen, d. h. alle Gefühle, die weniger als 80% groß sind, können sie nicht bewusst fühlen. Das ist nicht gut und nicht schlecht. Es produziert lediglich bestimmte Resultate. Wenn dann in einem bestimmten Moment der besagte Tropfen Ihr Fass zum Überlaufen bringt und das Gefühl in dem Moment die 80% Marke übersteigt, dann kommt es zum Vulkanausbruch. Sie brüllen vielleicht das Büro zusammen oder greifen Ihren Partner an, schnauzen die Verkäuferin im Supermarkt an oder wettern gegen Ihren Geschäftspartner. Genau das ist Katharsis. Katharsis ist ein unkontrollierter Gefühlsausbruch, um die Gefühle eben „einfach mal raus zu lassen“. Manche leben Katharsis gegenüber anderen Menschen aus, wieder andere gehen in den Wald und schreien einen Baum an oder prügeln auf einen Box-Sack ein. Der Ausbruch fühlt sich oftmals so groß an, dass Sie danach womöglich denken „Was war das denn? Ohje, da muss ich mich aber das nächste Mal besser im Griff haben.“ Und dann setzen Sie Ihre Taubheitsschwelle wieder nach oben und deckeln die Gefühle erneut. Schließlich wollen Sie ja nicht, dass die anderen Sie als jähzornig, Heulsuse oder armen Irren betiteln.

Doch noch einmal: Sie können die Gefühle nicht loswerden. Der Mensch hat einen emotionalen Körper mit einem Herz, das Gefühle hat. Und so lange Sie nicht Davy Jones sind (der skurrile Kapitän der Flying Dutchman  aus dem Film „Der Fluch der Karibik“), können Sie ohne Herz und damit ohne Gefühle nicht leben. Es ist vergebens zu probieren, die Gefühle abzustellen. Katharsis ist also nicht wirklich zielführend. Es ist vielleicht ein temporärer Nutzen, doch Sie haben dadurch die tatsächlich Gefühlskraft nicht wieder in Besitz genommen. Ergo steht Sie ihnen nicht dauerhaft nützlich zur Verfügung. Bei Katharsis hat das Gefühl Sie im Griff.

Lassen Sie uns an dieser Stelle ein Experiment machen.

Experiment 1: Wie lenken Sie sich ab?
Erinnern Sie sich einmal an Momente, in denen Gefühle in Ihnen hochkochten und Sie sie souverän kontrolliert haben. Wie haben Sie das gemacht? Wie haben Sie sich abgelenkt, um die Gefühle nicht zu fühlen. Vielleicht sind Sie eine Runde Joggen gegangen oder haben sich im Fitness-Studio abreagiert. Oder Sie haben sich vor den Fernseher gesetzt, im Internet gesurft, eine Flasche Rotwein oder Bier aufgemacht oder Schokolade und Pizza gefuttert. Manche Menschen nutzen auch Sex als Ablenkung, andere wiederum Zigaretten oder sonstige Drogen. Jeder hat Lieblingsstrategien, um sich abzulenken und „zu vergessen“.
Schreiben Sie einmal auf, wie Sie versuchen, die „negativen“ Gefühle verschwinden zu lassen.

Die Ablenkungsstrategie, genauso wie Katharsis, beruhen auf der alten Sichtweise über Gefühle. Die alte Sichtweise besagt, dass Gefühle schlecht sind. Wut ist negativ, destruktiv, kindisch, zerstörerisch, gefährlich und bedrohlich. Wenn Sie traurig sind, sind Sie eine Heulsuse, ziehen andere runter, sind unprofessionell und nicht in der Lage Entscheidungen zu treffen. Bewegen Sie sich im Gebiet der Angst sind Sie feige, verbreiten womöglich Panik und mal ehrlich, Angst möchte doch keiner haben, also gilt es, diese zu vermeiden. Und Freude? Nun ja, dieses Gefühl geht gerade noch. Das ist eventuell noch positiv, oder? Aber was passiert, wenn Sie den ganzen Tag grinsend im Büro sitzen? Dann sind Sie albern, naiv, haben etwas geraucht, nicht genug Arbeit oder einen Clown gefrühstückt. Auf jeden Fall sind Sie dann nicht ernst zu nehmen.

Soweit die alte Sichtweise, die uns beigebracht wurde und uns nach wie vor versucht wird einzutrichtern.

Eine andere Möglichkeit, mit aufkommenden klaren oder vermischten Gefühlen umzugehen, ist die sogenannte Kathexis. Kathexis bedeutet, dass Sie Ihre Gefühle bewusst fühlen, Ihre Taubheitsschwelle schrittweise herabsetzen und in einem weiteren Schritt die Information und Energie, die hinter den Gefühlen stecken, verantwortlich nutzen. Um das tun zu können, ist eine neue Sichtweise auf die vier genannten Gefühlsterritorien Wut, Traurigkeit, Freude und Angst notwendig.

Die neue Sichtweise lautet, dass Gefühle NEUTRALE Energie und Information sind -  so neutral wie die vier Himmelsrichtungen auf einem Kompass – und ihnen auf wertvolle Art und Weise dienen. Sie sind wie ein goldener Schlüssel, wie ein inneres Navigationssystem, das Sie zielsicher durchs Leben leitet.

Mit Wut können Sie z. B. Grenzen setzen, Unterscheidungen treffen, in Aktion treten, Entscheidungen fällen, vorwärts gehen, ausmisten, Dinge erledigen, Ja und Nein sagen, etwas beginnen und stopp sagen. Mit Traurigkeit können Sie AUTHENTISCH in Kontakt mit anderen Menschen gehen, Mitgefühl entwickeln, Dinge loslassen oder verabschieden, sich offen und verletzlich zeigen. Angst ermöglicht Ihnen zu planen, kreativ zu werden, in unbekanntes Gebiet zu gehen, innovativ zu sein, wach, präsent und aufmerksam zu sein. Freude dient Ihnen, um zu führen, sich selbst und andere zu begeistern, über den Tellerrand zu schauen, zu motivieren und vorwärts zu gehen.*

Mit dieser neuen Sichtweise ist Kathexis möglich. Kathexis bedeutet, dass Sie den Schatz z. B. des Territoriums der Traurigkeit erforschen und in einem geschützten Raum in Gegenwart einer anderen Person wirklich traurig sein können und zwar nicht als Opfer, sondern verantwortlich. Sie beginnen bewusst und hören bewusst auf. Sie kommunizieren klar, worüber Sie traurig sind („Ich bin traurig weil, …“) und es wird von der anderen Person gehört. Es funktioniert gleichermaßen mit Wut, Angst und Freude. Entscheidend ist, dass Sie bewusst lernen zu fühlen und den facettenreichen Schatz der Gefühle ausgraben.

Katharsis hat also die Absicht etwas loszuwerden, während Kathexis die Absicht hat, den Schatz zu bewahren, den Sie erhalten, wenn Sie bewusst und klar die verschiedenen Gefühlsterritorien erfahren und erforschen.* Der Schatz den Sie erhalten ist Klarheit über Ihre Gefühle und deren Nutzen. Sie erfahren, dass Sie größer sind als ein Gefühl. Sie nehmen die Gefühle und ihre Energie wieder in Besitz. Und vor allem erhalten Sie dadurch Ihre Kraft zurück und können an Ihr tatsächliches Potenzial andocken.

Experiment 2: Gefühle bewusst machen
SCHRITT 1: Wenn Sie das nächste Mal eine Ihrer oben genannten Strategien anwenden wollen, um etwas nicht zu fühlen, widerstehen Sie bewusst. Halten Sie inne und versuchen Sie bewusst wahrzunehmen, welches Gefühl da gerade in Ihrem Körper aufsteigt. Ist es Wut, Traurigkeit, Angst oder Freude? Vielleicht fühlen Sie auch mehrere über die gleiche Situation, also z. B. Angst und Traurigkeit.

SCHRITT 2: Bitten Sie nun eine Person Ihres Vertrauens für den nächsten Schritt zur Verfügung zu stehen. Das einzige, was diese Person machen muss ist zuhören (keine Rückfragen, Analysen oder Diskussionen). Sagen Sie dieser Person nun, zu wie viel Prozent und warum Sie etwas gerade fühlen. Also z. B. „Ich fühle mich 5% wütend, weil es schon wieder so spät ist und ich mich nicht mehr auf meinen Termin vorbereiten kann“ oder „ich fühle10% Traurigkeit, weil ich heute Abend nicht mit Dir essen gehen kann“. Es wird sich im ersten Moment vielleicht etwas komisch anfühlen, doch das ist ein entscheidender Schritt, um wieder bewusst fühlen zu lernen. Lassen Sie die Gefühle für dieses Experiment nur maximal 15% groß werden. Sobald Sie einen weiteren Schritt gehen möchten, suchen Sie sich eine Person, die den Raum für bewusst Gefühlsarbeit für Sie sicher machen kann, also jemand, der sich damit auskennt. Probieren Sie nicht alleine zuhause auf dem Sofa 50% oder 80% oder gar 100% Maximum Wut, Traurigkeit oder Angst zu fühlen. Zum einen könnten Sie sich verletzen, zum anderen könnten die Nachbarn die Polizei rufen (Denken Sie daran, dass Ihre Nachbarn womöglich auch in der Annahme leben, dass es nicht okay ist so große Gefühle zu haben).

Entscheidend ist, dass Sie bei Kathexis bewusst nach innen gehen. Sie suchen keine Ablenkung mehr im Außen oder schreien Ihre Gefühle unkontrolliert heraus. Sie gehen bewusst nach innen, um den Schatz der Gefühlskraft zu heben und diese Schatztruhe zu öffnen, sodass Ihnen die Kraft Ihrer Gefühle wieder als inneres Navigationssystem zur Verfügung steht und sie diese bewusst und verantwortlich nutzen können.

Katharsis
Kathexis
  • Gefühle sind nicht okay.

  • „Negative“ Gefühle loswerden.

  • Unkontrollierter Gefühlsausbruch.

  • Verpulvern von Energie.

  • Taubheitsschwelle hoch halten.

  • Die Information und der Nutzen der Gefühle bleiben verschlossen.

  • Nach außen gerichtet. Keine Klarheit über die Intensität der Gefühle.

  • Das Gefühl besitzt mich. Das Gefühl ist größer als ich.
  • Gefühle sind neutrale Energie & Information, die mir dienen.
  • Die Kraft der Gefühle halten.

  • Bewusst anfangen und aufhören zu fühlen.
  • Aktivieren und halten der Energie.

  • Herabsetzen der Taubheitsschwelle.

  • Information der Gefühle wird er-schlossen und verantwortlich genutzt.
  • Nach innen gerichtet. Die Gefühle werden im Innern zwischen 0% und 100% Maximum bewusst erfahren.
  • Ich besitze das Gefühl. Ich bin größer als das Gefühl.


Lassen Sie sich inspirieren.

In diesem Sinne herzliche Grüße,
Ihre Nicola Neumann-Mangoldt




*Ein großartiges Buch zum Thema ist „Die Kraft des bewussten Fühlens“ von Clinton Callahan.


POTENZIALE LEBEN!
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Donnerstag, 12. April 2012

Burnout - Killer auf leisen Sohlen


Es ist erschreckend: die häufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit und Frührente sind psychische Krankheiten. Einen Spitzenreiterplatz nimmt dabei der sogenannte Burnout ein. In Deutschland beträgt die Zahl der offiziell gemeldeten Burnout-Fälle gut 9 Millionen, Tendenz steigend. Die Dunkelziffer liegt weit höher. Burnout kann jeden treffen, ganz egal ob Manager, Werksarbeiter, CEO, Sekretärin oder Buchhalter. Vor dem leisen Killer ist keiner gefeit.  

Burnout ist wie viele andere psychische Symptome eine Krankheit der Moderne, der schnell-lebigen Zeit. Wir leben in einer Zeit, in der sich die Dinge immer schneller verändern, der Druck im Job immer größer wird, die Anforderungen steigen, und mehr denn je Leistung gefordert wird. Burnout ist vor allem deswegen so tückisch, weil er schleichend kommt. Meist merken die Betroffenen die ersten Anzeichen gar nicht, bis sie schließlich derart psychisch angeschlagen sind, dass sie ihrem täglichen Job nicht mehr nachgehen können.  

Doch was ist Burnout denn nun genau? Burnout heißt ja einfach übersetzt nichts anderes als ausgebrannt sein. Und genau dieses Ausgebrannt-Sein beschreiben die Klienten, die mit Burnout in meine Coachings kommen, gerne auch mit folgenden Begriffe:  

·         Müde
·         Schlapp
·         Ausgelaugt
·         Depressiv
·         Lethargisch
·         Entscheidungsunfähig
·         Gereizt
·         Genervt
·         Unmotiviert
·         Nicht mehr belastbar
·         Alles ist zu viel
·         Unkonzentriertheit
·         Fehlende Fokussierung
·         Angst zu versagen

 Die Liste an Begriffen könnten wir an dieser Stelle sicher noch weiterführen, doch geht es hier nur darum, einige beispielhaft zu erwähnen.  

Doch wie kommt es nun zum Burnout und was kann man vor allem dagegen tun?

Es ist sicher schon viel über dieses Thema geschrieben worden. Warum also ein weiterer Artikel? Aus dem Grund, weil mir bei allen Berichten und Untersuchungen, die erstellt werden, bisher ein ganz entscheidender Aspekte fehlt und zwar das Thema Gefühle. Denn ganz ehrlich: meines Erachtens sind Burnout Kandidaten in keinster Weise psychisch krank. Ihnen hat bloß noch keiner etwas über Gefühle und die Vermischung von verschiedenen Gefühlen erzählt, geschweige denn, sie über bewusste Gefühlsarbeit wieder zu ihrer ursprünglichen Kraft zurück geführt. 

Burnout ist nichts anderes als eine Vermischung von verschiedenen Gefühlen über einen sehr langen Zeitraum. Der Vorbote davon ist permanenter Stress. Doch bevor wir uns dem Kernthema widmen, ist es notwendig, zunächst einige Überlegungen zum Thema Gefühle anzustellen, ein Thema, das in der Arbeitswelt tabu ist. Unsere moderne Gesellschaft trainiert uns dahingehend, dass es nicht okay ist zu fühlen. Besonders im Job ist es nicht angemessen, Gefühle zu zeigen, denn das gilt in der Regel als unprofessionell und unseriös. Und genau da fängt das Dilemma an. 

Warum ist es zum Beispiel nicht okay, wütend zu sein? Nun, Wut wird allgemein als zerstörerisch, gefährlich, kindisch, negativ, unprofessionell, destruktiv und verletzend angesehen. Da ist man gut beraten, nicht zu zeigen, dass man wütend ist.  

Wie wird Traurigkeit in der Regel gesehen? Traurigkeit ist ebenfalls kindisch und unprofessionell, zieht andere herunter, verbreitet schlechte Stimmung und ist unlogisch. Im Job hat sie außerdem gar nichts verloren, denn was sollen die Kollegen denken? 

Wie steht es um die Angst? Angst gilt es bitte gänzlich zu vermeiden, denn Angst ist ebenfalls unprofessionell, blockierend und negativ. Wer Angst hat, ist ein Feigling und Weichei und außerdem ist Angst keine Eigenschaft einer starken Führungskraft.  

Bleibt noch ein viertes Gefühl, die Freude? Freude ist für die meisten Menschen noch das einigermaßen „positive“ Gefühl. Was passiert jedoch, wenn Sie den ganzen Tag gut gelaunt und grinsend im Büro sitzen? Sie werden gefragt, ob Sie nicht genug Arbeit haben, einen Clown gefrühstückt haben, die Nachrichten noch nicht gehört haben oder gar auf Drogen sind. Zu viel Freude ist ebenfalls unprofessionell, ja kindisch, albern und macht andere sehr schnell neidisch.  

Und damit hätten wir alle Gefühlsbereiche schon durch. Es gibt nur diese 4 Gefühle: Wut, Traurigkeit, Angst und Freude. Dies sind sogenannte Gefühls-Territorien, d. h. es mag andere Begriffe für Gefühle geben, die jedoch allesamt einem dieser Territorien zugeordnet werden können. So wäre Hass zum Beispiel der Wut zuzuordnen, während Nervosität in den Bereich der Angst gehört. 

Soweit so gut. Was haben jetzt diese 4 Gefühle mit Burnout zu tun? Eine ganze Menge. Das Entscheidende ist nämlich, dass wir diese 4 Gefühle nicht nur unbewusst fühlen und unterdrücken, sondern auch noch miteinander vermischen. Gefühle miteinander zu vermischen ist nicht gut und nicht schlecht, es produziert einfach nur ganz bestimmte Ergebnisse, die eben im schlimmsten Fall zum Burnout oder nervlichen Zusammenbruch führen können.  

Im Folgenden finden Sie eine Darstellung über die Vermischung von Gefühlen nach Clinton Callahan*:

                                                              

Die Vermischung von Gefühlen führt in den meisten Fällen zu Krankheiten, die ihren Ursprung auf der psychisch-seelischen Ebene haben. Lassen Sie uns diese Vermischung einmal im Detail anschauen.

Vermischen Sie Wut und Traurigkeit miteinander, bekommen Sie das, was im Volksmund als Depression bekannt ist. Auch wenn es sicherlich einige Depressionsarten gibt, die genetisch bedingt sind, so sind doch die meisten Fälle auf eine Vermischung von Wut und Traurigkeit zurückzuführen und die fehlende Klarheit darüber, wie man bewusst diese Gefühle trennen und einzeln ausdrücken kann. Depressive Menschen fühlen sich hoffnungslos und sehen keinen Ausweg, was auch eine Folge von Arbeitsüberlastung sein kann.

Eine Vermischung von Traurigkeit und Angst ergibt das Gefühl der Isolation. In diesem Zustand möchte die Person niemanden sehen, zieht sich komplett zurück und will sich nur vergraben. Dies können in einem Unternehmen z. B. auch Eigenbrödler sein, die den Kontakt zu Kollegen vermeiden und sich dadurch selbst ausgrenzen.

Eine Vermischung von Freude und Angst führt zu Leichtsinn oder auch Übermut. Adrenalin-Junkies vermischen gerne Angst und Freude, sei es z. B. beim Achterbahnfahren, beim Schnellfahren mit dem Auto oder dem Motorrad oder beim Bungy-Jumping.

Eine Vermischung von Wut und Freude ist die sogenannte Schadenfreude. Dies tritt auf, wenn sich jemand freut, weil ein anderer Schaden oder Schmerzen hat. In Firmen ist Schadenfreude recht häufig zu finden, z. B. wenn sich jemand freut, dass ein anderer die Beförderung nicht erhalten hat, oder in einem Meeting vor versammelter Mannschaft einen Fehler macht. Schadenfreude kann stumm sein, also nur innerlich ablaufen oder ganz offensichtlich ausgespielt werden. Schadenfreude ist oftmals auch der Nährboden für Intrigen und Mobbing im Job.

Eine Vermischung von Wut und Angst ergibt Hysterie, ein Gefühl, das in unterschiedlichster Ausprägung ebenfalls häufig bei Mitarbeitern vorkommt. Denken Sie nur an Besprechungen, in denen plötzlich jemand laut wird, weil ein Kollege Fakten liefert, die die eigenen Interessen hinfällig werden lassen. Hysterie muss dabei nicht immer in schrillem Kreischen enden, wie es Frauen sehr gerne nachgesagt wird, doch ist diese Vermischung oft sehr gut am Tonfall erkennbar. Hysterie bei Männern kann sich z. B. durch einen gewissen Panik-Ton bemerkbar machen, während man ihnen ansieht, dass sie innerlich vor Wut kochen.

Die Vermischung von Freude und Traurigkeit ist nichts anderes als Sentimentalität, Melancholie oder Nostalgie. Dies kann in Unternehmen u. a. im Rahmen eines Change Management Projektes auftreten. Wenn z. B. 4 Kollegen lange ein Büro geteilt haben und aufgrund einer Umstrukturierung nun in neue Büros aufgeteilt werden, so kann zum einen Freude bei den Betroffenen da sein, dass sie in ein neues Büro ziehen. Andererseits kann aber auch gleichzeitig Traurigkeit da sein, dass sie nicht mehr in der gewohnten Konstellation zusammensitzen.

Und noch einmal: die Vermischung von Gefühlen ist nicht gut und nicht schlecht. Sie produziert lediglich bestimmte Ergebnisse. Wenn Sie Gefühle vermischen, dann ist das wie ein Gefühlsschleim, der sich innerlich zu einem Kloß formt und Sie träge macht. Sie sind dann nicht mehr im Fluss, sind geistig und physisch nicht mehr so beweglich.  

Nun kommt die Steigerung: die Vermischung von 3 Gefühlen (z. B. Wut, Traurigkeit und Angst) führt zu Eifersucht, Habgier oder Neid. Dabei können die Zusammensetzungen der jeweiligen Gefühle individuell recht unterschiedlich sein (z. B. 35% Wut, 40% Angst, 25% Traurigkeit). Und Sie können über ein und dieselbe Sache wütend, ängstlich und traurig sein.  

Lassen Sie uns nun zurückkommen auf unser eigentliches Thema. Wenn Sie 4 Gefühle über einen längeren Zeitraum miteinander vermischen, dann kommt es zum Burnout oder nervlichen Zusammenbruch. Ein Beispiel: Ein Mitarbeiter ist wütend, weil er immer mehr Arbeit auf den Tisch bekommt und jeden Tag bis 20 Uhr im Büro sitzt. Er hat gleichzeitig Angst, weil er befürchtet, die Arbeitslast nicht termingerecht bewältigen zu können. Er ist traurig, weil er kaum noch Zeit für seine Familie hat. Stellt sich die Frage, wie Freude in diese Vermischung noch reinspielt. Nun, ein Burnout Kandidat kann z. B. ein Workaholic sein, der unbewusst Freude empfindet, wenn er wieder eine Aufgabe fertig bekommen hat. Oder er fühlt sich froh, weil er in 6 Monaten für 2 Wochen mit seiner Frau in den Urlaub fährt. Die Auslöser für die 4 Gefühle können ganz unterschiedlicher Natur sein.  

Fakt ist, dass beim Burnout diese 4 verschiedenen Gefühle über einen längeren Zeitraum vermischt werden. Der Vorbote vom Burnout ist übrigens Stress. Damit fängt es meist an.

Und da es in der Regel als nicht angemessen angesehen wird, Gefühle zu zeigen, drücken viele Menschen ihre Gefühle weg, um ein professionelles und seriöses Bild abzugeben.   

Um einem Burnout zu entkommen, ist es entscheidend, Klarheit über die 4 Gefühle zu bekommen und zu lernen, sie wieder klar getrennt voneinander zu fühlen und zum Ausdruck zu bringen. Die Gefühle sind im Menschen fest installiert und dienen uns eigentlich als Navigations-System, das uns zielsicher durch das Leben führt. Nur leider gibt es in der Schule oder im Studium kein Fach „Gefühle – wie sie uns professionell dienen“. Stattdessen lernen wir, die Gefühle wegzudrücken und eine möglichst hohe Taubheitsschwelle zu erreichen.  Lang unterdrückte Gefühle sind jedoch wie ein Vulkan, der im Stillen brodelt. Irgendwann explodiert er. Das können dann plötzliche, unkontrollierte Gefühlsausbrüche sein, Burnout oder andere Krankheiten, die entstehen. Von Ausschlägen, über Bluthochdruck bis hin zu Krebs ist alles denkbar. Warum denken Sie, werden die meisten Menschen krank, wenn sie endlich länger Urlaub haben oder schließlich in Rente gehen? Weil sie dann das starre Konstrukt, dass sie den Rest der Zeit mit viel Energie aufrecht erhalten, etwas lockern und der Körper endlich einmal sprechen kann, wie es ihm geht.  

Burnout ist ein Killer auf leisen Sohlen. Die meisten merken es erst, wenn es schon zu spät ist. Stress im Job und im Familienleben sind heute so selbstverständlich, dass es schon fast unnormal ist, wenn man nicht gestresst ist. Eine Einstellung in unserer Gesellschaft, die den Burnout sehr fördert, ist die, dass viele meinen, sie gelten erst etwas, wenn sie erzählen können, wie gestresst sie sind. Dann nämlich, haben sie viel zu tun, sind wichtig, nicht abkömmlich und erhalten so von anderen die notwendige Anerkennung und Bewunderung. Dass der Zusammenbruch  - in welcher Schwere auch immer – vorprogrammiert ist, ist vielen nicht klar.  

Wenn ein Burnout-Kandidat (und auch jeder andere) jedoch wieder lernt, die Gefühle bewusst zu fühlen, klar voneinander getrennt, dann dockt er wieder an seine ursprüngliche Kraft an. Der erwachsene, menschliche Körper ist darauf ausgelegt, 100% Maximum aller Gefühle zu fühlen und diese Energie zu nutzen. Denn Gefühle sind neutrale Energie und Information, die uns professionell dienen.  

Ich empfehle übrigens, nicht zu versuchen, die Gefühle zuhause auf dem Sofa nach Feierabend selbst auszupacken und damit zu experimentieren, wie Sie diese wieder klar fühlen können. Der Schuss kann sehr schnell nach hinten losgehen. Lang unterdrückte Gefühle können mit einer enormen Wucht zurück kommen. Für diese Arbeit ist daher ein geschützter Raum notwendig, in dem ein professioneller Trainer und Coach Sie unterstützt. Sie brauchen jemanden, der selbst vollen Zugang zu der Kraft der Gefühle hat und weiß, wo Sie gerade sind. Es geht nicht um Katharsis, also darum, einfach die Gefühle wild raus zu lassen. Es geht um bewusste Gefühlsarbeit und die Erschließung der darin liegenden Kraft und des Potenzials. 

Ein Raum, in dem die Mitarbeiter regelmäßig genau diese Arbeit machen können, wäre für jedes Unternehmen ein Gewinn. Ein Raum, in dem sie lernen, ihre Gefühle wieder in Besitz zu nehmen und für ihren Job zu nutzen, anstatt sie wegzudrücken. Ein Raum, in dem die Mitarbeiter wieder lernen die Kraft und das Potenzial der Gefühle zu erschließen und für das Unternehmen einzubringen. Was für ein unglaubliches, kreatives Potenzial würde dadurch in den Firmen zum Tragen kommen! Wenn Ihre Firma für dieses Experiment bereit ist, lassen Sie es mich wissen. Die Erfahrung zeigt, dass die Mitarbeiter nach genau diesem Raum suchen, um nicht in die Burnout Falle gezogen zu werden.

                                                                                              (Autorin: Nicola Nagel)



*Buchtipp: Falls Sie mehr über die Weisheit und Kraft der Gefühle wissen möchten, empfehle ich Ihnen das Buch „Die Kraft des bewussten Fühlens“ von Clinton Callahan.



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