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Mittwoch, 13. Mai 2015

Die Krux in Bezug auf Vertrauen



Eine Frage, die ich in letzter Zeit häufig gestellt bekomme lautet „Wie kann ich mehr vertrauen?“ Dabei kann sich diese Frage auf sehr unterschiedliche Bereiche im Leben beziehen, sei es beispielsweise auf den Job, die Partnerschaft oder auch die gesellschaftlichen und globalen Veränderungen. Fakt ist, dass es sich um eine Frage handelt, die angesichts der sich schnell verändernden Umstände um uns herum, zunehmend an Relevanz gewinnt. Was dabei auffällt ist, dass viele Personen die Lösung im Außen suchen. Sie suchen nach einem Rezept oder einer Art Medikament, das sie am besten schnell einnehmen können, sodass sie automatisch mehr vertrauen können.

Um der Vertrauenssache auf den Grund gehen zu können, ist jedoch eine andere, weitaus gefährlichere Frage notwendig: „Inwieweit vertraust Du Dir selbst?“

Viele Menschen meinen, Vertrauen ist ein Gefühl, das sich in bestimmten Situationen oder in Bezug auf bestimmte Personen einstellt, oder eben nicht einstellt. Vertrauen ist jedoch kein Gefühl. Vertrauen ist eine Entscheidung. Lassen Sie das einmal kurz sacken: 

Vertrauen ist kein Gefühl. Vertrauen ist eine Entscheidung!

Warum funktioniert es trotzdem meist nicht, aus dem Verstand heraus die Entscheidung zu treffen und dann mehr vertrauen? Wenn Sie mehr vertrauen wollen oder gar wieder an das Urvertrauen andocken möchten, ist ein neuer körperlicher Referenzpunkt notwendig. Mit körperlichem Referenzpunkt ist in diesem Zusammenhang ein Referenzpunkt in den sogenannten vier Körpern – dem physischen, intellektuellen, emotionalen und energetischen Körper – gemeint. Viele Menschen sind sich nicht bewusst, dass sie neben dem physischen Körper noch drei weitere haben: 

·         Physischer Körper: dieser besteht aus Knochen, Muskeln, Organen und er hat Sinne. 

·         Intellektueller Körper: hierbei handelt es sich um den Verstand mit seinen Gedanken, Meinungen, Ideen, etc.

·         Emotionaler Körper: dieser beherbergt die Gefühle – Wut, Freude, Traurigkeit und Angst – vier große, ursprüngliche Gefühlsterritorien, die uns zielsicher durch das Leben leiten, wenn wir sie in Besitz nehmen.

·         Energetischer Körper: hierbei handelt es sich um das Sein, das Präsenz, Vision und eine Bestimmung hat.

Wenn Sie nun ausschließlich mit dem Verstand versuchen zu entscheiden, dass Sie mehr vertrauen, so wird dies mit großer Wahrscheinlichkeit nicht funktionieren, weil Sie dadurch keinen neuen Referenzpunkt in den anderen 3 Körpern haben und sich die neue Entscheidung somit nicht in Ihrem Körper verankert. 

Warum fällt es einigen Menschen überhaupt schwer, zu vertrauen? Es gibt sicherlich Menschen oder Situationen, die einfach nicht vertrauenswürdig sind und bei denen Ihnen Ihr  gesunder Menschenverstand bereits sagt, besser nicht zu vertrauen (beispielsweise, wenn Sie nachts von einer Person mit einem Messer in der Hand angesprochen werden). Doch wie ist es in den Fällen, wo Sie eigentlich vertrauen könnten und es dennoch nicht tun? Fehlendes Vertrauen kann verschiedene Ursachen haben. Im Folgenden finden Sie die vier gravierendsten: 

·       Persönliche, „negative“ Erfahrung in einer ähnlichen Situation (z. B. „Ich habe meinem Chef diesbezüglich schon einmal vertraut und es ging schief.“)

·       Übernommene Meinungen und Ängste von anderen Personen. (z. B. „An Deiner Stelle würde ich da nicht so gutmütig vertrauen. Stell Dir mal vor, was da alles passieren kann. Da zu vertrauen ist ja naiv.“)

·       Alte, UNBEWUSSTE Entscheidungen in Bezug auf Vertrauen, die Sie in einer kritischen Situation in Ihrer Kindheit getroffen haben und die Ihnen jetzt als Erwachsener nicht erlaubt zu vertrauen. (z. B. „Vertrauen ist gefährlich“ oder „Ich kann niemandem vertrauen.“ oder „Wenn ich vertraue, werde ich verletzt.“, etc.)

·       Geschichten über sich selbst basierend auf Ihrer eigenen Interpretation oder sich wiederholender, kleinmachender Manipulation durch andere Personen (z. B. „Ich kann das nicht. Ich bin nicht gut genug. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Mein Vater traut mir das auch nicht zu.“)

·       Fehlende Bewusstheit über den Nutzen von Gefühlen ist ein weiterer Aspekt, der Vertrauen verhindert. Wenn es beispielsweise nicht okay für Sie ist, Angst zu fühlen, weil Sie möglicherweise gelernt haben, dass Angst schwach, unreif und unprofessionell ist, dann können Sie in unbekannten oder herausfordernden Situationen nicht vertrauen. Stattdessen suchen Sie möglicherweise erst einmal nach einem Konzept oder einer anderen Art von Sicherheit, die Ihnen Beweise liefert, dass Sie vertrauen können. In diesem Fall verwechseln Sie Vertrauen mit konzeptioneller Sicherheit. Auch Wut ist entscheidend, um vertrauen zu können.

Diese Hintergründe und Einflüsse haben mehr Gewicht, als den meisten bewusst ist. Es sind meist diese unbewussten Programme, die verhindern, dass Sie entweder grundsätzlich im Leben oder in bestimmten Situationen nicht vertrauen.  

Mehr zu vertrauen hat sehr viel damit zu tun, inwieweit Sie sich selbst vertrauen. Inwieweit sind Sie z. B. in der Lage, in Gegenwart von anderen Personen auf sich Acht zu geben, beispielsweise in der Form, dass Sie mit Ihrer Wutkraft klare und wirksame Grenzen setzen können? Inwieweit ist es Ihnen möglich, sich selbst und der Situation zu vertrauen, wenn Sie sich einer völlig neuen Herausforderung gegenüber sehen und Angst Sie blockiert? Inwieweit können Sie Ihre eigene Kraft und Autorität behalten, selbst wenn andere Menschen versuchen, Ihnen etwas anderes einzureden?

Um grundsätzlich mehr vertrauen zu können, sind folgende Aspekte hilfreich:

·       Nehmen Sie Ihre Wutkraft in Besitz
In unserer Gesellschaft lernen wir, dass Wut schlecht, unprofessionell, aggressiv und destruktiv ist. Ein Irrglaube, der viele Menschen ihrer Kraft beraubt. Die Wutkraft in Besitz zu nehmen bedeutet, dass Sie in einem geschützten Trainingsraum bewusst beginnen - und auch wieder aufhören - Wut zu fühlen. Wenn Sie einmal 100% maximale archetypische, also ursprüngliche Wut in all Ihren vier Körpern erlebt haben, wissen Sie fortan, dass Sie größer sind als die Wut. Ab dem Moment können Sie die Wut verantwortlich nutzen, um z. B. Grenzen zu setzen, Klarheit zu schaffen, Dinge zu beginnen und zu beenden, JA oder NEIN zu sagen und klare Entscheidungen zu treffen. Durch diese Art der bewussten Gefühlsarbeit, haben Sie eine Erfahrung in allen vier Körpern und damit einen neuen Referenzpunkt, der sich im Körper verankert. Es ist der Referenzpunkt Ihrer innewohnenden Kriegerkraft, der Sie Gewissheit haben lässt, dass Sie sich jederzeit schützen bzw. verteidigen können. Sie können mit Inbesitznahme der Wutkraft wieder vertrauen, auf sich selbst in Gegenwart von anderen Menschen oder in bestimmten Situationen Acht geben zu können. Beispielsweise können Sie mit Wutkraft einer anderen Person, die versucht Ihnen einzureden, dass Sie zu etwas nicht fähig sind, oder dass etwas sowieso schief geht, die klare Grenze setzen, dass Sie sich nicht manipulieren lassen (Wut bedeutet übrigens nicht, dass Sie rumbrüllen. Es geht um Ihre Energie).  

·       Nehmen Sie Ihre Angst in Besitz
Ähnlich wie mit der Wutkraft verhält es sich mit der Angst. Um mehr vertrauen zu können, ist es gleichermaßen wichtig, dass Sie Ihre Angst in Besitz nehmen. In der modernen Gesellschaft werden die Menschen dahingehend manipuliert, dass Angst nicht okay ist. Angst ist etwas für Feiglinge, sie ist schwach, unprofessionell und sollte nach Möglichkeit vermieden werden. Gleichzeitig manipulieren die Medien uns tagtäglich mit subtiler Angst („Wenn Sie xy nicht kaufen, dann gehören Sie nicht dazu.“).Tatsächlich ist Angst jedoch – genau wie Wut, Freude und Traurigkeit – eine archetypische, d. h. ursprüngliche Gefühlskraft in uns, die uns durch das Leben navigiert. Wie wollen Sie in unbekannten Situationen vertrauen, wenn Angst für Sie nicht okay ist? Wenn Sie lernen die Angst bewusst zu fühlen und auch diese bis 100 % Maximum auszudrücken, erkennen Sie, dass Angst nur Angst ist und Sie größer sind, als die Angst. Ab dem Moment können Sie die Angst bewusst nutzen, um z. B. in unbekanntes Gebiet zu gehen, Neues auszuprobieren und vor allem voran zu gehen, ohne zu wissen, wie es geht. Anstatt in beängstigenden Momenten paralysiert oder blockiert zu sein und nicht zu vertrauen, können Sie stattdessen weitergehen und vertrauen. Sie brauchen keine konzeptionelle Sicherheit mehr, sondern wissen, dass Angst einfach nur Angst ist und ein Indikator dafür, dass gerade etwas Ungewohntes oder Neues passiert. 

·       Bleiben Sie zentriert und behalten Sie Ihre Autorität
Wenn Sie komplett zentriert und geerdet sind und Ihre Gefühle in Besitzt genommen haben, sind Sie in der Lage, sich nicht von der Meinung anderer (der Kollegen, dem Partner, den Eltern, den Medien) beeinflussen zu lassen. Stattdessen können Sie in Ruhe die Lage sondieren und bewusst entscheiden, ob Sie jemandem bzw. einer Situation vertrauen, oder nicht. Sind Sie nicht zentriert, so verhalten Sie sich angepasst und versuchen, es anderen Recht zu machen. Wenn Sie sich angepasst verhalten, dann sagen Sie möglicherweise Ja, obwohl Sie Nein meinen, oder lächeln und sind freundlich, obwohl Sie eigentlich eine klare Grenze setzen müssten. Kurzum: Ihre Kraft ist bei der anderen Person oder Situation, aber nicht bei Ihnen. Wie wollen Sie sich selbst und anderen vertrauen, wenn Sie nicht authentisch sind und Ihre Kraft abgeben? Achten Sie also darauf, zentriert zu bleiben (Hinweis: zentriert zu sein bedeutet, dass Sie Ihr Seins-Zentrum auf Ihr physisches Zentrum legen. Mehr dazu im Buch „Die Kraft des bewussten Fühlens“ von Clinton Callahan oder im viva essenza online Artikel „2011-08-24_Seien Sie Ihre eigene Autorität“ unter http://www.viva-essenza.com/163/publikationen/artikel-archiv.)  

·       Decken Sie alte Glaubenssätze und Geschichten auf
Überprüfen Sie einmal, ob Sie möglicherweise bestimmte Glaubenssätze in Bezug Vertrauen oder auch in Bezug auf sich selbst haben? Was hält Sie davon ab, zu vertrauen? Schreiben Sie einmal alle Glaubenssätze auf. Schreiben Sie auch die wiederkehrenden Situationen auf, in denen Sie nicht vertrauen können. Diese sind in der Regel Hinweise auf alte, unbewusste Entscheidungen, die es zu verändern gilt. Selbst Glaubenssätze, Entscheidungen und Geschichten, die Sie über Jahre hinweg genährt und aufrecht erhalten haben, können Sie verändern. Eine Möglichkeit der Veränderung besteht in bewusster Gefühlsarbeit, denn der Körper hat alle Informationen in seinen Zellen abgespeichert und kann Sie zu dem Ursprung der Entscheidungen zurückführen, sodass eine Veränderung möglich wird. Eine andere Möglichkeit ist energetische Heilarbeit, die ebenfalls auf verschiedenen Ebenen des Körpers arbeitet und destruktive Programme und Muster auflöst. Fakt ist jedoch, dass Sie die Notwendigkeit der Veränderung erkennen und diese aus eigener Initiative in Angriff nehmen müssen. Wenn Sie darauf warten, dass andere ihre Meinungen und ihr Verhalten ändern, damit Sie mehr vertrauen können, dann warten Sie möglicherweise Ihr Leben lang. Vertrauen beginnt in Ihnen selbst. 

Einige Leser mögen sich jetzt fragen „Muss das denn wirklich alles sein, damit ich mehr vertrauen kann?“ Genauso könnte ein Schüler seinem Lehrer die Frage stellen: „Muss ich denn wirklich lernen, um weiterzukommen?“ Sie kennen die Antwort. Wenn Sie andere Resultate in Ihrem Leben erzielen möchten, ist es notwendig, dass Sie bei sich selbst anfangen. Mehr zu vertrauen basiert auf radikaler Verantwortung. Es basiert darauf nicht mehr Opfer der Umstände zu sein, sondern verantwortlich die eigenen Themen anzugehen, die verhindern, dass Sie vertrauen können. 

Vertrauen ist wie gesagt kein Gefühl. Vertrauen ist eine Entscheidung. Es ist eine Moment-zu-Moment Entscheidung, für die Sie innere Klarheit und einen neuen Referenzpunkt in allen vier Körpern brauchen. Sind Sie bereit?

In diesem Sinne vertrauensvolle Grüße,
Ihre Nicola Nagel


Mehr zum Thema:

  • Buch „Die Kraft des bewussten Fühlens“ von Clinton Callahan
  •     www.viva-essenza.com  

     
    CREATING POSSIBILITIES – FACILITATING CHANGE!

     
    viva essenza online Artikel „2011-08-24_Seien Sie Ihre eigene Autorität“ unter http://www.viva-essenza.com/163/publikationen/artikel-archiv



CREATING POSSIBILITIES - FACILITATING CHANGE!
www.viva-essenza.com

Samstag, 12. Oktober 2013

Katharsis versus Kathexis - Wohin mit den ganzen Gefühlen?



Es brodelt in vielen Menschen. Es rumort, es kocht, es zwickt, es ist kurz vorm Explodieren. Was ist dieses ES? ES sind Gefühle und Emotionen, die immer mehr hochkochen. Dies zeigt sich in unterschiedlichen Ausprägungen. Die einen explodieren tatsächlich, indem sie z. B. jemanden anschreien oder einen Streit über Belanglosigkeiten anzetteln, die nächsten fressen Gefühle still in sich hinein und haben früher oder später körperliche Symptome, und eine große Anzahl Menschen versucht die Gefühle mit Shopping, Konsum, Alkohol und Ablenkung zu vertuschen. Wen wundert’s, schließlich sind wir dahin gehend in unserer Gesellschaft manipuliert worden, dass es nicht okay ist, Gefühle zu haben oder zu zeigen. Man muss stark, verlässlich und professionell sein und da passen Gefühle nun einmal nicht hinein. Was sollen denn die Nachbarn und Kollegen sonst denken! Gefühle sind negativ, albern, kindisch und destruktiv. Doch viele Menschen sind am Anschlag und der Versuch, das, was da innen drin brodelt zu unterdrücken, geht irgendwann voll nach hinten los.

Es ist Zeit, sich zu besinnen und zwar darauf, dass Gefühle und Emotionen kein Design-Fehler von Gott sind, sondern ein wesentlicher Bestandteil von uns. Sie sind gewollt. Sie gehören zu uns. Es sind archetypische Kräfte, die uns dienen. Das scheint eine große Anzahl von Menschen jedoch zu verdrängen. Wie viele Bücher und Workshops gibt es, in denen Sie lernen können gaaanz ruhig zu sein und Ihre Wut zu kontrollieren oder wie viele Seminare versprechen Ihnen, dass Sie nach Besuch der selbigen weniger Angst haben. Es ist wirklich erschreckend. Kürzlich erzählte mir ein junger Mann, dass er für ein Jahr in einem Ashram in Indien war und dort eine bestimmte Art von Mediation lernte, um letztendlich ganz ruhig und gelassen zu sein. Das funktionierte auch zunächst prima. Und dann, so erzählte er, kam nach einem Jahr der Tag, an dem seine Mutter und seine Schwester ihn in Indien besuchten… und – Sie ahnen es - innerhalb von 2 Stunden triggerten die beiden das komplette alte Programm in ihm und all seine unterdrückten Gefühle wurden in rasender Geschwindigkeit zum Kochen gebracht. Vorbei war’s mit der Gelassenheit. Lassen Sie uns daher eine Sache klarstellen: Wut, Traurigkeit, Angst und Freude sind archetypische, d. h. ursprüngliche Gefühlsterritorien. Sie gehen niemals weg. Vielleicht schaffen Sie es, diese Ur-Kräfte über einen bestimmten Zeitraum zu kontrollieren oder zu unterdrücken, doch irgendwann kommt der Punkt, an dem alles, was verdrängt wurde, wie ein Boomerang zurück kommt. Es ist Zeit, die Kraft der Gefühle wieder in Besitz zu nehmen und zu nutzen.

Dieses Thema wird insofern immer brisanter, als dass die nationalen und weltweiten politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen alles andere als vertrauenswürdig sind und Instabilität und Unsicherheit zunehmen. Was können Sie also tun, wenn in Ihnen ein Gefühls-Cocktail brodelt und scheinbar alles zu viel wird?

Grundsätzlich haben Sie zwei Möglichkeiten: Katharsis oder Kathexis.

Lassen Sie uns zunächst Katharsis betrachten. Stellen Sie sich vor, Sie haben Ihre Gefühle über diverse große und kleine Dinge bisher gedeckelt. Die meisten Menschen tun dies. Sie bauen eine sogenannte Taubheitsschwelle auf, um Gefühle nicht fühlen zu müssen, um in einer Großstadt überleben oder in einer bestimmten Firma arbeiten zu können, kurzum: um im Alltags-Dschungel der modernen Gesellschaft zu überleben. Auf einer Skala von 0 bis 100% Gefühls-Maximum haben viele Menschen Ihre Taubheitsschwelle bei ca. 80% liegen, d. h. alle Gefühle, die weniger als 80% groß sind, können sie nicht bewusst fühlen. Das ist nicht gut und nicht schlecht. Es produziert lediglich bestimmte Resultate. Wenn dann in einem bestimmten Moment der besagte Tropfen Ihr Fass zum Überlaufen bringt und das Gefühl in dem Moment die 80% Marke übersteigt, dann kommt es zum Vulkanausbruch. Sie brüllen vielleicht das Büro zusammen oder greifen Ihren Partner an, schnauzen die Verkäuferin im Supermarkt an oder wettern gegen Ihren Geschäftspartner. Genau das ist Katharsis. Katharsis ist ein unkontrollierter Gefühlsausbruch, um die Gefühle eben „einfach mal raus zu lassen“. Manche leben Katharsis gegenüber anderen Menschen aus, wieder andere gehen in den Wald und schreien einen Baum an oder prügeln auf einen Box-Sack ein. Der Ausbruch fühlt sich oftmals so groß an, dass Sie danach womöglich denken „Was war das denn? Ohje, da muss ich mich aber das nächste Mal besser im Griff haben.“ Und dann setzen Sie Ihre Taubheitsschwelle wieder nach oben und deckeln die Gefühle erneut. Schließlich wollen Sie ja nicht, dass die anderen Sie als jähzornig, Heulsuse oder armen Irren betiteln.

Doch noch einmal: Sie können die Gefühle nicht loswerden. Der Mensch hat einen emotionalen Körper mit einem Herz, das Gefühle hat. Und so lange Sie nicht Davy Jones sind (der skurrile Kapitän der Flying Dutchman  aus dem Film „Der Fluch der Karibik“), können Sie ohne Herz und damit ohne Gefühle nicht leben. Es ist vergebens zu probieren, die Gefühle abzustellen. Katharsis ist also nicht wirklich zielführend. Es ist vielleicht ein temporärer Nutzen, doch Sie haben dadurch die tatsächlich Gefühlskraft nicht wieder in Besitz genommen. Ergo steht Sie ihnen nicht dauerhaft nützlich zur Verfügung. Bei Katharsis hat das Gefühl Sie im Griff.

Lassen Sie uns an dieser Stelle ein Experiment machen.

Experiment 1: Wie lenken Sie sich ab?
Erinnern Sie sich einmal an Momente, in denen Gefühle in Ihnen hochkochten und Sie sie souverän kontrolliert haben. Wie haben Sie das gemacht? Wie haben Sie sich abgelenkt, um die Gefühle nicht zu fühlen. Vielleicht sind Sie eine Runde Joggen gegangen oder haben sich im Fitness-Studio abreagiert. Oder Sie haben sich vor den Fernseher gesetzt, im Internet gesurft, eine Flasche Rotwein oder Bier aufgemacht oder Schokolade und Pizza gefuttert. Manche Menschen nutzen auch Sex als Ablenkung, andere wiederum Zigaretten oder sonstige Drogen. Jeder hat Lieblingsstrategien, um sich abzulenken und „zu vergessen“.
Schreiben Sie einmal auf, wie Sie versuchen, die „negativen“ Gefühle verschwinden zu lassen.

Die Ablenkungsstrategie, genauso wie Katharsis, beruhen auf der alten Sichtweise über Gefühle. Die alte Sichtweise besagt, dass Gefühle schlecht sind. Wut ist negativ, destruktiv, kindisch, zerstörerisch, gefährlich und bedrohlich. Wenn Sie traurig sind, sind Sie eine Heulsuse, ziehen andere runter, sind unprofessionell und nicht in der Lage Entscheidungen zu treffen. Bewegen Sie sich im Gebiet der Angst sind Sie feige, verbreiten womöglich Panik und mal ehrlich, Angst möchte doch keiner haben, also gilt es, diese zu vermeiden. Und Freude? Nun ja, dieses Gefühl geht gerade noch. Das ist eventuell noch positiv, oder? Aber was passiert, wenn Sie den ganzen Tag grinsend im Büro sitzen? Dann sind Sie albern, naiv, haben etwas geraucht, nicht genug Arbeit oder einen Clown gefrühstückt. Auf jeden Fall sind Sie dann nicht ernst zu nehmen.

Soweit die alte Sichtweise, die uns beigebracht wurde und uns nach wie vor versucht wird einzutrichtern.

Eine andere Möglichkeit, mit aufkommenden klaren oder vermischten Gefühlen umzugehen, ist die sogenannte Kathexis. Kathexis bedeutet, dass Sie Ihre Gefühle bewusst fühlen, Ihre Taubheitsschwelle schrittweise herabsetzen und in einem weiteren Schritt die Information und Energie, die hinter den Gefühlen stecken, verantwortlich nutzen. Um das tun zu können, ist eine neue Sichtweise auf die vier genannten Gefühlsterritorien Wut, Traurigkeit, Freude und Angst notwendig.

Die neue Sichtweise lautet, dass Gefühle NEUTRALE Energie und Information sind -  so neutral wie die vier Himmelsrichtungen auf einem Kompass – und ihnen auf wertvolle Art und Weise dienen. Sie sind wie ein goldener Schlüssel, wie ein inneres Navigationssystem, das Sie zielsicher durchs Leben leitet.

Mit Wut können Sie z. B. Grenzen setzen, Unterscheidungen treffen, in Aktion treten, Entscheidungen fällen, vorwärts gehen, ausmisten, Dinge erledigen, Ja und Nein sagen, etwas beginnen und stopp sagen. Mit Traurigkeit können Sie AUTHENTISCH in Kontakt mit anderen Menschen gehen, Mitgefühl entwickeln, Dinge loslassen oder verabschieden, sich offen und verletzlich zeigen. Angst ermöglicht Ihnen zu planen, kreativ zu werden, in unbekanntes Gebiet zu gehen, innovativ zu sein, wach, präsent und aufmerksam zu sein. Freude dient Ihnen, um zu führen, sich selbst und andere zu begeistern, über den Tellerrand zu schauen, zu motivieren und vorwärts zu gehen.*

Mit dieser neuen Sichtweise ist Kathexis möglich. Kathexis bedeutet, dass Sie den Schatz z. B. des Territoriums der Traurigkeit erforschen und in einem geschützten Raum in Gegenwart einer anderen Person wirklich traurig sein können und zwar nicht als Opfer, sondern verantwortlich. Sie beginnen bewusst und hören bewusst auf. Sie kommunizieren klar, worüber Sie traurig sind („Ich bin traurig weil, …“) und es wird von der anderen Person gehört. Es funktioniert gleichermaßen mit Wut, Angst und Freude. Entscheidend ist, dass Sie bewusst lernen zu fühlen und den facettenreichen Schatz der Gefühle ausgraben.

Katharsis hat also die Absicht etwas loszuwerden, während Kathexis die Absicht hat, den Schatz zu bewahren, den Sie erhalten, wenn Sie bewusst und klar die verschiedenen Gefühlsterritorien erfahren und erforschen.* Der Schatz den Sie erhalten ist Klarheit über Ihre Gefühle und deren Nutzen. Sie erfahren, dass Sie größer sind als ein Gefühl. Sie nehmen die Gefühle und ihre Energie wieder in Besitz. Und vor allem erhalten Sie dadurch Ihre Kraft zurück und können an Ihr tatsächliches Potenzial andocken.

Experiment 2: Gefühle bewusst machen
SCHRITT 1: Wenn Sie das nächste Mal eine Ihrer oben genannten Strategien anwenden wollen, um etwas nicht zu fühlen, widerstehen Sie bewusst. Halten Sie inne und versuchen Sie bewusst wahrzunehmen, welches Gefühl da gerade in Ihrem Körper aufsteigt. Ist es Wut, Traurigkeit, Angst oder Freude? Vielleicht fühlen Sie auch mehrere über die gleiche Situation, also z. B. Angst und Traurigkeit.

SCHRITT 2: Bitten Sie nun eine Person Ihres Vertrauens für den nächsten Schritt zur Verfügung zu stehen. Das einzige, was diese Person machen muss ist zuhören (keine Rückfragen, Analysen oder Diskussionen). Sagen Sie dieser Person nun, zu wie viel Prozent und warum Sie etwas gerade fühlen. Also z. B. „Ich fühle mich 5% wütend, weil es schon wieder so spät ist und ich mich nicht mehr auf meinen Termin vorbereiten kann“ oder „ich fühle10% Traurigkeit, weil ich heute Abend nicht mit Dir essen gehen kann“. Es wird sich im ersten Moment vielleicht etwas komisch anfühlen, doch das ist ein entscheidender Schritt, um wieder bewusst fühlen zu lernen. Lassen Sie die Gefühle für dieses Experiment nur maximal 15% groß werden. Sobald Sie einen weiteren Schritt gehen möchten, suchen Sie sich eine Person, die den Raum für bewusst Gefühlsarbeit für Sie sicher machen kann, also jemand, der sich damit auskennt. Probieren Sie nicht alleine zuhause auf dem Sofa 50% oder 80% oder gar 100% Maximum Wut, Traurigkeit oder Angst zu fühlen. Zum einen könnten Sie sich verletzen, zum anderen könnten die Nachbarn die Polizei rufen (Denken Sie daran, dass Ihre Nachbarn womöglich auch in der Annahme leben, dass es nicht okay ist so große Gefühle zu haben).

Entscheidend ist, dass Sie bei Kathexis bewusst nach innen gehen. Sie suchen keine Ablenkung mehr im Außen oder schreien Ihre Gefühle unkontrolliert heraus. Sie gehen bewusst nach innen, um den Schatz der Gefühlskraft zu heben und diese Schatztruhe zu öffnen, sodass Ihnen die Kraft Ihrer Gefühle wieder als inneres Navigationssystem zur Verfügung steht und sie diese bewusst und verantwortlich nutzen können.

Katharsis
Kathexis
  • Gefühle sind nicht okay.

  • „Negative“ Gefühle loswerden.

  • Unkontrollierter Gefühlsausbruch.

  • Verpulvern von Energie.

  • Taubheitsschwelle hoch halten.

  • Die Information und der Nutzen der Gefühle bleiben verschlossen.

  • Nach außen gerichtet. Keine Klarheit über die Intensität der Gefühle.

  • Das Gefühl besitzt mich. Das Gefühl ist größer als ich.
  • Gefühle sind neutrale Energie & Information, die mir dienen.
  • Die Kraft der Gefühle halten.

  • Bewusst anfangen und aufhören zu fühlen.
  • Aktivieren und halten der Energie.

  • Herabsetzen der Taubheitsschwelle.

  • Information der Gefühle wird er-schlossen und verantwortlich genutzt.
  • Nach innen gerichtet. Die Gefühle werden im Innern zwischen 0% und 100% Maximum bewusst erfahren.
  • Ich besitze das Gefühl. Ich bin größer als das Gefühl.


Lassen Sie sich inspirieren.

In diesem Sinne herzliche Grüße,
Ihre Nicola Neumann-Mangoldt




*Ein großartiges Buch zum Thema ist „Die Kraft des bewussten Fühlens“ von Clinton Callahan.


POTENZIALE LEBEN!
www.viva-essenza.com