Posts mit dem Label Manipulation werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Manipulation werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 14. Juni 2012

Mission Impossible? - Über die Motivation von Mitarbeitern


Wie viele Mitarbeiter gehen morgens hochmotiviert zur Arbeit? Gehören Sie dazu? Gehen Sie jeden Morgen motiviert durch die Tür Ihres Unternehmens und freuen sich darauf, das zu tun, was an Ihrem Arbeitsplatz auf Sie wartet? Motivation ist ein Thema, das immer wieder auf den Tischen der Personalabteilungen, Vorgesetzten und Mitarbeiter landet, denn oftmals fehlt es an Motivation. Ist die Mission, durchweg für zufriedene und motivierte Mitarbeiter zu sorgen, gar ein Hirngespinst? Ist es eine unmögliche Mission?

Was ist denn Motivation überhaupt? Laut Wikipedia bezeichnet Motivation „das auf emotionaler und neuronaler Aktivität (Aktivierung) beruhende Streben des Menschen nach Zielen oder wünschenswerten Zielobjekten. Motivation steigert die Handlungsbereitschaft und ist somit eine „Triebkraft“ für Verhalten.“ Aha. Soweit die offizielle Definition.

Da könnte man ja meinen, das in einem Unternehmen nur genug Anreize geschafft werden müssten, um die Motivation der Mitarbeiter und damit die Leistungsbereitschaft hoch zu halten. Nur funktioniert das irgendwie nicht so ganz. Wie sonst ließe es sich erklären, dass Unternehmen, die ihren Mitarbeitern ausgezeichnete Sozialpakete inklusive großartiger Gehälter anbieten, nur bedingt dauerhaft motivierte Mitarbeiter haben?

Es könnte an dem hierarchischen Denken unserer modernen Gesellschaft liegen. Daran, dass die Menschen nach Zielen oder Dingen streben, die der Norm unserer Gesellschaft entsprechen: Geld, Anerkennung, Macht, Prestige (mein Haus, mein Auto, meine Jacht).

In Unternehmen geht Motivation sehr oft einher mit Manipulation. Sie kennen das Bild vom Hasen, dem die Karotte an einer Angelschnur vor die Nase gehalten wird, damit er rennt. Doch er sieht die Karotte nur, ohne sie tatsächlich zu erreichen. Wäre keine Karotte sichtbar, würde er nicht rennen. In Unternehmen ist es nicht anders. Die vielen „Goodies“, die Annehmlichkeiten, die Mitarbeiter erhalten, sind nichts anderes als eine Manipulation, damit die Mitarbeiter überhaupt den Job machen. Angefangen beim Gehalt, über großzügige Fortbildungsmaßnahmen, Firmenwägen, Kinderbetreuung, bis hin zu gesponsorten Abteilungs- oder Firmenausflügen während der Arbeitszeit. Der Vielfalt der Motivationsfaktoren sind keine Grenzen gesetzt.

Diese Goodies werden oftmals schon als selbstverständlich von den Mitarbeitern angesehen, ja sie gehören regelrecht zur „Verhandlungsmasse“, bevor der Mitarbeiter sich überhaupt für ein Unternehmen entscheidet. Die spannende Frage lautet daher also: Wie viele Mitarbeiter würden dem Job, den sie heute machen, auch morgen noch nachgehen, wenn diese Motivationsfaktoren wegfielen? Wer würde tatsächlich seinen Job weiter ausführen, wenn er nur noch die Hälfte des Gehaltes bekäme und die Urlaubstage auf 10 schrumpfen würden? Autsch…diese Frage tut weh, denn plötzlich wird offensichtlich, dass noch eine andere Komponente ins Spiel kommt.

Dauerhafte Motivation kann nicht allein durch externe, in Aussicht gestellte Faktoren hervorgelockt werden. Oder wieso, denken Sie, sind zahlreiche wohlhabende und anerkannte Menschen, die scheinbar alles erreicht haben, trotzdem depressiv, unglücklich oder gelangweilt?

Wie die offizielle Definition sagt, ist Motivation das Streben des Menschen nach Zielen oder wünschenswerten Zielobjekten. Hierbei gibt es jedoch einen großen Unterschied, ob es Ego-gesteuerte Ziele sind, oder solche die von Herzen kommen. Ego-gesteuerte Ziele führen nur temporär zur Motivation. Das Ego meint, etwas erreichen oder besitzen zu „müssen“. Sie haben vielleicht schon Menschen sagen hören  „Wenn ich das erst erreicht habe, dann bin ich zufrieden und glücklich“ oder „Wenn ich die Position habe, dann habe ich mein Ziel erreicht“. Doch diese Ego-gesteuerte Motivation verhält sich genauso, wie das emotional getriebene Shopping-Syndrom. Kennen Sie das? Sie hatten einen stressigen Tag, oder sind nicht so gut drauf und versuchen sich zu aufzuheitern oder abzulenken, indem Sie sich sagen „ich gönne mir etwas“. Daraufhin gehen Sie shoppen, kaufen eine Hose, Bluse, Handy, oder sonst etwas, von dem Ihr Ego meint, dass es schön wäre zu haben. In dem Moment, wo Sie es kaufen, freuen Sie sich. Ihre Laune ist kurzfristig oben. Alles ist gut. Doch kaum sind sie zuhause, wird das Objekt der Begierde zur Gewohnheit. Sie haben es ja. Die Motivation sinkt wieder.

Anders ist es bei Zielen, die aus einer tiefer liegenden Quelle gespeist werden. Nicht von dem Verstand, nicht von dem Ego, nicht von dem Gedanken „Schneller, weiter, höher, noch mehr“. Die Quelle dieser Ziele heißt „Inspiration“. Da wo Inspiration ist, passiert Motivation von alleine. Da rennt der Hase von selbst, ohne dass er eine Möhre vor der Nase baumeln hat. Motivation steigert die Handlungsbereitschaft? Bei Inspiration handeln Sie einfach, da muss nichts gesteigert werden, weil Sie für etwas brennen. Wenn Sie inspiriert sind, haben Sie Ideen, sind im Fluss und haben eine Grundfreude an dem, was Sie tun, selbst wenn es zwischendrin einmal eine Aufgabe zu erledigen gibt, die nicht so spannend ist.

Doch Inspiration ist in der Arbeitswelt leider nicht Standard. Die meisten arbeiten heute für ein Unternehmen, weil sie sich der Illusion von Sicherheit hingeben. Für ein „gutes“, stabiles Unternehmen zu arbeiten, das am Markt etabliert ist und auch noch zahlreiche soziale Annehmlichkeiten bietet, wird als sicher eingestuft. Der Mitarbeiter fühlt sich sicher, weil er jeden Monat sein Gehalt bekommt und ihm ja scheinbar nichts passieren kann, solange er einen einigermaßen guten Job macht. Doch genau das ist die Krux. Die Motivation, für das Unternehmen zu arbeiten, basiert in dem Fall auf einer Illusion, auf dem Schein der Sicherheit. Darauf, dass „man einen sicheren Job hat“. Nur ehrlich, was ist heutzutage schon sicher? Schauen Sie sich große, scheinbar stabile Konzerne an, die plötzlich ganze Standorte schließen. Es gibt keine Sicherheit. Die einzige Sicherheit, die es im Leben gibt, ist, dass wir alle irgendwann einmal sterben. That’s it. Das ist die einzige Sicherheit, die wir haben. Doch das Streben nach Sicherheit – und damit sind wir wieder beim Streben – ist interessanterweise der Motivator Nummer eins. Die Mitarbeiter wollen es gut, bequem und sicher haben im Leben. Deswegen sind auch Change Management Prozesse immer so nerven-aufreibend, denn – Oh Schreck – plötzlich gerät die vermeintliche Sicherheit ins Wanken.

Hinter dem Streben nach Sicherheit steckt schlicht und ergreifend Angst. Angst ums nackte Überleben. Die Annehmlichkeiten, die in Unternehmen als Motivationsfaktoren angeboten werden, spielen also maßgeblich mit dem Faktor „Sicherheit“ bzw. nutzen die unbewusste Angst der Mitarbeiter, um sie zu manipulieren.

Wie wäre es, wenn ein anderes Spiel gespielt würde? Wenn es nur noch inspirierte Mitarbeiter gäbe, die freiwillig für ein Unternehmen arbeiten und nicht weil am Ende des Monats ein schickes Gehalt rauspurzelt oder sie in der Hierarchie weiterkommen? Wie schafft es ein Unternehmen, die Inspiration seiner Mitarbeiter zu wecken bzw. zu fördern?

Inspiration kommt von „lat. inspiratio = Beseelung, Einhauchen von „spiritus“ = Leben, Seele, Geist“ (Definition Wikipedia). Ein inspirierter Mitarbeiter ist also eine Person, der Leben eingehaucht wird oder – in unternehmens-deutsch gesprochen - die von der Unternehmensvision begeistert bzw. beseelt ist, diese mitträgt und lebendig bei der Sache ist. Gefährliche Frage: Wie viele Leute, insbesondere in großen Konzernen, fristen ein tristes Dasein, machen einen „9 to 5 job“ und schlafen vor sich hin?

Was ist die Vision Ihres Unternehmens? Kennen Sie diese überhaupt? Ist die Vision für alle Mitarbeiter klar? Oftmals ist eine Vision dem Top Management klar, wird jedoch nicht unbedingt klar und verständlich an die Mitarbeiter kommuniziert. Wenn die Mitarbeiter nicht im Boot sind, nicht wissen, was ihr Beitrag zur Erreichung der Vision ist, oder die Vision gar komplett ablehnen, tut sich das Unternehmen langfristig keinen Gefallen.

Neulich fragte mich ein Geschäftsführer folgendes: „Wir wollen die Management-Strategie in unserer kleinen Firma ändern. Es gibt einen Mitarbeiter, der bisher nicht dafür zu haben ist. Wie kann ich den motivieren, die neue Strategie mitzutragen, anstatt das Vorhaben zu bremsen?“ Veränderung bedeutet zunächst einmal Ungewissheit. Die Mitarbeiter werden aus dem bisher Bekannten rausgerissen und haben unbewusst Angst. Da Angst in unserer Gesellschaft wiederum als ein Gefühl angesehen wird, das es zu vermeiden gilt (anstatt sie einfach kreativ zu nutzen), ist es fast natürlich, dass Mitarbeiter auf Veränderungs-maßnahmen zunächst mit Abwehr reagieren. Die gängige Meinung ist, dass es Angst zu vermeiden gilt, weil sie blockiert, man als Angsthase bloßgestellt wird, als unglaubwürdig und feige gilt und sie schlichtweg negativ ist. Das ist das, was uns beigebracht wird.

Tatsächlich ist Angst jedoch eine neutrale Kraft und Energie, die uns professionell dient (wie übrigens die anderen Gefühle Wut, Freude und Traurigkeit auch. Mehr dazu siehe Artikel „BUSINESS SPECIAL: Change Management - Der Lava-Effekt: über verbrannte Erde und
Motivationsstarre“
). Mit der Angst können wir in unbekanntes Gebiet gehen, kreativ und innovativ sein und Pläne machen. Genau das macht jemand, der inspiriert ist. Jemand der inspiriert und damit motiviert ist, lebt sein Potenzial, bringt seine Talente zum Einsatz ist kreativ und bereit über seine Grenzen hinaus zu gehen.

Die Frage wäre in dem konkreten Fall also im ersten Schritt, was inspiriert den Mitarbeiter grundsätzlich für die Firma zu arbeiten? Und im zweiten Schritt wäre die Frage, welches Potenzial und welches besondere Talent des Mitarbeiters würden durch die neue Management-Strategie zum Tragen kommen? Sobald er klar erkennen kann, dass sein Talent gefragt ist und vor allem auch offenkundig WERTGESCHÄTZT wird, ist er inspiriert die Veränderung auch mitzutragen.

Oftmals ist genau das die Schwierigkeit bei Change Management Prozessen. Die Mitarbeiter haben kein klares Bild, wo sie bei der Veränderung bleiben, was das für ihr Potenzial und ihre Talente bedeutet. In welcher Firma wird da schon ausdrücklich Wert drauf gelegt? Meist wird eine neue Zielrichtung vom Top-Management vorgegeben und durchgezogen. Alle anderen haben hinterher zu kommen. Doch es gilt, die Mitarbeiter ins Boot zu holen und nicht mehr nur Zahlen und Profite im Visir zu haben. Die Mitarbeiter sind das Kapital einer Firma, ihre Inspiration ist der Garant für Erfolg. Und die kann nur auflodern, wo es eine Unternehmens-Vision gibt, für die es sich zu arbeiten und zu leben lohnt und die ermöglicht, dass die individuellen Talente zum Einsatz kommen.

Die Wertschätzung der individuellen Talente ist unabdingbar um die Inspiration von Mitarbeitern zu fördern. Und ich spreche hier von aufrichtiger Wertschätzung und nicht von Manipulation. Manipulation wäre so etwas wie „Müller, das haben sie aber toll gemacht. Wir sollten uns über eine Gehaltserhöhung unterhalten.“ Damit sind Sie wieder bei den „externen“ Motivationsfaktoren, der Karotte und dem Hasen. Es geht auch nicht darum, zu sagen „Sie haben aber eine schicke Krawatte“ oder „Die neue Frisur steht Ihnen gut.“ Aufrichtige Wertschätzung bedeutet, die Talente und damit Seins-Eigenschaften eines Mitarbeiters wertzuschätzen. Wenn Sie Seins-Eigenschaften wertschätzen, dann sagen Sie wie jemand IST, z. B. „Sie sind ein Mensch mit sehr viel Feingefühl. Ich schätze es, wie Sie die Kollegen in kritischen Situationen einfangen.“

Aufrichtige Wertschätzung ist selten geworden in unserer Gesellschaft und vor allem in  Unternehmen. Kürzlich erst sagte mir ein Top-Manager, er könne Wertschätzung gar nicht richtig annehmen, er könne das kaum aushalten und würde das immer schnell abtun. Ja, wir sind es nicht mehr gewohnt, dass wir als Person, als Mensch in unserem Sein wertgeschätzt werden. Doch in dem Moment, in dem Sie jemanden in seinem Sein wertschätzen, geben Sie ihm zu verstehen, dass Sie ihn sehen. Und als Mensch mit Potenzial und Talent wirklich gesehen zu werden, inspiriert (übrigens sowohl den Geber als auch den Empfänger).

Ob ein Mitarbeiter inspiriert ist von einem Projekt, oder generell von seiner Arbeit, können Sie übrigens an den Augen erkennen. Wenn jemand wirklich inspiriert ist, dann brennt er förmlich für etwas und diese Flamme, diesen Funken sehen Sie in den Augen. Es wäre also spannend morgen einmal mit dem „Blick für die Flamme“ in die Firma zu gehen. Oder fragen Sie gelegentlich in der Kaffee-Küche ihre Mitarbeiter und Kollegen einmal „Wofür brennen Sie? Was inspiriert Sie?“ Die Menschen lieben es in der Regel über das zu sprechen, wofür Sie brennen, doch welche Firma interessiert das heutzutage? Läuten Sie eine neue Ära ein. Holen Sie die Mitarbeiter und Kollegen ab und ermöglichen Sie, dass der „Spiritus“ damit in Ihrem Unternehmen durch die Büros und Gänge fliegt.
                                                                          (Autorin: Nicola Nagel)


NEUE WEGE ZUM ERFOLG GESTALTEN!
    www.viva-essenza.com  

Freitag, 13. Januar 2012

Gute Vorsätze, adé! - Über die Kraft, die Ihr Leben manipuliert.

Den Jahreswechsel nehmen viele Menschen zum Anlass, Altes loszulassen, Lastern definitiv nicht mehr nachzugehen und Dinge, die sie immer schon einmal tun wollten, endlich anzugehen. Die Vorsätze können dabei ganz unterschiedlicher Natur sein. Da gibt es die Klassiker, wie z. B. weniger essen (vor allem Süßigkeiten), mehr Sport, oder aufhören zu rauchen. Es gibt aber auch Vorsätze wie der Umzug in eine neue Wohnung, die Suche nach einem neuen Job, freundlicher zu den Nachbarn und den Kollegen zu sein und mehr Toleranz gegenüber dem Partner zu zeigen. Kennen Sie Menschen mit guten Vorsätzen für das neue Jahr?

Hand aufs Herz: Haben Sie selbst schon einmal einen guten Vorsatz gefasst und sind später kläglich gescheitert, obwohl Sie ihn doch wirklich umsetzen wollten? Wieso passiert das? Wieso sind wir in einem Moment (sozusagen am 31.12. vor Mitternacht) felsenfest von unserem Vorsatz überzeugt, schaffen es dann aber doch nicht, ihn konsequent umzusetzen. Wieso verfallen einige Menschen immer wieder in konsequente Inkonsequenz? Wieso bleiben gesteckte Ziele immer wieder unerreicht?

Lassen Sie uns das einmal gemeinsam beleuchten. Nehmen wir einmal an, Sie haben sich vorgenommen, toleranter gegenüber Ihrem Partner zu sein und dadurch mehr Harmonie in die Partnerschaft zu bringen. Sie haben also - übertrieben gesagt - die Vorstellung einer Partnerschaft voller Harmonie. Das ist ja an sich ein nobler Vorsatz.

Ein solch nobler Vorsatz gehört in der Regel der sogenannten „Oberwelt“ an, d. h. er entstammt der Vorstellung einer „heilen Welt“ voller Glück, Frieden und Harmonie. Diese Vorstellung kommt daher, dass wir bereits Momente erlebt haben, die in diese Kategorie fallen. Die meisten von Ihnen können auf Erfahrungen in der Oberwelt zurückgreifen, Momente reinen Glücks: Sie haben vielleicht einen schönen Sonnenuntergang gesehen, haben friedlich mit Ihrem Partner auf einem Berggipfel gesessen, oder haben sich zu Weihnachten von den leuchtenden Augen Ihrer Kinder berühren lassen. Vielleicht haben Sie auch Zeit in wundervoller Natur verbracht oder sich der Musik hingegeben. Viele haben solch einen Moment z. B. auch bei ihrer eigenen Hochzeit oder der Geburt ihres Kindes erlebt. Die meisten Menschen können Momente dieser Art aufzählen, in denen Sie einfach „glücklich“ waren.

Nun ist das mit dem Glück so eine Sache. Wenn Sie Ihr Glück davon abhängig machen, ob alles schön harmonisch und friedlich ist und vor allem davon, dass Sie Ihre Vorsätze umsetzen, dann ist die Enttäuschung und Frustration vorprogrammiert. Lassen Sie uns das anhand des Beispiels von mehr Toleranz in der Partnerschaft einmal weiterspinnen.

Wie lange gelingt es Ihnen, wirklich zu 100% freundlich und tolerant gegenüber Ihrem Partner zu sein? Na? Kommen Sie, seien Sie ehrlich…Richtig, Sie halten es keinen Tag durch. Spätestens, wenn der Partner wieder die Zahnpastatube falsch ausdrückt, die leere Toilettenrolle vergisst aufzufüllen, die Tomaten für das Essen in Stücke statt in Scheiben schneidet, seine Socken schon wieder auf dem Boden liegen lässt oder die Worte seiner SMS zu knapp ausfallen, ist es schon vorbei mit der Harmonie. Dann meldet sich plötzlich eine andere Stimme, die ein ganz kleines bisschen Groll hegt. Ihr Gremlin wacht auf.

Der Gremlin ist der König Ihrer eigenen Unterwelt. Ihr kleines Monster. Ihr innerer Schweinehund. Jeder Mensch hat solch einen Gremlin. Jeder Mensch hat neben hellen Eigenschaften auch sogenannte Schatteneigenschaften. Ihr Partner, Ihr Nachbar, Ihr Kollege, ich und ja, glauben Sie mir, auch Sie haben einen Gremlin (wenn sich jetzt eine Stimme meldet, die versucht, genau das zu leugenen, so ist das Ihr Gremlin).

Um es auf den Punkt zu bringen: Gute Vorsätze scheitern, weil Ihr Gremlin Sie unbewusst und sehr geschickt davon abhält, sie umzusetzen. Und dabei hat er auch noch einen Heidenspaß.

Was passiert genau? Wir leben in der sogenannten „Mittelwelt“, in der wir einem Job nachgehen, Geld verdienen, essen, in Urlaub fahren, Sport treiben und die ganzen Dinge tun, die wir eben den lieben langen Tag so tun.

Dann gibt es da diese Vorstellung von der Oberwelt, von schönen, sinnlichen, berauschenden, vertrauten oder berührenden Momenten, von Liebe, Harmonie, Freude und Glück. Überlegen Sie einmal, wie viele Menschen nach Glück streben und es im Außen suchen. Sie versuchen, Momente der Oberwelt, die sie schon einmal erlebt haben, wieder zu erreichen und am besten dauerhaft festzuhalten (Haben Sie schon einmal etwas gekauft, um sich glücklicher zu fühlen?) Wie schön wäre es, wenn das Leben nur aus „Oberwelt“-Momenten bestünde. Viele New Age Bücher und Seminare versuchen uns genau das vorzugaukeln. Im New Age gibt es keine Schattenseiten. Doch - entschuldigen Sie bitte die flegelhafte Ausdrucksweise - das ist absoluter Bullshit.

Sobald Sie versuchen, von der Mittelwelt direkt in die Oberwelt zu kommen, werden Sie stehenden Fußes mit Ihrer eigenen Unterwelt konfrontiert. Solange Sie Ihre Unterwelt nicht anerkennen, in Besitz nehmen und damit Bewusstheit über Ihren Gremlin erlangen, wird er gnadenlos Ihr Leben unbewusst steuern und Momente der Oberwelt versuchen zu zerstören. Das ist sozusagen seine Spezialität: das Zerstören von Harmonie, Liebe, Vertrautheit, guten Vorsätzen, Kooperation, Teamwork, etc. Schauen Sie sich z. B. in Unternehmen und der Politik um. Das sind alles reine Gremlin-Macht-Spiele, die dort ablaufen. Der Gremlin liebt es, sich in Dramen zu suhlen, Klatsch und Tratsch auszutauschen, andere zu manipulieren oder zu streiten. Auch Süßigkeiten, Alkohl (ja, auch das kleine Gläschen Wein am Abend), Fernsehen und Computerspiele gehören dazu, um nur einige Lieblingsspeisen zu nennen.(*)

Doch verstehen Sie das bitte nicht falsch. Der Gremlin ist nicht gut und nicht schlecht. Wenn er am Steuer Ihres Lebens sitzt, produziert das einfach nur ganz bestimmte Ergebnisse. Es geht nicht darum, ihn loszuwerden. Im Gegenteil, Sie brauchen ihn. Es geht darum, dass Sie sich bewusst werden, was Ihr Gremlin gerne für Spielchen spielt, um Ihnen den Kopf zu vernebeln, damit Sie dann doch den Partner anraunzen, doch wieder zur Schokolade oder Zigarette greifen, oder den Sonntag doch lieber auf der Couch verbringen anstatt beim Sport.

Sind Sie bereit für ein Experiment? Ich verspreche Ihnen, Ihr Gremlin wird es hassen und sich vielleicht jetzt schon bemerkbar machen, indem er in Ihnen ein Gefühl des Widerstandes auslöst. Wenn Ihr Gremlin Sie den Artikel bis hierher hat lesen lassen und Ihnen jetzt erzählt, dass es völlig ausreichend ist, das folgende Experiment nur schnell durchzulesen, anstatt es tatsächlich zu machen, dann hat er gewonnen. Dann hat er die Macht über Sie und nicht umgekehrt. Ich lade Sie daher ein, sich 10 Minuten Zeit zu nehmen und das folgende Experiment tatsächlich einmal schriftlich durchzuführen, auch wenn sich Ihr Gremlin windet wie ein Aal.


EXPERIMENT:
Bevor Sie weiterlesen, organisieren Sie sich bitte ein Blatt Papier und einen Stift und legen beides vor sich hin. Schreiben Sie die Antworten auf alle folgenden Fragen auf. Gehen Sie immer erst dann zum nächsten Schritt, wenn Sie eine Frage komplett beantwortet haben. Wenn Sie sich darauf einlassen, könnte dieses Experiment Ihr Leben verändern und Ihnen sehr viel neue Klarheit bringen.

Schritt 1: Wen mögen Sie nicht?
Denken Sie zunächst einmal an 5 Personen, die Sie definitiv nicht mögen. Es können Personen sein, die Sie persönlich kennen (Ihr Nachbar, Kollege oder der Besserwisser aus Ihrem Sportverein), oder auch Leute, die Sie nicht persönlich kennen, wie z. B. Filmstars, Politiker etc. Es kann sich auch um Personen aus der Geschichte handeln, die Dinge gesagt oder getan haben, die Sie absolut verachten. Es ist nicht entscheidend, ob die Personen noch leben oder nicht. Schreiben Sie die Namen der 5 Personen jetzt auf Ihr Blatt Papier untereinander und lassen Sie dazwischen jeweils einige Zeilen Platz. Wenn sie den vollständigen Namen einer Person nicht kennen, ist das nicht weiter tragisch. Schreiben Sie den Teil auf, den Sie kennen (das kann auch „Postbote“ oder „Mann von der Würstchenbude“ sein).

Schritt 2: Definieren Sie die Charaktereigenschaften
Schreiben Sie nun hinter den jeweiligen Namen die Charaktereigenschaften dieser Person. Seien Sie so spezifisch wie möglich und schreiben Sie ganze Sätze. Schreiben Sie die Eigenschaften auf, die Sie an der jeweiligen Person wirklich hassen und verachten. Nehmen Sie sich Zeit. Erlauben Sie Ihrem Gremlin nicht, husch-di-busch nur schnell 2Wörtchen hinzukritzeln, die Sie womöglich später gar nicht mehr entziffern können. Ihr Gremlin ist sehr clever, wenn er Sie dazu überreden kann.

Schritt 3: Finden Sie das Muster
Gehen Sie nun die Liste vor sich durch und schreiben Sie in einem neuen Absatz die Eigenschaften auf, die sich wiederholen und die Sie absolut hassen und respektlos finden.

Schritt 4: Frage 1
Beantworten Sie folgende Frage:
Warum denken Sie, drücken diese Personen so leicht Ihre roten Knöpfe?

Schritt 5: Frage 2
Schauen Sie sich die Liste aus Schritt 3 nun noch einmal in Ruhe an. Lesen Sie jede Eigenschaft noch einmal bewusst durch. Ich möchte Ihnen nun eine Frage stellen, die Ihr Gremlin auf‘s Äußerste hassen wird. Er wird vielleicht versuchen vom Stuhl aufzuspringen und das Papier zu zerreißen. Geben Sie dem nicht nach. Lassen Sie die folgende Frage einfach kurz sacken.

Was, wenn die Eigenschaften, die Sie soeben herausgefiltert haben, der direkte Weg in Ihre eigene Unterwelt ist?

Was, wenn dies genau die Eigenschaften Ihrer eigenen Unterwelt sind, Ihres eigenen Gremlins?

In der Unterwelt ist die Bewusstheit völlig ausgeschalten. Was, wenn diese Qualitäten, die Sie aufgeschrieben haben, eine ziemlich klare Beschreibung Ihrer verleugneten Schatten-Eigenschaften sind, die Ihr Leben untergraben?

Einige Leser mögen jetzt denken „Ohje, das wäre echt schlecht“. Doch selbst die Einteilung in gut und schlecht ist Teil der Unterwelt. Deswegen gibt es eine Unterwelt. In Ihrer Unterwelt bestimmt Ihr Gremlin, wer gut ist und wer schlecht ist. Und wenn jemand schlecht ist, oder etwas nicht richtig macht, hat der Gremlin die Lizenz anzugreifen. So einfach ist das Spiel.

Eine andere Möglichkeit ist, Ihre Schattenseite wertzuschätzen. Sie haben jetzt womöglich zum ersten Mal eine genauere Beschreibung Ihrer Unterwelt in der Hand. Mit der neuen Bewusstheit über Ihre Schattenseite, haben Sie endlich einen Ansatzpunkt, Ihren Gremlin an die Leine zu nehmen und ihn nicht mehr unbewusst Ihr Leben manipulieren zu lassen.

Schritt 6: Betrachten Sie Ihr Leben
Schauen Sie sich die Schatten-Eigenschaften noch einmal genau an. Blicken Sie nun auf Ihr Leben zurück und schreiben Sie einige Beispiele von Situationen mit anderen Menschen auf, in denen Ihr Gremlin diese Eigenschaften ausgespielt hat. Wie war es zu Weihnachten mit der Familie? Wir war es heute im Büro mit dem Kollegen? Wann und wie hat Ihr Gremlin Ihre Vorhaben und Vorsätze manipuliert? Wenn Sie sich dabei traurig oder wütend fühlen, ist das absolut angemessen. Es ist schmerzhaft zu erkennen, wie der Gremlin das eigene Leben unbewusst manipuliert hat. Erkennen Sie ihn. Entlarven Sie ihn.

Schritt 7: Nehmen Sie Ihren Gremlin an die Leine
Um Ihren Gremlin an die Leine zu nehmen, braucht es ein bißchen Übung. Es ist hilfreich, dass Sie sich die Liste mit Ihren Schatteneigenschaften an einen Ort hängen, wo Sie sie jeden Tag sehen und mindestens einmal durchlesen können (z. B. gleich morgens am Badezimmerspiegel). Sie werden erstaunt sein, wie clever der Gremlin ist und versuchen wird, Ihnen das auszureden bzw. Sie vergessen machen will, dass Sie eine Schattenseite haben. Machen Sie sich diese Eigenschaften immer wieder bewusst.

Wenn Ihr Gremlin dann das nächste Mal einen Streit oder eine Diskussion mit dem Partner anzetteln will, sagen Sie zu ihm einfach „SITZ!“ wie zu einem Hund. Das mag sich lustig anhören, wirkt aber garantiert. Geben Sie ihm stattdessen interessantere Aufgaben (*). Benutzen Sie ihn, um endlich einmal die Garage auszumisten, im Internet etwas ausfindig zu machen, oder den Vorstandsvorsitzenden Ihrer Firma anzusprechen, mit dem Sie gerade im Fahrstuhl stehen, um ihm endlich einmal von Ihrer großartigen Idee zu erzählen. Wenn Sie meinen, etwas nicht zu können, Ihr Gremlin kann es garantiert, denn der kennt keine Grenzen. Geben Sie ihm bewusst sinnvolle Aufgaben und rationieren Sie vor allem seine physische Kost. Ihr Gremlin ißt gerne viel Schokolade? Okay, dann bekommt er die, aber immer nur am Samstag. SIE geben den Fütterungsplan vor, nicht er.

Falls es mit dem Vorsatz für dieses Jahr im ersten Versuch nicht geklappt hat, dann lade ich Sie ein, es jetzt noch einmal zu probieren und Ihrem Gremlin zu sagen „SITZ!“. Oder wie wäre es, wenn Sie ihm die sinnvolle Aufgabe geben herauszufinden, wie Sie Ihren Vorsatz noch effektiver umsetzen können? Ihm wird garantiert etwas einfallen. Sollte er übrigens versuchen Sie zu überreden, mit dem Vorsatz wieder bis zum 1.1. nächsten Jahres zu warten, hat er Sie in der Hand und manipuliert sie weiterhin.

Zum Abschluss noch eine Herzensangelegenheit:
Deklarieren Sie Ihr Zuhause und Ihre Partnerschaft zur Gremlin-freien Zone. Führen Sie Ihren Gremlin woanders Gassi und lassen Sie ihn nicht die Liebe, Vertrautheit und Intimität mit Ihrem Partner zerstören.

Herzliche Grüße,
Ihre Nicola Nagel



(*) Wenn Sie mehr über den Gremlin erfahren möchten, empfehle ich Ihnen das Buch: „Die Kraft des bewussten Fühlens“ von Clinton Callahan.


• www.viva-essenza.com •

Freitag, 15. Juli 2011

Erwartungen killen Beziehung und Potenzial

Hatten Sie schon einmal eine Erwartung an jemanden? Oder waren Sie schon einmal mit Erwartungen anderer an Sie konfrontiert? Wir alle werden tagtäglich mit Erwartungen konfrontiert. Was wir jedoch oft nicht erkennen ist, dass es ein unbewusster, manipulativer Mechanismus ist, mit dem wir uns das Leben unnötig schwer machen.

Kürzlich telefonierte ich mit einem Freund, der mir erzählte, dass er eigentlich etwas völlig anderes mit seinem Leben machen möchte, als das, was er im Augenblick tut. Gleichzeitig spüre er jedoch, wie der Gedanke „Sei erfolgreich im Job, baue ein Haus und habe 2 Kinder“ ihn immer wieder daran hindere, wirklich in eine neue Richtung zu gehen. Ich fragte ihn, von wem er diesen Gedanken übernommen habe und gegen wessen Bewertungs-Skala er sich damit selbst messen würde. Nach einem langen Moment der Stille kam zögerlich „Naja, das Bewertungssystem und dieser Gedanke kommen von meinen Eltern und insgesamt von der Gesellschaft. Das macht man halt so. Das ist der Weg, den man einschlagen soll“.

Aha, wir verhalten uns also mitunter auf eine ganz bestimmte Art und Weise, weil wir meinen, jemand habe eine Erwartung, der wir genügen müssen. Kommt Ihnen das bekannt vor? Handeln Sie manchmal „weil man es halt so macht“ oder weil Sie die Erwartung von jemandem erfüllen möchten?

Wenn wir nicht achtsam sind, messen wir uns tagtäglich unbewusst an einem oder mehreren Bewertungssystemen und berauben uns unserer eigenen Kraft. Das Bewertungssystem, das sagt, was gut und schlecht ist, was richtig und falsch ist, was man unbedingt tun sollte, um in der Gesellschaft dazu zu gehören, oder es anderen recht zu machen. Es kann ein Bewertungs-system von den Eltern sein, von sonstigen Autoritätspersonen (ja, auch von Ihrem Partner oder Chef), von der Kirche, Schulen, von der Gesellschaft, der Kultur, von den Medien, usw.

Jeden Tag sehen wir uns mit zig Bewertungssystemen konfrontiert. Uns selbst und andere zu bewerten und Erwartungen zu hegen sitzt so tief ins uns drin, dass wir uns gar nicht vorstellen können, wie es wäre, völlig bewertungsfrei und ohne jegliche Erwartungen zu leben. Einfach das, was gerade passiert, völlig neutral zu sehen und zu sagen „Es ist wie es ist, nur das. Punkt.“ Keine Bewertung, keine Erwartung.

Der Witz ist, dass jedes Bewertungssystem, an dem Sie sich selbst oder jemand anderen messen, in sich irrsinnig ist. Wenn Sie einem Bewertungssystem nachgeben und sich daran messen, geben Sie Ihre eigene Autorität ab und machen sich klein. Sie sind nicht mehr Sie selbst, weil Sie Ihre Kraft an eine Messlatte abgeben, dir irgendeine Person oder Institution aufgestellt hat. Ernsthaft. Denken Sie nur einmal an die Medien. Das Bewertungssystem, das dort vorgegeben wird lautet z. B. „Nur wenn Du schön bist, Kleidergröße 36 hast, weiße Zähne, dicke Haare und einen strahlenden Teint hast, bist Du okay.“ Oder nehmen Sie den beruflichen Kontext: „Nur wenn Du wirklich erfolgreich im Job bist, x-tausend Euro im Monat verdienst und ein schickes Auto fährst, bist Du anerkannt.“ Also fangen wir an, uns an diesen Bewertungs-systemen auszurichten, denn schließlich möchten wir anerkannt sein.

Die Sache ist die: Wenn Sie sich unbewusst an solchen Bewertungs-Skalen messen und ihre Autorität abgeben, dann sagen Sie damit eigentlich „Ich bin nicht okay. Ich muss dieser Messlatte genügen.“ Gerade heute rief eine Klientin an, die sagte, sie fühle sich einfach schlecht, weil sie ein bisschen mollig sei und eben gerne Kekse und Eis isst. Genau darum geht es. Wir messen uns an diversen Bewertungs-Skalen, erwarten von uns selbst, dass wir die obere Skala erreichen, um dadurch die Erwartungen anderer zu erfüllen und fühlen uns deprimiert, wenn wir es nicht schaffen.

Lassen Sie das einmal sacken: Wir messen uns an einer Be-WERT-ungs-skala und stellen unbewusst an uns selbst die Er-WART-ung, dass wir dem System genügen, um die Er-WART-ung anderer (oder unsere eigene) zu erfüllen. Wenn wir diesen Satz einmal ganz lapidar runterbrechen auf das Wesentliche heißt das im Klartext folgendes:

Jemand anderes bestimmt, welchen WERT wir haben und dann kämpfen wir und WARTEN darauf, dass wir diesen erreichen, um von anderen anerkannt zu werden (weil deren Erwartung dann erfüllt ist).

Puh, harter Tobak! Damit kann das Leben ganz schön anstrengend werden. Lassen Sie mich einmal ganz provokativ das Beispiel der Kirche nehmen. Die Kirche hat uns z. B. 700 Jahre Inquisition, Menschenverbrennung und damit die Einteilung in „Gut“ und „Schlecht“ beschert. Die Kirche gibt den Menschen vor, wie sie zu glauben haben, dass sie nur „gut“ sind, wenn sie keine Sünden begehen (wobei die Kirche vorschreibt, was eine Sünde ist) und dass Sie z. B. offiziell nur als Patin oder Pate eintreten können (was ja im Zweifel heißt, Verantwortung für ein Kind zu übernehmen), wenn Sie in der Kirche sind. Wen wundert es bei diesem Bewertungs-Korsett, dass jährlich zwischen 300.000 und 400.000 Personen aus der Kirche austreten?

Was jedoch am Beispiel der Kirche so offensichtlich ist, bleibt uns im alltäglichen Leben oft verborgen. Wir leben in einem Gefängnis aus Erwartungen und Bewertungen und sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht. Doch jedes Mal, wenn Sie sich an einem Bewertungssystem messen, sagen Sie unbewusst „Ich bin nicht okay, ich bin nicht gut genug“, was automatisch zur Folge hat, dass Sie meinen „Ich muss gehen, ich muss mich zurück ziehen.“ Das kann dazu führen, dass Sie gegenüber ihrem Partner klein beigeben (denn er mag Sie sicher nicht mehr, wenn Sie einmal wütend eine Grenze setzen) oder im Büro etwas frustriert ihren Job machen (erstens widerspricht man dem Chef nicht, denn der wird schon wissen, wo es lang geht und außerdem ist es doch besser einen sicheren Job zu haben).

Ein Bewertungssystem ist wie ein Korsett, das wir uns selbst angelegt haben und einen enormen Erwartungsdruck generiert. „Ja Moment,“ höre ich jetzt einige protestieren, „das Bewertungs-system wird uns doch vorgegeben“. Tatsächlich? Und wer nimmt es an?

Ehrlich, es ist einzig und allein Ihre Entscheidung, ob Sie sich an einer Bewertungs-Skala messen oder Erwartungen aufbauen. Sie tragen die Verantwortung, niemand sonst. Sie bräuchten sich keinem Bewertungssystem und keiner Erwartung zu beugen, denn es gibt nur eine Wahrheit die da heißt „DU BIST OKAY!“ Es ist unser Geburtsrecht. Jeder Mensch ist genauso gemeint wie er ist, mit all seinen Facetten, Macken und Kanten. Die Menschen sind genauso vielfältig wie das Universum. Und mal ehrlich, wenn jemand anderes eine Erwartung an Sie hat, und ein Problem damit hat, wenn Sie sie nicht erfüllen, dann lassen Sie denjenigen bitte sein Problem haben. Dafür hat er lange gearbeitet. Machen Sie das nicht zu ihrem Problem.

Bewertungssysteme und Erwartungen führen lediglich dazu, dass wir uns selbst amputieren und um unsere eigene Fülle, Kreativität und unser wahres Potenzial bringen. Es ist ungefähr so, als würden Sie in einem Käfig sitzen und vor sich nur Gitterstäbe sehen. Draußen scheint die Sonne und Sie würden gerne aus diesem Käfig raus, doch Sie haben vergessen, dass Sie die massiven Bewertungs- und Erwartungs-Stäbe selbst eingebaut haben. Dabei würden Sie, wenn Sie einmal daran rütteln merken, dass Sie diese Gitterstäbe rausnehmen können.

Experiment: Legen Sie Ihre Bewertungssysteme offen

SCHRITT 1:
Betrachten Sie Ihren Käfig einmal von innen. Schauen Sie sich die Gitterstäbe genau an. Schreiben Sie einmal auf, welche Regeln Sie in Ihrem Leben aufgestellt haben, welche Erwartungen anderer Sie meinen erfüllen zu müssen und welches Bewertungssystem Sie damit laufen haben, z. B.
  • Du musst erfolgreich sein im Job.
  • Du musst abnehmen, du bist zu dick.
  • Du darfst nicht „Nein“ sagen.
  • Du darfst nur leise Musik hören.
  • Es ist nicht realistisch Visionen und Träume zu haben.
  • Ich muss Familie, ein Haus und ein Auto haben. Das ist ein sicheres Konzept.
  • Meine Bedürfnisse stehen vor denen anderer zurück.
  • Ich habe zu tun, was der Chef sagt.
  • Ich muss meine Meinung zurückhalten und mich anpassen, das ist sicherer.
  • Wilde, kreative Ideen sind nicht erwünscht.
  • Es ist nicht okay Gefühle zu zeigen.
  • Ich muss immer perfekt und professionell sein.
  • Es gehört sich nicht, dass die Nachbarn so rumlärmen.
  • Ich bin sowieso nicht gut genug.
  • Ich kann es keinem Recht machen.
  • Ich bin nicht schön genug, reich genug, intelligent genug.…
  • usw.

SCHRITT 2:
Nun schauen Sie sich die Liste einmal an und stellen Sie sich die Frage „Von wem ist das Bewertungssystem? Wem versuche ich zu genügen? Wer hat mir diese Vorschriften immer gemacht oder macht es noch?“ Nehmen Sie sich dazu Zeit. Seien Sie schonungslos ehrlich. Erkennen Sie, gegen wessen Bewertungssystem Sie sich bereits Ihr ganzes Leben messen und welche Bewertungsmaßstäbe Sie übernommen haben. Es könnte sich durchaus auch um mehrere Personen oder Institutionen handeln.

Das Ding ist, Sie haben sich Ihr eigenes Gefängnis gebaut und all diese Regeln und Erwartungen sind die Gitterstäbe, die Sie von innen aufrecht erhalten, weil Sie meinen, dem soeben definierten Bewertungssystem genügen zu müssen. Und genau das sagt es schon: Sie versuchen dem „zu genügen“. Das heißt, Sie haben all diese Regeln und Erwartungen aufgestellt, weil Sie unbewusst davon ausgehen, dass Sie „nicht genügen“, sprich nicht okay sind. Fakt ist aber „Sie sind okay!“, das ist Ihr Geburtsrecht und alles andere ist einfach nur BULLSHIT!

Sehen Sie, wenn ich jetzt den letzten Satz gegen eins meiner alten Bewertungssysteme gestellt hätte, hätte ich niemals BULLSHIT schreiben können. Denn bitteschön, so eine rüde Ausdrucksweise gehört sich doch nicht. Stattdessen sage ich jedoch einfach nur „Hey, ich bin Trainerin, ich bin nicht hier um nett zu sein, sondern um meinen Job zu tun und klare Unterscheidungen zu geben.“

SCHRITT 3:
Sind Sie bereit für eine neue Erfahrung? Dann beginnen Sie doch einmal langsam, die Gitterstäbe zu demontieren, die Sie vor sich haben. Sie sitzen in Ihrem Käfig und greifen jetzt einfach den ersten Gitterstab mit beiden Händen. Sagen Sie zunächst, wofür der Gitterstab steht. Dann rütteln Sie daran, brechen ihn aus der Verankerung und werfen ihn weg. Sie brauchen ihn nicht mehr. Spüren Sie, wie ein Stück Freiheit zurück kommt? Fahren Sie fort mit dem nächsten Gitterstab. Sagen Sie wieder, für welche Regel oder Erwartung er steht bevor Sie ihn demontieren. Demontieren Sie so nach und nach alle Gitterstäbe, die in Form von Regeln, Erwartungen oder Zwängen ein externes Bewertungssystem wiederspiegeln. Gehen Sie in Ihrem Tempo vor. Sollte es einen Gitterstab geben, den Sie noch nicht demontieren wollen, dann ist das völlig in Ordnung. Gehen Sie nur soweit, wie Sie gehen möchten.

Der Freund, von dem ich anfangs erzählte, sagte etwas sehr interessantes, als er erkannte, dass er sich an einer Bewertungsskala seiner Eltern und der Gesellschaft maß, die in sich irrsinnig ist. Er sagte: „Ich habe Angst…Ich habe Angst, weil ich gar nicht weiß, wer ich ohne diese Bewertungen und Erwartungen bin. Wer bin ich denn dann?“

Das ist eine wahrlich spannende Frage. Wer sind Sie, wenn Sie sich nicht mehr an einem irrsinniges Bewertungssystem messen? Wer sind Sie, wenn Sie den Erwartungen anderer nicht mehr entsprechen müssen? Es lohnt sich, mit dieser Frage zu sein und nicht zu versuchen, sie mit dem Verstand zu beantworten. Lassen Sie die Frage Sie durcharbeiten.

Wenn Sie erkannt haben, welches Bewertungssystem Sie laufen haben, gibt es noch eine weitere Herausforderung. Es geht nämlich nicht nur darum, wem bzw. welchem Bewertungssystem und wessen Erwartungen Sie versuchen zu genügen. Jetzt geht es in die andere Richtung: Welche Erwartungen haben Sie denn an andere? An Ihren Partner? An Ihre Familie? An Ihren besten Freund oder Ihre beste Freundin? An Ihren Chef oder die Kollegin?

Haaaaa, jetzt wird es spannend. Vorher ging es darum, dass Sie okay sind und sich nicht durch ein Bewertungssystem anderer manipulieren lassen müssen. Wie sieht es denn umgekehrt aus? Die Medaille hat bekanntlich zwei Seiten. Können Sie im Umkehrschluss andere auch „okay sein lassen“? Das ist nämlich nun wahrlich die Kunst. Denn bitteschön, der Partner soll die Zahnpastatube nur oben ausdrücken und wenn ich mit ihm essen gehe, erwarte ich schließlich, dass er mir die Tür im Restaurant aufhält. Oder der Klassiker: Sie erwarten, dass jemand anruft, weil er gesagt hat, er meldet sich.

Jajaja! Sehen Sie, jetzt wird es komplizierter. Die anderen sollen mit ihrem manipulativen Bewertungssystem wegbleiben, aber wir selbst können ja ruhig noch Erwartungen an andere haben und sie bewerten, oder wie?

Lassen Sie es mich ganz direkt sagen: „Erwartungen killen Beziehung.“Und damit meine ich Beziehungen jeglicher Art, privat wie geschäftlich. Erwartungen finden meist im stillen Kämmerlein statt. Das heißt wir malen uns aus, wie etwas nach unserer Vorstellung zu sein hat. Er-WARTEN heißt nichts anderes, als dass wir darauf warten, dass das, was wir uns so schön ausgemalt haben, auch genauso eintritt. Und weil wir es ja so klar vor Augen haben, wird der andere schon wissen, dass er anrufen soll, oder uns den Wunsch von den Augen abliest. Doch der andere weiß in den wenigsten Fällen über Ihre Erwartungen Bescheid und damit ist die Wahrscheinlichkeit, dass Ihre Erwartung nicht erfüllt wird, sehr hoch.

Wenn Sie etwas Er-WARTEN, leben Sie auch nicht wirklich, weil Sie gedanklich permanent in der Zukunft und nur auf Ihr schönes Bild fokussiert sind. Das Leben passiert jedoch JETZT, in diesem Moment. Wenn Sie in Er-WART-ung leben, zieht es an Ihnen vorüber, weil Sie darauf WARTEN, dass die andere Person Ihr festgesetztes Bild in Zukunft (gleich, in 5 Minuten, heute Abend, nächste Woche) erfüllt. Viel Erfolg!

Auch in diesem Fall können Sie sich die Frage stellen „Woher kommt meine Erwartung? Welches Bewertungssystem oder welches unerfüllte Bedürfnis steckt dahinter? Warum habe ich Angst, mein wahres Bedürfnis der anderen Person mitzuteilen? Gegen welches Bewertungssystem messe ich die andere Person oder mich selbst?“

Wenn Sie nur in Erwartung leben, dann zieht das Leben wirklich an Ihnen vorüber. Dann sind Sie nicht mehr offen für all die Möglichkeiten und die Fülle an Erfahrungen, die in jedem Moment, im JETZT vor Ihnen liegen, denn Sie sind nur auf die Erfüllung Ihrer Erwartung fokussiert. Und wehe dem, wenn der andere die Erwartung nicht erfüllt, uhuuu, dann gibt’s Ärger. Dann sind Sie Ent-TÄUSCHT, wachen sozusagen von Ihrer selbstgestrickten Täuschung auf, dass der andere sich nach Ihren Vorstellungen zu verhalten hat. Und dann hat Ihr Gremlin wieder so richtig Spaß. Sie wissen schon, dieses kleine Monster in jedem von uns, das einen Spaß daran hat, Nähe und Vertrautheit zu zerstören und Streits anzuzetteln. Wird Ihre Erwartung nämlich enttäuscht, dann hat Ihr Gremlin wieder einen Beweis dafür, dass der andere ein Idiot ist und kann somit gleich wieder zum Direktangriff ausholen oder im Stillen Grollpunkte sammeln.

Erwartungen killen Nähe und Vertrautheit, sie killen Beziehung, sie killen Möglichkeit, sie killen Kreativität, sie killen Ihr Potenzial. Erwartungen sind bestes Gremlinfutter.

Wenn Sie Erwartungen haben fokussieren Sie übrigens auch das, was Sie nicht haben. Wenn Sie zum Beispiel erwarten, dass Ihr Freund Sie anruft, dann weigern Sie sich sozusagen zu akzeptieren, dass er Sie bisher nicht angerufen hat. Damit ist Ihr Fokus aber auf dem Mangel, also auf dem „nicht anrufen“. Und wie im Artikel „Die Kraft der Aufmerksamkeit“ beschrieben, kreieren Sie dadurch nur noch mehr von dem, was nicht ist. Deswegen sind Erwartungen für Enttäuschung vorprogrammiert.

Wenn Sie entdecken, dass Sie eine Erwartung an jemanden haben, lade ich Sie zu folgendem Experiment ein: Fragen Sie sich, welches Bedürfnis wirklich hinter der Erwartung steckt. Anstatt im stillen Kämmerlein, weiterhin im Opfer-Dasein die bisher nicht erfüllte Erwartung zu pflegen, gehen Sie auf die Person zu und erzählen Sie ihr, welches Bedürfnis Sie haben, was Sie sich von der Person wünschen. Gehen Sie in Kontakt. Ein spannendes Experiment ist auch, Ihre Erwartung gegenüber der Person ehrlich zurückzunehmen und zu sagen: „Ich nehme die Erwartungen von Dir zurück, dass Du xy machen musst. Für immer.“ Vergessen Sie nicht das „für immer“ sonst kreieren Sie die gleiche Erwartung morgen wieder.

Werden Sie wachsam, was Erwartungen und Bewertungen angeht. Probieren Sie zunächst, kleine Erwartungen abzubauen, bevor Sie sich an größere wagen. Und seien Sie sanft mit sich. Ein Erwartungs- und Bewertungssystem, dass Sie jahrelang genutzt haben, verschwindet nicht von heute auf morgen. Doch es lohnt sich. Sie werden erstaunt sein, wie viel leichter und intensiver es sich ohne Erwartungen lebt.

In diesem Sinne erwartungsfreie Grüße,
Nicola Nagel


www.viva-essenza.com