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Freitag, 14. September 2018

3 wichtige Schritte auf dem Weg zu innerer Ruhe


In letzter Zeit habe ich sehr häufig zwei Sätze von Menschen gehört. Zum einen „Ich möchte einfach nur ankommen.“ und zum anderen „Ich möchte einfach nur glücklich und zufrieden sein.“ Beide Sätze verfolgen im Grunde den Wunsch nach innerer Ruhe, doch oftmals wird dieser Wunsch verknüpft mit Dingen im Außen. Einige versuchen, beispielsweise im Urlaub zur Ruhe zukommen, wenn der Arbeitsalltag für eine kurze Zeit aufhört. Andere versuchen, zur Ruhe zu kommen, indem sie eine erfüllende Zeit mit bestimmten Menschen verbringen. Wieder andere versuchen zur Ruhe zu kommen, indem sie Yoga, Tai Chi, Meditation oder sonstige Praktiken ausüben. Doch was heißt denn letztendlich zur Ruhe kommen?

Die Ruhe, die die meisten kennen, ist jene Ruhe, die eintritt, wenn die Geräusche aufhören oder wenn sie einfach einmal ihre Ruhe haben im Sinne von nichts tun müssen bzw. keinen vermeintlichen Verpflichtungen nachkommen müssen. Und doch ist es interessant, dass es viele Menschen gibt, die allein diese Ruhe, die durch äußere Umstände erzeugt wird, kaum lange aushalten können. So finden sie meist sehr schnell wieder etwas, das sie tun können. Sie lesen ein Buch, gehen zum Sport, oder verabreden sich mit Freunden. Es ist schon fast ein Paradox. Viele Menschen sehnen sich in diesen hektischen und turbulenten Zeiten nach Ruhe, doch kaum ergeben sich dafür die äußerlichen Bedingungen, verfallen sie doch wieder in eine andere Art des Tuns. Das liegt meist daran, dass die äußerliche Ruhe erst die tatsächliche, innere Unruhe zutage fördert. Wenn es im Außen still wird, dann lärmen schnell zig Gedanken, Erinnerungen und Emotionen in vielen Menschen umher.

Jiddu Krishnamurti, der ein bedeutender indischer Philosoph und Theosoph war, hat es in seinem Buch „Einbruch in die Freiheit“ sehr schön beschrieben:

„Das Leben, das wir im Allgemeinen führen, kennt kaum ein Alleinsein. Selbst wenn wir allein sind, wird es bedrängt von so vielen Einflüssen, so vielem Wissen, so vielen Erinnerungen und Erfahrungen, von so viel Angst, Elend und Konflikt, dass unser Geist immer stumpfer, immer gefühlloser wird und in eine monotone Routine verfällt. Sind wir jemals allein? Oder tragen wir alle Lasten von gestern mit uns herum?

Es gibt eine recht hübsche Geschichte von zwei Mönchen, die von Dorf zu Dorf wandern und dabei einem jungen Mäd­chen begegnen, das am Flussufer sitzt und weint. Einer der Mönche geht zu ihr und sagt: »Schwester, worüber weinst Du?« Sie antwortet: »Sehen Sie das Haus dort drüben auf der anderen Seite des Flusses? Ich kam heute am frühen Morgen herüber und hatte keine Mühe, den Fluss zu durchwaten; aber nun ist das Wasser angestiegen, und ich kann nicht mehr zurück; es ist kein Boot da.« - »Oh«, sagt der Mönch, »das ist gar kein Pro­blem«, und er hebt das Mädchen auf, trägt es über den Fluss und lässt es auf der anderen Seite zurück. Die beiden Mönche gehen zusammen weiter. Nach zwei Stunden sagt der andere Mönch: »Bruder, wir haben ein Gelübde abgelegt, niemals eine Frau zu berühren. Was Du getan hast, ist eine furchtbare Sünde. War es nicht ein Vergnügen für Dich, ein aufregendes Ereignis, eine Frau zu berühren?« Der andere Mönch erwidert: »Bereits vor zwei Stunden habe ich sie hinter mir gelassen, Du aber trägst sie immer noch mit Dir herum.«
Genau das tun wir. Wir schleppen ständig unsere Lasten mit uns herum; wir geben sie nie preis, wir lassen sie nie hinter uns. Nur wenn wir einem Problem unsere volle Aufmerksamkeit zu­wenden und es augenblicklich lösen - es nicht auf den näch­sten Tag, auf die nächste Minute mit hinübernehmen -‚ dann ist innere Abgeschiedenheit da. Dann sind wir, selbst wenn wir in einem überfüllten Hause leben oder in einem Bus sitzen, inner­lich allein. Und dieses Alleinsein verrät einen frischen Geist, ei­nen 'unschuldigen‘ Geist.

Es ist sehr wichtig, innere Abgeschiedenheit, inneren Raum zu haben; denn das bedeutet, in der Freiheit zu leben, unbelastet zu sein, zu wirken, schwerelos zu sein. Schließlich kann Güte nur im weiten Raum zur Blüte kommen, ebenso wie sich Tu­gend nur in der Freiheit entfalten kann. Wir mögen politische Freiheit haben, aber innerlich sind wir nicht frei, und darum ha­ben wir keine innere Weite. Keine Tugend, nichts Wertvolles kann ohne diesen weiten Raum in uns wirken oder wachsen. Raum und Schweigen sind notwendig, denn nur, wenn der Geist allein ist, unbeeinflusst, ungedrillt, nicht durch die unend­liche Vielfalt der Erfahrungen gebunden, kann er etwas völlig Neuem begegnen.“

Wie oft hattest Du im Außen Ruhe, warst vielleicht sogar allein in der Natur, doch in Dir haben die Gedanken gewütet? Vielleicht hast Du auch schon abends im Bett gelegen und konntest nicht einschlafen, weil die Gedanken in Deinem Kopf Karussell gefahren sind.

Um den inneren Punkt zu finden, an dem es einfach ruhig ist – unabhängig davon wie viele Menschen um Dich herum sind, oder wie groß das Chaos sein mag – können 3 Schritte sehr hilfreich sein:

  1. Werde still
  2. „Bringe den Müll raus“
  3. Zentriere Dich und übe Dich in Achtsamkeit

Schritt 1: Werde still
Wie oft bist Du wirklich still? Wie oft bis Du in einem Zustand, in dem Du nichts tust? Du nimmst Dir einfach Zeit für Dich und sitzt beispielsweise in einem bequemen Stuhl, liegst auf der Couch oder sitzt auf einer schönen Wiese und machst….NICHTS. Du sitzt einfach nur da. Ganz gleich, ob Du mit offenen oder geschlossenen Augen da sitzt oder liegst, Du bist nur da, wo Du bist. Kein Buch, kein Smartphone, kein Picknick, gar nichts. Du tust nichts, Du bist einfach.

Viele Menschen nehmen sich im Alltag viel zu wenig Zeit dafür, weil sie unentwegt beschäftigt sind und es scheinbar so viele Dinge zu erledigen gibt. Vielleicht gibt es auch eine Stimme in Dir, die sagt „Ich kann doch nicht nichts tun!“ Die spannende Frage ist „Wieso nicht?“ Die moderne Gesellschaft ist extrem auf Leistung gedrillt. Wenn jemand nichts tut, ist er ein Taugenichts, oder Lebenskünstler. Die Krux an der Sache ist bloß, dass Du den Punkt der inneren Ruhe nur sehr schwer finden kannst, wenn Du aus dem Leistungs-Ding nicht zwischendurch bewusst aussteigst und aus dem Tun-Modus rauskommst. Das erste Experiment könnte also darin bestehen, dass Du Dir jeden Tag 15-30 Minuten Zeit nimmst, in denen Du nichts tust.

Das bringt uns direkt zum zweiten Schritt, denn wenn Du nichts tust und es im Außen ruhig ist, dann könnten zahlreiche Gedanken in Dir hochkommen. Das heißt, Du bist äußerlich zwar im still, doch Dein Verstand arbeitet innerlich womöglich auf Hochtouren.

Schritt 2: Bringe den Müll raus
Das Denken hat im alltäglichen Leben eine übermäßige Bedeutung gewonnen. Einerseits hat das Denken eine Bedeutung für unsere tägliche Arbeit, bei der es mit Sorgfalt, Logik und Vernunft angewendet werden muss. Andererseits produziert der Verstand auch unentwegt Gedanken, die wir mit Gefühlen oder alten Emotionen anreichern, dann zu Meinungen, Vorurteilen oder Geschichten formen, von denen wir dann auch noch meinen, sie seien real. Krishnamurti beschreibt dieses Denken als „jenes Denken, das ohne jeden Wert ist.“ Doch was tust Du damit?

Im Film „Der Pfad des friedvollen Kriegers“ gibt es eine Szene, die sehr treffend beschreibt, was man mit dem Denken, das ohne jeden Wert ist, am besten macht. In dieser Szene sagt der alte, weise Mann Sokrates zum jungen Studenten Dan „Bring den Müll raus!“ Darauf entgegnet Dan: „Bring den Müll doch selber raus!“ Sokrates schaut ihn an und sagt: „Ich meine aber den Müll in Deinem Kopf“.

Es geht also darum den Gedankenmüll aus dem Kopf rauszubringen, um die Tür zu innerer Ruhe zu öffnen. Wie geht das? Es beginnt damit zu beobachten, was Du denkst. Du wirst sozusagen zum Beobachter Deines Denkens, Deines Verstandes. Sobald Du beginnst zu beobachten, schaffst Du eine Lücke zwischen Dir und Deinem Verstand. Oftmals meinen wir, wir sind unsere Gedanken oder unser Verstand. Doch dem ist nicht so. Wir sind nur so verklebt mit unserem Denken, unseren Meinungen und Geschichten, dass wir zumeist gar nicht auf die Idee kommen, einen Schritt zur Seite zu machen und festzustellen, dass wir nicht unser Verstand sind.

Der Verstand ist ein praktisches Werkzeug, dessen wir uns bedienen können, wenn wir ihn wirklich brauchen. Gleichzeitig geht es jedoch darum, wirklich darauf zu achten, was Du für Gedanken produzierst, die nicht nützlich sind. Wie oft erschaffst Du beispielsweise nicht nur in Echtzeit-Situationen mit anderen Menschen, sondern in Deinem Verstand sogenanntes niederes Drama, befindest Dich also in einer zähen Täter-Retter-Opfer-Dynamik? Wie oft führst Du innerlich mit Leuten Gespräche und „zeigst es ihnen“ oder beurteilst die Handlungen anderer? Gedanken, die nicht dienlich sind, entziehen Dir in der Regel eine Menge Energie. Das Resultat ist meist, dass Du müde oder erschöpft bist und vor allem keine Klarheit mehr hast. Dann verstrickst Du Dich in Deinen Gedanken und kannst nur noch in einem monotonen, bekannten Alltagstrott funktionieren, anstatt innere Klarheit über den nächsten Schritt zu bekommen.

Krishnamurti beschreibt es so: „Wenn Du den Wunsch hast, etwas klar zu sehen, muss der Geist sehr ruhig sein, ohne Vorurteile, ohne Geschwätz, ohne Zwiegespräch, ohne Vorstellungen und Bilder – das alles muss beiseite getan werden, damit man schauen kann.“

Es könnte schmerzhaft sein, Dir einzugestehen, wann, wie oft, mit wem und worüber Du im niederen Drama bist, recht haben willst, kämpfst, jammerst oder Dich rechtfertigst. Es könnte genauso schmerzhaft sein, zu beobachten, wie oft Du die Probleme anderer zu Deinen eigenen Problemen machst und stunden- oder tagelang darüber nachdenkst. Doch genau dieser Schmerz ist es, der notwendig ist, damit  Veränderung passieren kann. Es beginnt damit, Dein Denken zu beobachten und aus diesen Mechanismen auszusteigen. 


Schritt 3: Zentriere Dich und übe Dich in Achtsamkeit
Sobald Du den gröbsten Müll rausgebracht hast, wirst Du merken, dass Du mehr und mehr Energie zurück bekommst. Der dritte Schritt besteht nun darin, Dich in Achtsamkeit zu üben, welche Gedanken, Geschichten und Meinungen Du weiterhin produzierst und zwar in jedem Augenblick, jetzt und jetzt und jetzt…

Achtsamkeit ist nicht das gleiche, wie Konzentration. Konzentration ist Fokussierung, ist Ausschließung. Achtsamkeit ist hingegen umfassendes Gewahrsein und schließt nichts aus. Doch oftmals sind wir so mit unseren Gedanken beschäftigt, den kleinen und großen Problemen des Alltags, unseren Plänen oder sogar ehrgeizigen Bestrebungen, dass wir die Achtsamkeit verlieren.

Achtsamkeit hat etwas zu tun mit unmittelbarer Gegenwärtigkeit. Diese hast Du beispielsweise, wenn sich in Deinem Zimmer eine Schlange befindet. Du überwachst jede ihrer Bewegungen, Du bist hellwach, Du reagierst überaus empfindlich auf das leiseste Geräusch und jede noch so kleine Regung, die sie macht. Du bist komplett im Jetzt. Ein solcher Zustand der Aufmerksamkeit ist geballte Energie. In dieser Gegenwärtigkeit reagiert Dein Wesen augenblicklich. Du denkst nicht. Gleiches kannst Du bei Kampfsportarten wie Judo oder Aikido beobachten.

Nun willst Du sicherlich keine Schlange im Raum haben, um in den achtsamen Modus zu kommen. Das ist auch nicht notwendig. Achtsamkeit hat sehr viel damit zu tun, ob Du zentriert und geerdet bist, oder nicht. Wenn Du zentriert bist, bist Du präsent im Hier und Jetzt und kannst wahrnehmen, was ist. Wie zentrierst Du Dich? Stell Dich einmal mit beiden Beinen und leicht gebeugten Knien schulterbreit hin, die Füße flach auf den Boden. Dein physisches Zentrum hält Deinen Körper nun im Gleichgewicht. Es befindet sich in der Höhe der Gürtelschnalle in der Mitte des Körpers.

Wir haben noch ein weiteres Zentrum, das sogenannte energetische Zentrum, das zunächst die Größe einer Grapefruit hat und beweglich ist. Nachdem Du den Text bis hierher gelesen hast, was meinst Du, in welchem Körperteil das energetische Zentrum bei den meisten Menschen tagsüber liegt? Richtig, im Kopf, weil wir unentwegt denken. Schau, wo Dein energetisches Zentrum gerade ist und dann benutze Deine Absicht, um es auf das physische Zentrum zu legen. Wenn physisches und energetisches Zentrum aufeinanderliegen, bist Du zentriert. Dann kann Dich nichts umhauen. Du bist präsent im Jetzt. Genau das ist der Modus, den Du brauchst, um die Lücke zwischen Dir und Deinem Verstand zu machen, um Deine Gedanken zu beobachten und achtsam den Müll rauszubringen bzw. gar keinen neuen Müll mehr zu produzieren.

Es gibt sicherlich noch weitere Aspekte, die dienlich sind, um den Punkt in Dir zu finden, an dem es still ist, an dem einfach alles in Ordnung ist, an dem Du komplett klar bist und der innere Lärm aufhört. Doch diesen 3 Schritten wirst Du auf dem Weg immer wieder begegnen.

Viel Freude beim Experimentieren!
Nicola

GIB DEINEM LEBEN EINE NEUE RICHTUNG!
www.viva-essenza.com

Montag, 12. Dezember 2016

NEXT CULTURE WORK: Zeit für Entschleunigung – Ein Wechsel zum Miteinander Sein



Das Leben und Arbeiten in der modernen Gesellschaft scheint zunehmend dem Irrsinn gleichzukommen. Noch nie zuvor gab es so viele gesundheitsbedingte Ausfälle, die durch Stress und Burnout ausgelöst wurden. Einen großen Anteil daran hat die moderne Kommunikation, die mittlerweile erschreckende Ausmaße erreicht. Vor 25 Jahren, als das Internetzeitalter gerade erst begann, war die Absicht, die Kommunikation und Datenverbreitung mit Hilfe digitaler Medien einfacher zu gestalten. Aus dem „einfacher gestalten“ hat sich jedoch eine Geschwindigkeit in der Kommunikation entwickelt, die mittlerweile in hohem Grade bedenklich, um nicht zu sagen gesundheits- und sozialschädlich geworden ist. Die ursprüngliche Idee, Informationen effizient auszutauschen, um das Leben einfacher zu machen und die Menschen zu entlasten, ist abhanden gekommen. Stattdessen hat sich ein E-Mail Wahnsinn und Sozialer-Media-Dauer-Kontakt-Stress entwickelt. Das ist nicht gut und nicht schlecht, es produziert jedoch gewisse Resultate.

Viele Menschen sind mittlerweile zu regelrechten Sklaven der modernen Kommunikation geworden bzw. machen sich selbst zu Sklaven und können nicht  mehr ohne Smartphone oder Laptop sein. Aus Zeitersparnis ist Zeitstress geworden. Es wird gemailt, gechattet, gepostet und geskypt. Dank Internet, E-Mail und Smartphone ist heute fast jeder Mensch jederzeit verfügbar. Der Informationsaustausch hat sich massiv verdichtet und die elektronischen Medien werden in einem Ausmaß genutzt, sodass der Einzelne eigentlich weniger Zeit hat als vorher. Kürzlich kam ein Mann von einer 4-wöchigen Burnout-Kur zurück und sollte einige Tage später wieder seinem gewohnten Job in einer Firma nachgehen. Er sagte: „Mir graut es jetzt schon. Wenn ich wieder in die Firma komme erwarten mich ca. 1200 E-Mails. Wenn ich die alle bearbeiten soll, bin ich gleich wieder reif für die nächste Kur.“

Gerade weil es so leicht ist, eben schnell eine E-Mail oder WhatsApp zu schicken, ist es genauso einfach, zahlreiche Leute mit in Kopie zu setzen. Insbesondere in streng hierarchischen Gefügen - wie die meisten modernen Unternehmen es sind - ist es üblich, dass die Wichtigkeit und der Stellenwert einer Person daran gemessen wird, ob sie mit in einem E-Mail Verteiler ist, oder nicht bzw. an welcher Stelle im Verteiler sie genannt wird. Ein anderes Phänomen ist, dass E-Mails in großem Stil genutzt werden, um sicherzustellen „eine saubere Weste“ zu haben und alles schriftlich abzusichern, sodass es hinterher keinen Konflikt gibt oder ein Kollege bzw. Kunde behauptet, es sei alles ganz anders vereinbart gewesen. Sehr beliebt sind auch jene E-Mails, die eine Ping-Pong Konversation zwischen zwei Personen darstellen, jedoch ein Verteiler von weiteren 20 Personen mit eingebunden wird, damit auch ja alle mitbekommen, wer nun wie auf welche Äußerung reagiert. Eine weitere, sehr clevere Strategie besteht darin, sich über E-Mails ins rechte Licht zu rücken. Kürzlich erwähnte ein Geschäftsführer einer kleinen Firma beispielsweise, dass er am Abend E-Mails vorbereitet und diese dann früh morgens um 6:30 Uhr – wenn sein Wecker klingelt - losschickt. So denken die Kollegen, er sei extrem geschäftig und fleißig und schon so früh am Arbeiten.

Nicht nur die Nachrichten-Flut ist ein Problem. Vielfach steht mit dem Versand von Nachrichten auch stillschweigend die Erwartung im Raum, dass die andere Person sofort antwortet. Schließlich leben wir doch im elektronischen Zeitalter, wo jeder jederzeit erreichbar ist. Es macht sich oftmals sogar Groll breit, wenn eine Person nicht umgehend eine Antwort schickt. Die Erwartung hat sich in zahlreichen Firmen mittlerweile dahingehend ausgeweitet, dass Mitarbeiter selbst im Urlaub erreichbar sein müssen oder zumindest nach ihrer Rückkehr alle E-Mails innerhalb von 2 Tagen beantwortet haben müssen. Um eine Nachrichten Flut nach dem Urlaub zu verhindern, nehmen viele Menschen es sogar freiwillig in Kauf, den Laptop und das Smartphone auch im Urlaub stets parat zu haben. In diesem Fall wird der Status mittlerweile nicht selten daran gemessen, wie oft jemand im Urlaub von den Kollegen kontaktiert wird. Denn wer im Urlaub kontaktiert wird, der muss so wichtig sein, dass er unabkömmlich ist.

Und genau das ist der Teufelskreis: Wer viele Nachrichten bekommt und schickt und permanent erreichbar ist, scheint wichtig zu sein, ergo bekommt er von seinen Mitmenschen Anerkennung und Aufmerksamkeit. Wer dann auch noch gestresst aussieht und entsprechend gestresst reagiert, bekommt in der Regel noch mehr Aufmerksamkeit. Also ist es in der modernen Gesellschaft schon erstrebenswert geworden, möglichst gestresst zu sein. Also arbeiten viele Menschen noch mehr, schicken noch mehr E-Mails und posten noch mehr auf Facebook und Co., damit sie vermeintliche Aufmerksamkeit erhalten. Und – das nur am Rande - erst, wenn jemand gestresst ist, ist es „erlaubt“ krank zu werden und eine Pause einzulegen. Wenn Sie einmal hinter die Fassade schauen, geht es jedoch schlichtweg um Angst; die Angst nicht anerkannt zu sein, nicht gesehen zu werden. Und wenn Sie es ganz herunter brechen geht es letztendlich darum, keine Liebe zu bekommen und nicht dazu zu gehören. Drastisch ausgedrückt könnte man sagen, dahinter steckt die Angst zu sterben, denn das ist genau das, was früher passierte, wenn wir Menschen nicht zu einem Stamm gehörten und von Stammesbrüdern- und Schwestern umgeben waren.

Es dreht sich immer wieder um die Themen Aufmerksamkeit, Anerkennung, Wertschätzung, Liebe und Teil von etwas zu sein. Es ist ein Urinstinkt, dazu zu gehören.

Das Gefühl wichtig zu sein und Aufmerksamkeit zu bekommen, indem eine Person über email oder Soziale Medien mit ganz vielen anderen Menschen permanent in Kontakt steht und verfügbar ist, ist jedoch eine Illusion. Es ist eine Illusion, da echte Nähe und Kontakt vermieden werden. Die persönliche, nährende und erfüllende Zeit mit anderen Menschen geht verloren. Zwar haben viele Menschen dank der Sozialen Medien den Eindruck, mit ganz vielen anderen Menschen in Kontakt zu sein, doch welche Art Kontakt ist das? Ob im Business Leben oder im Privatleben, in Meetings oder abends im Restaurant, die Menschen daddeln eher an ihren Laptops und Smartphones herum, anstatt tatsächlich mit den Menschen, die ihnen gegenüber sitzen, in Kontakt zu sein. Ein elektronischer Kontakt kann den direkten persönlichen Kontakt jedoch nicht ersetzen. Kein Wunder also, dass sich mehr und mehr Menschen nicht nur im Job sondern grundsätzlich im Leben abgeschnitten fühlen. So groß der Nutzen der elektronischen Kommunikation auch ist, so bringt sie uns doch mehr und mehr weg von uns selbst, den anderen Menschen und der Erde.

Und nun? Wie soll es weitergehen?

Überlegen Sie einmal: früher hat ein Brief eine Woche gebraucht, bis er beim Empfänger war. Die Zeiten waren wesentlich ruhiger, langsamer, die Menschen haben mehr miteinander gesprochen und Zeit verbracht. Das soll kein Plädoyer für das Abschaffen elektronischer Kommunikation sein. Es ist jedoch lohnenswert, sich bewusst zwei Fragen zu stellen: 

1.    Was ist Ihre wahre Absicht bei der elektronischen Kommunikation via E-Mail und Smartphone und 

2.    welches Gefühl stellt sich ein, bei dem Gedanken, dass Sie diese drastisch reduzieren würden oder Ihnen elektronische Medien nicht mehr zur Verfügung stünden?

Zwei häufige Antworten lauten:

  • Wenn ich die elektronische Kommunikation drastisch reduzieren würde, hätte ich Angst, nicht mehr wichtig zu sein, etwas zu verpassen bzw. nicht mehr dazu zu gehören.

  • Ich hätte Angst, dass die anderen ein Problem haben könnten, wenn sie von mir keine  bzw. nicht sofort eine Nachricht erhalten und ich möglicherweise als nicht professionell oder vertrauenswürdig erachtet werde.


Um den psychischen Erkrankungen und der oberflächliche Schnelligkeit und Beliebigkeit entgegenzuwirken, könnte eine neue Art des Arbeitens in Firmen eine massive Entschleunigung und eine Neuausrichtung auf echtes Miteinander beinhalten. Echtes Miteinander im Sinne von physisch, direkt, persönlich, authentisch verletzlich. Interessanterweise macht genau das vielen Menschen Angst, obwohl sie gleichzeitig eine tiefe Sehnsucht danach in sich tragen; die Sehnsucht in Kontakt und authentisch menschlich miteinander zu sein. Es ist vordergründig natürlich leichter, eben schnell eine E-Mail oder WhatsApp zu schreiben, als jemanden anzurufen oder gar bei der Person persönlich vorbeizuschauen, zumal Sie sich nicht direkt der Reaktion des Gegenübers stellen müssen. Das Paradoxe daran ist jedoch, dass E-Mail, WhatsApp und Posts viel mehr Raum für Missverständnisse und Konflikte lassen, als eine persönliche Unterhaltung von Auge zu Auge. Zudem findet nährende Verbindung nicht statt. Und ja, tatsächliche Nähe und Verbindung untereinander kann beängstigend sein, denn wenn Sie das zulassen, kann es sehr schnell passieren, dass Ihr Gegenüber Sie tatsächlich sieht und Ihre Seins-Qualitäten wertschätzt. Doch Angst ist nur Angst, eine wunderbare Gefühlskraft, die – anstatt Sie zu blockieren oder zu lähmen (alte Sichtweise in unserer Gesellschaft) – ein wunderbarer Wegweiser sein kann, dass Sie in Bezug auf authentischen, persönlichen Kontakt neues Gebiet betreten und das Experiment wagen, aus der elektronischen Schnelllebigkeit auszusteigen.

Der ein oder die andere mag jetzt sagen: „Ja, aber das geht ja nicht so einfach. Mein ganzes Umfeld ist ja auf schnelle Kommunikation ausgerichtet.“ Ja, und die Frage ist, sind SIE bereit auszusteigen. Sind Sie bereit, mehr Menschlichkeit zurück in die Arbeitswelt zu bringen, den Fokus auf authentisch menschliche Verbindung zu legen und die Kommunikation zugunsten der Qualität und des Wohlbefindens des gesamten Teams zu entzerren und zu entschleunigen?

An dieser Stelle ist eine Unterscheidung zum sogenannten Problembesitztum hilfreich. Oftmals entscheiden wir uns nicht, Dinge zu verändern oder eine Grenze zu setzen (z. B. bei zu viel Arbeit oder bei oberflächlichen Gesprächen), weil wir meinen, die andere Person könnte damit ein Problem haben. Lassen Sie uns daher kurz schauen, was es mit dem Problembesitztum auf sich hat.

Wie die unten stehende Landkarte zeigt, gibt es nur 3 Möglichkeiten bei der Frage, wer ein Problem haben kann:


1.    Ich habe ein Problem
Wenn Sie ein Problem haben, dann können Sie damit tun und lassen, was Sie wollen. Sie können es behalten, es ausschmücken und größer machen, es liegenlassen, es verdrängen oder es einfach lösen. Es ist Ihr Problem.

2.    Der andere hat ein Problem
Wenn eine andere Person ein Problem hat, dann lassen Sie sie bitte ihr Problem haben. Sie hat hart dafür gearbeitet, dieses Problem zu haben. Wenn Sie nun hergehen und das Problem der anderen Person lösen, dann muss Sie sich ein neues Problem suchen, um das zu lernen, was sie zu lernen hat. Zudem schaden Sie sich eher selbst, denn Sie laden sich ein Problem auf, das nicht Ihr Problem ist und bekommen möglicherweise Schwierigkeiten gesundheitlicher oder welcher Art auch immer.

Spannend wird es nun bei der dritten Option. Man könnte annehmen, dass die dritte Option beim Problembesitztum lautet „Wir haben ein Problem“. Doch mal ehrlich, wenn Sie in einer Besprechung oder zuhause sagen „Ja, dann müssen wir das mal machen.“, wer macht es dann? Richtig, niemand macht es. Das liegt daran, dass es kein WIR gibt, wenn es um Verantwortung geht. Entweder Sie haben ein Problem oder der andere hat ein Problem. Es kann durchaus sein, dass sie beide das gleiche Problem haben, doch jeder kann nur seinen Teil der Verantwortung tragen und seinen Beitrag zur Lösung. Somit scheidet die Option „Wir haben ein Problem“ aus.

Die dritte Option ist so naheliegend wir fern:

3.    Es gibt kein Problem
Können Sie sich das vorstellen? Es gibt kein Problem? Das ist die Zeit des sogenannten grundlegenden Gutseins, in der es darum geht, die Zeit miteinander zu genießen. Allerdings gibt es einen Teil in uns – unser sogenannter Gremlin, d. h. der innere Schweinehund oder Schattenanteil in jedem Menschen – der das nur schwer aushalten kann, denn wenn es kein Problem gibt, wird echte authentische Begegnung möglich. Deswegen ist dieser Gremlin Teil sehr clever darin, in Lichtgeschwindigkeit ein neues Problem zu erfinden und wenn es das Problem ist, dass noch 15 E-Mails und 5 WhatsApp Nachrichten unbeantwortet sind.

Wessen Problem ist es also, wenn Sie aus der Hochgeschwindigkeit der elektronischen Kommunikation ein stückweit aussteigen und Ihr Umfeld zunächst irritiert ist, dass Sie nicht mehr jederzeit verfügbar oder online sind?



Ziehen Sie einmal in Betracht, dass im Kontext von Next Culture Work – einer neuen Art des Arbeitens - diejenigen ein Vorbild sind, die genau das tun: zu entschleunigen und wieder miteinander in authentischen Kontakt zu treten. Wenn Sie sich entscheiden, vom Sklaven der Kommunikation zum Erschaffer von Miteinander zu werden, wird das Ihren Kollegen – oder auch den Menschen in Ihrem Privatleben – auffallen. Wenn die Beziehungen und Begegnungen nicht mehr der Alltagshektik und -logistik zum Opfer fallen, werden die Menschen, mit denen Sie in Kontakt treten, genährt und Sie selbst zugleich auch.

Geben Sie dem folgenden Gedanken einmal 1% Chance: Das, was Sie unterschwellig den Kollegen und Mitmenschen kommunizieren, wenn Sie sich bewusst für ein neues Spiel entscheiden, ist Ich achte auf mich! Wenn Sie sich die Freiheit nehmen, sich auszuklinken, hat das sehr viel mit Selbst-Respekt zu tun. Sie kommunizieren, dass Sie sich selbst und ihre Gesundheit Ihnen mehr wert sind, als die Arbeit, die Schnelllebigkeit und die weit verbreitete Beliebigkeit elektronischer Kommunikation. Sie rücken in dem Moment den Wert des Menschen wieder in den Mittelpunkt und werden damit zu einer Leitfigur, einem Edgeworker, der sich auf menschliche Werte besinnt.

In einem neuen Kontext des humanen Wirtschaftens hätte das authentische, verletzliche Miteinander wieder einen hohen Stellenwert und dafür braucht es mutige Menschen, die bereit sind, voranzugehen. Es braucht Edgeworker, die die Notwendigkeit erkennen, das derzeitige Muster der Kommunikations- und damit Reizüberflutung zu durchbrechen und sich wieder auf die entscheidenden Faktoren von Menschlichkeit, Herzlichkeit, Verbindung, Kontakt, Authentizität, Liebe, Wertschätzung und Miteinander sein zu besinnen.  
 
Experiment 1:
Bitten Sie in Ihren Besprechungen die Kollegen, Laptops und Smartphones auszumachen bzw. gar nicht erst zum Meeting mitzubringen. Einige werden möglicherweise protestieren, denn schließlich haben doch alle so viel zu tun. Seien Sie einfach klar in Ihrem vorhaben. Einige Kollegen werden dann möglicherweise nicht kommen, doch die Kollegen, die kommen, sind letztendlich jene, die verpflichtet sind, zu 100% ihre Aufmerksamkeit auf das konstruktive Miteinander des Teams zu legen. Lassen Sie sich überraschen, wie anders das Meeting verläuft.

Experiment 2:
Koppeln Sie sich in der Mittagspause für 1 Stunde von jeglicher elektronischen Kommunikation ab und gehen Sie authentisch in Kontakt mit Ihren Kollegen. Versuchen Sie, nicht über den Job zu sprechen.

Experiment 3:
Beginnen Sie damit, das kommende Wochenende ohne jeglichen elektronischen Kommunikationsmedien zu verbringen. Das ist Teil der Heilung der sogenannten Technopenuriaphobie (Angst vor dem Verlust der Technik) und der Rückverbindung mit der Erde. Schalten Sie das Smartphone aus, lassen Sie den Laptop zu, surfen Sie weder im Internet, noch beantworten Sie E-Mails oder WhatsApp Nachrichten. Schalten Sie am besten Ihr Telefon komplett aus. Es könnte sein, dass Ihr Verstand am ersten Tag halb durchdreht und die ganze Zeit meint, Sie könnten etwas verpassen. Lassen Sie den Verstand plappern und hören Sie nicht auf ihn. Schon am 2. Tag werden Sie merken, wie die Stimmen weniger werden. Weiten Sie dieses Experiment dann z. B. auf 1 bis 2 Wochen in Ihrem nächsten Urlaub aus.

Nutzen Sie dann die frei gewordene Zeit, um bewusst in tieferen Kontakt mit einem Menschen aus Ihrem Umfeld zu gehen.


Der Mann aus dem zu Anfang genannten Beispiel, dem es vor den 1200 E-Mails grauste, tat auf den humorvollen Ratschlag eines Freundes hin übrigens folgendes: Er ging am ersten Tag wieder in die Firma und löschte ALLE E-Mails ungelesen. Er hatte sehr viel Angst bei diesem waghalsigen Experiment und hatte die schlimmsten Befürchtungen. Und was passierte? … NICHTS!!! Rein gar nichts! Diejenigen Kollegen, die dringend etwas von ihm benötigten, schickten erneut eine E-Mail und wenn ihm eine wichtige Information fehlte, bat er die Kollegen entsprechend um nochmalige Zustellung der E-Mail. Ihm war es wichtiger, mit den Kollegen in Kontakt zu sein, als der Illusion von Wichtigkeit und Aufmerksamkeit gemessen an der E-Mail Anzahl zu erliegen, die ihn wieder in den Burnout geführt hätte.

Sind Sie bereit aus der Informations-Flut auszusteigen und wieder mehr Zeit für authentisches Miteinander zu schaffen?

Beste Grüße, 
Nicola Nagel


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