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Montag, 11. April 2016

NEXT CULTURE WORK: Stärke durch Verletzlichkeit



Ein Irrglaube, der sich über Jahrzehnte etabliert hat und heute in der Wirtschaf fast durchgängig noch ein gelebt wird lautet: Verletzlichkeit ist unprofessionell. Wer im Business Leben bestehen und die Karriereleiter weiter nach oben klettern möchte, braucht stattdessen einen gewissen Drall, eine Art Härte, Unverfrorenheit, Abgebrühtheit und muss - wie es gerne heutzutage genannt wird - resilient sein. Resilient bedeutet nichts anderes, als in der Lage zu sein, dem Stress und Druck im Job standzuhalten.

Es gibt unzählige Trainings, die genaue Methoden anbieten, wie Sie Stress noch besser in den Griff bekommen und aufkommende Gefühle wie Angst oder Wut in Schach halten können. Schließlich geht es im Job um Leistung, tagein tagaus. Wen wundert es da, dass sich morgens an den Eingangstüren der Firmen fast durchgängig das gleiche Spiel abspielt: Viele Mitarbeiter hängen bildlich gesprochen ihr Herz an der Eingangstür an einen Garderobenständer, setzen ihre Business Maske auf und ziehen ihren Kampfhelm an. Sie schalten regelrecht in einen anderen Modus, wechseln die Identität, was sich für viele symbolisch in der Kleidung darstellt und widmen sich voll und ganz logischen Tatsachen, Argumenten, langweiligen Meetings, Ablaufplänen und Vorgaben, um vermeintlich professionell den Tag zu bestehen. Doch professionell gegenüber wem? In der Regel gegenüber anderen Menschen, die gleichermaßen eine Business Maske tragen. Ist das nicht eine Farce?

Diese Business Maske ist nicht gut und nicht schlecht. Sie ist einfach eine wohlbekannte, meist übernommene oder individuell angepasste Schutz- bzw. Überlebens-Strategie, um im Dschungel der Fakten, Zahlen, Gewinne, Ziele, Leistungsbewertungen und begrenzten Karriereposten zu bestehen. Was jedoch dabei komplett auf der Strecke bleibt, ist die Authentizität und die Menschlichkeit. Sicherlich gibt es in vielen Firmen unter Kollegen auch herzliche Kontakte; für viele die letzte Rettung, um im Alltag überhaupt durchzuhalten in einem Job, den die wenigsten aus Leidenschaft machen. Gleichzeitig wird jedoch immer offensichtlicher, dass sich die Zeiten der kühlen, professionellen Business Maske dem Ende neigen. Die steigenden Raten für Burnout und andere psychosomatische Krankheiten sind nur ein Zeichen dafür, dass die Menschen am Anschlag sind und es höchste Zeit für einen Wandel ist. (Als Hintergrund-Information: Gemäß dem deutschen Fehlzeitenreport 2015 hat sich die Burnout-Rate zwischen 2005 und 2014 versiebenfacht. 13 Millionen Arbeitnehmer in Deutschland sind nach Schätzungen von Gesundheitsexperten und Krankenkassen von Burnout betroffen. Arbeitsunfähigkeitstage wegen psychischen Erkrankungen haben im Zeitraum von 1997 bis 2012 um 260 Prozent zugenommen, während körperliche Erkrankungen und Verletzungen als Ursache von Arbeitsunfähigkeitstagen stabil geblieben sind. Bereits jeder fünfte Arbeitnehmer leidet unter gesundheitlichen Stressfolgen – von Schlafstörungen bis zum Herzinfarkt. Quelle: „Deutscher Fehlzeitenreport“ und „TK Gesundheitsreport & KKH-Allianz & WHO & Stressreport Deutschland“)

Das Modell des Menschen als funktionierende Maschine funktioniert nicht mehr. Doch was nun? Die Art des Miteinanders in Firmen könnte in Zukunft ganz anders aussehen. Eine Rückbesinnung auf Werte wie Menschlichkeit und Authentizität ist ein wesentlicher Teilaspekt dessen. Doch um dort hinzugelangen, ist es notwendig, dass mit dem eingangs erwähnten Irrglauben – Verletzlichkeit ist unprofessionell – aufgeräumt wird.

An dieser Stelle ist es sinnvoll einmal zu betrachten, was Verletzlichkeit im Job überhaupt bedeutet bzw. wie Verletzlichkeit dort belegt ist.

Verletzlichkeit – Alte Sicht
Verletzlichkeit – Neue Sicht
Ein Zeichen von Schwäche
Ein Zeichen von Stärke
Ich bin angreifbar
Authentisch
Unprofessionell
Wärme, Herzlichkeit, Miteinander
Destruktive Gefühlsausbrüche
Gefühle verantwortlich und bewusst nutzen
Ich habe mich nicht im Griff
Ich besitze meine Gefühle
Rückzug
Schafft neue Räume von Miteinander
Ich muss mich um jeden Preis schützen
Ich kann mit bewusster Wutkraft Grenzen setzen, wenn ich mich verletzlich zeige
Zu weich für den Job
Menschlich, nahbar
Empfindlichkeit
Feinspürig
Nicht belastbar
„Gesund“ belastbar (resilient in einem neuen Kontext)
Nicht entscheidungsfähig
Entscheidungsfähig
Sensibel
Klar, mitfühlend
Besser nicht aussprechen
Eröffnet eine neue Art der Kommunikation
Trennung im Team. Leute, die sich verletzlich zeigen, sind schnell Außenseiter, werden als Last gesehen.
Nachhaltige Team-Bindung
Aus dem Kontakt gehen
In aufrichtigem Kontakt sein

Wie in dieser Gegenüberstellung bereits ersichtlich ist, wird Verletzlichkeit vielfach in Verbindung mit Gefühlen gesehen, und da beginnt der Teufelskreis. Lassen Sie uns daher das Thema Gefühle kurz betrachten.

Die Haltung der modernen Gesellschaft in Bezug auf Gefühle basiert auf der Annahme, dass Gefühle nicht okay sind – grundsätzlich und erst recht nicht im Job. Wer Gefühle im Job zeigt, gilt als schwach, unprofessionell und nicht resilient. Insgesamt gibt es vier große Gefühlsterritorien, die unterschieden werden können: Wut, Traurigkeit, Angst und Freude. Es gibt noch weitere Begriffe für Gefühle, die jedoch häufig zu einem der großen Territorien gehören (z. B. gehört Nervosität  in das Territorium der Angst, während Groll in das Territorium der Wut gehört) oder aber eine Vermischung von Gefühlen darstellen.

Unter der Annahme, dass Gefühle nicht okay sind, ist es somit nicht verwunderlich, dass die meisten Menschen vermeintliche Resilienz beweisen, indem sie die Gefühle irgendwie unterdrücken, runterschlucken und betäuben. Doch anstatt tatsächlicher Resilienz, also Widerstandskraft gegen Stress, werden sie immer schwächer, landen im Burnout oder haben andere psychosomatische Krankheiten (ziehen Sie einmal in Betracht, dass diese Krankheiten eine Vermischung von unbewussten, unausgedrückten Gefühlen über einen sehr langen Zeitraum sein können). Resilienz bedeutet in unserer Gesellschaft und Business Welt, die Taubheitsschwelle (also die Schwelle bei der Sie ein Gefühl überhaupt fühlen) möglichst hoch zu halten, beispielsweise durch Essen, Fernsehen, exzessiven Sport, Internet, Social Media, Shoppen, Alkohol, Zigaretten und sonstige Drogen. Gefühle, die jedoch nur betäubt werden und keinen bewussten Ausdruck finden, schlagen sich langfristig auf die Gesundheit nieder.

Die folgende Grafik zeigt, warum es unter der oben genannten, gängigen Annahme, nicht okay ist, das jeweilige Gefühl zu fühlen:

 
Das Problem ist an dieser Stelle möglicherweise die Lösung. Wie wäre es, wenn die Lösung darin läge, eine neue Perspektive auf Gefühle einzunehmen und die Taubheitsschwelle bewusst herabzusetzen während Sie Ihre Gefühle und die darin liegende Kraft wieder bewusst und verantwortlich in Besitz nehmen? Eine neue Sichtweise in Bezug auf Gefühle basiert auf der Annahme, dass Gefühle neutrale Energie und Information sind, die Ihnen dienen, sowohl privat, als auch im Job. Sie sind wie ein inneres Navigationssystem, dass Sie zielsicher durchs Leben leitet. Wenn Sie diese neue Annahme treffen, wie könnten Ihnen die Gefühle dann als neutrale Energie und Information dienen?


Beachten Sie bei dieser neuen Landkarte, dass insbesondere die Traurigkeit Ihnen dazu dient, verletzlich zu sein, authentisch in Verbindung mit anderen Menschen zu treten und empathisch zu sein. Soll es also wieder authentisch menschlich in den Unternehmen werden, ist es unabdingbar, die Kraft der Traurigkeit wieder in Besitz zu nehmen und bewusst zu nutzen.

Die Energie und Kraft der Gefühle wieder bewusst in Besitz zu nehmen, erfordert einen geschützten Trainingsraum. Es geht dabei nicht um Katharsis, die dazu dient, die Gefühle im Wald einfach raus zu lassen, um sie loszuwerden. Bei der bewussten Inbesitznahme Ihrer Gefühle geht es vielmehr um Kathexis, d. h., die Gefühle bewusst bis zu einem Maximum von 100% im Körper zu fühlen und die körperliche Erfahrung zu machen, dass Sie größer sind als das jeweilige Gefühl. Daraus entwickelt sich eine Stärke, die Ihnen niemand nehmen kann. Sie aktivieren wieder Ihr inneres Navigationssystem und können es anschließend nutzen, indem Sie klar und bewusst die Energie und Information eines jeden Gefühls anzapfen, sobald es auftaucht und dann beispielsweise in der Firma bei Ihren Kollegen konkret für Klarheit sorgen.

Der Gedanke, die Gefühle dann auch tatsächlich im Job wieder einzubringen und zu nutzen, mag für einige beängstigend klingen. Schließlich haben viele Mitarbeiter und Kollegen möglicherweise jahrelang alles dafür getan, um die Gefühle zu deckeln und sie nicht zu äußern.

Doch ziehen Sie einmal folgendes in Betracht:
Die Erde braucht dringend Menschen, die Zugang zu eben dieser inneren Gefühlskraft haben, um mehr und mehr Menschlichkeit und Authentizität zurück ins Leben und in die Business Welt zu bringen,  eine andere Art von Arbeit ermöglichen, eine andere Art von Miteinander und eine andere Art von Umgang mit der Erde. Die Erde braucht Menschen, die wieder bewusst fühlen können.

Gefühlskalte, knallharte, auf Konkurrenz gepolte, selbstgemachte Psychopathen, die auf der Hierarchie-Karriereleiter immer weiter nach oben steigen und die Dollarzeichen oder eine bestimmte Position im Auge haben, hatten wir nun lange genug. Das ist keine Wertung. Selbstgemachte Psychopathen, sind Menschen, die ihre Gefühle abgeschaltet haben, um im patriarchischen Kontext überleben und möglichst weit nach oben zu kommen, um im herkömmlichen Sinne vermeintlich erfolgreich zu sein. Wie eingangs erwähnt, funktioniert dieses Spiel jedoch nicht mehr. Es hat Resultate produziert, die die Menschen und die Erde krank machen. Die meisten Menschen sehnen sich nach authentischem Kontakt und danach, dass sie sich so zeigen können, wie sie sind, ohne Angst haben zu müssen, dafür ausgegrenzt oder abgewertet zu werden. 

Verletzlichkeit im neuen Sinne ist eine unglaubliche Stärke, eine Ressource, die Sie nutzen können, um eine neue Bewegung und letztendlich einen neuen Kontext in dem Unternehmen, in dem Sie arbeiten, zu etablieren. Sie können beginnen einen Kontext von Authentizität, aufrichtigem Kontakt, Liebe und kreativer Kollaboration aufzubauen. Logik und Härte konnten die bisherigen Führungskräfte und zielorientierten Kollegen im Business Kontext handhaben. Das kennen sie und haben sie jahrelang praktiziert. Sie sind grandios darin, Positionen zu verfechten und durch messerscharfe Argumente oder Vorgaben, andere in Schach zu halten.

Verletzlichkeit im neuen Sinne (also inklusive der verantwortlichen Erschließung der bewussten Gefühlskraft und Nutzung der Traurigkeit) können diese Business Leute nicht handhaben. Ab sofort haben Sie also eine neue Wahl: Sie können entweder das alte Spiel weiter spielen, oder Sie können eine neue Bewegung in Ihrer Firma starten, indem Sie sich verletzlich zeigen und authentisch sind und dadurch führen. Sogenannte Edgeworker – also Personen, die bereit sind, eine neue Richtung in einer Firma einzuschlagen, egal auf welcher Ebene – sind authentisch, menschlich, nahbar und Teil des Teams. Sie teilen authentisch mit, was sie gerade wahrnehmen und vertrauen ihrer Gefühlskraft, um Klarheit im Team und in der Firma zu schaffen. Im alten Sinne wären Sie verletzlich, wenn Sie Gefühle teilen oder zum Einsatz bringen, insbesondere Traurigkeit oder Angst. Sie wären angreifbar. Sobald Sie jedoch Ihre Gefühlskraft erschließen, haben Sie – selbst wenn Sie sich authentisch und verletzlich mitteilen – die Möglichkeit, sich jederzeit durch die Nutzung Ihrer bewussten Wutkraft zu schützen, indem Sie beispielsweise klare Grenzen setzen. Das eine bedingt also das andere. Mit bewusster, verantwortlicher Wut als Ressource im Hintergrund können Sie sich jederzeit verletzlich zeigen (indem Sie bewusst die Kraft der Traurigkeit nutzen).

Wie können Sie erste Schritte in Richtung mehr Verletzlichkeit und Authentizität unternehmen?

Eine Möglichkeit besteht darin, sich in den nächsten Tagen bewusst zu machen, was sie fühlen, wenn Sie beispielsweise in Besprechungen mit Kollegen sind. Beginnen Sie, sich selbst zu beobachten. Was fühlen Sie? Wann halten Sie sich zurück, obwohl Sie einen ganz klaren Impuls verspüren, dass etwas im Team nicht stimmig ist oder eine Entscheidung getroffen wird, die Sie nicht mittragen können? Beginnen Sie dann bei kleineren Gelegenheiten zu äußern, wie Sie sich fühlen. Sich verletzlicher zu zeigen beginnt mit der klaren Kommunikation „Ich fühle mich wütend/ängstlich/traurig/froh…, weil…“ Probieren Sie dies zunächst einmal in Ihrem Team. Wenn Sie voran gehen in der Kommunikation und in der Art, wie Sie sich verletzlich zeigen, ermutigen Sie dadurch automatisch die anderen, sich auch verletzlicher zu zeigen. Sie wünschen sich ein anderes Miteinander im Arbeitsumfeld oder haben die Vision einer völlig anderen Zusammenarbeit? Warten Sie nicht darauf, dass andere beginnen. Der Job liegt auf Ihrem Tisch. Gehen Sie den ersten Schritt. Die Erde und die Menschen brauchen mutige Pioniere, die bereit sind, diesen neuen Weg in Richtung Menschlichkeit einzuschlagen und sich für eine andere Spielwelt zu entscheiden. Sie können solch ein Pionier sein. Sind Sie dabei?

Herzliche verletzliche Grüße,
Ihre Nicola Nagel

Tipp: Mehr zum Thema „New Work“ finden Sie im Buch „Edgeworker: Leadership war gestern – Es ist Zeit für die Führungs-(R)Evolution!“ von Nicola Nagel und Patrizia Servidio. Details zur Kraft der Gefühle und ihrem großartigen Nutzen finden Sie darüber hinaus im Buch „Die Kraft des bewussten Fühlens“ von Clinton Callahan.


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Mittwoch, 11. März 2015

Ehrlichkeit versus Aufrichtigkeit in Beziehung

Viele Menschen wünschen sich Ehrlichkeit in ihren Beziehungen zu ihrem Partner, zu Familie und Freunden. Doch es scheint, dass es den wenigsten gelingt, Ehrlichkeit durchgängig auf eine Art und Weise zu etablieren, die sie nährt. Das liegt daran, dass wir uns oftmals selbst betrügen, wenn es um das Thema Ehrlichkeit geht. Ehrlichkeit wird in unserer Gesellschaft mit bestimmten Eigenschaften verknüpft, die verhindern, dass wir in Beziehung tatsächlich ehrlich sind. Es ist eine veraltete Sichtweise, die uns davon abhält, authentisch in Beziehung zu sein und mitzuteilen, was wirklich in uns los ist, was wir fühlen und was unsere Bedürfnisse sind. Wir haben bestimmte Dinge über Ehrlichkeit gelernt, die verhindern, dass wir mit anderen Personen aufrichtig in Kontakt sein und verbindende Nähe zulassen können. Doch was genau ist die herkömmliche Sicht auf Ehrlichkeit?


Ehrlichkeit wird oftmals als verletzend, unhöflich und unbequem angesehen, denn Ehrlichkeit im alten Sinne impliziert, dass Sie ungefiltert sagen, was Sie denken. Das kann dazu führen, dass Sie einer Person mit Worten den Kopf abschlagen und Ihr Gremlin (der König Ihrer eigenen Unterwelt) hinterher sagt: „Aber ich war doch nur ehrlich!“ Das ist die Nummer vom Wolf im Schafspelz! In diesem Fall geben Sie vor, ehrlich die Wahrheit zu sagen, während Sie der anderen Person einen Dolch ins Herz jagst. Der Gremlin-Anteil in Ihnen agiert dann unbewusst und dient unverantwortlichen Schattenprinzipien, wie z. B. Zerstörung, Rache, Manipulation oder Rechthaberei. Seine Leibspeise ist es, Nähe, Vertrautheit und Beziehung zu zerstören und das Deckmäntelchen der Ehrlichkeit bietet sich da geradezu an. Dadurch bekommt Ehrlichkeit den Beigeschmack von Unberechenbarkeit und scheint gefährlich und hart auszuhalten zu sein. 

Ehrlichkeit kommt zudem meist aus dem Verstand und basiert auf Phrasen, Glaubenssätzen, Meinungen und einem Wertesystem. Bei Ehrlichkeit geht es häufig darum, was die andere Person gut oder schlecht bzw. richtig oder falsch macht bzw. was an ihrem Verhalten positiv oder negativ ist. Diese Bewertung an sich ist bereits ein Schattenprinzip und ebnet damit schnell den Weg für sogenanntes niederes Drama, in dem es um Rechthaben, Jammern und Besserwisserei geht. Oftmals ist die Person, die die Ehrlichkeit „abbekommt“ das Opfer und macht die Person, die die Dinge ehrlich ausspricht, zum Täter. Ehrlichkeit versucht zu wissen, zu verstehen, zu analysieren und wird vom Gegenüber oftmals als Kritik, Beschuldigung oder Verurteilung empfunden. Das liegt daran, dass in vermeintlich ehrlichen Gesprächen in der Regel Du-Botschaften benutzt werden, die von der anderen Person häufig als Angriff empfunden werden können. Der Fokus liegt auf der anderen Person („Du, was ich Dir immer schon mal sagen wollte…“) und nicht beim Sprecher. Ehrlichkeit wird dadurch nicht selten als manipulierend empfunden und als Versuch, die Dinge bzw. die andere Person zu kontrollieren oder zu ändern.

In speziellen Situationen wird Ehrlichkeit sogar als dumm und naiv angesehen. Denken Sie beispielsweise an die Situation im Supermarkt, wenn die Kassiererin sich zu Ihren Gunsten verrechnet hat. Weisen Sie die Kassiererin höflich darauf hin, dauert es meist nicht lange, bis Sie den Spruch hören „Wieso hast Du etwas gesagt? So blöd kann man doch nicht sein.“ Ehrlichkeit ist meist eng, limitiert und hat die Bedeutung „es ist okay, ehrlich zu sein, aber nicht zu ehrlich“. Wenn Sie beispielsweise zu ehrlich in Bezug auf sich selbst sind und persönliche Dinge von sich mitteilen, sind Sie schnell angreifbar. Überlegen Sie einmal, wie oft Sie auf die Frage „Wie geht es Dir?“ mit „Gut“ oder „Passt schon“ antworten, obwohl es in Ihnen ganz anders aussieht. Lieber schnell über die Frage hinweg gehen, als authentisch zu teilen, was gerade los ist, so lautet das Motto in der modernen Gesellschaft. Sicherlich spielt auch das Timing hier eine Rolle und die Bewusstheit darüber, in welchen Situationen es angemessen erscheint, aufrichtig zu teilen, wie es Ihnen geht. Doch gerade in privaten Situationen, wo wir so oft die Gelegenheit hätten, uns aufrichtig, authentisch mitzuteilen und Nähe herzustellen, tun wir es trotzdem nicht. Dafür gibt es einen guten Grund. Schließlich können Sie nicht wissen, wie der andere reagieren wird oder was  er denkt, wenn Sie ehrlich sagen, wie es Ihnen geht. Außerdem könnten Sie ja dem anderen womöglich zur Last fallen oder werden als „nicht zumutbar“ abgestempelt, abgesehen davon, dass die entstehende Nähe intensiv wäre. Ich erinnere mich an eine Begegnung vor vielen Jahren mit einem Kollegen, dem ich auf die Frage „Wie geht’s?“ antwortete „In mir ist ziemlich viel los.“ Allein diese Antwort hat ihn so erschreckt, dass er direkt das Weite suchte. Ehrlichkeit wird oft auch mit Schwere verbunden.

Die Gesellschaft hat die Menschen darin trainiert Masken zu tragen und nicht menschlich verletzlich zu sein. Ehrlichkeit bedeutet vielfach, nur so viel zu sagen, wie Sie die Dinge noch unter Kontrolle haben. Zu Beginn meiner Trainerzeit vor vielen Jahren habe ich zum Beispiel persönliche Dinge in den Trainings geteilt, doch nur bis zu einem bestimmten, aus heutiger Sicht eher oberflächlichen Grad. Damals hatte ich noch den Glaubenssatz, der so vehement in der Gesellschaft vertreten wird: „Nicht zu viel preis geben, denn das ist nicht professionell.“ Ehrlichkeit ist nur in dem Maße okay, wie Sie noch die Kontrolle darüber haben. Das bedeutet auch schnell, „einen Teil der Wahrheit zu verschweigen.“ So habe ich damals gedacht, ich dürfe nicht zu viel teilen, um die professionelle Trainerin sein und die Dinge (und mich) im Griff haben zu können.“ Diesen Satz kennen möglicherweise mehrere Leser aus ihrem eigenen Berufs- oder auch Privatleben, denn unsere Gesellschaft propagiert distanzierte Professionalität und Emotionslosigkeit. Wenn Sie etwas von sich preis geben, werden Sie verletzlich und angreifbar, so heißt es. Insgesamt scheint Ehrlichkeit also nicht sehr attraktiv zu sein.

Fakt ist jedoch, dass unsere Beziehungen mit dieser alten Sichtweise in Bezug auf Ehrlichkeit leiden und der Teil in uns, der sich nach Verbindung und authentischer Menschlichkeit sehnt, verhungert. Doch wie können wir diesem Teil Rechnung tragen und mehr Menschlichkeit und Verbundenheit in unseren Beziehungen zulassen? Es kann gelingen, indem wir eine neue Perspektive in Bezug auf Ehrlichkeit einnehmen.

Eine Möglichkeit wäre, das Wort Ehrlichkeit auf eine neue Ebene zu bringen und den Begriff „radikale Ehrlichkeit“ zu verwenden. Da das Wort Ehrlichkeit per se jedoch mit den oben genannten Eigenschaften belegt ist, ist es sinnvoll, für die neue Sichtweise ein anderes Wort zu gebrauchen: Aufrichtigkeit!
 
Es gibt einen großen Unterschied, ob Sie ehrlich oder aufrichtig in Beziehung sind. Aufrichtigkeit ermöglicht Ihnen, absolut authentisch menschlich zu sein und gleichzeitig respektvoll und integer mit der anderen Person in neue Gebiete Ihrer Beziehung vorzudringen. Wahre Aufrichtigkeit nährt Sie, Ihr Gegenüber und Ihre gemeinsame Beziehung. 

Aufrichtigkeit enthält keine Wertung sondern ist stattdessen neutral. Es geht, darum sich authentisch mitzuteilen und Unterscheidungen zu geben. Während Ehrlichkeit hauptsächlich aus dem Verstand kommt, entspringt Aufrichtigkeit dem Sein und bezieht alle vier Körper (physischen, intellektuellen, emotionalen und energetischen Körper) mit ein. 

Ein entscheidender Faktor in Bezug auf Aufrichtigkeit ist die Kommunikation über die Gefühle (emotionaler Körper), d. h. das authentische Teilen darüber, wie Sie sich gerade fühlen. Bereits da liegt jedoch der Hund begraben, da Gefühle in unserer Gesellschaft nach wie vor ein Tabu sind. Wir lernen nichts über Gefühle in der Schule und im Job erst recht nicht. Die gängige Meinung ist, dass Gefühle nicht okay sind. Wenn Sie Wut, Angst, Freude oder Traurigkeit – das sind die vier großen Gefühlsterritorien -  fühlen und zum Ausdruck bringen, gelten Sie schnell als unprofessionell und unreif. Wut wird z. B. als zerstörerisch, kindisch und unkontrolliert gesehen, während Traurigkeit schwach und jämmerlich ist, andere mit runterzieht und Sie als Heulsuse klassifiziert werden. Auch Angst ist zu vermeiden, denn sie blockiert, löst Panik aus, ist schwach und keine Eigenschaft einer gestandenen Person. Freude geht vielleicht gerade noch, doch wenn Sie den ganzen Tag grinsend im Büro sitzen, werden Sie auch gefragt, ob Sie etwas geraucht oder nicht genug Arbeit haben. Dann sind Sie plötzlich naiv, nicht ernst zu nehmen und albern. Kurzum, alle vier Gefühle sind nicht okay. Sie ehrlich zu zeigen ist nicht okay.

Mit dieser Annahme über Gefühle im Hintergrund ist es sehr leicht, ehrlich und doch nicht ehrlich zu sein. Sie können etwas mitteilen, aber eben doch nicht aufrichtig sein. Um Aufrichtigkeit in Beziehung zu leben, ist es notwendig, eine neue Sichtweise in Bezug auf Gefühle anzunehmen: Gefühle sind neutrale Energie und Information, die Ihnen im Leben dienen. Wut brauchen Sie z. B. um Grenzen zu setzen und Entscheidungen zu treffen. Traurigkeit dient Ihnen, um Herzensverbindungen zu anderen Menschen aufzubauen und auch altes loslassen zu können. Die Angst können Sie nutzen, um kreativ zu sein, Pläne zu machen und sich in unbekanntes Gebiet vorzuwagen und die Freude brauchen Sie, um z. B. andere zu begeistern, zu führen und Ihrer Vision zu folgen.

Wenn Sie aufrichtig sind, dann teilen Sie nicht nur mit, was Sie gedanklich beschäftigt (intellektueller Körper), sondern Sie teilen vor allem auch Ihre aktuellen Gefühle mit, indem Sie sagen „Ich fühle mich wütend / ängstlich / traurig / froh, weil…“. Dadurch bleiben Sie mit Ihrem Fokus nicht nur bei sich und vermeiden dadurch Du-Botschaften, sondern zeigen sich auch gleichzeitig verletzlich. Diese Verletzlichkeit öffnet wiederum den Raum für Nähe, Vertrautheit und Intimität.

Je aufrichtiger Sie zu sich selbst und anderen sind, desto sicherer und geborgener sind Sie. Das hört sich für das Ego (Ihre Box, Ihren Überlebensmechanismus, Ihre Identität) zunächst paradox und gefährlich an, weil das Ego in den Hintergrund tritt und seinen ursprünglichen Schutzmechanismus nicht mehr abspulen kann. Stattdessen lassen Sie die distanzierende, trennende Maske fallen, sodass Ihr Sein zum Vorschein kommen kann. 

Es bedarf Mut, aufrichtig zu sein, denn Aufrichtigkeit kommt aus dem Nichtwissen. Sie können nur aufrichtig sein, wenn Sie im Hier und Jetzt präsent sind und direkt erfahren und spüren, was gerade in Ihnen los ist. Aufrichtigkeit hat im Gegensatz zu Ehrlichkeit nichts mit einem Konzept zu tun. Sie machen keinen Plan, was Sie der anderen Person sagen werden, sondern schauen im jeweiligen Moment, was authentisch in Ihnen los ist und wie Sie Dinge wahrnehmen und fühlen.
Während Ehrlichkeit Beziehung schnell zerstören und damit unbewussten Schattenprinzipien dienen kann, hat Aufrichtigkeit die Absicht, Nähe, Vertrautheit und Verbindung zu schaffen und zu vertiefen. Damit dient Aufrichtigkeit sogenannten hellen Prinzipien (wie z. B. Liebe, Authentizität, Verbundenheit). 

Im Folgenden finden Sie eine Gegenüberstellung der unterschiedlichen Eigenschaften von Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit.

Ehrlichkeit (Alte Sichtweise)
Aufrichtigkeit (Neue Sichtweise)
·     Dumm. Naiv. Nicht hilfreich
·    Schafft Klarheit (ich fühle, ich brauche, Grenzen setzen)
·     Verletzend. Unhöflich. Unbequem
·    Respektvoll. Würdevoll. Integer
·     Sie sind angreifbar
·    Sie sind authentisch
·     Gefährlich
·    Nährend
·     Es geht um gut/schlecht, richtig/falsch, positiv/negativ
·   Wertfrei. Es geht um Mitteilen und Unterscheidungen
·    Versuchen zu wissen, zu erklären, zu verstehen, zu analysieren.
·    Kommt vom Nichtwissen – ist eine direkte Erfahrung
·     Basiert auf Phrasen, Glaubenssätze, Meinungen
·    Basiert auf Gefühlen im Hier und Jetzt
·    “Ich habe die Wahrheit. Jetzt sag ich Dir mal was“. Unberechenbar
·    Je aufrichtiger ich bin (zu mir selbst und anderen) desto sicherer bin ich
·    Manipulation auf Grund von Angst. Versuch, die Dinge zu kontrollieren
·    Werkzeug zum Navigieren und Raumhalten
·    Kommt aus dem Verstand
·    Kommt aus dem Herzen, der Seele und aus allen 4 Körpern
·     Ein Werkzeuge um Ihre Box zu schützen. Machtinstrument
·    Ein Werkzeug um Klarheit und Möglichkeit zu schaffen 
·     Oft unverantwortlich. Endet schnell in Niederem Drama
·    Verantwortlich. Aufmerksamkeit liegt auf Hohem Drama
·    Wird oft vom Gremlin initiiert („Ich war doch nur ehrlich…“)
·    Wird meist vom Sein initiiert
·    Wird oft als Kritik, Verurteilung oder Beschuldigung gesehen
·    Wertschätzung aus Liebe
·    Du-Botschaften (z. B. Du solltest…“)
·    Ich-Botschaften
·     Besserwisserei
·    Selbst-kritisch. Reflektierend. Innenschau
·     Hart auszuhalten
·    Bedarf Mut
·     Dient oftmals Schattenprinzipien
·    Dient einer bewussten, hellen Absicht
·     Kreiert Distanz. Trennt
·    Kreiert Offenheit und Verletzlichkeit
·     Zerstört Nähe und Vertrautheit
·    Öffnet einen Raum von Nähe und Vertrautheit
·     Zur Last fallen. Schwer
·    Schafft Verbindung
·     Ist eng und limitiert. Nur bis zu einem gewissen Grad okay, bis zu dem Sie die Kontrolle haben
·    Bedeutet Weite. Sich ganz zeigen
·     Nicht attraktiv
·     Sehr attraktiv

Die Sache ist die: Wenn Sie sich mehr Aufrichtigkeit und damit Nähe und Vertrautheit in Beziehung wünschen, ist es notwendig, dass Sie vorangehen. Wenn Sie darauf warten, dass Ihr Partner, Ihre Freunde, Kollegen oder Ihre Familie den ersten Schritt machen, dann sind Sie Opfer der Umstände. Wie können Sie den Schritt machen? Dazu folgendes Experiment.

Experiment:
SCHRITT 1:
Halten Sie einmal Rückschau und seien Sie radikal ehrlich und aufrichtig zu sich selbst, wenn Sie folgende Fragen beantworten.
  • Wann haben Sie durch vermeintliche Ehrlichkeit Nähe und Kontakt zerstört?
  • Wann haben Sie den Deckmantel der Ehrlichkeit genutzt, um jemandem einmal so richtig die Meinung zu sagen und ihn zu verletzen?
  • Wie oft meinen Sie, ehrlich zu sein, benutzen jedoch Du-Botschaften und sprechen über die andere Person, anstatt über sich selbst?
  • Wo, wann und mit wem hätten Sie viel mehr über sich selbst preis geben können, haben es aber nicht getan, aus Angst, dass die andere Person „komisch“ reagieren könnte? Oder aus Angst, dann nicht mehr als „professionell“ oder „normal“ zu gelten?

SCHRITT 2:
Lernen Sie folgenden Satz auswendig: „Ich fühle mich wütend/ängstlich/traurig/froh, weil…“. Entscheidend bei Aufrichtigkeit ist, dass Sie Ihre Gefühle kommunizieren. Wenn Sie beispielsweise Ihr Partner das nächste Mal fragt „Wie war Dein Tag heute?“ antworten Sie einmal authentisch aus Ihren Gefühlen heraus, z. B. so: „Ich fühle mich wütend, weil ich im Büro nur die Hälfte geschafft habe, von dem, was ich tun wollte. Und ich fühle mich traurig, weil ich eigentlich eher zuhause sein und mehr Zeit mit Dir verbringen wollte. Und ich habe Angst, dass bei Dir der Eindruck entstehen könnte, dass Du mir nicht wichtig bist.“ Das ist eine ganz andere Art von Antwort, als „Mein Tag? Nicht so berauschend. Und Deiner?“

Ja, Aufrichtigkeit erfordert Mut. Auch ich habe vor vielen Jahren neu lernen müssen, was es bedeutet, aufrichtig anstatt im herkömmlichen Sinne ehrlich zu sein und ich kann aus persönlicher Erfahrung sagen, es lohnt sich! Vielleicht haben Sie schon einmal den Satz gehört: „Mut ist die Entscheidung, dass etwas anderes wichtiger ist, als die Angst.“ In Bezug auf das Thema Aufrichtigkeit würde die Übersetzung dieses Satzes lauten: „Mut ist die Entscheidung, dass Nähe und Vertrautheit mit Ihrem Partner/Ihren Freunden/Ihren Kollegen durch aufrichtiges Sich-Mitteilen wichtiger sind, als die Angst vor diesem unbekannten Gebiet. Wenn Sie Angst spüren, eine neue Art von Aufrichtigkeit in Ihrer Beziehung zum Leben zu erwecken, so ist es angemessen, diese Angst zu fühlen, schließlich betreten Sie Neuland. Angst ist jedoch nur Angst, eines der 4 Grundgefühle. Sie können der Angst vertrauen und den Schritt ins Unbekannte, in das Nichtwissen machen. Unser Sein sehnt sich nach aufrichtiger, tiefer Verbindung, in der wir authentisch, menschlich, verletzlich sein können.

In diesem Sinne, viel Freude beim Experimentieren und aufrichtige Grüße,

Ihre Nicola Nagel


P. S. Buch-Tipp: „Die Kraft des bewussten Fühlens“ von Clinton Callahan.

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