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Mittwoch, 14. Juni 2017

NEXT CULTURE WORK: Stillstand oder Veränderung? - Die Herausforderung dem Alten zu entkommen.



Ein sehr bekanntes Sprichwort von Heraklit von Ephesus (etwa 540 - 480 v. Chr.) besagt: “Nichts ist so beständig wie der Wandel”. Sehr weise Worte, die immer noch ihre Gültigkeit haben. Dass wir in einer Zeit schnellen Wandels leben, in der die Herausforderungen immer größer werden, ist nicht mehr von der Hand zu weisen. Agilität, Flexibilität, Kreativität, Entwicklung und Weitsicht sind daher mittlerweile zu unabdingbaren Qualitäten geworden, die darüber entscheiden, ob Unternehmen in Zukunft tragfähig Bestand haben, oder nicht. Die weltweite New Work Bewegung zeigt deutlich, dass es an der Zeit ist, die Arbeitswelt und das Miteinander in Unternehmen zu verändern. Wie Frederic Laloux in seinem Bestseller Buch „Reinventing Organizations“ schreibt und belegt „Moderne Organisationen haben sensationellen Fortschritt für die Menschheit in weniger als zwei Jahrzehnten hervorgebracht. (…) Und trotzdem spüren viele Menschen, dass die derzeitige Art, wie wir Firmen führen, ausgereizt ist. Wir sind zunehmend desillusioniert von organisatorischem Leben. Umfragen berichten durchweg, dass Menschen am Fuße der Pyramide die Arbeit in den meisten Fällen grauenhaft und als Plagerei empfinden, nicht als Leidenschaft oder Absicht. (…) Und es ist nicht nur am Fuße der Pyramide (…) Das Leben an der Spitze der Pyramiden ist nicht sehr viel erfüllender.“

Um es mit den Worten von Gary Hamel (www.garyhamel.com) - einem der weltweit einflussreichsten und ikonoklastischsten Vordenkern im Business Bereich - zu sagen: „Instinktiv wissen wir, dass Management (im alten Sinne) überholt ist. Wir wissen, dass seine Rituale und Routinen etwas lächerlich im dämmernden Licht des 21. Jahrhunderts aussehen.“

Traditionelles Management – Bürokratie, überholte Rituale und Routinen
Wieso ist die Arbeit für die meisten Arbeitnehmer alles andere als erfüllend? Was sind die überholten Rituale und Routinen von denen Hamel spricht? In meinem Artikel „Gibt es hierarchielose Unternehmen tatsächlich? – Klarheit über einen Missverständlichen Begriff in der New Work Bewegung“ vom 15. April 2017 (siehe http://www.viva-essenza.com/216) wurde bereits ausgeführt, was die Unterschiede zwischen einer klassischen Hierarchie und einer tragfähigen Netzwerkorganisation sind und dass die Notwendigkeit besteht, Unternehmen flexibler zu gestalten und Bürokratien aufzulösen. Dennoch sehen sich Visionäre und mutige Edgeworker immer wieder Hindernissen gegenüber auf dem Weg eine fortschrittliche Firmenkultur, eine neue Art von Unternehmensführung und eine evolutionäre Unternehmensstruktur (eben jene hin zur Netzwerkorganisation) aufzubauen.

In seinem Artikel “Top-Down Lösungen wie Holacracy werden Bürokratie nicht beheben“ hat Gary Hamel es auf den Punkt gebracht, warum Bürokratie und eingefahrene Hierarchie so schwer auszurotten sind (Quelle: https://hbr.org/2016/03/top-down-solutions-like-holacracy-wont-fix-bureaucracy):



1.    Zuerst einmal ist Bürokratie bekannt. Bürokratie ist das führende Betriebssystem fast jeder mittleren und großen Organisation auf dem Planeten. Da Bürokratie überall vorherrscht und überall gleich ist, wird sie im Allgemeinen sowohl als notwendig wie auch unumgänglich angesehen.

2.    Zweitens gibt es Millionen von Managern, die ein fest begründetes Interesse daran haben, den Status Quo aufrecht zu erhalten. Bürokratie ist eine massives Spiel, in das mehrere Spieler involviert sind; und jene, die sich darin hervor tun und profitieren, sind typischerweise diejenigen, die am wenigsten begeistert davon sind, das Spiel zu ändern. Jemand der 30 Jahre darin investiert hat, die Macht und Privilegien eines Geschäftsführers (oder eines Abteilungsleiters) zu erlangen, wird eher weniger positive auf den Vorschlag reagieren, formelle Titel zurück zu stufen und die Verbindung zwischen (hierarchischer) Position und Vergütung abzuschaffen.

3.    Drittens gibt es keinen gut etablierten Weg, um eine post-bürokratische Organisation aufzubauen. Während man Inspiration von Firmen bekommen kann, die bekannt dafür sind, nicht-bürokratisch zu sein, wie Morning Star – der in Kalifornien sitzende Verarbeiter von Tomaten – und W. L. Gore –die Firma, die High-Tech Materialen herstellt und für ihre Gore-Tex Stoffe bekannt ist -  so haben diese Firmen ihre markanten Management Praktiken über Jahrzehnte entwickelt. Während es viel von diesen und anderen Vorreitern zu lernen gibt, wird jede Bürokratie gebundene Firma, die ihr Management Vorgehen überarbeiten will, ihre eigene Landkarte erfinden müssen. Die Herausforderung ist nicht geringer als die bei den ersten Chirurgen, die versucht haben, menschliche Organe zu transplantieren: Die Einsätze waren hoch und die Protokolle gering.

4.    Schließlich ist Bürokratie schwer auszurotten, weil sie funktioniert – irgendwie halt. All diese bürokratischen Strukturen und Systeme dienen einer Absicht, jedoch ärmlich. Sie einfach heraus zu schneiden, würde Chaos hervorrufen. Stellen Sie sich vor, was passieren würde, wenn beispielsweise eine Organisation die Positionen des mittleren Managements dezimieren würde, ohne die Mitarbeiter an der Front mit den Fertigkeiten, Anreizen und Informationen auszustatten, die sie benötigen, um sich selbst zu managen. Die Bürokratie zu aufzulösen beinhaltet weniger, sie abzureißen, wie ein altes Gebäude und anstatt dessen ein neues Gebäude zu errichten. Es beinhaltet mehr eine grundlegende Sanierung mit ausreichender Sorgfalt, damit das Gebäude nie über Ihnen zusammen bricht.

Bürokratie einzudrücken erfordert Finesse, nicht brutale Gewalt. Wenn Sie die bürokratische Bremse in Ihrer Firma reduzieren wollen, werden Sie einen Veränderungs-Ansatz benötigen, der aufstrebend, kollaborativ, iterativ und klug ist. Der Schlüssel: revolutionäre Ziele und evolutionäre Wege.

Doch genau diese revolutionären Ziele und evolutionären Wege sind nicht leicht zu gehen. Es kann sogar passieren, dass in einer Firma zunächst große Fortschritte erreicht werden und die Mitarbeiter inspiriert sind, diese Fortschritte jedoch schließlich aufgrund von Mehrheitsanteilen von positionsverhafteten und verneinenden Kräften  im Unternehmen blockiert werden, die an verkrusteten Management-Strategien festhalten wollen. Es ist nicht selten, dass ein Beharren auf alten Führungsstrukturen Veränderung in Firmen verhindert. Wie Hamel in seinen 4 Punkten beschreibt, ist es durchaus verständlich, dass Manager oder Geschäftsführer letztendlich versuchen, gegen eine evolutionäre Veränderung anzugehen, da sie jahrelang in einem Geflecht aus Konkurrenz und Einzelkämpfertum agiert haben, in dem es darum ging, wer gewinnt, das beste Gehalt, den Firmenwagen und sonstige Boni bekommt.

Was hinter dieser Verhinderung von Veränderung steckt, ist die Angst, das Bekannte zu verlieren, das viele Jahre oder gar Jahrzehnte lang funktioniert hat. Diese Angst ist durchaus verständlich. Die Menschen identifizieren sich mit ihrer Weltsicht. Eine konkrete Weltanschauung zu haben, gibt vermeintliche Sicherheit, weil sie klar definiert, wie die die Dinge funktionieren. Genauso verhält es sich mit alten Hierarchiestrukturen und Management-Strategien. Sollen diese aufgebrochen oder gar abgelöst werden, entsteht Angst vor dem Unbekannten. Wie Hamel schreibt, gibt es bisher keine ausgefeilten, allgemein anwendbaren Konzepte, wie eine neue Unternehmensstruktur und –kultur aussehen. Diese sind für jede Firma individuell. Wie soll man darauf vertrauen, dass ein Wandel beispielsweise von einer Hierarchie in eine Netzwerkorganisation funktioniert, wenn man es noch nicht erfahren hat?

Das bedeutet, dass ein entscheidender Aspekt auf dem Weg zu New Work beinhaltet, im Nichtwissen stehen zu können und neue Dinge auszuprobieren, ohne zu wissen, wie es geht. Es geht um Flexibilität und Kreativität, um schrittweises Ausprobieren und schnelles Lernen.

Letztendlich steckt hinter der Angst vor Veränderung (und damit vor Kontrollverlust und  Sicherheitsverlust) nur eines: die Angst vor der Angst! In der modernen Gesellschaft – und im Arbeitsleben im Speziellen – wird den Menschen permanent eingetrichtert, dass Gefühle nicht erwünscht und nicht in Ordnung sind. Egal ob Wut, Freude, Traurigkeit, oder Angst, sie werden allesamt als unprofessionell angesehen. Uns wird beigebracht, dass Angst folgende Eigenschaften hat: sie ist erbärmlich, irrational, instabil, feige, impulsiv, hysterisch, nerven-aufreibend, lähmend, kraftlos, schwach, inkompetent, unprofessionell etc. Mit dieser Sichtweise ist es nur verständlich, dass Mitarbeiter und Manager Angst vor der Angst haben. Wenn es jedoch für jemanden nicht okay ist, Angst zu spüren, dann ist es für diese Person auch nicht möglich, einen tiefgreifenden Veränderungsprozess mit zu tragen.

In einem Veränderungsprozess ist Angst jedoch ein wichtiger Bestandteil. Unter der Annahme, dass Angst – wie die anderen Gefühle auch – neutrale Energie und Information beinhaltet, die uns dient, ist es möglich die Angst bewusst zu nutzen um gefährliche Fragen zu stellen, im Nichts zu stehen, Risiken abzuschätzen, innovativ zu sein und mutig in unbekanntes Gebiet zu gehen. Das Gefühl der Angst ist eine absolut notwendig Kraft, um durch Veränderungsprozesse zu navigieren. Die Veränderung ist nicht aufzuhalten, also ist es an den Mitarbeitern eines Unternehmens selbstverantwortlich zu entscheiden, ob sie bereit sind, sich in den Fluss der Veränderung zu begeben oder lieber versuchen, sich an alten, bekannten Strukturen festzukrallen, die irgendwann sowieso einstürzen werden.



Bei dem Thema New Work geht es nicht darum, alle bisherigen Aspekte der Unternehmens-führung über Bord zu schmeißen, im Gegenteil. In der New Work Ausrichtung geht es darum, bisherige Strukturen aufzubrechen, weiter zu entwickeln und neue Möglichkeiten zu generieren, sodass jeder Mitarbeiter sein volles Potenzial einbringen kann, Inspiration und Begeisterung bei der Arbeit erlebt und die Unternehmen sich auf Nachhaltigkeit ausrichten können. Es geht darum, neue Möglichkeiten und Perspektiven zu schaffen, sodass Mitarbeiter durch ein verändertes Selbstverständnis und neues Bewusstsein mit Begeisterung und Leidenschaft für eine größere Vision arbeiten.

Es ist an der Zeit anzuerkennen, dass die verkrusteten Strukturen und altmodischen Vorgehensweisen ausgedient haben. Die junge Generation, die jetzt in die Unternehmen kommt, ist sowieso nicht mehr bereit, sich für eine Firma aufzuopfern, in der sie durch Regularien und Weisungsbefugnisse geknebelt wird. Die nachkommende Generation ist auf der Suche nach Begeisterung, Inspiration, Kraft, der Möglicheit, eigene Talente einzubringen und nach einer gesunden Work-Life-Balance. Sie tolerieren keine starren Strukturen mehr.

Eine interessante Frage ist: Was braucht es, damit Bedenkenträger und verneinende Kräfte mit an Bord kommen können? Ist das überhaupt das Ziel? Vielleicht geht es gar nicht darum, dass alle an Bord sind. Die New Work Bewegung ist schon viel zu weit fortgeschritten, als dass sie noch aufgehalten werden könnte. Vielleicht ist das Bekämpfen von Veränderung durch verneinende Kräfte wie das letzte Aufbäumen der Patriarchen. In der Politik ist aktuell ähnliches sichtbar. Dort, wo versucht wird, anderen Menschen manipulierende, diktatorische Vorgehensweisen überzustülpen, beginnen die Leute gemeinsam auf die Straße zu gehen und für etwas Größeres einzustehen, das allen dient.

Wie der deutsche Zeithistoriker Michael Richter (*1952) sagt: „Was bleibt, ist die Veränderung; was sich verändert, bleibt.” Sich gegen Veränderung zu wehren, ist mittel- und langfristig gesehen alles andere als förderlich. Es macht das Leben eher schwerer denn leichter.

Bist Du bereit, Dich in den Fluss der Veränderung zu begeben und das Ändern zu leben?

(Autorin: Nicola Nagel)

Montag, 12. Dezember 2016

NEXT CULTURE WORK: Zeit für Entschleunigung – Ein Wechsel zum Miteinander Sein



Das Leben und Arbeiten in der modernen Gesellschaft scheint zunehmend dem Irrsinn gleichzukommen. Noch nie zuvor gab es so viele gesundheitsbedingte Ausfälle, die durch Stress und Burnout ausgelöst wurden. Einen großen Anteil daran hat die moderne Kommunikation, die mittlerweile erschreckende Ausmaße erreicht. Vor 25 Jahren, als das Internetzeitalter gerade erst begann, war die Absicht, die Kommunikation und Datenverbreitung mit Hilfe digitaler Medien einfacher zu gestalten. Aus dem „einfacher gestalten“ hat sich jedoch eine Geschwindigkeit in der Kommunikation entwickelt, die mittlerweile in hohem Grade bedenklich, um nicht zu sagen gesundheits- und sozialschädlich geworden ist. Die ursprüngliche Idee, Informationen effizient auszutauschen, um das Leben einfacher zu machen und die Menschen zu entlasten, ist abhanden gekommen. Stattdessen hat sich ein E-Mail Wahnsinn und Sozialer-Media-Dauer-Kontakt-Stress entwickelt. Das ist nicht gut und nicht schlecht, es produziert jedoch gewisse Resultate.

Viele Menschen sind mittlerweile zu regelrechten Sklaven der modernen Kommunikation geworden bzw. machen sich selbst zu Sklaven und können nicht  mehr ohne Smartphone oder Laptop sein. Aus Zeitersparnis ist Zeitstress geworden. Es wird gemailt, gechattet, gepostet und geskypt. Dank Internet, E-Mail und Smartphone ist heute fast jeder Mensch jederzeit verfügbar. Der Informationsaustausch hat sich massiv verdichtet und die elektronischen Medien werden in einem Ausmaß genutzt, sodass der Einzelne eigentlich weniger Zeit hat als vorher. Kürzlich kam ein Mann von einer 4-wöchigen Burnout-Kur zurück und sollte einige Tage später wieder seinem gewohnten Job in einer Firma nachgehen. Er sagte: „Mir graut es jetzt schon. Wenn ich wieder in die Firma komme erwarten mich ca. 1200 E-Mails. Wenn ich die alle bearbeiten soll, bin ich gleich wieder reif für die nächste Kur.“

Gerade weil es so leicht ist, eben schnell eine E-Mail oder WhatsApp zu schicken, ist es genauso einfach, zahlreiche Leute mit in Kopie zu setzen. Insbesondere in streng hierarchischen Gefügen - wie die meisten modernen Unternehmen es sind - ist es üblich, dass die Wichtigkeit und der Stellenwert einer Person daran gemessen wird, ob sie mit in einem E-Mail Verteiler ist, oder nicht bzw. an welcher Stelle im Verteiler sie genannt wird. Ein anderes Phänomen ist, dass E-Mails in großem Stil genutzt werden, um sicherzustellen „eine saubere Weste“ zu haben und alles schriftlich abzusichern, sodass es hinterher keinen Konflikt gibt oder ein Kollege bzw. Kunde behauptet, es sei alles ganz anders vereinbart gewesen. Sehr beliebt sind auch jene E-Mails, die eine Ping-Pong Konversation zwischen zwei Personen darstellen, jedoch ein Verteiler von weiteren 20 Personen mit eingebunden wird, damit auch ja alle mitbekommen, wer nun wie auf welche Äußerung reagiert. Eine weitere, sehr clevere Strategie besteht darin, sich über E-Mails ins rechte Licht zu rücken. Kürzlich erwähnte ein Geschäftsführer einer kleinen Firma beispielsweise, dass er am Abend E-Mails vorbereitet und diese dann früh morgens um 6:30 Uhr – wenn sein Wecker klingelt - losschickt. So denken die Kollegen, er sei extrem geschäftig und fleißig und schon so früh am Arbeiten.

Nicht nur die Nachrichten-Flut ist ein Problem. Vielfach steht mit dem Versand von Nachrichten auch stillschweigend die Erwartung im Raum, dass die andere Person sofort antwortet. Schließlich leben wir doch im elektronischen Zeitalter, wo jeder jederzeit erreichbar ist. Es macht sich oftmals sogar Groll breit, wenn eine Person nicht umgehend eine Antwort schickt. Die Erwartung hat sich in zahlreichen Firmen mittlerweile dahingehend ausgeweitet, dass Mitarbeiter selbst im Urlaub erreichbar sein müssen oder zumindest nach ihrer Rückkehr alle E-Mails innerhalb von 2 Tagen beantwortet haben müssen. Um eine Nachrichten Flut nach dem Urlaub zu verhindern, nehmen viele Menschen es sogar freiwillig in Kauf, den Laptop und das Smartphone auch im Urlaub stets parat zu haben. In diesem Fall wird der Status mittlerweile nicht selten daran gemessen, wie oft jemand im Urlaub von den Kollegen kontaktiert wird. Denn wer im Urlaub kontaktiert wird, der muss so wichtig sein, dass er unabkömmlich ist.

Und genau das ist der Teufelskreis: Wer viele Nachrichten bekommt und schickt und permanent erreichbar ist, scheint wichtig zu sein, ergo bekommt er von seinen Mitmenschen Anerkennung und Aufmerksamkeit. Wer dann auch noch gestresst aussieht und entsprechend gestresst reagiert, bekommt in der Regel noch mehr Aufmerksamkeit. Also ist es in der modernen Gesellschaft schon erstrebenswert geworden, möglichst gestresst zu sein. Also arbeiten viele Menschen noch mehr, schicken noch mehr E-Mails und posten noch mehr auf Facebook und Co., damit sie vermeintliche Aufmerksamkeit erhalten. Und – das nur am Rande - erst, wenn jemand gestresst ist, ist es „erlaubt“ krank zu werden und eine Pause einzulegen. Wenn Sie einmal hinter die Fassade schauen, geht es jedoch schlichtweg um Angst; die Angst nicht anerkannt zu sein, nicht gesehen zu werden. Und wenn Sie es ganz herunter brechen geht es letztendlich darum, keine Liebe zu bekommen und nicht dazu zu gehören. Drastisch ausgedrückt könnte man sagen, dahinter steckt die Angst zu sterben, denn das ist genau das, was früher passierte, wenn wir Menschen nicht zu einem Stamm gehörten und von Stammesbrüdern- und Schwestern umgeben waren.

Es dreht sich immer wieder um die Themen Aufmerksamkeit, Anerkennung, Wertschätzung, Liebe und Teil von etwas zu sein. Es ist ein Urinstinkt, dazu zu gehören.

Das Gefühl wichtig zu sein und Aufmerksamkeit zu bekommen, indem eine Person über email oder Soziale Medien mit ganz vielen anderen Menschen permanent in Kontakt steht und verfügbar ist, ist jedoch eine Illusion. Es ist eine Illusion, da echte Nähe und Kontakt vermieden werden. Die persönliche, nährende und erfüllende Zeit mit anderen Menschen geht verloren. Zwar haben viele Menschen dank der Sozialen Medien den Eindruck, mit ganz vielen anderen Menschen in Kontakt zu sein, doch welche Art Kontakt ist das? Ob im Business Leben oder im Privatleben, in Meetings oder abends im Restaurant, die Menschen daddeln eher an ihren Laptops und Smartphones herum, anstatt tatsächlich mit den Menschen, die ihnen gegenüber sitzen, in Kontakt zu sein. Ein elektronischer Kontakt kann den direkten persönlichen Kontakt jedoch nicht ersetzen. Kein Wunder also, dass sich mehr und mehr Menschen nicht nur im Job sondern grundsätzlich im Leben abgeschnitten fühlen. So groß der Nutzen der elektronischen Kommunikation auch ist, so bringt sie uns doch mehr und mehr weg von uns selbst, den anderen Menschen und der Erde.

Und nun? Wie soll es weitergehen?

Überlegen Sie einmal: früher hat ein Brief eine Woche gebraucht, bis er beim Empfänger war. Die Zeiten waren wesentlich ruhiger, langsamer, die Menschen haben mehr miteinander gesprochen und Zeit verbracht. Das soll kein Plädoyer für das Abschaffen elektronischer Kommunikation sein. Es ist jedoch lohnenswert, sich bewusst zwei Fragen zu stellen: 

1.    Was ist Ihre wahre Absicht bei der elektronischen Kommunikation via E-Mail und Smartphone und 

2.    welches Gefühl stellt sich ein, bei dem Gedanken, dass Sie diese drastisch reduzieren würden oder Ihnen elektronische Medien nicht mehr zur Verfügung stünden?

Zwei häufige Antworten lauten:

  • Wenn ich die elektronische Kommunikation drastisch reduzieren würde, hätte ich Angst, nicht mehr wichtig zu sein, etwas zu verpassen bzw. nicht mehr dazu zu gehören.

  • Ich hätte Angst, dass die anderen ein Problem haben könnten, wenn sie von mir keine  bzw. nicht sofort eine Nachricht erhalten und ich möglicherweise als nicht professionell oder vertrauenswürdig erachtet werde.


Um den psychischen Erkrankungen und der oberflächliche Schnelligkeit und Beliebigkeit entgegenzuwirken, könnte eine neue Art des Arbeitens in Firmen eine massive Entschleunigung und eine Neuausrichtung auf echtes Miteinander beinhalten. Echtes Miteinander im Sinne von physisch, direkt, persönlich, authentisch verletzlich. Interessanterweise macht genau das vielen Menschen Angst, obwohl sie gleichzeitig eine tiefe Sehnsucht danach in sich tragen; die Sehnsucht in Kontakt und authentisch menschlich miteinander zu sein. Es ist vordergründig natürlich leichter, eben schnell eine E-Mail oder WhatsApp zu schreiben, als jemanden anzurufen oder gar bei der Person persönlich vorbeizuschauen, zumal Sie sich nicht direkt der Reaktion des Gegenübers stellen müssen. Das Paradoxe daran ist jedoch, dass E-Mail, WhatsApp und Posts viel mehr Raum für Missverständnisse und Konflikte lassen, als eine persönliche Unterhaltung von Auge zu Auge. Zudem findet nährende Verbindung nicht statt. Und ja, tatsächliche Nähe und Verbindung untereinander kann beängstigend sein, denn wenn Sie das zulassen, kann es sehr schnell passieren, dass Ihr Gegenüber Sie tatsächlich sieht und Ihre Seins-Qualitäten wertschätzt. Doch Angst ist nur Angst, eine wunderbare Gefühlskraft, die – anstatt Sie zu blockieren oder zu lähmen (alte Sichtweise in unserer Gesellschaft) – ein wunderbarer Wegweiser sein kann, dass Sie in Bezug auf authentischen, persönlichen Kontakt neues Gebiet betreten und das Experiment wagen, aus der elektronischen Schnelllebigkeit auszusteigen.

Der ein oder die andere mag jetzt sagen: „Ja, aber das geht ja nicht so einfach. Mein ganzes Umfeld ist ja auf schnelle Kommunikation ausgerichtet.“ Ja, und die Frage ist, sind SIE bereit auszusteigen. Sind Sie bereit, mehr Menschlichkeit zurück in die Arbeitswelt zu bringen, den Fokus auf authentisch menschliche Verbindung zu legen und die Kommunikation zugunsten der Qualität und des Wohlbefindens des gesamten Teams zu entzerren und zu entschleunigen?

An dieser Stelle ist eine Unterscheidung zum sogenannten Problembesitztum hilfreich. Oftmals entscheiden wir uns nicht, Dinge zu verändern oder eine Grenze zu setzen (z. B. bei zu viel Arbeit oder bei oberflächlichen Gesprächen), weil wir meinen, die andere Person könnte damit ein Problem haben. Lassen Sie uns daher kurz schauen, was es mit dem Problembesitztum auf sich hat.

Wie die unten stehende Landkarte zeigt, gibt es nur 3 Möglichkeiten bei der Frage, wer ein Problem haben kann:


1.    Ich habe ein Problem
Wenn Sie ein Problem haben, dann können Sie damit tun und lassen, was Sie wollen. Sie können es behalten, es ausschmücken und größer machen, es liegenlassen, es verdrängen oder es einfach lösen. Es ist Ihr Problem.

2.    Der andere hat ein Problem
Wenn eine andere Person ein Problem hat, dann lassen Sie sie bitte ihr Problem haben. Sie hat hart dafür gearbeitet, dieses Problem zu haben. Wenn Sie nun hergehen und das Problem der anderen Person lösen, dann muss Sie sich ein neues Problem suchen, um das zu lernen, was sie zu lernen hat. Zudem schaden Sie sich eher selbst, denn Sie laden sich ein Problem auf, das nicht Ihr Problem ist und bekommen möglicherweise Schwierigkeiten gesundheitlicher oder welcher Art auch immer.

Spannend wird es nun bei der dritten Option. Man könnte annehmen, dass die dritte Option beim Problembesitztum lautet „Wir haben ein Problem“. Doch mal ehrlich, wenn Sie in einer Besprechung oder zuhause sagen „Ja, dann müssen wir das mal machen.“, wer macht es dann? Richtig, niemand macht es. Das liegt daran, dass es kein WIR gibt, wenn es um Verantwortung geht. Entweder Sie haben ein Problem oder der andere hat ein Problem. Es kann durchaus sein, dass sie beide das gleiche Problem haben, doch jeder kann nur seinen Teil der Verantwortung tragen und seinen Beitrag zur Lösung. Somit scheidet die Option „Wir haben ein Problem“ aus.

Die dritte Option ist so naheliegend wir fern:

3.    Es gibt kein Problem
Können Sie sich das vorstellen? Es gibt kein Problem? Das ist die Zeit des sogenannten grundlegenden Gutseins, in der es darum geht, die Zeit miteinander zu genießen. Allerdings gibt es einen Teil in uns – unser sogenannter Gremlin, d. h. der innere Schweinehund oder Schattenanteil in jedem Menschen – der das nur schwer aushalten kann, denn wenn es kein Problem gibt, wird echte authentische Begegnung möglich. Deswegen ist dieser Gremlin Teil sehr clever darin, in Lichtgeschwindigkeit ein neues Problem zu erfinden und wenn es das Problem ist, dass noch 15 E-Mails und 5 WhatsApp Nachrichten unbeantwortet sind.

Wessen Problem ist es also, wenn Sie aus der Hochgeschwindigkeit der elektronischen Kommunikation ein stückweit aussteigen und Ihr Umfeld zunächst irritiert ist, dass Sie nicht mehr jederzeit verfügbar oder online sind?



Ziehen Sie einmal in Betracht, dass im Kontext von Next Culture Work – einer neuen Art des Arbeitens - diejenigen ein Vorbild sind, die genau das tun: zu entschleunigen und wieder miteinander in authentischen Kontakt zu treten. Wenn Sie sich entscheiden, vom Sklaven der Kommunikation zum Erschaffer von Miteinander zu werden, wird das Ihren Kollegen – oder auch den Menschen in Ihrem Privatleben – auffallen. Wenn die Beziehungen und Begegnungen nicht mehr der Alltagshektik und -logistik zum Opfer fallen, werden die Menschen, mit denen Sie in Kontakt treten, genährt und Sie selbst zugleich auch.

Geben Sie dem folgenden Gedanken einmal 1% Chance: Das, was Sie unterschwellig den Kollegen und Mitmenschen kommunizieren, wenn Sie sich bewusst für ein neues Spiel entscheiden, ist Ich achte auf mich! Wenn Sie sich die Freiheit nehmen, sich auszuklinken, hat das sehr viel mit Selbst-Respekt zu tun. Sie kommunizieren, dass Sie sich selbst und ihre Gesundheit Ihnen mehr wert sind, als die Arbeit, die Schnelllebigkeit und die weit verbreitete Beliebigkeit elektronischer Kommunikation. Sie rücken in dem Moment den Wert des Menschen wieder in den Mittelpunkt und werden damit zu einer Leitfigur, einem Edgeworker, der sich auf menschliche Werte besinnt.

In einem neuen Kontext des humanen Wirtschaftens hätte das authentische, verletzliche Miteinander wieder einen hohen Stellenwert und dafür braucht es mutige Menschen, die bereit sind, voranzugehen. Es braucht Edgeworker, die die Notwendigkeit erkennen, das derzeitige Muster der Kommunikations- und damit Reizüberflutung zu durchbrechen und sich wieder auf die entscheidenden Faktoren von Menschlichkeit, Herzlichkeit, Verbindung, Kontakt, Authentizität, Liebe, Wertschätzung und Miteinander sein zu besinnen.  
 
Experiment 1:
Bitten Sie in Ihren Besprechungen die Kollegen, Laptops und Smartphones auszumachen bzw. gar nicht erst zum Meeting mitzubringen. Einige werden möglicherweise protestieren, denn schließlich haben doch alle so viel zu tun. Seien Sie einfach klar in Ihrem vorhaben. Einige Kollegen werden dann möglicherweise nicht kommen, doch die Kollegen, die kommen, sind letztendlich jene, die verpflichtet sind, zu 100% ihre Aufmerksamkeit auf das konstruktive Miteinander des Teams zu legen. Lassen Sie sich überraschen, wie anders das Meeting verläuft.

Experiment 2:
Koppeln Sie sich in der Mittagspause für 1 Stunde von jeglicher elektronischen Kommunikation ab und gehen Sie authentisch in Kontakt mit Ihren Kollegen. Versuchen Sie, nicht über den Job zu sprechen.

Experiment 3:
Beginnen Sie damit, das kommende Wochenende ohne jeglichen elektronischen Kommunikationsmedien zu verbringen. Das ist Teil der Heilung der sogenannten Technopenuriaphobie (Angst vor dem Verlust der Technik) und der Rückverbindung mit der Erde. Schalten Sie das Smartphone aus, lassen Sie den Laptop zu, surfen Sie weder im Internet, noch beantworten Sie E-Mails oder WhatsApp Nachrichten. Schalten Sie am besten Ihr Telefon komplett aus. Es könnte sein, dass Ihr Verstand am ersten Tag halb durchdreht und die ganze Zeit meint, Sie könnten etwas verpassen. Lassen Sie den Verstand plappern und hören Sie nicht auf ihn. Schon am 2. Tag werden Sie merken, wie die Stimmen weniger werden. Weiten Sie dieses Experiment dann z. B. auf 1 bis 2 Wochen in Ihrem nächsten Urlaub aus.

Nutzen Sie dann die frei gewordene Zeit, um bewusst in tieferen Kontakt mit einem Menschen aus Ihrem Umfeld zu gehen.


Der Mann aus dem zu Anfang genannten Beispiel, dem es vor den 1200 E-Mails grauste, tat auf den humorvollen Ratschlag eines Freundes hin übrigens folgendes: Er ging am ersten Tag wieder in die Firma und löschte ALLE E-Mails ungelesen. Er hatte sehr viel Angst bei diesem waghalsigen Experiment und hatte die schlimmsten Befürchtungen. Und was passierte? … NICHTS!!! Rein gar nichts! Diejenigen Kollegen, die dringend etwas von ihm benötigten, schickten erneut eine E-Mail und wenn ihm eine wichtige Information fehlte, bat er die Kollegen entsprechend um nochmalige Zustellung der E-Mail. Ihm war es wichtiger, mit den Kollegen in Kontakt zu sein, als der Illusion von Wichtigkeit und Aufmerksamkeit gemessen an der E-Mail Anzahl zu erliegen, die ihn wieder in den Burnout geführt hätte.

Sind Sie bereit aus der Informations-Flut auszusteigen und wieder mehr Zeit für authentisches Miteinander zu schaffen?

Beste Grüße, 
Nicola Nagel


CREATING POSSIBILITIES - FACILITATING CHANGE!
www.viva-essenza.com 


Mittwoch, 12. Oktober 2016

NEXT CULTURE WORK: Ermächtigung versus Beurteilung - Eine neue Art von Mitarbeitergespräch



Es gib ein wiederkehrendes Thema in Unternehmen, das für Spannung zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten sorgt: Das Mitarbeitergespräch bzw. die Leistungsbeurteilung. Sie kennen diese Art Gespräche möglicherweise. In den meisten Unternehmen läuft dieses Gespräch in der Form ab, dass sich ein- bis zweimal jährlich Mitarbeiter und Vorgesetzter an einen Tisch setzen und einen Rückblick auf die im vergangen Halbjahr bzw. Jahr geleistete Arbeit zu werfen. Für diese Besprechung gibt es in der Regel Vorlagen, auf denen Kriterien stehen, die bewertet werden sollen, beispielsweise:
·         Fachkompetenz,
·         Arbeitsbereitschaft/Motivation,
·         Soziale Kompetenz intern und extern (mit Unterkategorien wie beispielsweise Kommunikations- und Kontaktfähigkeit, Verbindlichkeit, Auftreten, Verhandlungsgeschick, Überzeugungskraft, Kompromissbereitschaft, etc.)
·         Führungskompetenz (mit Unterkategorien wie beispielsweise Motivation, Delegation, Urteilsvermögen, Entscheidungsfreude, Durchsetzungsvermögen, etc.)
·         Status der Zielerreichung
·         und viele weitere Kriterien.

Meist funktioniert die Bewertung nach dem Schulnotensystem 1 bis 6 oder einem anderen Benotungskonzept, z. B. von einem Doppelplus ++ (für sehr gut) bis zu einem Doppelminus  - - (für sehr schlecht). Und da geht es schon los. Bewertet zu werden bereitet zahlreichen Mitarbeitern schon im Vorfeld Bauchschmerzen, denn für viele fühlt es sich an, als müssten sie vor den Scharfrichter treten. In diesen Gesprächen ist es üblich „um sein Leben zu kämpfen“, indem gefeilscht, verhandelt und um Punkte bzw. Noten gerungen wird, denn bei vielen Mitarbeitern hängt ein Teil des Gehalts von der Bewertung ab, z. B. beim sogenannten dynamischen Gehalt oder bei den zu vergebenen Boni.

Da das Gespräch nur zwischen Vorgesetztem und Mitarbeiter stattfindet, stellt sich häufig die Frage, inwieweit Subjektivität die Bewertung beeinflusst. Haben beide einen guten Draht zueinander, so geht die Tendenz dahin, dass der Vorgesetzte den Mitarbeiter auch eher gut bewertet, oder einmal ein Auge zudrückt. Ist das Verhältnis hingegen angespannt, wird in solchen Gesprächen auch durchaus hierarchischer Druck ausgeübt oder gar „abgerechnet“ und schlechter bewertet.

Sicherlich wird auch oft fair bewertet. Doch eines bleibt: Es wird bewertet! Wenn Sie dieses Wort einmal auseinandernehmen – Be-WERT-ung - so geht es darum, den Wert einer Person zu beurteilen. Den Wert eines Menschen an einer Skala zu messen, die sich irgendjemand ausgedacht hat, ist in sich krank, denn grundsätzlich hat jeder Mensch einmal die gleiche menschliche Würde und ist gleich viel Wert. Überlegen Sie einmal, anhand welcher Skala gemessen wird. Das Konzept der Bewertung in gut und schlecht bzw. richtig und falsch stammt aus Inquisitionszeiten, als es darum ging, vermeintlich gefährliche – weil kraftvolle – Menschen loszuwerden, um die kirchliche Macht zu sichern. Die Angst vor Bewertung oder nicht gut genug zu sein, sitzt also tief – wenn auch oft unbewusst - in unseren Zellen. Da dieses Konzept auch heutzutage noch in den Schulen praktiziert und weiter in unsere Zellen eingebrannt wird, ist es nicht verwunderlich, dass es in der modernen Gesellschaft seit mehr denn je im Alltag präsent ist und weiter Anwendung findet. Die meisten Menschen bewerten ständig. Sie bewerten, wie jemand aussieht, was jemand sagt, ob jemand in ihren Augen gut oder schlecht ist, ob das Essen gut oder schlecht schmeckt, ob jemand eine Leistung besser oder schlechter erbracht hat, welcher Religion er angehört, welche Hautfarbe er hat und aus welchem Land er kommt. Sie kennen dieses Bewertungsspiel.

Jemanden zu bewerten trennt uns jedoch genau von dieser Person, da der Wert der Person ausschließlich an ihrem Tun gemessen wird, während die Seins-Eigenschaften außer Acht gelassen werden. Genau das passiert auch in den meisten Mitarbeitergesprächen, die sich in der Regel auf das TUN des Mitarbeiters beschränken und seine sogenannten Seins-Qualitäten weitestgehend unberücksichtigt lassen. Die Wertschätzung des „Seins“ fehlt vollständig, sodass sich Mitarbeiter oftmals nicht wirklich gesehen fühlen. Wen wundert es da, dass sie gestresst einfach nur ihre Arbeit machen, dabei versuchen, möglichst „gut auszusehen“, ihre eigentlichen  Qualitäten jedoch meist unter Verschluss halten?

Wenn Sie in Firmen nachfragen, ob bei den Mitarbeiter- oder Zielerreichungsgesprächen Wertschätzung ein Bestandteil sei, so kommt häufig die Antwort: „Selbstverständlich. Dem Mitarbeiter wird durchaus gesagt, wenn er etwas gut gemacht hat.“ Dies hat jedoch leider überhaupt nichts mit Wertschätzung zu tun. Es ist im besten Fall ein Lob. Vielen ist dabei nicht bewusst, dass es sich bei Lob um eine subtile Form der Manipulation handelt. Warum? Nun, wenn ein Chef seinem Mitarbeiter sagt „Das hast Du gut/toll gemacht“, was ist dann die eigentliche, unbewusste Absicht? Die unbewusste Absicht ist, durch diese Art Lob den Mitarbeiter dahingehend zu manipulieren, die Dinge in Zukunft genauso weiterzumachen, wie er sie bisher gemacht hat. Und da die meisten Mitarbeiter nach Anerkennung lechzen, und in die Kategorie „guter Mitarbeiter“ gesteckt werden möchten, funktioniert dieses Manipulationsspiel.

Viele verwechseln zudem Lob auch mit Feedback. Auf die Frage, ob es eine Feedback-Kultur gibt, haben wir schon mehrfach die Antwort bekommen: „Selbstverständlich. Im Zielerreichungsgespräch gibt es immer Feedback ob ein Mitarbeiter etwas gut oder schlecht gemacht hat.“

Es scheint ein einziges unklares Potpourri zu sein, das häufig dazu führt, dass Mitarbeiter diese Gespräche als sehr unangenehm empfinden. Unmut entsteht letzenden Endes auch dadurch, dass Vorgesetzte zum Teil keine klaren Bewertungen abgeben können, das sie nicht eng genug mit ihren Mitarbeitern zusammenarbeiten, als dass sie ihre Leistung tatsächlich bewerten können. Stattdessen versuchen sie aus einer Distanz heraus eine Bewertung abzugeben, die oftmals auf wackeligen Beinen steht.

Ein großes Manko der Mitarbeitergespräche ist, dass der Fokus auf einem toten Bewertungs-Konzept liegen, es jedoch in keinster Weise darum geht, den Mitarbeiter zu ermächtigen, d. h. ihn zu unterstützen und dafür zu sorgen, dass er sein Potenzial voll entfalten und seine eigentlichen Talente einbringen kann. Doch wie könnte eine Alternative aussehen? Wie könnten Mitarbeiter- oder Zielerreichungsgespräche anders durchgeführt werden, sodass sie alle Beteiligten bereichern und der entsprechende Mitarbeiter ermächtigt wird und sich weiter entwickeln kann?

In einem mittelständischen Unternehmen haben wir genau dieses Forschungs-Experiment gemacht. Nachdem eine Umfrage ergeben hat, dass die bisherige, auf Schulnoten und bestimmten (wie oben beschriebenen) Kriterien basierende Bewertung nicht mehr funktioniert, gab es eine Projektausschreibung. Es sollten sich diejenigen Mitarbeiter melden, die Lust hatten und bereit waren Verantwortung für die Erarbeitung eines neuen Formates für ein Mitarbeiter- bzw. Zielerreichungsgespräch zu übernehmen. Es fand sich ein kreatives und motiviertes Team von 7 Mitarbeitern zusammen, die in einem nichtlinearen Vorgehen innerhalb von 2 Stunden eine neue erstaunliche Möglichkeit hervorbrachten. Um völlig frei und vorbehaltlos zu starten, wurden zu Beginn des Meetings die alten Bewertungsbögen und Konzept-Unterlagen symbolisch zerrissen. Das Team war nicht an alte Vorgaben gebunden, sondern konnte erst einmal im Nichts stehen und sozusagen auf der „grünen Wiese“ starten. Die Frage an das Team lautete „Wenn Sie einen Zauberstab hätten und eine neue Art von Meeting-Format für ein Zielerreichungs- bzw. Mitarbeitergespräch freit gestalten könnten, wie würde es idealerweise aussehen? Was wären entscheidende Aspekte?“

Eine neue Ära von Mitarbeitergespräch
Die neue Ära von Mitarbeitergespräch beginnt zunächst einmal mit einem grundsätzlichen Perspektivenwechsel. Während herkömmliche Mitarbeitergespräche auf die Bewertung der Vergangenheit gerichtet sind, würde eine neue Art von Besprechung auf die Zukunft gerichtet sein und im Dienst des Mitarbeiters stattfinden. Der Fokus liegt darauf, dass der Mitarbeiter nicht nur unterstützt sondern ermächtigt wird, d. h. Möglichkeiten bekommt, sein Potenzial weiter zu entfalten und gestärkt aus dem Gespräch herauszugehen.

Das Team war sich einig, dass am ehesten jene Kollegen als Gesprächs-Teilnehmer herangezogen werden, die am engsten mit dem entsprechenden Mitarbeiter zusammenarbeiten, schließlich können sie ihn am besten einschätzen. Dies können durchaus Menschen aus verschiedenen Abteilungen und von allen Hierarchiestufen sein, idealerweise 3 bis 6 Personen. Da es sich um mehrere Personen handelt, wurde das neue Mitarbeitergespräch „Super Ball“ getauft (nicht zu verwechseln mit dem Amerikanischen Football Event „Super Bowl“), in Anlehnung daran, dass in der Besprechung der Konversations-Ball von einem zum anderen gereicht wird und jeder Teilnehmer für den Mitarbeiter neue Möglichkeiten erschafft bzw. Feedback und Coaching gibt.  

Die 3 bis 6 teilnehmenden Personen werden von dem Mitarbeiter bestimmt. Damit er jedoch nicht genau den Kollegen außen vorlässt, der möglicherweise „gefährliches“ Feedback hätte, wählt der Mitarbeiter einen sogenannten Buddy und Raumhalter aus, die in dieser Rolle speziell trainiert ist. Diese Person hat mehrere Aufgaben:

·         sie prüft, ob alle entscheidenden Feedback-Geber ausgewählt wurden und ergänzt eventuell fehlende Kollegen.
·         sie lädt entsprechend alle Kollegen zu einem 2,5 bis 3 stündigen Super Ball Gespräch ein und verschickt vorbereitende Unterlagen.
·         sie bereitet den Raum vor, der nur aus einem Stuhlkreis besteht (kein Tisch in der Mitte)
·         sie klärt bei Meeting Beginn die Logistik und weist auf konkrete Spielregeln sowie Feedback & Coaching Regeln hin.
·         sie hält Raum während des Gesprächs, d. h. sie navigiert den Raum dahingehend, dass der Mitarbeiter den größtmöglichen Nutzen hat und alle Teilnehmer gemeinsam im Dienst des Mitarbeiters stehen, sodass er wachsen kann.
·         sie stellt sicher, dass eine Person das Feedback für den Mitarbeiter mitschreibt, sodass dieser nicht mit Schreiben abgelenkt ist.
·         sie achtet darauf, dass die Spielregeln eingehalten werden und kein sogenanntes niederes Drama stattfindet – ein Täter-Retter-Opfer Spiel, bei dem es um Anschuldigungen, Rechtfertigungen, Diskussion und Erwartungen geht.

Während des Gesprächs werden zum einen die Aufgaben herangezogen, die ein Mitarbeiter in seiner Verantwortung hat. Es geht hierbei jedoch nicht um eine Schulnoten-Bewertung. Es geht vielmehr um die individuellen Qualitäten, die für jede Aufgabe notwendig sind. Dazu hat das Unternehmen jede Aufgabe in einem System mit sogenannten hellen Prinzipien hinterlegt, die im Super Ball betrachtet werden. Hier ein Beispiel: Ein Mitarbeiter hat die Aufgabe „Dokumentation von Versuchsergebnissen und Experimenten“. Die notwendigen hellen Prinzipien, die bei dieser Aufgabe gefragt sind, lauten PRÄZISION, KLARHEIT, VERLÄSSLICHKEIT, WACHSAMKEIT.  Im Superball geben die Kollegen nun entsprechend Rückmeldung dazu, inwieweit der Mitarbeiter diese Qualitäten eingebracht hat oder was er in Zukunft noch anders machen kann. Bemerken Sie, dass es hier nicht mehr um das reine TUN geht. Es geht um die Qualitäten, die ein Mitarbeiter einbringt. Um eine klare Rückmeldung zu den Qualitäten geben zu können, erhalten alle Teilnehmer im Vorfeld vom Buddy eine Liste mit allen Einzel-Aufgaben des Mitarbeiters und den dazugehörigen hellen Prinzipien.

Entscheidend für solch eine Art Super Ball Gespräch ist, dass alle Beteiligten ein neues Verständnis von Feedback und Coaching haben (und das idealerweise auch entsprechend trainiert haben). Es geht nicht mehr um gut und schlecht, um richtig und falsch. Es geht völlig neutral darum, was funktioniert hat und was nicht funktioniert hat. Beim anschließenden Coaching geht es darum, dass der Mitarbeiter wertvolle Unterscheidungen und dadurch neue Klarheit und neue Möglichkeiten erhält, um in Zukunft noch wirksamer agieren und wachsen zu können. Hat etwas beispielsweise nicht funktioniert, so erhält der Mitarbeiter die Unterscheidung, was passieren würde, wenn er es anders macht und wie er es konkret machen könnte.


Ein ebenfalls entscheidender Aspekt ist, dass der Mitarbeiter nicht nur Feedback und Coaching erhält, sondern auch bewusste Wertschätzung. Es gibt eine sogenannte Wertschätzungsrunde in dem Super Ball Gespräch, sodass jeder Teilnehmer sagen kann, was er an dem Mitarbeiter schätzt. Es geht auch hier weder um das Tun noch um das Haben. Es geht um das SEIN, darum, wie der Mitarbeiter in seinem Wesenskern ist. Die Kollegen beschreiben also ganz klar die Seins-Eigenschaft, z. B.: „Ich schätze Deine Klarheit und Leichtigkeit, die Du in die Projekte bringst.“ oder „Ich schätze Deine Herzlichkeit, mit der Du das Team immer wieder zusammen webst.“ Es geht darum, den Mitarbeiter tatsächlich in seinem Sein zu sehen und anzuerkennen.
Schließlich wird in dem Super Ball Gespräch durch den Buddy auch geprüft, ob es Groll gegen den Mitarbeiter gibt. Ist dies der Fall, so wird dieser Groll in einem speziellen Prozess aufgelöst, damit wieder eine fließende Zusammenarbeit möglich ist.

Es gibt noch viele weitere Aspekte, die Teil dieses Gespräches sind, doch das würde an dieser Stelle den Rahmen des Artikels sprengen. Die aufgeführte Beschreibung soll Sie vielmehr inspirieren, alte Strukturen und längst überholte Mitarbeitergespräche und Leistungsbewertungen aufzubrechen und etwas Neues auszuprobieren.

Ist solch eine neue Art Mitarbeitergespräch beängstigend? Ja, durchaus. Allein die Tatsache, dass der Mitarbeiter nicht mehr nur einem Vorgesetzten im stillen Kämmerlein gegenüber sitzt, sondern einer Gruppe von bis zu 6 Personen, ist schon beängstigend. Das erstaunliche ist jedoch, dass der Tenor zu den bisher durchgeführten Super Ball Gesprächen war, dass sie für alle Beteiligten in höchstem Maße bereichernd und kraftvoll sind.

Für den Mitarbeiter ist es bereichernd, weil:
  • er kollaboratives Feedback und Coaching erhält (was nicht nur „nett“ ist sondern präzise und klar, sodass er weiter wachsen kann)
  • er die Erfahrung macht, dass die Kollegen ihn unterstützen und für ihn da sind („Alle für einen“),
  • er in seinem Sein wertgeschätzt und dadurch wirklich gesehen wird,
  • Konflikte, Probleme oder Groll aufgelöst werden können.

Für die Kollegen ist es bereichernd, weil:
  • sie sich dem Mitarbeiter verpflichten und so eine Verbindung zu ihm haben,
  • ihn unterstützen, weiterzukommen und kreative Kollaboration im Team erfahren,
  • dadurch gewinnen, dass der Mitarbeiter gewinnt (dies nennt sich Gewinnen Geschieht. Es ist erfüllend, sich in den Dienst von jemand zu stellen und ihm Möglichkeiten zu geben, damit er wachsen kann),
  • Groll auflösen können, der möglicherweise zwischen ihnen und dem Mitarbeiter steht und so eine neue, fruchtbare Verbindung und Zusammenarbeit möglich wird,
  • Neues über den Mitarbeiter und die Kollegen lernen.

Dies ist sicherlich nicht die einzige Möglichkeit, ein Zielerreichungsgespräch oder Mitarbeitergespräch zu führen. Die Frage ist: Sind Sie bereit etwas Neues auszuprobieren? Sind Sie bereit den Fokus wieder auf den Menschen zu legen, anstatt nur auf Unternehmensziele und Profit? Alte Vorgehensweisen sind sicherlich bequem, schließlich kennen wir sie und können einschätzen, wie ein Gespräch dann verläuft. Das alte Vorgehen ist jedoch weder lebendig, noch dient es tatsächlich dem Mitarbeiter (außer vielleicht auf monetärer Ebene bei voller Zielerreichung). Sind Sie bereit für neue Lebendigkeit und Inspiration und mehr Menschlichkeit in der Wirtschaft?

Im Folgenden finden Sie noch einmal eine Gegenüberstellung eines bisherigen Mitarbeitergespräches bzw. einer Leistungsbewertung und eines möglichen, neuen Team Super Ball Gespräches.

 
ALTE LANDKARTE:
Mitarbeitergespräch
NEUE LANDKARTE:
Team Super Ball
Ausschließlich zwischen Vorgesetztem und Mitarbeiter
Team von 4-6 Leuten
Vorgesetzter kann Leistung u. U. gar nicht bewerten
Team besteht aus Menschen, die mit dem Mitarbeiter eng zusammenarbeiten und ihn einschätzen können
Be-WERT-tung nach Schulnoten o. ä. Konzept
Ermächtigung des Mitarbeiters, damit er sein Potenzial weiter entfalten kann
Vorgegebener Bewertungsbogen
Kein Bewertungsbogen mehr, stattdessen Fokus auf helle Prinzipien der jeweiligen Aufgabe
Absicht: Den Mitarbeiter manipulieren, damit er noch mehr für das Unternehmensziel arbeitet
Absicht: dem Mitarbeiter klare Unterscheidungen geben, sodass er neue Klarheit und Möglichkeiten hat, die ihn weiterbringen
Niederes Drama in Form von Diskussion, Argumentieren, Feilschen, Rechtfertigung, etc.
Gewinnen Geschieht durch kollaboratives Miteinander
Fokus liegt ausschließlich auf dem TUN des Mitarbeiters und auf den Unternehmenszielen
Fokus liegt auf den SEINS-Eigenschaften des Mitarbeiters
Hierarchisch
Alle arbeiten als ein Team – keine Hierarchie
Langweilig
Lebendig, inspirierend, nährend.
Landet nicht, weil ausschließlich die Leistung auf intellektueller Ebene diskutiert wird
Landet im Körper des Mitarbeiters, aufgrund der speziellen Art von Feedback, Coaching und Wertschätzung. Ist nachhaltig.
Verwirrendes Potpourri aufgrund der Verwechslung von Lob (Manipulation) mit Wertschätzung und Feedback
Klarheit und Intensität durch klare Unterscheidungen und Nutzung von Feedback & Coaching und Wertschätzung
Beliebig, auf jeden anwendbar
Maßgeschneidert, individuell
Mitarbeiter fühlt sich oftmals nicht gesehen
Mitarbeiter fühlt sich gesehen
Profitorientiert, an den Zielen der Firma gemessen
Am Menschen orientiert. Wachstum & Entfaltung des Mitarbeiters steht im Mittelpunkt

 
Viel Freude beim Experimentieren!                                (Autorin: Nicola Nagel)



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