Dienstag, 14. Februar 2017

NEXT CULTURE WORK: Organisationen im Wandel - Erwartungen und Konzepte blockieren Kreativität



Eine Bewegung, die derzeit weltweit immer mehr Fahrt aufnimmt, nennt sich „New Work“, die neue Art zu arbeiten. Viele Firmen haben mittlerweile erkannt, dass die bisherige Vorgehensweise von traditioneller Hierarchie, Kontrolle, Leistungsdruck, Konkurrenz und Ausbeutung der Ressourcen die Menschen und die Erde in den Abgrund treibt und eine Veränderung dringend notwendig ist.

Beispiele für Unternehmen, die den Weg des Wandels bereits eingeschlagen haben, gibt es in Hülle und Fülle, z. B.: Farbenwerke Wunsiedel GmbH (Deutschland), Semco S/A (Brasilien), Cocomin AG (Deutschland), W. L. Gore & Associates (Deutschland), Vollmer & Scheffzcyk GmbH (Deutschland), Gravity Payments (USA), Allsafe Jungfalk GmbH & Co. KG (Deutschland), RWD Schlatter AG (Schweiz), Sparda Bank eG (Deutschland), um nur einige wenige zu nennen.

Um einen Wandel oder gar eine grundlegende Transformation einer Organisation zu bewerkstelligen, ist es jedoch entscheidend, sich von bekannten Konzepten und Erwartungen zu verabschieden. Das wiederum fällt vielen Mitarbeitern und Geschäftsführern nicht leicht, denn es bedeutet, sich auf komplett neues, unbekanntes Terrain zu begeben. In der Vergangenheit wurden Veränderungen in Firmen oftmals anhand neuer Management-Konzepte top down veranlasst. Mittlerweile greifen jedoch diese starren Konzepte nicht mehr. Vielmehr geht es darum, das neue Terrain selbst zu erforschen und einen gangbaren, nachhaltigen Weg zu finden, der den Mitarbeitern, der Firma und der Erde dient.

Wandel ohne wissenschaftliche Beweise
Das Schwierige daran ist der Mangel an wissenschaftlichen Beweisen. Auf die vielfach gestellte Frage „Ja ist es denn wissenschaftlich belegt, dass die Veränderung funktionieren wird?“ oder „Hat das auch ein bekannter Management-Berater gesagt?“ lautet die simple Antwort „Nein“. Spätestens bei dieser Antwort springen die ersten Unternehmen bereits vom Veränderungszug wieder ab, denn es ist in unsere Zellen wie eingebrannt, sich lieber auf alt bekanntes oder wissenschaftlich bewiesenes zu verlassen, als mutig ins Unbekannte zu marschieren. Nicht selten ertönen daher aus Angst und aus einem Schutzmechanismus heraus Worte wie „So ein neumodischer Quatsch. Das kann doch gar nicht gehen. Sie können in jedem Management Buch nachlesen, dass ein Unternehmen anders funktioniert.“ Ja, richtig. In allen bekannten BWL und sonstigen Wirtschaftsbüchern wird beschrieben, wie Unternehmenskultur im alten hierarischen und profitorientierten Sinne funktioniert. Das ist nicht gut und nicht schlecht und hat in der Vergangenheit viele wertvolle Anhaltspunkte gegeben. Fakt ist jedoch, dass in der heutigen, schnell-lebigen Zeit, in der mehr und mehr Mitarbeiter am Anschlag sind und mit Burnout und anderen psychosomatischen oder physischen Krankheiten ausfallen, bisher dagewesene Konzepte nicht mehr greifen. Die Komplexität in Unternehmen ist wahnsinnig groß. Nicht nur aufgrund von komplexen Prozessabläufen, sondern maßgeblich aufgrund der Menschen, die in den Organisationen arbeiten. „Diese Komplexität lässt sich nicht beherrschen. Am allerwenigsten mit simplen Konzepten.“ (Dirk Osmetz, Team Musterbrecher)
Die Firmen, die eine ganz neue Richtung einschlagen, sind Pioniere, Edgeworker, Musterbrecher, Vorreiter, vielleicht sogar (R)Evolutionäre. Sie gehen Wege, die sich für die meisten Manager, Geschäftsführer und Aufsichtsräte wie ein apokalyptischer Business Alptraum anhören: Freie Arbeitszeiten- und orte, transparente Gehälter, freie, verantwortliche Wahl von Aufgaben, Gemeinschaftsentscheidungen anstatt Vorgesetzten-Entscheidungen, Vertrauen statt Kontrolle, Ermächtigung des Einzelnen und des Teams anstatt top down Regularien, die Firma als lebendiger Organismus anstatt traditionelle Hierarchie, usw.

 Manche Organisationen sind so anders, dass es sie im Grunde gar nicht geben dürfte, denn sie widersprechen so ziemlich allem, was in den Management Lehrbüchern steht…“ (Stefan Kaduk, Team Musterbrecher).

Was diese Firmen gemein haben ist, dass sie bereit waren, Erwartungen und Konzepte die sie an Unternehmensführung und -entwicklung hatten, loszulassen. Selbst wenn ein Unternehmen bereit ist, eine grundlegende Veränderung im Sinne von „New Work“ anzugehen, ist die Gefahr dennoch groß, dass sich Erwartungen einschleichen, z. B. in Bezug darauf, wie schnell oder in welcher Form die Veränderung zu erfolgen hat. Hilfreich ist es da, Erwartungen und das Festhalten an Konzepten immer wieder zu adressieren, indem hinterfragt wird, woher die Erwartung kommt.

Aufgrund des bisherigen Konkurrenzdenkens, das in der modernen Gesellschaft bereits im Schulalter in die Kinder gepflanzt und durch die Ausbildung und das Studium hindurch weiter gefördert wird, sind die meisten Mitarbeiter in Unternehmen mit Erwartungen an sich selbst oder von außen sehr vertraut. Erwartungen, die durch bisherige Managementkonzepte beispielsweise genährt wurden, sind folgende:

  • Ein Mitarbeiter hat zu tun, was der Vorgesetzte sagt.
  • Der Mitarbeiter darf nur in dem Rahmen agieren, wie es in seiner Stellenbeschreibung festgelegt ist.
  • Je höher die eigene Position, desto höher das Ansehen.
  • Über Gehälter wird geschwiegen.
  • Ein Mitarbeiter gehört einer Abteilung an.
  • Der Geschäftsführer/der Vorgesetzte entscheidet.
  • Mitarbeiter müssen hierarchisch geführt werden.
  • Die Leistung eines Mitarbeiters muss idealerweise immer 100% oder mehr sein.
  • etc.

Welche Erwartungen haben Sie an sich selbst oder die Firma, in der Sie arbeiten? Es lohnt sich, die eigenen (oftmals unausgesprochenen) Erwartungen an sich selbst, andere Menschen oder die Firma einmal aufzuschreiben. Je mehr Erwartungen Sie haben, desto mehr leben Sie in Konzepten, wie die Dinge zu sein haben. Wenn sich dann Umstände oder Situationen verändern, die nicht Ihren Erwartungen entsprechen, was machen Sie dann ergo? Sie versuchen, die neue Situation zu bekämpfen und das Altbekannte wieder zu etablieren, damit Ihre Welt der Konzepte weiterhin Daseinsberechtigung hat. Erwartungen killen in einem tiefgreifenden Veränderungsprozess Kreativität und Miteinander. Da wo Erwartungen sind, können neue, ungewöhnliche, nichtlineare und unkonventionelle Ideen nicht keimen. Doch genau jene Ideen sind notwendig, um eine neue, gesunde Art des Arbeitens zu ermöglichen.

Erwartungen auflösen
Die Sache ist die: Erwartungen sind prädestiniert dafür enttäuscht zu werden. Insbesondere in Zeiten schneller und tiefgreifender Veränderungsprozesse ist es daher hilfreich, sich von Erwartungen zu verabschieden bzw. sie bewusst zurück zu nehmen. Sind Sie beispielsweise Geschäftsführer eines Unternehmens und Sie haben die (möglicherweise auch unbewusste) Erwartung, immer alles wissen und entscheiden zu müssen, so spüren Sie einmal in sich hinein, ob Sie bereit wären, diese Erwartung aufzulösen. Falls ja, könnten Sie beispielsweise aus Ihrem Innersten heraus deklarieren „Ich nehme jetzt und für immer die Erwartung von mir zurück, dass ich alles wissen und entscheiden muss.“ Denn eines steht fest: wenn Sie einen völlig neuen Weg einschlagen wollen, ist es notwendig, dass Sie im Nichtwissen stehen können.

Spüren Sie hingegen, dass andere diese Erwartung an Sie haben, und dass Sie sich aufgrund dessen Druck gemacht haben, könnten Sie gleichermaßen bewusst deklarieren „Ich gebe jetzt und für immer die Erwartung an XY zurück, dass ich jederzeit alles wissen und entscheiden können muss.“

Dieses Prozedere hört sich möglicherweise fast zu simple an, doch probieren Sie es selbst einmal aus. Die Wirkung ist erstaunlich. Wichtig ist dabei, dass Sie die Rücknahme der Erwartung nicht mit dem Kopf entscheiden. Auf der rein intellektuellen Ebene funktioniert das nicht. Es funktioniert nur, wenn Sie innerlich bereit und überzeugt sind, eine Erwartung zurück zu nehmen.

Angst ist notwendig für Veränderung
Mit der Rücknahme von Erwartungen geht ein weiterer, entscheidender Aspekt einher, der in der Business Welt mehr oder weniger Tabu ist. Der Aspekt ist: ANGST! Und zwar bewusste, verantwortliche Angst. Erwartungen aufzulösen, als Konsequenz im Nichtwissen zu stehen und aus dem heraus ein neues, unbekanntes Gebiet zu betreten, erzeugt Angst. Angst ist jedoch in unserer Gesellschaft keine gute Eigenschaft eines kompetenten Mitarbeiters oder Managers. In der herkömmlichen Sicht ist Angst – wie die anderen Gefühle Wut, Traurigkeit und Freude auch – nicht okay. Angst wird beispielsweise als blockierend, lähmend, unprofessionell und schwach betitelt. Wenn Sie Angst haben, sind Sie nach alter Sicht nicht in der Lage, Entscheidungen zu treffen, geschweige denn voranzugehen oder kreativ zu sein.

Lassen Sie uns daher eine neue Annahme treffen und die Perspektive wechseln: Gefühle sind neutrale Energie und Information, die uns dienen. Gefühle sind kein Design Fehler des Universums. Gefühle sind nicht schlecht. Vielmehr dienen Sie uns als inneres Navigationssystem, das uns zielsicher durchs Leben leitet. Wie könnte Ihnen Angst unter dieser Annahme professionell dienen? Nun, die Angst könnten Sie nutzen, um kreative Lösungen zu finden, Risiken abzuschätzen, wach und präsent zu sein und unbekannte Wege auszuprobieren. Angst ist Angst, nur das. Sie ist weder gut noch schlecht. Sie brauchen die Angst. Da Gefühle jedoch im Business Alltag weitestgehend unterdrückt werden und versucht wird, neue Wege rein mit dem logischen Verstand zu erforschen, kann es zunächst eine Herausforderung sein, sich die eigene Angst auf dem Weg ins Unbekannte wieder bewusst einzugestehen und sie anschließend verantwortlich und konstruktiv zu nutzen.
Denken Sie, dass die bisherigen oben genannten Pioniere und Edgeworker keine Angst vor den evolutionären Veränderungen hatten, die aus Sicht der gewöhnliche Business-Welt auf völlig verrückten, nicht praktikablen Ideen basierten? Denken Sie, Ricardo Semler, der Inhaber von Semco S/A hatte keine Angst, als er völlig freie Arbeitszeiten einführte, ohne zu wissen, was passiert? Anstatt sich von der Angst blockieren zu lassen, hat er jedoch jegliche Konzepte, von „wie etwas zu funktionieren hat“ über Bord geworfen:
“Es ist völlig verrückt, diese Idee, dass die Menschen immer noch so fixiert darauf sind, wie etwas gemacht wird. Bei uns sagt keiner: ‘Du bist fünf Minuten zu spät’ oder ‘warum geht dieser Fabrikarbeiter schon wieder aufs Klo?’ [...] Wenn Du dich bei Semco im Büro umsiehst, sind da immer jede Menge leere Plätze. Die Frage ist: Wo sind diese Leute? Ich hab nicht die leiseste Idee und es interessiert mich auch nicht. Es interessiert mich in dem Sinne nicht, dass ich nicht sicherstellen möchte, dass meine Mitarbeiter zur Arbeit kommen und der Firma eine bestimmte Anzahl Stunden pro Tag geben. Wer braucht eine bestimmte Anzahl Stunden pro Tag? Wir brauchen Leute, die ein bestimmtes Ergebnis abliefern. Mit vier Stunden, acht Stunden oder zwölf Stunden im Büro – sonntags kommen und montags zu Hause bleiben. Es ist irrelevant für mich”, erklärt Semler seltsam einleuchtend. (Quelle: http://www.sein.de, Autor David Rotter)

(Mehr zum Thema Gefühle als Navigationssystem im Business Alltag finden Sie im Buch „Edgeworker – Leadership war gestern, es ist Zeit für die Führungs-(R)Evolution“ von Nicola Nagel und Patrizia Servidio)

Angst gehört zum Veränderungsprozess dazu. Je mehr Konzepte, Konstrukte, Glaubenssätze und Erwartungen Sie fallen lassen, desto größer scheint im ersten Moment die Angst zu werden. Die Angst, für verrückt erklärt zu werden, für nicht zurechnungsfähig und letztendlich die Angst, nicht mehr dazu zu gehören. Bei anderen löst eine tiefgreifende Veränderung hin zu einer neuen Art des Arbeitens möglicherweise die Angst aus, Sicherheit und Stabilität zu verlieren. Ein Mitarbeiter sagte einmal „Ich habe Angst, dass die Firma zugrunde geht.“ Ja, genau! Eine Firma geht bei solch einem Wandlungsprozess in der Form zugrunde, als dass die bisherige Firma mit alten, überholten Denkweisen, mit Konzepten, Erwartungen und vermeintlichen Sicherheiten aufbricht. Altes, Gewohntes und möglicherweise Bequemes zurück zu lassen kann sich zunächst einmal anfühlen wie Sterben. Ein Teil stirbt, geht zugrunde. Was letztendlich jedoch dahinter steckt, ist: „Ich habe Angst, dass ich mich selbst verändern muss und nichts mehr so ist, wie früher.“ Und genau darum geht es. Auf dem Weg der Transformation hin zu einer neuen Art des miteinander Arbeitens geht es um den Menschen, darum, dass jeder Einzelne bereit ist, sich zu verändern und sich über seine Verhaltensweisen bewusst zu werden. Dabei ist nicht die Geschwindigkeit entscheidend. Entscheidend ist der Mensch. Es geht nicht darum, von heute auf morgen alles Bekannte über Bord zu schmeißen. Es geht darum, die Notwendigkeit zu erkennen, dann den Weg der Veränderung Schritt für Schritt mit dem Team zu gehen und dabei dem Prozess zu vertrauen.

Was letztendlich dabei heraus kommen kann, wenn die Mitarbeiter mit an Bord sind? Ein Unternehmen, in dem eine neue Art des Arbeitens möglich ist, die Mitarbeiter lebendig und inspiriert sind, sich kreativ einbringen, neue Ideen haben, selbstverantwortlich agieren und eine neue Art von Miteinander Sein entsteht, zum höchsten Wohle aller und der Erde. Sind Sie bereit den Schritt ins Unbekannte zu wagen?

(Autorin: Nicola Nagel)


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Montag, 16. Januar 2017

Wie gestaltest Du Dein Leben? - Über die Kraft der Deklaration



Ein Phänomen zum Jahreswechsel ist, dass viele Menschen sich vornehmen, etwas zu verändern oder ihr Leben anders zu gestalten. Gute Vorsätze und Wünsche werden zuhauf in das Universum geschickt und zunächst ist bei den meisten auch die noble und aufrichtige Absicht vorhanden diese zu verfolgen. Umso erstaunlicher ist es, dass vor allem die vielen guten Vorsätze nach ein, zwei, drei Wochen schon wieder über Bord geworfen werden. Gründe und Einflussfaktoren gibt es dafür viele. Einer der entscheidenden Faktoren ist dabei jedoch die fehlende Kenntnis über die Kraft der Deklaration. 

Wir deklarieren fortwährend, ohne uns dessen wirklich bewusst zu sein. Wenn wir deklarieren, dann setzen wir fest, wie die Dinge für uns sind. Wir sagen „So ist es!“. Mit Hilfe von Deklarationen gestalten wir unser Leben, denn jede Deklaration formt eine Geschichte, die eine bestimmte Absicht verfolgt und in unserem Leben wirkt. Die Absicht kann dabei entweder verantwortlich oder unverantwortlich sein, Dir Kraft geben oder Dir Kraft entziehen, Dich mit Menschen verbinden oder trennen, Dein Leben leichter oder schwieriger gestalten. 

Im Leben passieren fortwährend Dinge. Wir machen verschiedene Erfahrungen, treffen unterschiedliche Menschen, arbeiten möglicherweise in Firmen, reisen, etc. Die Krux dabei ist: egal, was passiert, wir können die Dinge nicht neutral belassen. Wir sind großartige Geschichtenmacher und geben den Dingen gerne eine Bedeutung bzw. interpretieren sie nach unserer Sichtweise. Wenn Du beispielsweise mit dem Zug fahren willst und der Zug Dir am Bahnhof genau vor der Nase wegfährt, dann wirst Du wahrscheinlich nicht neutral sagen: „Der Zug ist abgefahren.“ Dein Verstand ist eine blitzschnelle, bedeutungsgebende Maschine und wird sofort Beweise für eine hieb- und stichfeste Geschichte finden, die Du dann deklarierst. Eine unverantwortliche Deklaration könnte beispielsweise lauten: „Verdammt. Ich bin ein Idiot. Jetzt bin ich zu spät. Ich bin nicht früh genug von zuhause losgelaufen.“ Schon bist Du in dem unverantwortlichen Modus, der dich eventuell genervt sein lässt und Dir Energie raubt. Eine Alternative wäre, eine Geschichte zu deklarieren, die eine andere, verantwortliche Absicht hat und Dir mehr Kraft gibt. Diese könnte beispielsweise wie folgt lauten: „Oh, der Zug ist weg. Das ist direktes Feedback vom Universum. Danke, dass ich eine Lehrstunde in Sachen Pünktlichkeit und Kreativität bekomme. Mal sehen, welche interessanten Möglichkeiten ich jetzt habe?“

Insbesondere im zwischenmenschlichen Bereich wird die unterschiedliche Wirkungsweise von Deklaration deutlich. Wenn Dein Partner, einer Deiner Freunde  oder Dein Chef beispielsweise schlecht gelaunt ist und etwas patzig reagiert, kannst Du unterschiedliche Geschichten deklarieren. Ein Teil in Dir – der unverantwortliche Gremlin Anteil bzw. Dein innerer genervter Schweinehund - deklariert möglicherweise folgendes: „Wie ist er/sie denn wieder drauf? Meine Güte, der/die ist ja wieder nicht zum Aushalten. Ich kann das nicht ertragen. Der /Die ist wirklich nervig.“ Das Resultat dieser Deklaration wird sein, dass Du möglicherweise ebenfalls pampig reagierst, Dich zurück ziehst, Groll aufbaust und dadurch eine gewisse Distanz bzw. Trennung in der Beziehung oder Freundschaft entsteht. Deklarierst Du hingegen bewusst etwas anderes, kannst Du trotzdem in Deiner Kraft und mit der Person in Verbindung bleiben: „Er/sie ist ein temperamentvoller Mensch. Ich schätze die vielfältigen Facetten an ihr/ihm. Im Herzen ist er/sie ein feiner Mensch. Heute ist er/sie möglicherweise etwas müde und überarbeitet.“

Deklarieren hat dabei nichts mit positivem Denken zu tun. Es hat vielmehr damit zu tun, ob Du bewusst deklarierst, Dir also Deiner Absicht bewusst bist (verantwortliche oder unverantwortliche Absicht) und eine entsprechende Empfindung dazu im Körper hast.

Deklarieren mit IST-Kleber
Wir deklarieren, indem wir bestimmte Hilfswörter verwenden, um unsere Geschichten zusammen zu kleben. Diese Hilfswörter können als sogenannter Ist-Kleber bezeichnet werden. IST-Kleber erscheint in Form beliebiger folgender Konjugationen, die mit dem Wort IST/SEIN verwandt sind, beispielsweise: ist, sind, bin, war, waren, hat, habe(n), hatte(n), hätte(n), muss, musste(n), müssen, will, wollen, wollte(n), wird, werde(n), würde(n), kann, können, konnte(n), soll, sollen, sollte, etc. sowie die entsprechenden Verneinungsformen (ist nicht, bin nicht, etc.).

Hier einige Beispiele für Deklarationen mit Ist-Kleber: Mein Chef IST ein Depp! Das IST unmöglich! Ich KANN das NICHT tun! Ich BIN erschöpft! Das Wetter IST schrecklich! Das IST ein wundervoller Tag! Wir SIND ein tolles Team!

Wichtig ist zu wissen, dass Du für jede Geschichte, die Du deklarierst, zig Beweise finden kannst, egal, ob Du eine Geschichte mit einer bewussten, verantwortlichen Absicht deklarierst, oder eine Geschichte mit einer unbewussten, unverantwortlichen Absicht. Du kannst über ein und dieselbe Sache oder Person, völlig gegenteilige Geschichten deklarieren und wirst für jede Variante sofort Beweise finden. Versuche es direkt einmal:

Experiment 1: Unterschiedliche Deklarationen benutzen
Sieh Dich um und wähle einen Gegenstand der vor Dir liegt, z. B. einen Kugelschreiber. Deklariere nun die erste Geschichte über diesen Stift, z. B. „Dieser Stift ist total hässlich. Schau ihn Dir an. Er ist alt, und dieses Retro Design ist ein Witz, denn er ist alles andere als modern. Ich sollte ihn nicht mehr nutzen.“ Dann wechsle die Perspektive und deklariere etwas völlig anderes über den gleichen Kugelschreiber: “Ha! Hast Du den Stift gesehen? Der ist erstaunlich. Er ist perfekt, um damit zu schreiben, denn er hat diesen griffigen Teil hier für die Finger. Und das Design ist wirklich außergewöhnlich. Der Designer hat einen Sinn für Tradition und hat den Stift in altem Stil erfunden. Endlich mal ein Kugelschreiber, der Spaß macht.“ Wähle dann weitere Objekte und übe ein wenig, indem Du unterschiedliche Deklarationen triffst. Beobachte dabei, was die unterschiedlichen Deklarationen mit Deiner Stimmung und Deiner Energie machen. Welche geben Dir mehr Kraft?

Sobald wir Beweise gesammelt haben (und das macht der Verstand meist in Lichtgeschwindigkeit), identifizieren wir uns mit der deklarierten Geschichte, als würden wir einen hautengen Overall tragen, der sich nicht mehr von unserem Körper unterscheiden lässt. Wir werden regelrecht zu der deklarierten Geschichte und glauben sie auch noch.

Wie sieht es nun aus, wenn Du gute Vorsätze für das neue Jahr gefasst hast, z. B. „Ich werde mehr Sport machen“ oder „Ich werde mir mehr Zeit für die Familie nehmen“? Was häufig mit guten Vorsätzen oder Wünschen passiert ist, dass sie durch anders lautende, unbewusste Deklarationen untergraben werden und Dich letztendlich aufgeben lassen. Sehr bekannte Deklarationen sind in diesem Zusammenhang:

·         Ich kann das nicht!
·         Ich habe keine Zeit!
·         Mir ist das zu viel!
·         Ich kann ja eh nichts ändern!
·         Der/Die ist ein Idiot!

Mit dieser Art unverantwortlicher Deklaration kreierst Du sogenanntes niederes Drama, d. h. Du erzeugst eine Opfergeschichte, die Dich als Opfer der Umstände charakterisiert. Das ist die üblichste Geschichte in unserer Gesellschaft und nicht gut und nicht schlecht. Diese Art Deklaration produziert einfach nur Resultate in Deinem Leben, die Du möglicherweise nicht möchtest. Wenn Du jedoch eine verantwortliche Geschichte durch Deklaration erzeugst, veränderst Du die Absicht und wechselst dadurch vom Opfer-Modus hin zum Schöpfer-Modus, der besagt: Du hast das Geschehen herbeigeführt! Du selbst bist die Ursache. Das mag zunächst nicht fair erscheinen. Radikale Verantwortung ist nicht fair. Dafür erhältst Du durch die neue Haltung kraftvolle, neue Möglichkeiten.

Experiment 2:
Schreibe einmal auf, welche unverantwortlichen Deklarationen Du in Bezug auf Deine Vorsätze, Dein Leben, Deine Beziehungen hast. Was deklarierst Du über Dich, über andere Menschen? Wo deklarierst Du Geschichten, die Dir Kraft entziehen?


Um etwas anderes in Deinem Leben zu erschaffen und auch Deine guten Vorsätze und Wünsche in die Realität umzusetzen, ist es notwendig, dass Du Deine alten, unverantwortlichen Deklarationen auseinander nimmst und neue, verantwortliche Deklarationen verwendest, die Dir Kraft geben. Bei den gerade genannten Sätzen könnte das beispielsweise wie folgt lauten:

·         Ich kann um Hilfe bitten
·         Ich bin eine Zeitmacherin / ein Zeitmacher und entscheide, für was ich Zeit mache
·         Ich kann mir Entspannungszeiten kreieren
·         Ich bin eine Möglichkeiten-Erschafferin
·         Der/Die ist wie er ist. Ich kann dafür Dinge ändern

Experiment 3:
Nimm nun die Sätze, die Du aufgelistet hast, auseinander. Die Konjugationen sind nur Ist-Kleber und wenn Du diese löscht, hast Du auf der einen Seite beispielsweise nur noch „Ich“ und „das nicht“ oder „Ich“ und auf der anderen Seite „keine Zeit“. Da Dir die alten Deklarationen keine Kraft gegeben haben, behalte im konkreten Beispiel nun ausschließlich das „Ich“ und lege  den anderen Satzteil zur Seite. Nun erlaube Dir, erfinderisch zu sein und deklariere eine völlig neue Geschichte. Wichtig ist dabei, dass es kein utopischer oder alberner Satz wird, denn das wäre Dein Gremlin bei dem Versuch das Experiment zu zerstören. Es sollte vielmehr ein Satz sein, der Dir Kraft gibt. du kannst in Deinem Körper direkt spüren, ob Dir die neue Deklaration mehr Kraft gibt. Wie könnte eine neue Deklaration für Dich lauten? 


Sobald Du einen neuen, kraftvollen Satz deklariert hast, steige einmal in diese Geschichte hinein, indem Du Dir vorstellst, Du würdest sie wie einen Overall anziehen. Fühl Dich in die Geschichte rein. Gibt sie Dir Kraft? Möchtest Du diese Deklaration gerne behalten?

Hier noch einmal eine kurze Übersicht über die unterschiedliche Wirkungsweise von unverantwortlichem, unbewussten Deklarieren und verantwortlichem, bewussten Deklarieren.


Unverantwortliche Deklaration
Verantwortliche Deklaration
Entzieht Dir Kraft
Gibt Dir Kraft
Trennt Dich von Menschen
Verbindet Dich mit Menschen
Unbewusst
Bewusst
Schränkt Dich ein
Gibt Dir neue Möglichkeiten
Erzeugt sog. niederes Drama
Erzeugt sog. Hohes Drama
Du bist Opfer der Umstände
Du führst das Geschehene herbei
Vermiest Dir die Laune
Lässt Dich beschwingt vorwärts gehen
Lässt Dich aufgeben
Lässt Dich weiter probieren

Du bestimmst mit Hilfe der Art Deiner Deklaration selbst, was in diesem Moment möglich ist. Um gute Vorsätze und Wünsche in die Realität umzusetzen, ist es notwendig, Dir in jedem Moment (jetzt… und jetzt… und jetzt…) darüber bewusst zu sein, welche Deklarationen und damit Geschichte Du in Dir hältst. Die Welt ist reich an Beweisen, daher kannst Du zu allem irgendeine Geschichte erfinden und diese deklarieren. Es geht dabei nicht um gut oder schlecht. Es geht um verantwortliches oder unverantwortliches Kreieren.

Abschließend würde ich gerne noch eine berührende, wahre Geschichte mit Dir teilen, die die Kraft der Deklaration deutlich macht. Sie handelt von Thomas Edison, dem genialen Erfinder. 

Eines Tages kam Thomas Edison von der Schule nach Hause und gab seiner Mutter einen Brief. Er sagte ihr: "Mein Lehrer hat mir diesen Brief gegeben und sagte mir, ich solle ihn nur meiner Mutter zu lesen geben." Die Mutter hatte die Augen voller Tränen, als sie dem Kind laut vorlas: "Ihr Sohn ist ein Genie. Diese Schule ist zu klein für ihn und hat keine Lehrer, die gut genug sind, ihn zu unterrichten. Bitte unterrichten Sie ihn selbst."

Viele Jahre nach dem Tod der Mutter, Edison war inzwischen einer der größten Erfinder des Jahrhunderts, durchsuchte er eines Tages alte Familiensachen. Plötzlich stieß er in einer Schreibtischschublade auf ein zusammengefaltetes Blatt Papier. Er nahm es und öffnete es. Auf dem Blatt stand geschrieben: "Ihr Sohn ist geistig behindert. Wir wollen ihn nicht mehr in unserer Schule haben."

Edison weinte stundenlang und dann schrieb er in sein Tagebuch: "Thomas Alva Edison war ein geistig behindertes Kind. Durch eine heldenhafte Mutter wurde er zum größten Genie des Jahrhunderts." Da Edisons Mutter das Wesen ihres Sohnes wirklich gesehen und erkannt hat, konnte er das Beste hervorbringen, was in ihm war. In der Schule hätte er sich nicht so entwickeln können.

Bist Du bereit, die Kraft der Deklaration für Dein Leben zu nutzen?

Herzlich Grüße,
Nicola Nagel

P. S. Die grundlegenden Fertigkeiten, um kraftvoll deklarieren zu können und voll präsent in Deine Kraft zu kommen, kannst Du übrigens in den sogenannten Expand The Box Trainings und Possibility Laboratorien erlernen und erfahren. Ein echtes Erlebnis! Mehr dazu finden Sie auf: http://www.viva-essenza.com/66/privattraining/expand-the-box-training

Montag, 12. Dezember 2016

NEXT CULTURE WORK: Zeit für Entschleunigung – Ein Wechsel zum Miteinander Sein



Das Leben und Arbeiten in der modernen Gesellschaft scheint zunehmend dem Irrsinn gleichzukommen. Noch nie zuvor gab es so viele gesundheitsbedingte Ausfälle, die durch Stress und Burnout ausgelöst wurden. Einen großen Anteil daran hat die moderne Kommunikation, die mittlerweile erschreckende Ausmaße erreicht. Vor 25 Jahren, als das Internetzeitalter gerade erst begann, war die Absicht, die Kommunikation und Datenverbreitung mit Hilfe digitaler Medien einfacher zu gestalten. Aus dem „einfacher gestalten“ hat sich jedoch eine Geschwindigkeit in der Kommunikation entwickelt, die mittlerweile in hohem Grade bedenklich, um nicht zu sagen gesundheits- und sozialschädlich geworden ist. Die ursprüngliche Idee, Informationen effizient auszutauschen, um das Leben einfacher zu machen und die Menschen zu entlasten, ist abhanden gekommen. Stattdessen hat sich ein E-Mail Wahnsinn und Sozialer-Media-Dauer-Kontakt-Stress entwickelt. Das ist nicht gut und nicht schlecht, es produziert jedoch gewisse Resultate.

Viele Menschen sind mittlerweile zu regelrechten Sklaven der modernen Kommunikation geworden bzw. machen sich selbst zu Sklaven und können nicht  mehr ohne Smartphone oder Laptop sein. Aus Zeitersparnis ist Zeitstress geworden. Es wird gemailt, gechattet, gepostet und geskypt. Dank Internet, E-Mail und Smartphone ist heute fast jeder Mensch jederzeit verfügbar. Der Informationsaustausch hat sich massiv verdichtet und die elektronischen Medien werden in einem Ausmaß genutzt, sodass der Einzelne eigentlich weniger Zeit hat als vorher. Kürzlich kam ein Mann von einer 4-wöchigen Burnout-Kur zurück und sollte einige Tage später wieder seinem gewohnten Job in einer Firma nachgehen. Er sagte: „Mir graut es jetzt schon. Wenn ich wieder in die Firma komme erwarten mich ca. 1200 E-Mails. Wenn ich die alle bearbeiten soll, bin ich gleich wieder reif für die nächste Kur.“

Gerade weil es so leicht ist, eben schnell eine E-Mail oder WhatsApp zu schicken, ist es genauso einfach, zahlreiche Leute mit in Kopie zu setzen. Insbesondere in streng hierarchischen Gefügen - wie die meisten modernen Unternehmen es sind - ist es üblich, dass die Wichtigkeit und der Stellenwert einer Person daran gemessen wird, ob sie mit in einem E-Mail Verteiler ist, oder nicht bzw. an welcher Stelle im Verteiler sie genannt wird. Ein anderes Phänomen ist, dass E-Mails in großem Stil genutzt werden, um sicherzustellen „eine saubere Weste“ zu haben und alles schriftlich abzusichern, sodass es hinterher keinen Konflikt gibt oder ein Kollege bzw. Kunde behauptet, es sei alles ganz anders vereinbart gewesen. Sehr beliebt sind auch jene E-Mails, die eine Ping-Pong Konversation zwischen zwei Personen darstellen, jedoch ein Verteiler von weiteren 20 Personen mit eingebunden wird, damit auch ja alle mitbekommen, wer nun wie auf welche Äußerung reagiert. Eine weitere, sehr clevere Strategie besteht darin, sich über E-Mails ins rechte Licht zu rücken. Kürzlich erwähnte ein Geschäftsführer einer kleinen Firma beispielsweise, dass er am Abend E-Mails vorbereitet und diese dann früh morgens um 6:30 Uhr – wenn sein Wecker klingelt - losschickt. So denken die Kollegen, er sei extrem geschäftig und fleißig und schon so früh am Arbeiten.

Nicht nur die Nachrichten-Flut ist ein Problem. Vielfach steht mit dem Versand von Nachrichten auch stillschweigend die Erwartung im Raum, dass die andere Person sofort antwortet. Schließlich leben wir doch im elektronischen Zeitalter, wo jeder jederzeit erreichbar ist. Es macht sich oftmals sogar Groll breit, wenn eine Person nicht umgehend eine Antwort schickt. Die Erwartung hat sich in zahlreichen Firmen mittlerweile dahingehend ausgeweitet, dass Mitarbeiter selbst im Urlaub erreichbar sein müssen oder zumindest nach ihrer Rückkehr alle E-Mails innerhalb von 2 Tagen beantwortet haben müssen. Um eine Nachrichten Flut nach dem Urlaub zu verhindern, nehmen viele Menschen es sogar freiwillig in Kauf, den Laptop und das Smartphone auch im Urlaub stets parat zu haben. In diesem Fall wird der Status mittlerweile nicht selten daran gemessen, wie oft jemand im Urlaub von den Kollegen kontaktiert wird. Denn wer im Urlaub kontaktiert wird, der muss so wichtig sein, dass er unabkömmlich ist.

Und genau das ist der Teufelskreis: Wer viele Nachrichten bekommt und schickt und permanent erreichbar ist, scheint wichtig zu sein, ergo bekommt er von seinen Mitmenschen Anerkennung und Aufmerksamkeit. Wer dann auch noch gestresst aussieht und entsprechend gestresst reagiert, bekommt in der Regel noch mehr Aufmerksamkeit. Also ist es in der modernen Gesellschaft schon erstrebenswert geworden, möglichst gestresst zu sein. Also arbeiten viele Menschen noch mehr, schicken noch mehr E-Mails und posten noch mehr auf Facebook und Co., damit sie vermeintliche Aufmerksamkeit erhalten. Und – das nur am Rande - erst, wenn jemand gestresst ist, ist es „erlaubt“ krank zu werden und eine Pause einzulegen. Wenn Sie einmal hinter die Fassade schauen, geht es jedoch schlichtweg um Angst; die Angst nicht anerkannt zu sein, nicht gesehen zu werden. Und wenn Sie es ganz herunter brechen geht es letztendlich darum, keine Liebe zu bekommen und nicht dazu zu gehören. Drastisch ausgedrückt könnte man sagen, dahinter steckt die Angst zu sterben, denn das ist genau das, was früher passierte, wenn wir Menschen nicht zu einem Stamm gehörten und von Stammesbrüdern- und Schwestern umgeben waren.

Es dreht sich immer wieder um die Themen Aufmerksamkeit, Anerkennung, Wertschätzung, Liebe und Teil von etwas zu sein. Es ist ein Urinstinkt, dazu zu gehören.

Das Gefühl wichtig zu sein und Aufmerksamkeit zu bekommen, indem eine Person über email oder Soziale Medien mit ganz vielen anderen Menschen permanent in Kontakt steht und verfügbar ist, ist jedoch eine Illusion. Es ist eine Illusion, da echte Nähe und Kontakt vermieden werden. Die persönliche, nährende und erfüllende Zeit mit anderen Menschen geht verloren. Zwar haben viele Menschen dank der Sozialen Medien den Eindruck, mit ganz vielen anderen Menschen in Kontakt zu sein, doch welche Art Kontakt ist das? Ob im Business Leben oder im Privatleben, in Meetings oder abends im Restaurant, die Menschen daddeln eher an ihren Laptops und Smartphones herum, anstatt tatsächlich mit den Menschen, die ihnen gegenüber sitzen, in Kontakt zu sein. Ein elektronischer Kontakt kann den direkten persönlichen Kontakt jedoch nicht ersetzen. Kein Wunder also, dass sich mehr und mehr Menschen nicht nur im Job sondern grundsätzlich im Leben abgeschnitten fühlen. So groß der Nutzen der elektronischen Kommunikation auch ist, so bringt sie uns doch mehr und mehr weg von uns selbst, den anderen Menschen und der Erde.

Und nun? Wie soll es weitergehen?

Überlegen Sie einmal: früher hat ein Brief eine Woche gebraucht, bis er beim Empfänger war. Die Zeiten waren wesentlich ruhiger, langsamer, die Menschen haben mehr miteinander gesprochen und Zeit verbracht. Das soll kein Plädoyer für das Abschaffen elektronischer Kommunikation sein. Es ist jedoch lohnenswert, sich bewusst zwei Fragen zu stellen: 

1.    Was ist Ihre wahre Absicht bei der elektronischen Kommunikation via E-Mail und Smartphone und 

2.    welches Gefühl stellt sich ein, bei dem Gedanken, dass Sie diese drastisch reduzieren würden oder Ihnen elektronische Medien nicht mehr zur Verfügung stünden?

Zwei häufige Antworten lauten:

  • Wenn ich die elektronische Kommunikation drastisch reduzieren würde, hätte ich Angst, nicht mehr wichtig zu sein, etwas zu verpassen bzw. nicht mehr dazu zu gehören.

  • Ich hätte Angst, dass die anderen ein Problem haben könnten, wenn sie von mir keine  bzw. nicht sofort eine Nachricht erhalten und ich möglicherweise als nicht professionell oder vertrauenswürdig erachtet werde.


Um den psychischen Erkrankungen und der oberflächliche Schnelligkeit und Beliebigkeit entgegenzuwirken, könnte eine neue Art des Arbeitens in Firmen eine massive Entschleunigung und eine Neuausrichtung auf echtes Miteinander beinhalten. Echtes Miteinander im Sinne von physisch, direkt, persönlich, authentisch verletzlich. Interessanterweise macht genau das vielen Menschen Angst, obwohl sie gleichzeitig eine tiefe Sehnsucht danach in sich tragen; die Sehnsucht in Kontakt und authentisch menschlich miteinander zu sein. Es ist vordergründig natürlich leichter, eben schnell eine E-Mail oder WhatsApp zu schreiben, als jemanden anzurufen oder gar bei der Person persönlich vorbeizuschauen, zumal Sie sich nicht direkt der Reaktion des Gegenübers stellen müssen. Das Paradoxe daran ist jedoch, dass E-Mail, WhatsApp und Posts viel mehr Raum für Missverständnisse und Konflikte lassen, als eine persönliche Unterhaltung von Auge zu Auge. Zudem findet nährende Verbindung nicht statt. Und ja, tatsächliche Nähe und Verbindung untereinander kann beängstigend sein, denn wenn Sie das zulassen, kann es sehr schnell passieren, dass Ihr Gegenüber Sie tatsächlich sieht und Ihre Seins-Qualitäten wertschätzt. Doch Angst ist nur Angst, eine wunderbare Gefühlskraft, die – anstatt Sie zu blockieren oder zu lähmen (alte Sichtweise in unserer Gesellschaft) – ein wunderbarer Wegweiser sein kann, dass Sie in Bezug auf authentischen, persönlichen Kontakt neues Gebiet betreten und das Experiment wagen, aus der elektronischen Schnelllebigkeit auszusteigen.

Der ein oder die andere mag jetzt sagen: „Ja, aber das geht ja nicht so einfach. Mein ganzes Umfeld ist ja auf schnelle Kommunikation ausgerichtet.“ Ja, und die Frage ist, sind SIE bereit auszusteigen. Sind Sie bereit, mehr Menschlichkeit zurück in die Arbeitswelt zu bringen, den Fokus auf authentisch menschliche Verbindung zu legen und die Kommunikation zugunsten der Qualität und des Wohlbefindens des gesamten Teams zu entzerren und zu entschleunigen?

An dieser Stelle ist eine Unterscheidung zum sogenannten Problembesitztum hilfreich. Oftmals entscheiden wir uns nicht, Dinge zu verändern oder eine Grenze zu setzen (z. B. bei zu viel Arbeit oder bei oberflächlichen Gesprächen), weil wir meinen, die andere Person könnte damit ein Problem haben. Lassen Sie uns daher kurz schauen, was es mit dem Problembesitztum auf sich hat.

Wie die unten stehende Landkarte zeigt, gibt es nur 3 Möglichkeiten bei der Frage, wer ein Problem haben kann:


1.    Ich habe ein Problem
Wenn Sie ein Problem haben, dann können Sie damit tun und lassen, was Sie wollen. Sie können es behalten, es ausschmücken und größer machen, es liegenlassen, es verdrängen oder es einfach lösen. Es ist Ihr Problem.

2.    Der andere hat ein Problem
Wenn eine andere Person ein Problem hat, dann lassen Sie sie bitte ihr Problem haben. Sie hat hart dafür gearbeitet, dieses Problem zu haben. Wenn Sie nun hergehen und das Problem der anderen Person lösen, dann muss Sie sich ein neues Problem suchen, um das zu lernen, was sie zu lernen hat. Zudem schaden Sie sich eher selbst, denn Sie laden sich ein Problem auf, das nicht Ihr Problem ist und bekommen möglicherweise Schwierigkeiten gesundheitlicher oder welcher Art auch immer.

Spannend wird es nun bei der dritten Option. Man könnte annehmen, dass die dritte Option beim Problembesitztum lautet „Wir haben ein Problem“. Doch mal ehrlich, wenn Sie in einer Besprechung oder zuhause sagen „Ja, dann müssen wir das mal machen.“, wer macht es dann? Richtig, niemand macht es. Das liegt daran, dass es kein WIR gibt, wenn es um Verantwortung geht. Entweder Sie haben ein Problem oder der andere hat ein Problem. Es kann durchaus sein, dass sie beide das gleiche Problem haben, doch jeder kann nur seinen Teil der Verantwortung tragen und seinen Beitrag zur Lösung. Somit scheidet die Option „Wir haben ein Problem“ aus.

Die dritte Option ist so naheliegend wir fern:

3.    Es gibt kein Problem
Können Sie sich das vorstellen? Es gibt kein Problem? Das ist die Zeit des sogenannten grundlegenden Gutseins, in der es darum geht, die Zeit miteinander zu genießen. Allerdings gibt es einen Teil in uns – unser sogenannter Gremlin, d. h. der innere Schweinehund oder Schattenanteil in jedem Menschen – der das nur schwer aushalten kann, denn wenn es kein Problem gibt, wird echte authentische Begegnung möglich. Deswegen ist dieser Gremlin Teil sehr clever darin, in Lichtgeschwindigkeit ein neues Problem zu erfinden und wenn es das Problem ist, dass noch 15 E-Mails und 5 WhatsApp Nachrichten unbeantwortet sind.

Wessen Problem ist es also, wenn Sie aus der Hochgeschwindigkeit der elektronischen Kommunikation ein stückweit aussteigen und Ihr Umfeld zunächst irritiert ist, dass Sie nicht mehr jederzeit verfügbar oder online sind?



Ziehen Sie einmal in Betracht, dass im Kontext von Next Culture Work – einer neuen Art des Arbeitens - diejenigen ein Vorbild sind, die genau das tun: zu entschleunigen und wieder miteinander in authentischen Kontakt zu treten. Wenn Sie sich entscheiden, vom Sklaven der Kommunikation zum Erschaffer von Miteinander zu werden, wird das Ihren Kollegen – oder auch den Menschen in Ihrem Privatleben – auffallen. Wenn die Beziehungen und Begegnungen nicht mehr der Alltagshektik und -logistik zum Opfer fallen, werden die Menschen, mit denen Sie in Kontakt treten, genährt und Sie selbst zugleich auch.

Geben Sie dem folgenden Gedanken einmal 1% Chance: Das, was Sie unterschwellig den Kollegen und Mitmenschen kommunizieren, wenn Sie sich bewusst für ein neues Spiel entscheiden, ist Ich achte auf mich! Wenn Sie sich die Freiheit nehmen, sich auszuklinken, hat das sehr viel mit Selbst-Respekt zu tun. Sie kommunizieren, dass Sie sich selbst und ihre Gesundheit Ihnen mehr wert sind, als die Arbeit, die Schnelllebigkeit und die weit verbreitete Beliebigkeit elektronischer Kommunikation. Sie rücken in dem Moment den Wert des Menschen wieder in den Mittelpunkt und werden damit zu einer Leitfigur, einem Edgeworker, der sich auf menschliche Werte besinnt.

In einem neuen Kontext des humanen Wirtschaftens hätte das authentische, verletzliche Miteinander wieder einen hohen Stellenwert und dafür braucht es mutige Menschen, die bereit sind, voranzugehen. Es braucht Edgeworker, die die Notwendigkeit erkennen, das derzeitige Muster der Kommunikations- und damit Reizüberflutung zu durchbrechen und sich wieder auf die entscheidenden Faktoren von Menschlichkeit, Herzlichkeit, Verbindung, Kontakt, Authentizität, Liebe, Wertschätzung und Miteinander sein zu besinnen.  
 
Experiment 1:
Bitten Sie in Ihren Besprechungen die Kollegen, Laptops und Smartphones auszumachen bzw. gar nicht erst zum Meeting mitzubringen. Einige werden möglicherweise protestieren, denn schließlich haben doch alle so viel zu tun. Seien Sie einfach klar in Ihrem vorhaben. Einige Kollegen werden dann möglicherweise nicht kommen, doch die Kollegen, die kommen, sind letztendlich jene, die verpflichtet sind, zu 100% ihre Aufmerksamkeit auf das konstruktive Miteinander des Teams zu legen. Lassen Sie sich überraschen, wie anders das Meeting verläuft.

Experiment 2:
Koppeln Sie sich in der Mittagspause für 1 Stunde von jeglicher elektronischen Kommunikation ab und gehen Sie authentisch in Kontakt mit Ihren Kollegen. Versuchen Sie, nicht über den Job zu sprechen.

Experiment 3:
Beginnen Sie damit, das kommende Wochenende ohne jeglichen elektronischen Kommunikationsmedien zu verbringen. Das ist Teil der Heilung der sogenannten Technopenuriaphobie (Angst vor dem Verlust der Technik) und der Rückverbindung mit der Erde. Schalten Sie das Smartphone aus, lassen Sie den Laptop zu, surfen Sie weder im Internet, noch beantworten Sie E-Mails oder WhatsApp Nachrichten. Schalten Sie am besten Ihr Telefon komplett aus. Es könnte sein, dass Ihr Verstand am ersten Tag halb durchdreht und die ganze Zeit meint, Sie könnten etwas verpassen. Lassen Sie den Verstand plappern und hören Sie nicht auf ihn. Schon am 2. Tag werden Sie merken, wie die Stimmen weniger werden. Weiten Sie dieses Experiment dann z. B. auf 1 bis 2 Wochen in Ihrem nächsten Urlaub aus.

Nutzen Sie dann die frei gewordene Zeit, um bewusst in tieferen Kontakt mit einem Menschen aus Ihrem Umfeld zu gehen.


Der Mann aus dem zu Anfang genannten Beispiel, dem es vor den 1200 E-Mails grauste, tat auf den humorvollen Ratschlag eines Freundes hin übrigens folgendes: Er ging am ersten Tag wieder in die Firma und löschte ALLE E-Mails ungelesen. Er hatte sehr viel Angst bei diesem waghalsigen Experiment und hatte die schlimmsten Befürchtungen. Und was passierte? … NICHTS!!! Rein gar nichts! Diejenigen Kollegen, die dringend etwas von ihm benötigten, schickten erneut eine E-Mail und wenn ihm eine wichtige Information fehlte, bat er die Kollegen entsprechend um nochmalige Zustellung der E-Mail. Ihm war es wichtiger, mit den Kollegen in Kontakt zu sein, als der Illusion von Wichtigkeit und Aufmerksamkeit gemessen an der E-Mail Anzahl zu erliegen, die ihn wieder in den Burnout geführt hätte.

Sind Sie bereit aus der Informations-Flut auszusteigen und wieder mehr Zeit für authentisches Miteinander zu schaffen?

Beste Grüße, 
Nicola Nagel


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