Montag, 15. Oktober 2012

Der Lauf im Hamsterrad - Vom Irrsinn des täglichen Lebens.



Ist es nicht ein absoluter Irrsinn, den wir Menschen betreiben? Die meisten arbeiten tagein, tagaus, von morgens bis abends, jonglieren mit Terminen und diversen Verpflichtungen und wissen oft gar nicht mehr, wo ihnen der Kopf steht. Sätze wie „Puh, das ist alles so viel“ oder „Ich weiß gar nicht, wie ich das schaffen soll“ oder „Ich habe keine Zeit“ sind Gang und Gäbe. Kommen Ihnen diese Sätze bekannt vor?

ZEIT! Ein sehr kostbares Gut heutzutage. Das Paradoxe ist, dass wir ständig im Hamsterrad des Alltags rennen und meinen keine Zeit zu haben, doch gleichzeitig zu 100% dafür verantwortlich sind, was wir mit unserer Zeit machen.

Oh! Da gibt es bereits bei dem ein oder anderen die ersten Irritationen. Denn bitteschön, schließlich verlangt der Job doch so viel Zeit, Mühe, Gerödel und Gerenne. Oder die Kinder, die zum Schwimmen, Musizieren, den Pfadfindern oder sonst wohin gekarrt werden wollen. Aha, ist das so? Lassen Sie mich eine wichtige Frage stellen. Wer hat sich Ihren Job ausgesucht? Wer hat gewählt, eine Familie zu haben? Wer hat entschieden, eine bestimmte Herausforderung im Leben anzunehmen? YEP! Sie liegen absolut richtig, SIE SELBST. 

Diejenigen, die also meinen, dass alle anderen an Ihrer Zeit-Misere Schuld sind (oder auch an vielen anderen Dingen in ihrem Leben), muss ich leider der Illusion des bequemen Opfer Daseins berauben. Das einzige, was Ihnen bequemes Opfer-Dasein bringt, ist Jammern auf höchstem  Niveau, schlechte Laune und graue Haare. Ansonsten gar nichts.

Viel interessanter wird es, wenn Sie sich bewusst machen, dass Sie Ihre eigene Zeitmaschine sind. Sie sind ein Zeitmacher. Sie selbst bestimmen in Ihrem Leben, wie viel Zeit Sie für eine bestimmte Tätigkeit aufbringen. Niemand anderes. Wenn Sie sich getrieben fühlen, sind Sie Opfer der Umstände. Wenn Sie sich hingegen bewusst entscheiden, für etwas Zeit aufzuwenden, dann haben Sie das Ruder in der Hand und können somit auch jederzeit in eine andere Richtung steuern. Ein kleiner, aber bedeutender Unterschied.

Sie fühlen sich zum Beispiel gestresst, weil Sie schon wieder spät dran sind und es vielleicht gerade noch so zum nächsten Termin schaffen? Wer könnte seine Zeit anders planen und sich verpflichten, 10 Minuten eher loszufahren? „Ja, aber…“ tönt da vielleicht die ein oder andere Stimme, „Wenn der Termin vorher bereits zu lange dauert und ich deswegen in Zeitbedrängnis für den nächsten Termin laufe?“ Tolle Opfergeschichte! Planen Sie Zeitpuffer ein. Wenn ein Termin bis 15 Uhr angesetzt ist und Sie dann definitiv los müssen, um bei Ihrem Kunden um 16 Uhr den nächsten Termin wahrnehmen zu können, dann seien Sie nicht Opfer der Zeit, wenn der vorherige Termin um 15 Uhr noch nicht beendet ist. Wenn der vorherige Besprechungsleiter sein Meeting nicht gut genug zeitlich geplant hat, wessen Problem ist es dann? Definitiv nicht Ihres. Stehen Sie auf und kommen Sie Ihrer Verpflichtung nach, pünktlich und entspannt bei Ihrem nächsten Termin zu sein. Was denken Sie, wie viel Zeit und Geld eingespart würde, wenn es keine überzogenen Meetings mehr gäbe.

Gleiches gilt für das Privatleben. Sie haben Ihren Bekannten klar gesagt, dass Sie nur bis 21 Uhr bleiben können, weil Sie dann den Babysitter ablösen müssen? Dann bleiben Sie nicht aus gespielter Höflichkeit bis 21.15 Uhr, nur um es diesen Menschen recht zu machen und anschließend mit Vollgas und entsprechendem Risiko nach Hause zu rasen.

Nun kann es jedoch passieren, dass es einfach sehr viele Projekte und Aufgaben in Ihrem Leben gibt, denen Sie sich gleichzeitig verpflichtet haben. Da kann es sehr leicht passieren, dass man den Überblick verliert und vor lauter Aufgaben nicht mehr weiß, was man zuerst machen und wie man sich die Zeit einteilen soll. Falls Sie sich in solch einem Hamsterrad wiederfinden und verzweifelt nach der Bremse oder der Gangschaltung suchen, um Herr der Lage zu werden, kann es hilfreich sein, die verschiedenen Aufgaben auf Ihrem Tisch zu nach ihrer Dringlichkeit und Wichtigkeit zu klassifizieren. Dabei gibt es 4 Kategorien:

1.    Dinge, die NICHT dringend und NICHT wichtig sind - STREICHEN
In diese Kategorie fallen Dinge, die ich gerne als „nice to have“ oder als „nettes Blümchen auf dem Tisch“ bezeichne. Es sind Aufgaben, die weder wichtig, noch dringend sind und deren Erledigungs-Priorität sehr niedrig, wenn nicht gar null ist. Zum Beispiel:
  • Dem Kollegen, der gefragt hat, ob ich einen guten Italiener kenne, noch zusätzlich eine Liste mit den besten Restaurants der Stadt erstellen.
  • Eine neue Pflanze für das Büro kaufen.
  • Die Gartenmöbel in einer neuen Farbe lackieren.
  • Die Gardinen waschen.
  • Den Keller oder Dachboden ausmisten.
  • Im Sommer bereits über Weihnachtsgeschenke nachdenken.
  • Bei Gelegenheit die Tarife für Strom und Telefon online vergleichen.

Diese Dinge können Sie getrost von Ihrer Liste streichen, denn ob sie getan oder nicht getan werden, ist ungefähr so bedeutend wie ein Sack Reis, der in China umfällt. Wenn Sie diese Dinge nicht tun, geht die Welt nicht unter und weder Sie noch jemand anderes leidet darunter.

2.    Dinge, die SEHR dringend, aber NICHT wichtig sind – DELEGIEREN
In dieser Kategorie wird es bereits brenzliger, denn hier sitzt Ihnen womöglich ein Termin im Nacken. Auch wenn die Aufgabe für Sie selbst nicht wirklich wichtig ist bzw. es Ihnen egal ist, auf welchem Weg sie erledigt wird, so muss sie doch erledigt werden. Zum Beispiel:

  • Ein Flugticket und ein Hotel für das Business-Meeting in Rom buchen.
  • Einem Kunden die allgemeinen Unterlagen über Ihre Firma und die Produktpalette schicken.
  • Termine mit 5 potentiellen Kunden vereinbaren.
  • Einen Seminarraum für den Abteilungsworkshop nächste Woche organisieren.
  • Neues Büromaterial bestellen.
  • Die Hemden vor Ladenschluss aus der Reinigung abholen.
  • Mit Oma klären, ob die Kinder am Mittwoch bei ihr übernachten können.

Dies sind Aufgaben, die Sie delegieren können. Diese Dinge müssen zwar erledigt werden, doch ist es nicht erforderlich, dass Sie es persönlich erledigen. Ob durch die Sekretärin, einen anderen Kollegen, den Partner, die Kinder, Hauptsache die Aufgabe wird erledigt. Zum Beispiel fand ich als Teenager, wenn ich früher aus der Schule kam, häufig einen Zettel meiner Mutter auf dem Küchentisch, der da sagte „Bitte schon mal Kartoffeln schälen / Salat vorbereiten / Gemüseauflauf schichten. Komme um 13 Uhr.“ Wenn die Zeit also knapp war, die Familien-Bäuche aber gefüllt werden wollten, war das eine sehr elegante Art meiner Mutter, durch Delegieren Zeit zu schaffen, damit das Mittagessen dennoch pronto auf dem Tisch stand und alle Familienmitglieder anschließend pünktlich zu ihren Nachmittags-aktivitäten aufbrechen konnten.  

3.    Dinge, die SEHR dringend und SEHR wichtig sind - PRIORISIEREN
  • Den Personalausweis und Reisepass vor dem Auslandsurlaub nächste Woche verlängern lassen.
  • Das vom Kunden geforderte Angebot bis heute Abend fertigstellen und rausschicken.
  • Den Kollegen aus der Produktentwicklung umgehend sagen, dass der Kunde eine Änderung an der Spezifikation vorgenommen hat.
  • Die Präsentation für die Vorstandssitzung, die in einer Stunde beginnt, vorbereiten.
  • Neue Texte für die Webseite erstellen und freischalten, bevor die Firmenveranstaltung übermorgen beginnt.
  • Um 18 Uhr den kleinen Sohn vom Pfadfinder-Treffpunkt abholen.
  • Einen Babysitter für heute Abend organisieren.

Diese Kategorie von Dingen verlangt kurzfristige bzw. sofortige Erledigung. Ein Aufschub ist nicht möglich. Vor allem aber verlangen diese Aufgaben Ihren direkten Einsatz. Diese Themen sind zu wichtig, als dass sie verschoben oder von jemand anderem erledigt werden könnten. Gibt es mehrere Dinge, die sowohl dringend als auch sehr wichtig sind, so gilt es, diese zu priorisieren, um klaren Kopf zu behalten. Was kommt zuerst? Was kann zeitlich vielleicht ein, zwei Stunden später erfolgen?

4.    Dinge, die NICHT dringend, aber SEHR wichtig sind – HYPER-NETZWERKEN
Die vierte Kategorie an Dingen ist sehr spannend. Hierbei handelt es sich nämlich um Dinge, die Ihnen persönlich sehr wichtig sind, die jedoch keine Dringlichkeit besitzen. Es sind vielmehr Dinge, die Sie vielleicht immer schon einmal machen wollten, wenn Sie denn endlich einmal Zeit hätten. Gleichzeitig sind es jedoch Dinge und Themen, die Sie nähren und inspirieren. Zum Beispiel:

  • Eine Reise zu indianischen Eingeborenen im Amazonas machen.
  • Ihren Partner mit einem außergewöhnlichen Abend überraschen, den Sie selbst kreieren.
  • Einen Vortrag zum Thema Gefühle vor 300 Menschen halten.
  • Einen Paragliding Flug vom Mont Blanc starten.
  • Ein Buch schreiben.
  • Argentinischen Tango lernen.
  • Sich mit Leuten weltweit vernetzen, die tragfähige Lebensweise erforschen.
  • Das Dachgeschoss in Ihrem Haus eigenhändig zu einer großen Dachterrasse umbauen.

Sie tragen ein Projekt oder einen Traum in sich, oder vielleicht auch mehrere, die sie angehen würden, wenn Sie endlich mal Zeit und die nötigen Ressourcen hätten. Etwas, das sie begeistert. Dinge, die Ihnen persönlich am Herzen liegen, die Sie in Freude versetzen, jedoch aufgrund des übervollen Terminplans immer wieder hinten runterfallen. Manchmal fehlt Ihnen zur Realisierung einfach auch nur der letzte Input, die letzte Idee, der letzte Anstoß. Solche Themen gehen Sie am besten über das sogenannte „Hyper-Netzwerken“ an. Das bedeutet konkret, dass Sie andere Menschen, unabhängig von ihrem Status, ihrer Position, Religion, Kultur, Alter, Geschlecht, etc. um Ressourcenaustausch bitten. Jeder Mensch ist eine Quelle von Fülle. Jeder Mensch hat Ideen, Ressourcen, Kontakte, Fähigkeiten. Einige haben vielleicht auch die nötigen finanziellen Mittel, oder Verbindungen und Erfahrungen, die Sie zur Realisierung Ihres persönlichen Projekts benötigen.

Lassen Sie mich ein simples Beispiel geben. In einem meiner Trainings habe ich dieses Hypernetzwerken mit den Teilnehmern durchgeführt. Eine Teilnehmerin erzählte mir von ihrem Projekt, dass sie für ihren Mann zum Geburtstag gerne eine Steinpyramide selbst bauen wolle, da er für Pyramiden einen Fabel habe. Sie habe jedoch festgestellt, dass sie dafür spezielles, teures Werkzeug zum Durchbohren von Steinen benötige, das sie nicht finanzieren könne. Ich konnte ihr umgehend helfen, denn ich hatte einen Bekannten, der selbst Steinmetz war und über genau das notwendige Werkzeug verfügte. Ich stellte den Kontakt zwischen beiden her und er bohrte in null-komma-nichts kostenlos die Löcher in die Steine. So konnte Sie Ihrem Mann eine großartige Geburtstagsüberraschung bereiten.

Experiment 1: Kategorisieren Sie Ihre Aufgabenliste
Schreiben Sie einmal alle aktuell anfallenden Aufgaben auf ein Blatt Papier. An was müssen Sie alles denken, was müssen Sie noch erledigen, was dürfen sie auf keinen Fall vergessen? Schreiben Sie wirklich alle Dinge auf, die auf Erledigung warten.

Nun schauen Sie sich die Liste an. Schreiben Sie dann links neben die Punkte, in welche der Kategorien 1 bis 4 die entsprechende Aufgabe fällt.

Wichtig ist dabei, dass Sie die Punkte verantwortlich einschätzen und nicht neurotisch werden. Oft meinen wir, alle Dinge seien wichtig und könnten nur von uns persönlich erledigt werden. Die Einzelkämpfer-Strategie bzw. die Herangehensweise des einsamen Wolfes ist weit verbreitet, denn das ist die Strategie, die wir im Patriarchat lernen. Nur wer alles weiß und selbst meistern kann ist heldenhaft. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich spreche. Früher habe ich eher mit zwei langen Kochlöffeln in der Kaffeeküche der Firma das letzte Glas aus dem obersten Regal gehangelt, als dass ich den 1,92m großen Kollegen, der neben mir stand, gefragt hätte, ob er mir das Glas herunter reichen kann.

Wir sind brillant darin trainiert, alles selbst zu schaffen, um im Job und auch im Privatleben Anerkennung einzuheimsen. Es herrscht der unbewusste Irrglaube, man sei nur vollwertig, wenn man gestresst sei, denn das ist schließlich ein Beweis dafür, wie viele Dinge man zu tun hat und wie wichtig man daher ist. Wir sind eine Leistungs-Gesellschaft, eine Wettkampf-Gesellschaft in der das Wort Team immer mehr zur Farce geworden und Stress bzw. die Drehzahl unseres Hamsterrades als Messlatte für Leistung geworden ist. Traurig, aber wahr. 
Glücklicherweise wachen immer mehr Menschen auf und stellen fest „Das kann es doch nicht sein!“ Alte Pfade zu verlassen kann jedoch mitunter eine Herausforderung sein. Allein die Tatsache, andere - womöglich fremde - Menschen um Unterstützung zu bitten (wie beim Hyper-Netzwerken), kann zunächst beängstigend sein. Sie begeben sich in dem Moment in unbekanntes Gebiet, denn Sie geben etwas von sich preis und werden dadurch verwundbar. Doch eines ist dabei garantiert: Lebendigkeit, Bereicherung und Spaß auf höchstem Niveau.

Experiment 2: Planen Sie SEINS-Phasen ein
Sich mehr Raum und Zeit zu schaffen, indem Sie Dinge streichen, delegieren oder um Unterstützung bitten, ist die eine Sache. Lassen Sie uns nun noch einmal auf das Thema zurück kommen, dass Sie Ihre eigene Zeitmaschine sind. Wie oft räumen Sie sich bewusst ZEIT FÜR SICH ein? Wie oft haben Sie in Ihrem Terminkalender einen Zeitraum für sich selbst geblockt, in dem Sie bewusst eine Auszeit nehmen, bei sich ankommen und vielleicht sogar  NICHTS tun? Solche kurzen Auszeiten sind essenziell, wenn Sie an eine andere Weisheit als Ihren logischen Verstand anknüpfen wollen.

Schauen Sie sich einmal Ihren Terminkalender für diese Woche an. Tragen Sie nun – abgesehen vom Wochenende – unter der Woche jeden Tag einen 10-minütigen Termin ein, der Ihnen persönlich gewidmet ist. Sie können diesen Zeit-Slot als Ihren persönlichen Auszeit-Block deklarieren. In der Zeit gehen Sie nicht ans Telefon, lesen keine E-Mails, surfen nicht im Internet, reden nicht mit Kollegen. Nada. Finden Sie stattdessen einen ruhigen Ort, genießen Sie bewusst und in Ruhe einen schaumüberdeckten Cappuccino oder schauen Sie bewusst aus dem Fenster und nehmen Sie die Schönheit der Herbstfarben in sich auf. Machen Sie sich bewusst, dass Sie gerade in diesem Moment Zeit für sich geschaffen haben. Atmen Sie ein paar Mal tief und entspannt ein und aus, seien Sie präsent in diesem Augenblick, ohne an das zu denken, was Sie dann im Anschluss noch alles erledigen müssen. Bauen Sie Entschleunigungs-Phasen ein. Diese müssen nicht jedes Mal 1 Stunde dauern. Es geht darum, dass Sie durch kurze Zeit-Blocker, Bewusstheit darüber bekommen, dass Sie in jedem Moment ein Zeitmacher sind. Sogar jetzt, in diesem Augenblick, machen Sie Zeit dafür, diesen Artikel zu lesen, anstatt 12 andere noch anstehende Sachen zu erledigen. Eine großartige Möglichkeit der Entschleunigung ist übrigens auch, den Tag morgens damit zu beginnen, dass Sie 10 bis 30 Minuten still für sich dasitzen und nichts tun und sich auf den Tag einstimmen. 

Der Trick, das Hamsterrad zum Stehen zu bringen, liegt darin, einfach nicht mehr wie ferngesteuert zu rennen, weil Sie meinen anderen genügen oder gefallen zu müssen, sondern selbst Verantwortung zu übernehmen, die Hand an die Gangschaltung zu legen und den Fuß auf die Bremse zu setzen, um dadurch in die Geschwindigkeit zu kommen, die Ihrem persönlichen Rhythmus entspricht. Denn Zeit ist nicht Geld. Zeit ist Leben!

In diesem Sinne herzliche Grüße,
Ihre Nicola Nagel


POTENZIALE LEBEN!
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Donnerstag, 13. September 2012

Management-Strategie: Die Befreiung der Arbeit



Kürzlich führte ich ein sehr bereicherndes Gespräch mit einem HR Direktor eines großen Konzerns. Während dieses Gespräches war schnell klar, dass die aktuelle Strategie, eine immer höhere Wertschöpfung zu erreichen, auf Dauer ein selbstmörderisches Paradigma ist. Selbstmörderisch sowohl für die Mitarbeiter, als auch das Unternehmen als Ganzes. Eigentlich muss komplett ein Wandel weg vom Wertschöpfungsdenken hin zum Wertschätzungsdenken stattfinden. Doch wie soll es möglich sein, aus der Wertschöpfungs-Mühle herauszukommen, die seit der industriellen Revolution unser Denken bestimmt?

Zum einen kann so eine grundlegende Änderung sicher nicht von heute auf morgen erfolgen. Etablierte Unternehmen, die seit Jahren erfolgreich sind und eine an Wertschöpfung und Gewinnen gemessene Strategie fahren, verhalten sich wie ein riesiger Dampfer auf hoher See. Wenn Sie solch einen Dampfer ein rechtwinkliges Manöver fahren lassen wollen, dann fährt er aufgrund seiner Masse zunächst einmal weiter geradeaus, bis er schließlich langsamer wird und der neu eingegebene Kurs greift.

Zum anderen steht eines ganz sicher fest: die Unternehmensstrategie grundlegend zu ändern, erfordert sehr viel Mut. Eine Neuausrichtung würde bedeuten, den gängigen Gesetzen des Wettbewerbs nicht mehr zu folgen, sondern neue Unternehmenswerte zu etablieren. Ist so etwas überhaupt möglich? Ja, so etwas ist möglich. Die Firma Semco aus Brasilien macht es vor. Im Folgenden möchte ich gerne einen interessanten Artikel mit Ihnen teilen, der über die Firma Semco erschienen ist.

Die Befreiung der Arbeit: Das 7-Tage- Wochenende
Weltweit starren Manager fassungslos auf die Firma Semco: Was dort passiert, widerspricht allem, an was sie glauben. Die 3000 Mitarbeiter wählen ihre Vorgesetzten, bestimmen ihre eigenen Arbeitszeiten und Gehälter. Es gibt keine Geschäftspläne, keine Personalabteilung, fast keine Hierarchie. Alle Gewinne werden per Abstimmung aufgeteilt, die Gehälter und sämtliche Geschäftsbücher sind für alle einsehbar, die Emails dafür strikt privat und wie viel Geld die Mitarbeiter für Geschäftsreisen oder ihre Computer ausgeben, ist ihnen selbst überlassen.
Respekt als Erfolgsrezept
Was für heutige Personalchefs klingen mag, wie ein anarchischer Alptraum, ist in Wirklichkeit eine Erfolgsgeschichte. Seit das Unternehmen von Inhaber Ricardo Semler umgestellt wurde, stiegen die Gewinne von 35 Millionen auf 220 Millionen Dollar. Und nicht nur die Zahlen geben Semler recht, sondern vor allem die Mitarbeiter: Die Fluktuationsrate bei Semco liegt unter einem Prozent. Das Rezept ist einfach: Behandele deine Mitarbeiter wie Erwachsene, dann verhalten sie sich auch so. Je mehr Freiheiten du ihnen gibst, desto produktiver, zufriedener und innovativer werden sie. Ein Unternehmen besteht aus erwachsenen gleichberechtigten Menschen, nicht aus Arbeitskräften. Jeder hat das Recht, sich frei zu entfalten und eine gesunde Balance zwischen Beruf und Privatleben zu finden. Entgegen allem, was man aktuell zu glauben scheint, machen Druck und Stress Menschen nicht produktiv, sondern ganz einfach nur kaputt. Und dabei verliert das Unternehmen letztlich genauso wie der Mensch. Es geht Semler um ein neues Verständnis von Arbeit: Eine Firma ist ein Gemeinschaftsprojekt, im besten Fall eine geteilte Leidenschaft. Die Gesellschaft hat uns das allerdings anders beigebracht, wir sollen uns als Steinmetze, Maler und Hilfsarbeiter sehen, nicht als Kathedralen-Schöpfer. Bei Semco sind die Mitarbeiter essenzieller Teil eines Ganzen, sie sind Mit-Schöpfer, nicht bloß ein Rädchen im System. Sie haben Ideen, sie verstehen
ihre Arbeit, sie wissen, was sie wert ist.
Vertrauen statt Kontrolle
Aber unsere Personalchefs glauben noch immer, dass man Angestellte kontrollieren muss, über Stechuhren, feste Arbeitszeiten, Produktivitäts-Reports und Email-Spionage. Semco hat das alles aufgegeben und die Kontrolle durch Vertrauen ersetzt – und mal im Ernst: Wer will eigentlich mit Leuten zusammenarbeiten, denen man nicht trauen kann? Für Semler ist der Kontrollwahn der meisten Unternehmen einfach nur noch verrückt. Seine Mitarbeiter erziehen ihre Kinder und wählen Gouverneure, es sind erwachsene Menschen, die selbst am besten wissen, was sie möchten und brauchen. “Es ist völlig verrückt, diese Idee, dass die Menschen immer noch so fixiert darauf sind, wie etwas gemacht wird. Bei uns sagt keiner: ‘Du bist fünf Minuten zu spät’ oder ‘warum geht dieser Fabrikarbeiter schon wieder aufs Klo?’ [...] Wenn Du dich bei Semco im Büro umsiehst, sind da immer jede Menge leere Plätze. Die Frage ist: Wo sind diese Leute? Ich hab nicht die leiseste Idee und es interessiert mich auch nicht. Es interessiert mich in dem Sinne nicht, dass ich nicht sicherstellen möchte, dass meine Mitarbeiter zur Arbeit kommen und der Firma eine bestimmte Anzahl Stunden pro Tag geben. Wer braucht eine bestimmte Anzahl Stunden pro Tag? Wir brauchen Leute, die ein bestimmtes Ergebnis abliefern. Mit vier Stunden, acht Stunden oder zwölf Stunden im Büro – sonntags kommen und Montags zu Hause bleiben. Es ist irrelevant für mich”, erklärt Semler seltsam einleuchtend.
Keine Hierachie, dafür Teams
Semco ist etwas, dass es laut dem Menschenbild heutiger Manager eigentlich gar nicht geben dürfte. Und wenn doch, dann dürfte es nicht funktionieren. Tut es aber. Drei Fragen hört Semler immer wieder: Macht ihr das wirklich so? Funktioniert es ganz im Ernst? Und: Was jetzt? Die ersten zwei sind einfach zu beantworten: “Wir machen das jetzt seit 25 Jahren, so ziemlicher jeder, den es wirklich interessiert, ist hergekommen, um zu sehen, ob es wahr ist. Und unsere Zahlen sind über jeden Zweifel erhaben”, sagt Semler selbstbewusst.    Für ihn war das Aufbrechen der Unternehmensstruktur von Anfang an keine Traumtänzerei, sondern vielmehr die einzig mögliche Antwort auf unsere unmenschliche Arbeitswelt. Er hat es auf die harte Tour gelernt, wachte selbst erst auf, als er kollabierte und mit Komplett-Burnout in ein Krankenhaus eingeliefert wurde. Das war der Punkt, an dem er beschloss, seine geistige und körperliche Gesundheit nie mehr dem Job unterzuordnen – und das auch von seinen Angestellten nicht zu verlangen. Dass der Wahnsinn ein Ende haben muss. “Wenn man es sich genauer ansieht, muss man feststellen, dass das traditionelle System nicht funktioniert. Und das ist der Anreiz, sich nach etwas anderem umzusehen” – so einfach sieht Semler das. Doch es fehlt vielen Unternehmern noch immer schwer, die Kontrolle loszulassen. Denn heutige Firmen sind nicht aufgebaut wie Orte des Schöpfens, sondern wie das Militär: mit einer hierarchischen Machtstruktur, mit Befehlsgebern und -empfängern. Semco hingegen ist in konzentrischen und durchlässigen Kreisen aufgebaut, es gibt keine Arbeitstitel, keine festen Büros. Niemand muss zur Arbeit kommen, ob von zu Hause, aus dem Dschungel oder einem Cafe an der Strandpromenade gearbeitet wird, ist den einzelnen Mitarbeitern und Teams selbst überlassen. Diese Teams sind das Herzstück von Semco. Die Menschen arbeiten in Gruppen, die jeweils ein Produkt oder ein Zwischenprodukt selbstständig fertigstellen. Wie sie das machen, in welcher Zeit und mit welchem Geld, das ist ihre Sache. Wer zwischendurch schlafen will, geht einfach in den Firmengarten und legt sich für ein paar Stunden in die Hängematte – wer müde ist, macht ja eh nur Fehler.
Die Firma ohne Personalabteilung
Semco hat 3000 Mitarbeiter, aber keine Personalabteilung, da steht dem traditionellen Unternehmer der Angstschweiß auf der Stirn. Wer stellt diese Leute ein? Wer überprüft die Leistung? Das machen die Angestellten alles selbst. Stellt ein Team fest, dass eine neue Person gebraucht wird, schreibt sie im Intranet der Firma ein entsprechendes Meeting aus. Das ist natürlich freiwillig: Alle können kommen, keiner muss. “Wir wollen nicht, dass irgendwer in etwas verwickelt wird, was ihn nicht interessiert, deshalb sind alle Meetings freiwillig. Das heißt die Meetings werden bekanntgegeben und wer interessiert ist, kann und wird vorbeikommen und soll in dem Moment den Raum wieder verlassen, wenn es anfängt, ihn zu langweilen”, erklärt Semler die Meeting-Philosophie. Leute, die mitten in einem Meeting gehen, weil es sie langweilt – das würde so manchen Vorgesetzten in den Wahnsinn treiben. Aber bei Semco sollen eben nur die Menschen eine Entscheidung treffen und tragen, die es unmittelbar angeht und interessiert. Auf so einem Meeting könnte zum Beispiel beschlossen werden, dass neuer Mitarbeiter gebraucht wird und was er oder sie können muss. Dann wird gemeinschaftlich eine Annonce geschrieben, und sobald die Bewerbungen kommen, werden sie im Team aufgeteilt: Jeder, der möchte, nimmt einfach ein paar mit nach Hause und bringt die interessantesten dann wieder mit. Statt Vorstellungsgesprächen gibt es ein Gruppengespräch mit allen Kandidaten gleichzeitig – auch hier darf kommen, wer will. Die einzigen Mitarbeiter, die regelmäßig formal bewertet werden, sind jene in Entscheidungs-Positionen – und zwar von allen anderen. Sollte einer dieser Manager wiederholt schlechte Bewertungen kriegen, geht er für gewöhnlich von selbst.
Gruppenzwang
Tatsächlich regeln die Teams fast alles unter sich. Macht jemand keinen guten Job, so wird das im Team diskutiert, oder ein Meeting einberufen. Wer sich ein hohes Gehalt zuteilt, erhöht damit auch die Erwartungen des Teams und den Leistungsdruck. Aber auch die Mitarbeiter haben mittlerweile ein anderes Verhältnis zur Arbeit: Wenn jemand einen Haufen Geld verdient, die ganze Woche eigentlich nur Golf spielt, aber trotzdem einen guten Job macht und seine Aufgaben erledigt – wen kümmert’s dann? Was zählt, ist das Ergebnis. Eine Studie von CNN hat festgestellt, dass die Mitarbeiter bei Semco eine sehr viel gesündere Balance zwischen Privatleben und Beruf haben, sich mehr Zeit für Beziehungen, Kinder und Hobbys nehmen, aber gleichzeitig auch ungewöhnlich hohen Einsatz und bemerkenswerte Leistungen im Beruf zeigen. Nicht trotz, sondern wegen der Freiheiten. Für Semler ist das wenig verwunderlich: Menschen müssen sich entfalten können, um ihr Potenzial optimal einzubringen.
Und es funktioniert
Semler ist sich sicher: Sein Konzept funktioniert überall. Er selbst hat es in Fabriken ebenso eingesetzt, wie in IT-Büros. Tatsächlich ist es eigentlich andersherum – es funktioniert überhaupt nur so. Unsere derzeitige Arbeitswelt mit ihren Burn-Out-Syndromen, mit Mobbing, Stress, Magengeschwüren und Depressionen funktioniert nämlich eben nicht, sie ist fortgesetzter Wahnsinn. Es wird Zeit, dass wir eine Gesellschaft erschaffen, in der Beruf wieder mit Berufung und Leidenschaft assoziiert wird, nicht mit Sklaverei und Ausbeutung. In der Menschen wieder freie Entscheidungen treffen können und mit Respekt behandelt werden. In der Privatleben und Arbeit gleichwertig sind – auch für die Vorgesetzten. Es wird Zeit für das 7-Tage-Wochenende!

Von Ricardo Semmler sind mehrere Bücher erschienen darunter: “The Seven-Day Weekend: A Better Way to Work in the 21st Century” und “Das Semco System: Management ohne Manager”.                                                                              Autor: David Rotter


Es ist also möglich, eine  Firma unter neuen Prämissen zu führen. Jetzt werden einige Leser berechtigterweise sagen  „Ja das ist Wunschdenken. So einfach ist das nicht, wenn eine Firma seit Jahrzehnten etabliert ist und feste Strukturen hat.“ Wohl wahr. Dafür braucht es massives Umdenken bei allen Beteiligten und die Bereitschaft absolute Verantwortung für sich und seinen Job zu übernehmen. Eine Veränderung dieser Größenordnung auch nur ansatzweise in einem bestehenden Konzern zu etablieren verlangt ein neues Bewusstsein. Ein Bewusstsein in jedem einzelnen Mitarbeiter, welches Spiel bisher gespielt wurde und welche neuen Möglichkeiten es gibt. Es geht darum zu erkennen, welche zwischenmenschlichen und manipulativen Dynamiken am Werk sind und diese durch neue, nachhaltige Soft Skills zu ersetzen, die einen hohen Grad an Klarheit und Verantwortung erzeugen und herkömmliche Verhaltensweisen verbessern und erweitern. Wie Einstein bereits sagte, ein Problem kann nicht auf der gleichen Bewusstseinsebene gelöst werden, auf der es entstanden ist. Es ist also entscheidend, die Mitarbeiter ins Boot zu holen und ihnen zu ermöglichen, eine neue Bewusstseinsebene durch Klarheit, Unterscheidungen und neue Fertigkeiten zu erreichen. 

Die Krankheitsraten in den Unternehmen - insbesondere die rapide ansteigende Zahl von Burnout Fällen - zeigen deutlich, dass eine Veränderung unabdingbar ist. Und dafür braucht es Vorstände, Manager und Mitarbeiter, die den Mut haben, voranzugehen. Das heißt keineswegs, dass nun jede Firma dem Beispiel Semco stehenden Fußes folgen soll. Wie bereits erwähnt, ein Ozeandampfer hat ein Momentum. Doch jede Richtungsänderung beginnt mit dem ersten Schritt.    
                                                                             

(Autorin: Nicola Nagel)


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