Donnerstag, 12. Mai 2011

Die Kraft Ihrer Aufmerksamkeit - Wie Sie Ihre Ziele und Wünsche verwirklichen

Haben Sie es schon einmal erlebt, dass Sie in die Stadt zum Einkaufen gefahren sind, Sie wussten genau, was Sie wollten und im Endeffekt kamen Sie mit etwas ganz anderem nach Hause? Oder Sie haben zwar das gekauft, was Sie wollten, aber zusätzlich noch 5 weitere, ungeplante Sachen? Und auch wenn Frauen jetzt genau wissen, wovon ich spreche, so trifft es die Männer doch gleichermaßen. Die Männer kommen vielleicht nicht mit einem 3. Paar Schuhe nach Hause, stattdessen aber vielleicht mit einem neuen DVD Player, mit dem ultimativen Smart Phone, oder sonstigen technischen Finessen. Aber mal ehrlich: Haben Sie sich schon einmal gefragt, wieso das passiert?

Es hat etwas mit Ihrer Aufmerksamkeit zu tun. Ihre Aufmerksamkeit ist Ihre wertvollste Ressource überhaupt, denn Ihre Aufmerksamkeit ist das einzig essentielle Mittel, mit dem Sie etwas tun können. Wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit nicht gebrauchen, dann wird sie von etwas anderem gebraucht. Denken Sie einmal an all die Agenten und Medien, die versuchen, Ihre Aufmerksamkeit zu bekommen: Werbetafeln, Magazine, Fernsehen, Radios, Kataloge, sexy Frauen, knackige Männer, schreiende Kinder, schnurrende Katzen… Warum würden sie versuchen, Ihre Aufmerksamkeit zu bekommen, wenn Ihre Aufmerksamkeit keinen Wert hätte?

Was sie wirklich zu bekommen versuchen, ist Ihre Energie. Wo Ihre Aufmerksamkeit hingeht, da fließt Ihre Energie hin, oder im Zweifel Ihr Portemonnaie.

Lassen Sie uns diesen Gedanken einmal gemeinsam weiterspinnen. Lassen Sie uns das Ganze einmal ausweiten, über die Einkäufe hinaus auf Ihr Leben. Gibt es Dinge in Ihrem Leben, die Ihnen nicht passen, die aber scheinbar festgefahren sind? Oder gibt es etwas, ein Ziel, einen Wunsch, den Sie schon lange hegen, aber er lässt sich einfach nicht in die Tat umsetzen?

Die Frage ist: Wo ist Ihre Aufmerksamkeit, wenn es um Ihr Leben geht, um Ihre Wünsche, um Ihre Ziele? Ihre Aufmerksamkeit ist die Kraft, die Sie benötigen, um Ihr Leben zu kreieren und nach Ihren Wünschen zu gestalten. Das, was Sie im Augenblick in Ihrem Leben haben, ist genau das, worauf Sie Ihre Aufmerksamkeit die ganze Zeit gerichtet haben. Sie kennen diesen ausgelutschten Spruch „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Doch er enthält wahres Gold. „Oh bitte, nicht schon wieder dieser Spruch“, höre ich da jetzt einige sagen. „Ich kann doch nichts dazu, dass ich keine Kunden gewinne, ich keinen passenden Partner finde oder ich Stress mit meinen Nachbarn habe.“

Tut mir leid, schlechte Nachrichten: Es ist alles auf Ihrem Mist gewachsen. Alles, was Sie in Ihrem Leben vorfinden, haben Sie selbst kreiert. Die gute Nachricht: Sie können mit Verantwortung und Aufmerksamkeit etwas anderes in Ihr Leben bringen. Ihnen schmeckt das Drehbuch des Lebens nicht, das Sie gerade haben? Dann schreiben Sie ein neues.

Hier eine Anekdote aus meinem Leben: Als ich meine Trainer-Karriere begann, habe ich mir die Frage gestellt „Wie komme ich an Kunden?“. Das war die essentielle Frage, die mich beschäftigt hat. Trotz meiner ganzen Bemühungen gingen die Dinge nur schleppend voran. Es war mühsam, an die Leute zu kommen, obwohl ich so viel Energie in das Akquirieren, das Tun steckte. Irgendwann kam ich dann auf die glorreiche Idee zu schauen, wo meine Aufmerksamkeit hinging. Die Frage „Wie komme ich an Kunden?“ verriet es mir sofort. Meine ganze Aufmerksamkeit war darauf gerichtet „zu versuchen, Kunden zu bekommen.“ Mein Fokus lag somit auf dem Versuch, auf dem Mangel, darauf, dass ich keine Kunden hatte. Das Resultat war, dass ich genau das weiterhin in meinem Leben kreierte.

Das ist so wie mit dem Schoko- und Vanilleeis. Wenn Sie gefragt werden, welches Eis Sie möchten und Sie sagen „Ich will kein Schoko-Eis“, dann ist Ihre Aufmerksamkeit weiterhin auf dem Schokoeis. Sie geben dem, was Sie nicht wollen weiterhin Aufmerksamkeit und damit Ihre Energie. Stattdessen können Sie Ihre Aufmerksamkeit verlagern und den Fokus darauf richten, was Sie wirklich wollen. Im Beispiel entscheiden Sie sich also für Vanilleeis, kaufen es und genießen es schließlich. In dem Moment, in dem Sie Ihren Fokus auf Vanille richten und sich dafür entscheiden, hat Schokolade keine Relevanz mehr, sondern verblasst automatisch.

Ich habe damals meine Aufmerksamkeit also neu ausgerichtet und mir eine andere Frage gestellt: „Was tut ein erfolgreicher Trainer, wie ist er in seinem Sein?“ Das war der Schlüssel. Damit lag meine Aufmerksamkeit auf „erfolgreicher Trainer“, auf der Fülle und nicht mehr auf dem Mangel. Ich habe meine Aufmerksamkeit immer wieder bewusst gedanklich und emotional auf die Rolle der erfolgreichen Trainerin gelenkt. Ich habe mich sozusagen in die Rolle hineinversetzt. Und es hat keine Woche gedauert, bis die Kunden bei mir anriefen und ich seither mit zahlreichen Trainings und Coaching-Terminen ausgebucht bin.

Wo Ihre Aufmerksamkeit hingeht, da geht Ihre Energie hin. Hier ein anderes Beispiel: Vor einigen Monaten sprach ich mit einer Freundin, die mir ihr Leid klagte: „Ich finde keinen gescheiten Partner. Ich kriege es einfach nicht hin. Dabei bemühe ich mich doch wirklich, ich bin sogar in einer dieser Internet-Partnerbörsen unterwegs.“ Ihre ganze Aufmerksamkeit ging in diesen Satz. Obwohl sie sich einen Partner wünschte, war der Fokus auf dem Mangel, auf dem Gedanken „Ich finde sowieso keinen.“ Stellte sie sich vor, mit ihrem Herzenspartner Hand in Hand spazieren zu gehen? Nein. Nahm sie selbst die Rolle einer Traumfrau ein? Nein, sie war lieber das kleine, traurige Häufchen Elend und suhlte sich in ihrer Opferrolle.

Du kriegst, was Du bist. Oder um es mit den Worten Frederick Dodsons auszudrücken „Realität ist nicht das, was Dir passiert ist, sondern das, was Du heute entscheidest zu SEIN. Alles andere ist der Versuch, einen Spiegel zum Lächeln zu bringen, bevor Du lächelst.“(*) Wenn Sie also versuchen, vom Leben Beweise zu fordern, dass sich doch bitteschön etwas ändert oder Sie einen Schritt machen können, dann machen Sie genau das: Sie stehen vor dem Spiegel und warten darauf, dass das Spiegelbild zuerst lacht. Viel Erfolg!

Die traurige, einsame Freundin ist übrigens mittlerweile glücklich verheiratet. Sie richtete ihre Aufmerksamkeit darauf, selbst eine strahlende Traumfrau zu sein und in einer glücklichen, erfüllten Partnerschaft zu leben.

Zeit zu experimentieren! Sie können lernen, auf Ihre Aufmerksamkeit zu achten, indem Sie Ihre Aufmerksamkeit bewusst von einer Sache auf die andere lenken. Probieren Sie doch einmal folgendes Experiment aus:

SCHRITT 1:
Nehmen Sie sich einen Moment Zeit und setzen Sie sich ganz entspannt hin. Schauen Sie sich nun im Raum um und lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit auf einen ganz konkreten Gegenstand. Es spielt keine Rolle ob es ein Buch, ein Glas, ein Schrank oder eine Blume ist. Schauen Sie nur diesen Gegenstand für etwa 15 Sekunden ganz bewusst an. Suchen Sie dann einen neuen Gegenstand aus und lenken Sie Ihre gesamte Aufmerksamkeit nun für 30 Sekunden darauf. Spüren Sie dabei, wie der erste Gegenstand plötzlich gar keine Relevanz mehr hat. Lassen Sie sich nicht von Geräuschen oder anderen Dingen ablenken (das geht so schnell). Wählen Sie schließlich einen dritten Gegenstand oder ein Bild aus und konzentrieren Sie sich weitere 45 Sekunden nur darauf.

Ist es Ihnen gelungen? Prima, Sie haben damit 1 ½ Minuten ganz bewusst die Kraft Ihrer Aufmerksamkeit genutzt. Großartig. Wie wäre es für Sie, das ab sofort für den Rest Ihres Lebens zu tun? Wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit wieder bewusst in Besitz nehmen, holen Sie sich einen entscheidenden Teil Ihrer Energie zurück. Vor allem aber holen Sie sich Ihre Kraft des Kreierens zurück.

Es kann übrigens sehr hilfreich sein, wenn Sie sich einen kleinen Erinnerungsfaktor, z. B. einen kleinen Stein, in die Hosentasche stecken. Jedes Mal, wenn Sie ihn berühren und bewusst spüren, wissen Sie, wo gerade Ihre Aufmerksamkeit ist. Sie können sich auch ein kleines Zeichen auf den Handrücken malen oder einen roten Bindfaden um den Finger binden. Was immer Sie darin unterstützen würde, sich an Ihre Aufmerksamkeit zu erinnern.

SCHRITT 2:
Wählen Sie jetzt einen Bereich aus Ihrem Leben, in dem es „klemmt“, wo etwas nicht im Fluss ist, oder wo Sie sich ein anderes Resultat wünschen. Stellen Sie sich nun nacheinander folgende Fragen:

Wo ist meine Aufmerksamkeit gerade?
Worauf ist sie am meisten gerichtet? Welche Gedanken haben Sie zu dem konkreten Thema? (Es kann übrigens auch „klemmen“, wenn Sie sich mit einem Thema einfach gar nicht beschäftigen, weil Sie scheinbar keine Zeit dafür haben). Richten Sie sozusagen Ihre Aufmerksamkeit auf Ihre Aufmerksamkeit. Wo steckt sie fest? Wo geben Sie Ihre Energie hin und damit Ihre Kraft? Beobachten Sie wirklich in Ruhe und werten Sie nicht (starten Sie also nicht den „Selbstgeißelungs-Modus“, getreu dem Motto „wie kann ich nur so blöd sein, ich richte meine Aufmerksamkeit die ganze Zeit auf etwas, das ich nicht möchte.“). Es ist entscheidend, dass Sie anerkennen, wo Ihre Aufmerksamkeit hingeht. Was Sie feststellen, ist nicht gut oder schlecht. Es ist wie es ist und produziert bestimmte Resultate in Ihrem Leben. Seien Sie sich selbst gegenüber ehrlich. Anerkennen Sie, dass Ihre Aufmerksamkeit vielleicht in eine unerwünschte Richtung geht.

Wo möchte ich meine Aufmerksamkeit und Energie tatsächlich hinlenken?
Was ist Ihnen wichtig? Was erfüllt Sie mit Freude? Lassen Sie zu, dass dabei Gedanken oder Bilder aufkommen, die vielleicht mit Ihrer aktuellen Situation nicht zusammenpassen. Es muss nicht logisch sein. Es geht nur darum, dass Sie Ihre Aufmerksamkeit auf das lenken, was Sie sich wünschen, was Sie tatsächlich erfüllt, was Sie erreichen wollen. Spüren Sie dabei, wie sich Ihre Stimmung verändert, wenn Sie den Fokus darauf richten, was Sie wirklich wollen. Stellen Sie es sich ganz konkret vor. Schlüpfen Sie in das Neue hinein, als wäre es schon real und verbinden Sie sich mit dem Gefühl, das dabei entsteht. Verbinden Sie sich mit der Freude, der Begeisterung, der Leichtigkeit.

Diese Übung können Sie in jedem Moment machen. Sobald Sie merken, dass Ihre Energie nachlässt oder Dinge wieder ins Stocken geraten, können Sie sich direkt diese beiden Fragen stellen. Wo ist meine Aufmerksamkeit gerade und wo möchte ich, dass sie hingeht. Welchem Gedanken möchte ich Energie geben? Was übrigens nicht funktioniert ist Manipulation. Wenn Sie versuchen, Ihre Aufmerksamkeit auf etwas Bestimmtes zu richten mit der Absicht, die Dinge oder Personen für sich zu manipulieren, schießen Sie sich ins eigene Knie. Wenn Sie z. B. Ihre Aufmerksamkeit darauf richten, dass Ihr Nachbar Sie nicht mehr anbrüllt oder Ihr Partner etwas Bestimmtes macht, damit Sie sich besser fühlen, dann geht der Schuss nach hinten los. Hier kommt genau das Thema Verantwortung ins Spiel. Es geht darum, dass Sie für Ihr Tun und Handeln Verantwortung übernehmen und nicht versuchen andere Menschen zu ändern. Wenn Sie versuchen, andere zu verändern, involviert das eine klebrige Manipulations-Energie, deren Fokus darauf gerichtet ist, dass die anderen nicht in Ordnung sind. Die Aufmerksamkeit bewusst auf etwas zu lenken hat nichts mit Manipulation zu tun.

Die Aufmerksamkeit auf die Aufmerksamkeit zu richten, erweist sich übrigens auch als sehr nützlich im Hinblick auf jede zwischenmenschliche Beziehung, sei es mit Freunden, mit Kollegen, mit den Nachbarn oder mit Ihrem Partner. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit darauf, was Ihr Partner alles falsch macht, was er nicht kann, was ständig schief geht? Oder richten Sie sich auf das aus, was wirklich großartig ist und auf das Potenzial, dass in Ihrer Beziehung steckt? Um es ganz flapsig auszudrücken: Machen Sie Ihren Partner zu einem Schwein oder zu einem König. Leben Sie mit Ihren Nachbarn auf Distanz oder in Gemeinschaft?

Und Männer, falls Sie immer schon mal wissen wollten, was Sie tun müssen, um mit Ihrer Frau oder Partnerin eine erfüllte Beziehung zu leben, so haben Sie nun den goldenen Schlüssel in der Hand. Wenn Sie mit ihr zusammen sind, legen Sie 100% Ihrer Aufmerksamkeit auf Ihre Partnerin. Sie spürt es, kann sich entspannen und ganz entfalten. Aber das ist ein anderes großes Kapitel und verdient einen eigenen Artikel oder gar ein Buch.

In diesem Sinne nutzen Sie die Kraft Ihrer Aufmerksamkeit und kreieren Sie sich ein Leben nach Ihren Wünschen.

Aufmerksame Herzensgrüße,
Ihre Nicola Nagel

(*) Frederick E. Dodson, Buch „Reality Creation Coaching – Synchronisiere die Welt nach Deinen Wünschen“


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Freitag, 15. April 2011

Oh wie schön ist es zu leiden – Über das tägliche zwischenmenschliche Drama

Neulich im Supermarkt: Ich stehe an der Fisch-Theke und möchte frischen Fisch kaufen. Nachdem die Verkäuferin diesen erst in Frischepapier eingewickelt hatte, wollte sie den Fisch zusätzlich in eine spezielle aluminiumbeschichtete Frischhalte-Plastiktüte verpacken. Ich fragte Sie, ob es möglich sei, die Tüte wegzulassen. Darauf sagte eine zweite Verkäuferin, die in 3 Meter Entfernung einen ganz anderen Kunden bediente, zu ihr: „Das darfst Du nicht, wir haben eine Vorschrift und aus Hygienegründen muss der Fisch in die Spezialtüte.“ Die Verkäuferin schaute mich fragend und verunsichert an und sagt dann zur Verkäufern B: „Aber, aber, aber die Dame möchte die Tüte nicht.“ Darauf Verkäuferin B wieder zu Verkäuferin A: „Wenn Du diese Vorschrift nicht befolgst, dann kriegst Du Ärger. Da würde ich mal lieber den Chef fragen.“ Es wurde langsam richtig spannend. Mittlerweile schauten mich nämlich 3 weitere Kunden mit einem Gesichtsausdruck an, der so viel sagte wie „Was ist das denn für eine, warum kann die nicht einfach den Fisch kaufen?“ Verkäuferin A ging also verunsichert und kopfhängend zum Chef, der ihr antwortete, dass es auch in Ordnung sei, wenn ich mir den Fisch in die Hosentasche stecken wolle. Wenn ich darum gebeten hätte, könne sie den Fisch auch ohne Tüte aushändigen. Daraufhin Verkäuferin B: „Was für Vorschriften gelten hier jetzt eigentlich noch. Ständig ändert sich was. Da weiß man ja gar nicht mehr, was man machen soll.“

Diese kleine Anekdote ließ in mir folgende Frage aufkommen: Warum machen wir uns tagtäglich das Leben selbst schwer, indem wir kleine oder große Dramen inszenieren, wenn doch die meisten Menschen eigentlich nur glücklich sein wollen? Das ist doch irgendwie absurd, oder?

Jetzt mögen Sie denken „Also ich bin nicht in solchen Dramen und gifte niemanden an.“ Lassen Sie uns daher gleich mit einem Experiment beginnen.

Experiment 1: Niederes Drama erkennen
Blicken Sie einmal auf die letzten 2 Tage zurück und beantworten Sie ganz ehrlich folgende Frage: Wie oft haben Sie in den letzten 48
  • sich gerechtfertigt,
  • eine Erklärung oder Ausrede angebracht,
  • jemand anderen beschuldigt,
  • eine andere Person ins Unrecht gesetzt,
  • sich über etwas oder jemanden beschwert,
  • darauf bestanden, dass Sie Recht haben,
  • über jemand anderen gelästert,
  • Groll gegen jemanden gehegt,
  • jemanden versucht zu manipulieren oder zu kontrollieren, oder
  • eine Diskussion mit jemandem geführt?
Hand auf’s Herz: haben Sie einen oder mehrere Treffer? Dann waren Sie im niederen Drama. Dabei ist es völlig unerheblich, ob Sie direkt mit einer Person im Gespräch waren, oder einen Dialog im Kopf geführt haben. Beides ist sogenanntes niederes Drama und entzieht Ihnen Energie. Was bedeutet niederes Drama nun genau?

Die Ursprünge stammen von Dr. Stephen Karpman, der das sogenannte Drama-Dreieck entwickelt hat. Er fand heraus, dass wir tagtäglich in verschiedene Rollen schlüpfen, die – wie bei einem Krimi - aus 3 Haupt-Charakteren bestehen: Opfer, Täter und Retter. Was denken Sie ist der stärkste Charakter?... Es ist das Opfer. Ohne Opfer gäbe es kein niederes Drama. Das Opfer besitzt zudem die Macht, jeden zum Täter zu machen.

Niederes Drama ist jede Handlung, die darauf ausgerichtet ist, Verantwortung zu vermeiden. Dieses Spiel basiert auf einem Mangel-Denken. Es gibt nicht genug Liebe, nicht genug tolle Jobs, nicht genug vom größten Tortenstück, nicht genug Anerkennung und Wertschätzung, nicht genug Urlaub und nicht genug Sonnentage. Kennen Sie jemanden, der sich schon einmal beschwert hat, dass das Wetter wieder einmal abscheulich und viel zu kalt sei? BEEP – niederes Drama. Waren Sie vielleicht schon einmal mit einem Bekannten verabredet, der zu spät kam und hörten sich sagen: „Mann, immer bist Du zu spät.“ Oder wie ist es mit Ihrem Partner? Hat er schon einmal die Tomaten falsch geschnitten oder die Zahnpasta Tube falsch ausgedrückt? Voilà, niederes Drama. Verfluchen Sie gelegentlich beim Autofahren einen anderen Fahrer, der Sie gerade geschnitten hat, oder beschweren Sie sich gerne, wenn Sie im Stau stehen? BEEP – auch das ist niederes Drama.

Jeder Streit, jeder abwertende Gedanke, jede Beschwerde, jede Rechtfertigung ist niederes Drama. Und – traurig genug - es ist das beliebteste Spiel in unserer Gesellschaft. Wenn Ihnen die Dramen im eigenen Leben ausgehen, brauchen Sie nur die Zeitung aufschlagen oder den Fernseher einschalten. Warum denken Sie sind die ganzen täglichen Soap Operas wie Lindenstraße oder Gute Zeiten-Schlechte Zeiten so beliebt?

Jede Charakterrolle im niederen Drama agiert aus einem bestimmten Gefühl heraus. Das Opfer agiert aus unbewusster Traurigkeit und denkt „Ich bin nicht okay, ich kann es nicht, ich bin nicht gut genug.“ Der Täter hingegen agiert aus der unbewussten Wut heraus und sagt über das Opfer (überspitzt formuliert) „Du bist nicht okay, also werde ich dich los.“ Der Retter hingegen agiert aus dem unbewussten Gefühl der Angst heraus und sagt über das Opfer „Du bist nicht okay, Du kannst es nicht und deswegen mache ich es für Dich.“

Neulich fragte mich ein Bekannter: „Moment, warum bin ich im niederen Drama, wenn ich jemandem doch nur helfen möchte?“ Das ist in der Tat ein guter Einwand. Gehören Sie auch zu den Menschen mit Helfersyndrom? Ich gehörte lange dazu. Ich hatte immer gleich eine Lösung parat, wenn jemand ein Problem hatte und habe unglaublich gerne für andere die Dinge gelöst. Wenn Sie jedoch jemanden retten, dann bieten Sie ungefragte Hilfe an. Das ist gegenüber dem Opfer absolut respektlos, denn damit kommunizieren Sie unterschwellig, dass das Opfer es Ihrer Meinung nach sowieso nicht kann. Eltern retten gerne ihre Kinder. Haben Sie einmal einen 3-Jährigen gesehen, der versucht hat, einen Turm aus Bauklötzen zu bauen? Wenn ein Erwachsener jetzt zu ihm kommt und sagt: „Schau mal, das geht so“ und den Turm einfach baut, was passiert dann? Richtig, der Knirps wird im nächsten Moment den Turm umhauen, weil er es selbst rausfinden und lernen möchte. Das gleiche können wir auf die Welt der Erwachsenen übertragen, nur dass unsere Probleme ein wenig komplexer sind.

Ein Trainingsteilnehmer sagte kürzlich „Moment, wenn mein Nachbar, mein Partner und ein Kollege sich anders verhalten würden, dann wäre ich auch wirklich glücklich und bräuchte mich nicht beschweren.“ Geht es Ihnen ähnlich oder haben Sie dies schon einmal gedacht? Warten Sie darauf, dass jemand anderes sich ändert, damit es Ihnen besser geht? Viel Erfolg. Damit sind Sie gerade in der Opferrolle und machen andere für Ihr Unglück oder Unwohlsein verantwortlich. Sie vermeiden die Verantwortung für Ihr eigenes Leben.

Die Frage ist, warum wir ständig diese Dramen inszenieren? Welchen Nutzen ziehen wir daraus?

Experiment 2: Welchen Nutzen ziehen Sie aus niederem Drama?
Nehmen Sie sich einmal ein Blatt Papier und lassen Sie eine der Situationen von niederem Drama, die Sie im ersten Experiment aufgedeckt haben, Revue passieren. Rufen Sie sich die Situation noch einmal genau vor Augen. Und jetzt stellen Sie sich einmal die Frage, welchen Nutzen oder Vorteil Sie daraus gezogen haben. Was hatten Sie davon? Schauen Sie genau hin und seien Sie ehrlich. Was hat Ihnen der Streit, die Diskussion, die Rechtfertigung, die Beschwerde gebracht? Warum haben Sie das gemacht?

Na, haben Sie offen und ehrlich Ihren Nutzen darlegen können? Hier einige Beispiele, warum niederes Drama so attraktiv erscheint:
  • Ich muss mich nicht verändern, sondern kann auf meinem alten Standpunkt beharren.
  • Ich fühle mich sicher.
  • Ich bekomme dadurch Aufmerksamkeit.
  • Ich bekomme dadurch Mitgefühl.
  • Ich muss keine Verantwortung übernehmen.
  • Ich fühle mich stark.Ich kann dominieren.
  • Ich muss meine Schwäche nicht zugeben.
  • Ich kann die Intensität von Nähe und Vertrautheit vermeiden.
  • Ich kann Rache üben (denn als Opfer kann ich sofort beweisen, dass jemand der Täter ist und dann habe ich das Recht mich zu rächen)
  • Ich kann beweisen, dass ich Recht habe.
Diese Punkte klingen wirklich attraktiv, oder? Aber ehrlich, durch niederes Drama ändert sich gar nichts. Das einzige, was Sie durch niederes Drama erreichen ist, dass Sie älter werden. Niederes Drama ist ein Festmahl für den Gremlin in uns, das kleine Monster, das Liebe, Nähe, Vertrautheit und Beziehung auffrisst (mehr darüber in meinem Artikel „Nehmen Sie Ihr Monster an die Leine“).

Nun höre ich die durchaus berechtigte Frage: „Ja und? Wie kann ich das jetzt vermeiden?“

Experiment 3: Wie Sie niederes Drama vermeiden
Entscheidend ist, dass Sie Ihre Wahrnehmung zunächst einmal schärfen, damit Sie niederes Drama erkennen. Schauen Sie zur Übung zum Beispiel einmal ganz bewusst eine Daily Soap Fernsehserie an. Sie können in jeder Szene glasklar die verschiedenen Rollen zuordnen: Opfer, Täter, Retter. Niederes Drama pur! Probieren Sie es einmal aus. Anschließend schauen Sie einmal bewusst Ihre eigenen zwischenmenschlichen Aktionen an. Wo, wann und mit wem sind Sie im niederen Drama?

Sie werden vielleicht die Erfahrung machen, dass Sie im Nachhinein niederes Drama erkennen: „Oh man, vorhin war ich tatsächlich im niederen Drama. Ich habe mit Gerhard gestritten.“ Geißeln Sie sich in dem Fall nicht selbst, sondern seien dankbar, dass Sie es gemerkt haben. Das ist ein entscheidender Schritt.

Dann wird der Moment kommen, in dem Sie feststellen, dass Sie jetzt gerade, in diesem Augenblick in einem niederen Drama sind und dann wird es spannend. Wenn Sie schon am Drama-Haken sind, oder Ihr Gegenüber Sie in ein Drama hineinziehen möchte, wie kommen Sie da heraus? Wie umschiffen Sie das Ganze? Hier einige Möglichkeiten, die Sie ausprobieren können:
  1. Verlassen Sie kurz den Raum mit den Worten: „Du, entschuldige bitte, ich bin sofort wieder da. Ich gehe kurz auf die Toilette.“ Dann gehen Sie raus, drehen sich auf der Toilette einmal um sich selbst und kommen mit der Absicht in den Raum zurück, ein konstruktives, beziehungsförderndes Gespräch zu führen.

  2. Benennen Sie das, was gerade passiert: „Du, ich nehme wahr, dass wir uns in einem Drama befinden und streiten. Jeder von uns möchte Recht haben und das macht mich traurig. Worum geht es hier wirklich? Was ist unsere Absicht?“ Sofort ist das Gespräch auf einer anderen Ebene, der sogenannten Metaebene und Sie führen ein Gespräch über das Gespräch.

  3. Bringen Sie Humor ins Spiel. Damit ist nicht gemeint, dass Sie den anderen lächerlich machen, sondern einen anderen „Drall“ in die Unterhaltung bringen, z. B. „Wusstest Du, dass man pro Stunde 1 neues graues Haar generiert, wenn man so diskutiert wie wir gerade?“

  4. Gehen Sie nicht-linear und kreativ vor und lenken Sie das Gespräch weg vom Drama. Wenn sich z. B. jemand bei Ihnen beschwert „Oh man, hier gibt es mal wieder nichts zu trinken in dieser Besprechung. Wie immer. Das finde ich so ätzend. Was sagst Du denn dazu?“ Greifen Sie ein Wort oder einen Gedanken aus dem Drama auf und gehen Sie mit der Unterhaltung ganz woanders hin: „Apropos trinken, neulich habe ich gelesen, dass die Tiere in der afrikanischen Savanne mehrere Tage ohne Wasser auskommen können. Warst Du schon mal in Afrika?“

  5. Weichen Sie dem Drama-Haken, den jemand ausschmeißt aus, indem Sie zustimmen. Viele Dramen entstehen allein dadurch, dass jemand sagt „Ja, aber…“ Es ist in unserer Gesellschaft so normal, „Ja, aber“ zu sagen. Damit geben Sie jedoch tatsächlich zu verstehen, dass alles, was der andere vorher ausgeführt hat, hinfällig ist und keinerlei Gültigkeit hat. Die Macht der Formulierung „Ja, aber“ ist sehr subtil und unglaublich kraftvoll, denn damit setzen Sie die andere Person herab. Wenn Sie zu einem Thema eine andere Meinung haben, wäre eine Möglichkeit mit „Ja, UND wie wäre es mit dieser Idee: …“zu antworten. Damit kann der Drama Haken bei Ihnen nicht landen, weil Sie in dem Moment ein JA für die andere Person sind. Sie erkennen an, was Ihr Gegenüber gesagt hat und können anschließend Ihren Aspekt anführen.

  6. Ein ganz entscheidender Punkt, um niederes Drama zu vermeiden ist zudem, dass Sie VON SICH SELBST SPRECHEN. Vermeiden Sie zu sagen „Du hast ja das-und-das gemacht/gesagt.“Sagen Sie der anderen Person stattdessen, wie es Ihnen geht und was bei Ihnen angekommen ist: „Was ich Dich habe sagen hören, ist ...“ oder „Bei mir kommt es so-und-so an und das macht mich wütend / ängstlich / traurig / froh, weil….“Dadurch kommen Sie erst gar nicht in diese bleischwere Rechtfertigungs- und Beschuldigungsschleife.“

  7. Bleiben Sie neutral. Vielleicht ist der andere gerade gestresst oder hatte einfach einen schlechten Tag. Versuchen Sie in einer neutralen Lücke zu bleiben. Das können Sie z. B. üben, indem Sie Ihren Partner oder eine Freundin bitten zu versuchen, Sie zum Lachen zu bringen. Finden Sie die neutrale Lücke in Ihrem Kopf, sodass Sie nicht lachen. Gleiches können Sie dann auf das niedere Drama übertragen. Sie sehen, wie der andere im Drama ist und sich aufregt, aber müssen nicht mit einsteigen. Sie können auch bildhaft im Kopf ein Schild aufstellen mit der Aufschrift „STOP! Da nicht hingehen!“

Mit ein wenig Übung werden Sie schon bald niederes Drama aus 10 Meter Entfernung erkennen und sagen können: „Oh, da hinten kommt ein niederes Drama“. Und das ist dann der Moment, wo Sie niederes Drama schon im Vorfeld vermeiden und eine völlig neue Art des Kontakts und der Beziehung erschaffen können.

Wundern Sie sich übrigens nicht, wenn sie plötzlich viel mehr Energie zur Verfügung haben und nicht mehr so gestresst sind. Niederes Drama entzieht uns unglaublich viel Energie und die steht ihnen zur freien Verfügung, sobald sich Ihr inneres Monster nicht mehr von niederem Drama ernährt.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine entspannte, Drama-freie Zeit und viel Energie.

Herzliche Grüße,
Ihre Nicola Nagel



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Dienstag, 15. März 2011

„Darf es ein bisschen mehr sein?“ - Wie Gefühle uns professionell dienen

Die Technologie ist heutzutage ja schon sagenhaft. Die meisten Dinge in unserem Leben funktionieren vollautomatisch. Morgens bekommen wir per Knopfdruck einen Espresso, dank Handy sind wir überall erreichbar, wir können im Internet einkaufen und falls wir doch einmal irgendwo hinfahren müssen, weist uns das Navigationssystem den Weg. Ist das nicht toll? Es ist so normal in unserer modernen Gesellschaft, diese ganze fortschrittliche Technologie tagtäglich einzusetzen, dass wir vollkommen vergessen haben, welch komplexe und unglaubliche Technologie wir in uns tragen.

Wie wäre es zum Beispiel für Sie, ein Navigationssystem zu haben, das Sie sicher auf Ihrem Lebensweg leitet und sogar gänzlich ohne Strom auskommt? Das klingt nach einer verrückten Idee der Zukunft? Weit gefehlt. Es ist eine der ältesten menschlichen Technologien. Sie haben dieses Navi bereits in sich, Sie müssen es nur aktivieren.

Das Navigationssystem, von dem ich spreche, sind unsere Gefühle. Sie leiten uns zielsicher durchs Leben und geben uns klare Anweisungen, was zu tun ist. Die Gefühle sagen uns zum Beispiel, ob wir eine Entscheidung treffen oder eine Grenze setzen müssen. Sie ermöglichen uns mit anderen Menschen in Kontakt zu gehen und Herzensverbindungen aufzubauen. Sie befähigen uns in Aktion zu treten, andere zu begeistern, zu führen oder auch Dinge aus dem Nichts heraus zu kreieren.

Lassen Sie uns einmal gemeinsam schauen, wie dieses Gefühls-Navi funktioniert. Welche Gefühle gibt es überhaupt? Das Tolle ist, es gibt nur VIER Gefühle (das kriegen selbst die Männer hin):

WUT - TRAURIGKEIT – FREUDE - ANGST

Dies sind sogenannte Gefühls-Territorien, die verschiedene Begriffe beinhalten können. So würde zum Beispiel der Begriff Hass in das Territorium der Wut gehören, während Nervosität oder Unsicherheit dem Bereich der Angst zuzuordnen sind. Diese 4 archetypischen, also ursprünglichen Gefühls-Territorien sind in uns fest verankert, d. h. sie gehen niemals weg.

Neulich sagte jemand zu mir: „Ja, aber genau das ist ja die Krux, dass diese Gefühle niemals weggehen. Es wäre besser, sie wären nicht da, oder wenn überhaupt dann nur die Freude.“ Die Freude darf eventuell bleiben, aber die anderen 3 Gefühle können gelöscht werden? Friede, Freude, Eierkuchen? Viel Erfolg damit. Das ist ungefähr so, als würde man uns beide Beine und einen Arm gleichzeitig amputieren. Damit lebt es sich nicht wirklich vorteilhaft.

Die Frage ist vielmehr, wieso diese Meinung in unserer Gesellschaft vorherrscht, dass es nicht okay ist, zu fühlen. Denn genau so werden wir erzogen: es ist nicht in Ordnung, die Gefühle zu zeigen. Wir haben bitte zu funktionieren, so wie es einer hoch technisierten Gesellschaft gebührt. Kürzlich hat ein Bekannter auf diese Aussage hin protestiert. Er sagte: „Moment mal, ich wage zu behaupten, dass ich sehr wohl dahin gehend erzogen wurde, dass ich Gefühle zeigen darf. Vor allem Freude, das ist doch ein positives Gefühl. Aber auch Wut, Angst und Traurigkeit darf ich zeigen. Das ist zwar nicht so konstruktiv, aber ich darf sie zeigen.“ Würden Sie ähnliches sagen? Falls ja, hier die Anschlussfrage, die ich meinem Bekannten stellte: „Es gibt also ein positives und 3 negative Gefühle?“ In dem Moment ging ihm das Licht auf, dass auch er eine verurteilende Wertung über die Gefühle in sich trug und die als negativ abgestempelten Gefühle damit nicht okay waren.

Und genau darum geht es. Die Gefühle sind in unserem Denken und in unseren Nervenzellen negativ verankert. Lassen Sie uns diese alte Sichtweise einmal anschauen.

Experiment 1: Was denken Sie über die 4 Gefühle?
Nehmen Sie einmal ein leeres Blatt Papier und malen Sie mit einem Stift ein Kreuz darauf, welches das Blatt in 4 Quadranten einteilt. Schreiben Sie ganz oben als Überschrift „4 Gefühle – Alte Sicht“. Nun beschriften Sie jeden Quadranten. Beginnen Sie oben links und schreiben Sie im Uhrzeigersinn jeweils die Gefühle Wut, Traurigkeit, Freude und Angst als Überschrift. Stellen Sie sich jetzt die Frage: „Warum ist es nicht okay, Wut zu fühlen?“ Schreiben Sie in den Wut-Quadranten, was Ihnen dazu einfällt, z. B. zerstörerisch, kindisch, usw. Nehmen Sie sich Zeit. Machen Sie dann die gleiche Übung mit den Quadranten Traurigkeit, Angst und Freude, bevor Sie diesen Artikel weiterlesen.

Na, gemogelt und einfach weitergelesen? Ich lade Sie herzlich ein, erst die Liste zu erstellen, um das Größtmögliche aus diesem Artikel zu ziehen.

Hier sind einige Gründe, warum es nicht okay ist, eines der vier Gefühle zu fühlen:

1. WUT: ist zerstörerisch, kindisch, unkontrolliert, verletzend, negativ, unseriös, unzivilisiert, nicht logisch, gefährlich, zerstört Vertrauen + Nähe, ist zu vermeiden.

2. TRAURIGKEIT: ist kindisch, albern, negativ, introvertiert, nicht cool, zieht andere runter, Heulsuse, wir sind bitteschön eine Spaßgesellschaft.

3. ANGST: ist negativ, unprofessionell, blockiert, man ist feige und wird zum Weichei oder Schattenparker deklariert, man ist schwach und im Job kann man mit so einer Qualität nicht führen.

Jetzt wird es spannend: Warum ist es nicht okay Freude zu fühlen? Was passiert, wenn Sie den ganzen Tag grinsend im Büro sitzen?

4. FREUDE: ist kindisch, albern, unprofessionell, verursacht Neid bei anderen, man ist ein Clown und nicht ernst zu nehmen, man wird gefragt „Was grinst Du denn so? Hast Du was geraucht oder hast Du heute die Nachrichten noch nicht gehört?“

Haben Sie ähnliche Begriffe auf Ihrem Blatt? Sie sehen also, es ist in unserer Gesellschaft nicht in Ordnung zu fühlen. Fakt ist jedoch, dass Gefühle an sich neutral sind und zwar so neutral wie die 4 Himmelsrichtungen auf einem Kompass. Ist Norden gut und Süden schlecht?

Lassen Sie uns einmal das wilde Experiment machen, eine andere Annahme über Gefühle zu treffen.

Experiment 2: Wie können Ihnen die Gefühle dienen?
Nehmen Sie ein neues Blatt Papier und teilen Sie es wieder in 4 Quadranten ein. Beschriften Sie die Quadranten wieder mit Wut, Traurigkeit, Angst und Freude. Schreiben Sie diesmal oben als Überschrift „4 Gefühle – Neue Sicht“. Nun lassen Sie uns eine neue Annahme treffen und schreiben Sie diese direkt unter die Überschrift. Die Annahme lautet: Gefühle sind neutrale Energie und Information, die uns professionell dienen.

Überlegen Sie nun einmal, wie Ihnen Wut, Traurigkeit, Angst und Freude in Ihrem Leben, beruflich wie privat, professionell dienen könnten. Was könnten Sie z. B. mit Wut machen? Was mit Traurigkeit? Schreiben Sie wieder in jeden Quadranten, was Sie Ihrer Meinung nach mit dem jeweiligen Gefühl verantwortlich machen könnten.

Nicht mogeln…

Hier sind einige Beispiele, wie Gefühle uns professionell dienen und was Sie konkret damit machen können.

1. WUT: Grenzen setzen, Ja/Nein sagen, etwas beginnen oder beenden, in Aktion treten, Entscheidungen treffen, Aufräumen, Verantwortung übernehmen, Klarheit schaffen.

2. TRAURIGKEIT: Dinge loslassen, kommunizieren, akzeptieren, in Kontakt mit anderen sein, Herzensverbindungen aufbauen, Mitgefühl entwickeln, Nähe und Vertrautheit zulassen, verletzlich sein.

3. ANGST: kreativ sein, Dinge aus dem nichts heraus kreieren, in unbekanntes Gebiet gehen, mich neuen Erfahrungen aussetzen, Grenzen erforschen, Gefahren erkennen, planen.

4. FREUDE: motivieren, begeistern, Menschen zusammenführen, ein Team führen, in Aktion treten, Dinge leicht nehmen, im Fluss sein, Regeln brechen, über den Tellerrand schauen.

Erstaunlich, oder? Wir haben nur eine neue Annahme getroffen und schon haben Sie eine andere Sicht auf die Gefühle. Wie wäre es für Sie, sich die neue Sicht über Gefühle zu eigen zu machen? Es ist Ihre Wahl. Sie können Opfer der Gefühle sein, oder Sie können sich die Weisheit und Kraft Ihrer Gefühle zu Nutzen machen.

Die Gefühle müssen übrigens nicht erst riesig werden, damit Sie diese für sich nutzen können. Bereits mit 3% Wut können Sie z. B. eine Grenze setzen.

Hier ein Beispiel: Eines Tages saß ich auf dem Balkon und freute mich auf einen schönen lauen Sommerabend bei 28° Celsius. Herrlich. Kaum saß ich jedoch in der Stille des Abends, brach ein unglaublicher Lärm los. Die Fenster vom Nachbarhaus standen aufgrund der Hitze weit offen, es war 20:15 Uhr und es dröhnte plötzlich „Herzlich willkommen zu der Hitparade der Volksmusik“ – ufftata, ufftata lärmte sogleich die Blasmusik vom Fernseher herüber. Und schwupp war sie da, die Wut. Auf einer Skala von 0 bis 100% lag sie bei ca. 3%. Also überlegte ich, was ich damit machen könnte. Ich könnte reingehen und die Wohnung putzen, was aufgrund des schönen Wetters nicht sehr verlockend klang. Ich könnte diese Wut aber auch verantwortlich nutzen, zu dem Nachbarn herüber gehen, den ich bis dahin nicht kannte und ihm eine Grenze setzen. Gesagt, getan. Ich ging also rüber und klingelte, was zunächst niemand hörte, weil ja die Hitparade so laut dröhnte. Nachdem ich alle Klingeln am Haus durchprobiert hatte, öffnete ein Mann mittleren Alters.

Und jetzt Achtung: Wenn Sie eine Grenze setzen, empfehle ich Ihnen, den anderen nicht gleich anzublöken und ihn auch nicht an den Pranger zu stellen, sonst ist die Kommunikation zu Ende, bevor sie begonnen hat. Erzählen Sie stattdessen von sich. Wie geht es Ihnen in dem Moment?

Bei mir hörte sich das so an: „Hallo, mein Name ist Nicola Nagel…(der Nachbar grüßte zurück). Ich bin Ihre Nachbarin von schräg gegenüber. Wir hatten noch nicht die Gelegenheit, uns kennenzulernen. Ich habe eine Bitte. Ich sitze auf dem Balkon und mir ist aufgefallen, dass in Ihrem Haus bei offenem Fenster ein Fernseher sehr laut an ist, sodass ich das Fernsehprogramm sehr gut verfolgen kann. Ich bitte Sie, das Fenster zu schließen oder den Fernseher leiser zu machen? Denken Sie, das ist möglich?“ Ihm war die Lautstärke gar nicht bewusst. Er willigte sofort ein und bedankte sich sogar für den Hinweis. Ich saß noch nicht wieder auf meinem Balkon, da war das Fenster bereits zu und…meine Wut war weg.

Das ist das Spannende: Sobald Sie ein Gefühl verantwortlich genutzt haben, ist es weg, denn Sie haben die Energie und Information dann entsprechend umgewandelt.

Experiment 3: Beginnen Sie wieder bewusst zu fühlen
Machen Sie sich mit ihrem Gefühls-Navigationssystem wieder bewusst vertraut, z. B. mit folgendem Experiment: Bitten Sie Ihren Partner oder eine Freundin um 10 Minuten Zeit, um dieses Experiment des bewussten Fühlens durchführen zu können. Sie werden vielleicht Angst spüren, diese Bitte auszusprechen. Überlegen Sie jedoch auf welcher „Gefühls-Landkarte“ Sie sich bewegen. Wenn Sie sich von der Angst blockieren lassen und die Bitte nicht äußern, sind Sie auf der alten Karte der Gefühle. Wenn Sie die Angst wahrnehmen, ihr vertrauen und Sie den anderen trotzdem um dieses Experiment bitten, sind Sie auf der neuen Karte der Gefühle. Was kann Ihnen denn passieren, außer, dass Sie eine spannende neue Erfahrung im Fühlen machen? Gehen Sie mit dieser Angst ins Unbekannte und falls es zu intensiv wird, atmen Sie einfach weiter und versuchen Sie es auszuhalten.

Setzen Sie sich gegenüber hin, idealerweise ohne dass ein Tisch dazwischen steht. Bitten Sie die andere Person in einer offenen Körperhaltung einfach nur dazusitzen, Arme und Beine nicht zu verschränken und die Handflächen flach auf die Oberschenkel zu legen (gleiches gilt für Ihre Körperhaltung). Die Aufgabe des Partners ist es, in dieser Haltung da zu sein, Ihnen die ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken und NICHTS zu sagen, nicht zu lachen und auch nicht mit dem Kopf zu nicken.

Nun sind Sie dran. Was fühlen Sie? Spüren Sie in sich hinein und sprechen Sie es aus während Sie der anderen Person in die Augen schauen:. „Ich fühle mich (ängstlich/wütend/traurig/froh), … weil…“. Achten Sie darauf, dass Ihr Verstand das Gefühl nicht vorher editiert. Sagen Sie, was gerade da ist, z. B. „Ich fühle mich froh, weil Du Dir die Zeit nimmst, mit mir das Experiment zu machen.“ Und dann spüren Sie wieder hin und sagen gleich den nächsten Satz: „Ich fühle mich wütend, weil der Stuhl so hart ist und ich unbequem sitze.“ „Ich fühle mich traurig, weil Du so weit weg sitzt und ich mich dadurch getrennt fühle.“ „Ich fühle Angst, weil Du mich auslachen könntest, wenn ich so weiterrede.“ Versuchen Sie, alle kleinen Regungen in sich wahrzunehmen und diese einem der vier Gerfühls-Territorien zuzuordnen.

Kommen Sie dann nach 10 Minuten zum Ende und bleiben Sie eine weitere Minute über die Augen in Kontakt ohne zu sprechen. Bedanken Sie sich anschließend bei Ihrem Partner, dass er sich die Zeit genommen hat. Vielleicht mag er das Experiment nun umgekehrt auch ausprobieren.

Ich lade Sie ein, bei diesem Experiment ein Risiko einzugehen. Kommunizieren Sie das Gefühl, das Sie gerade in sich tragen. Sie werden erstaunt sein, welche subtilen Gefühle in Ihnen aktiv sind und wie sich durch diese Kommunikation die Qualität Ihrer Beziehungen verändert. Indem Sie nämlich Ihre Gefühle ausdrücken, teilen Sie etwas von sich mit, was der anderen Person erlaubt, sich gleichermaßen zu öffnen.

Machen Sie es sich zur Praxis, Ihre Gefühle auf diese Art und Weise mitzuteilen, damit Sie wieder Zugang zu Ihrem inneren Navigationssystem bekommen, in einer hochtechnisierten Gesellschaft authentisch menschlich bleiben können und auf die Frage „Darf es ein bisschen mehr sein?“ schon bald antworten können „Ja, bitte mehr Gefühl.“

Herzliche Grüße,

Ihre Nicola Nagel

Buchtipp: Falls Sie mehr über die Weisheit und Kraft der Gefühle wissen möchten, empfehle ich Ihnen das Buch „Die Kraft des bewussten Fühlens“ von Clinton Callahan.



www.viva-essenza.com

Montag, 14. Februar 2011

Soll ich, oder soll ich nicht? - Über die Qual der Entscheidung

Standen Sie schon einmal an einer Wegkreuzung in Ihrem Leben und wussten nicht, ob Sie links oder rechts gehen sollen? Und dann war sie plötzlich da, diese nagende Frage „Soll ich, oder soll ich nicht?“ Soll ich einen neuen, ungewohnten und ungewissen Weg beschreiten, oder doch lieber den bekannten Pfad weitergehen? Soll ich meinen Job kündigen oder bei der jetzigen Firma bleiben? Soll ich mich von meinem Partner trennen oder doch lieber verweilen? Soll ich eine verrückte, unkonventionelle Idee verfolgen oder nicht?

Alternativ zu „Soll ich oder soll ich nicht?“ stellen Sie sich vielleicht auch gelegentlich die Frage „Wie soll ich das nur machen?“ oder „Was soll ich bloß tun?“

Die gute Nachricht ist, es gibt auf alle 3 Fragen nur eine Antwort:„JA!“

„Wie bitte? Das ist doch keine Antwort!“, sagen Sie jetzt vielleicht. Richtig, für Ihren Verstand, für Ihr Ego, für Ihre Box ist das „JA!“ keine Antwort. Und genau darum geht es. SIE SIND NICHT IHR VERSTAND! Der Verstand oder auch intellektueller Körper genannt, ist jedoch derjenige, der in unserer Gesellschaft am meisten genährt ist. Schon in der Schule bekommen wir beigebracht, dass wir möglichst viel wissen müssen, um überleben zu können. Wer heute nicht studiert hat, wird fast schon schräg angeschaut. Also häufen wir immer mehr von diesem Wissen an und sobald es darum geht, eine Entscheidung zu fällen, zieht der Verstand alle Register. Er kommt mit Logik und Argumenten, Geschichten und Meinungen und ein unaufhörliches Geplapper beginnt im Kopf.

Hand auf’s Herz, wie oft führen Sie in Gedanken Selbstgespräche, Diskussionen mit Kollegen oder Freunden, denken über eine vergangene Situation nach oder sinnieren über die Zukunft? Unser Verstand ist brillant darin, denn er ist darauf spezialisiert unaufhörlich Gedanken zu produzieren.

Hatten Sie schon einmal eine spontane, verrückte Idee, von der Sie richtig begeistert und sofort überzeugt waren und im nächsten Augenblick hat sich Ihr Verstand eingeschaltet und Ihnen gesagt, dass diese Idee absolut irrational und damit Quatsch ist? Wie viele spannende, lebendige oder verrückte Möglichkeiten haben Sie dadurch schon verstreichen lassen?

Die Sache ist die: der Verstand ist darauf trainiert, alles zu verstehen und logisch zu begründen. Es ist wie ein eingebauter Sicherheitsschalter. Der Verstand braucht hieb- und stichfeste Argumente, um eine Entscheidung zu untermauern. Und nicht nur er braucht diese Argumente. Wenn Sie heute eine Entscheidung fällen und dafür keinen guten Grund haben, dann werden Sie unter Umständen von Ihren Freunden, Kollegen oder Nachbarn schräg angeschaut.

Welche Möglichkeiten haben Sie also, wenn Sie vor der Frage „Soll ich oder soll ich nicht?“ stehen.

Unterscheidung 1: Nur im JETZT haben Sie Kraft
Um sich entscheiden zu können, ist es wichtig, zunächst einmal im JETZT präsent zu sein. Wie oft haben Sie eine Entscheidung nicht getroffen, weil etwas Ähnliches in der Vergangenheit schief ging, oder Sie sich Sorgen gemacht haben, wie es denn in der Zukunft weitergeht? Sie haben keine Kraft in der Vergangenheit und auch nicht in der Zukunft. Wenn Sie mit Ihren Gedanken immer wieder in der Vergangenheit oder Zukunft unterwegs sind, dann stecken Sie fest. Das was bereits passiert ist, können Sie nicht mehr ändern, noch nicht einmal das, was vor 1 Sekunde passiert ist. Es ist passiert. Ob Sie im Nachhinein eine Geschichte dazu spinnen oder sich überlegen, wie es hätte sein können, wenn Sie etwas anders gemacht hätten, ändert an der Situation nichts mehr. Genauso wenig können Sie beeinflussen, was in der Zukunft liegt, denn sie ist noch nicht da. „Wie wird es wohl werden, wenn…..“ Der Verstand ist wirklich clever in diesem Fragenwälzen. Ich lade Sie ein, stattdessen Ihre wertvolle Energie zu sparen. Der einzige Moment, in dem Sie wirklich Kraft haben ist JETZT, in der Gegenwart. Schöpfung und Kreieren passiert JETZT, Unterscheidungen werden JETZT gemacht, Entscheidungen werden JETZT getroffen.

Wie groß ist dieses JETZT? Wir können das JETZT als genau diesen Augenblick definieren. Wie groß ist ein Augenblick? Nun, Augenblicke ändern sich, je nachdem, was gerade passiert. Wie Einstein bereits sagte, Zeit ist relativ. Ein Moment, in dem Sie auf einer heißen Herdplatte sitzen, ist viel zu lang. Ein Moment, in dem Sie Hand in Hand mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin spazieren gehen, ist viel zu kurz.

Im Allgemeinen können wir einen Augenblick als die Zeitspanne definieren, die es braucht, um eine Entscheidung zu fällen. Ein Augenblick dauert somit 3 Sekunden: 1 Sekunde, um die Entscheidung zu treffen und 2 Sekunden, damit die Entscheidung in Ihrem Ego oder Ihrer Box landet und Sie anschließend in Aktion treten können.

Bleiben Sie also präsent im JETZT. Nehmen Sie wahr, was JETZT gerade um Sie herum geschieht. Spüren Sie hin. Hören Sie hin. Schauen Sie hin. Das Wichtigste, was jemals in Ihrem Leben passiert, passiert gerade in diesem Moment. Sie haben nur diesen Moment. (Film-Tipp: Der Pfad des friedvollen Kriegers). Fallen Sie aus Ihrem Verstand heraus ins JETZT. Wie fühlen Sie sich gerade? Wütend, ängstlich, traurig, froh? Was nehmen Sie wahr?

Experiment:
Um zu trainieren und sich immer wieder daran zu erinnern, wo das JETZT ist, lade ich Sie zu folgendem Experiment ein: Suchen Sie sich einen schönen kleinen Stein in der Natur. Form und Farbe spielen keine Rolle. Spüren Sie bewusst hin, welcher Stein Sie „anlacht“. Dann tun Sie diesen Stein in Ihre Hosentasche. Jedes Mal, wenn Sie den Stein mit dem Finger berühren und ihn bewusst spüren wissen Sie wo JETZT ist, denn Sie können ihn nur JETZT spüren. Und Sie können JETZT eine neue Entscheidung treffen.

Unterscheidung 2: Es gibt keine falsche Entscheidung
Stellen Sie sich vor, Sie könnten niemals im Leben eine falsche Entscheidung treffen. Wie wäre das für Sie? Was würden Sie dann aus Spaß einfach mal ausprobieren oder entscheiden?

Das Schöne ist, Sie können tatsächlich keine falsche oder schlechte Entscheidung treffen. Wenn Sie Entscheidungen in gut und schlecht bzw. richtig und falsch einteilen, dann setzen Sie Ihre Entscheidungen gegen ein Bewertungssystem, dass in sich irrsinnig ist. Wer bestimmt, was gut oder schlecht ist? Die Gesellschaft? Ihr Nachbar? Die Eltern? Ihr Chef? Die Kategorisierung in gut und schlecht wurde ursprünglich von der Kirche ins Leben gerufen und hat der Geschichte 700 Jahre Inquisition beschert. Und selbst das ist nicht gut oder schlecht. Erstaunlicherweise hat sich dieses Bewertungssystem jedoch zäh gehalten und ist in unseren Zellen fest verankert. Ich lade Sie daher zu dem Experiment ein, dieses Konstrukt über Bord zu werfen. Versuchen Sie einmal Entscheidungen, Handlungen oder Personen (inklusive Ihnen selbst) nicht in gut und schlecht zu kategorisieren, sondern alles als neutral zu sehen.

Wenn es um Ihre Entscheidungen geht, gibt es kein „gut“ und „schlecht“, kein „richtig“ und „falsch“. Sie treffen lediglich eine Entscheidung. Die Entscheidung ist so wie sie ist. Sie ist neutral. Sie müssen lediglich Verantwortung übernehmen und die Konsequenzen tragen.

Wenn eine andere Person übrigens ein Problem mit Ihrer Entscheidung hat, dann lassen Sie diese Person bitte ihr Problem haben. Sie hat hart dafür gearbeitet, sich dieses Problem zu kreieren und daraus zu lernen. Retten Sie die andere Person nicht und nehmen Sie sich nicht selbst die Kraft, indem Sie versuchen, es der anderen Person recht zu machen und Ihre Entscheidung abzuschwächen oder gar zu ändern.

Neulich fragte mich eine Freundin: „Ja, aber wenn ich einfach nicht weiß, welche von 2 oder mehr Optionen ich nun wählen soll, was mache ich denn dann?“

Experiment:
Spüren Sie im JETZT einmal hin und probieren Sie JETZT die verschiedenen Entscheidungs-Möglichkeiten an! Stellen Sie sich vor, Sie haben sich bereits für Option 1 entschieden. Wie geht es Ihnen JETZT mit dieser Entscheidung. Wie fühlt sich die Entscheidung JETZT an? Fühlt sie sich stimmig an oder fühlen Sie sich damit unwohl? Dann ziehen Sie diese Option wieder aus und probieren die nächste Wahlmöglichkeit an. Wie fühlt sich JETZT die 2. Option an? Probieren Sie die Entscheidungsoptionen an wie verschiedene Hosen oder Pullover und schicken Sie den Verstand für dieses Experiment derweil in den Urlaub. Sie werden erstaunt sein, wie schnell Sie Klarheit haben, welche Entscheidung ansteht.

Und: wenn Sie eine Entscheidung getroffen haben, und nach einiger Zeit merken, dass der eingeschlagene Weg nicht mehr stimmig ist, dann treffen Sie einfach eine neue Entscheidung. Die alte Entscheidung, war deswegen nicht „falsch“. Sie hat sie auf Ihrem Weg auch weiter gebracht. Und Sie können sich alle 3 Sekunden neu entscheiden.

Unterscheidung 3: Es ist okay „nicht zu wissen“
Was viele Menschen auch von Entscheidungen abhält ist der Verstand, der gerne kontrollieren möchte, wie die Dinge laufen. Auf dem bekannten Pfad weiterzugehen ist somit oft eine scheinbar sehr attraktive Option. Sind Sie schon einmal davor zurückgeschreckt eine Entscheidung zu treffen, die Sie auf einen neuen Weg geführt hätte, weil Sie nicht wussten, wie es dann sein würde? Wird es funktionieren? Was muss ich tun? Angst vor dem Nicht-Wissen, vor dem Unbekannten hindert uns oft daran, Veränderungen in unserem Leben vorzunehmen. Erst wenn der Schmerz groß genug ist, sehen wir uns veranlasst etwas zu ändern. Anstatt den Schritt ins Unbekannte zu wagen, liebt es unser Verstand, an Gewohntem oder Sicherem festzuhalten, weil es einfach unglaublich bequem ist. Wie viele Menschen gehen deswegen einem Job nach, der zwar okay ist, aber sie nicht erfüllt? Wie viele Menschen sind deswegen mit einem Partner zusammen, mit dem sie sich arrangiert haben, den sie aber nicht aus ganzem Herzen lieben? Wie viele kreative, lebendige oder verrückte Ideen haben Sie nicht umgesetzt, weil der Verstand Ihnen gesagt hat, dass er das nicht kontrollieren kann?

Entscheiden Sie sich JETZT, in diesem Moment neu! Sie müssen nicht wissen, wie etwas geht oder was kommt. Haben Sie Mut Entscheidungen zu treffen, ohne zu wissen, wie etwas funktioniert. Wenn Sie sich grundsätzlich nur entscheiden, sobald Sie ganz klar absehen können, wie es weitergeht, dann können Sie auch nur die Möglichkeiten im Leben wahrnehmen, die Ihr Verstand kontrollieren kann und damit sind Sie wieder nicht im JETZT präsent, sondern bei dem, was Sie sich schon ausgemalt haben. Entscheiden Sie sich stattdessen, ohne zu wissen und vertrauen Sie dem Prozess.

Experiment:
Um einmal auszuprobieren, wie es ist, sich zu entscheiden, ohne zu wissen, lade ich Sie zu folgendem Experiment ein: Entscheiden Sie sich einmal dafür etwas zu tun, was Sie noch nie getan haben und von dem Sie keine Ahnung haben, wie es geht. Gehen Sie z. B. einmal in ein afrikanisches oder albanisches Restaurant und entscheiden Sie sich für ein Gericht, von dem Sie nicht wissen, wie es schmeckt oder wie Sie es essen müssen. Was macht Ihr Verstand in dem Moment? Möchte er sofort den Kellner um Rat fragen? Oder sucht er heimlich doch nach einem Gericht auf der Karte, das einigermaßen vertraut klingt? Oder kaufen Sie einmal auf dem Markt ein Gemüse oder eine Frucht von der Sie keine Ahnung haben, wie man sie wohl zubereitet. Experimentieren Sie mit dem Nicht-Wissen.

Die spannende Frage ist dann: Ist es für Sie in Ordnung, nicht zu wissen? Wenn Sie nämlich nicht alles wissen müssen, dann können Sie mehr im JETZT sein, mit dem was gerade passiert und dadurch ungeahnte Möglichkeiten entdecken. Wenn Sie am Alten festhalten, weil Sie nicht wissen, was kommen wird, dann blockieren Sie sich selbst. Dann ist kein Platz da für etwas Neues, weil das Alte den Eingang versperrt. Wenn Sie sich jedoch entscheiden, Platz zu machen und sich selbst aus dem Weg zu gehen, dann kann etwas Neues entstehen und sich entfalten.

Sie müssen übrigens auch nicht wissen, warum Sie sich für etwas entscheiden. Kinder haben eine herrliche Gabe: Sie wählen ohne Grund. Wenn Sie ein Kind fragen, warum es z. B. etwas links herum und nicht rechts herum gemacht, bekommen Sie oft als Antwort „Darum!“. Wenn Sie ein Argument, einen Grund oder eine Rechtfertigung abgeben für eine Entscheidung, wer hat dann die Kraft, Sie oder der Grund? … In dem Moment geben Sie dem Grund die Kraft. Wenn Sie jedoch ohne Grund wählen, dann haben Sie die Kraft, dann sind Sie Ihre eigene Autorität und sparen sehr viel Energie, die sonst in Erklärungen und Rechtfertigungen fließt.

Ein sehr schönes Zitat aus dem Film „Der Pfad des friedvollen Kriegers“ möchte ich Ihnen nicht vorenthalten:

„Wo bist Du?“ – HIER
„Wie spät ist es?“ – JETZT
„Was bist du?“ – DIESER MOMENT

In diesem Sinne, entscheiden Sie sich für das, was durch Sie gelebt werden will und was für Sie im Innern wirklich stimmig ist. Sie haben die Möglichkeit, sich alle 3 Sekunden neu dafür zu entscheiden.

Herzliche Grüße,

Ihre Nicola Nagel