Donnerstag, 14. Januar 2016

Gorilla und Wildcat Basics - Erste Schritte zu außergewöhnlicher Beziehung



Den Jahreswechsel nehmen viele Menschen zum Anlass, gute Vorsätze für das neue Jahr zu fassen. Die Klassiker wie mehr Sport, gesünder essen, aufhören zu rauchen haben Sie möglicherweise zuhauf gehört. Doch wie wäre es einmal mit einem Vorsatz der ganz anderen Art, etwas, dass sich viele Menschen immer wieder wünschen: Eine außergewöhnliche Beziehung erschaffen!

Es ist erstaunlich, dass der große Wunsch nach einer erfüllenden, nährenden Beziehung oftmals schwierig realisierbar scheint, obwohl beide Partner die gleiche Sehnsucht in sich tragen. Das liegt häufig daran, dass vielen die unterschiedlichen Dynamiken in einer Beziehung nicht bewusst sind und somit bereits durch kleinste Gesten und Worte schnell Missverständnisse, Auseinandersetzungen, Diskussionen, Oberflächlichkeit und damit gewöhnliche Beziehung entsteht.

Viele Themen spielen beim Erschaffen außergewöhnlicher Beziehung eine Rolle (Buchtipp: Wahre Liebe im Alltag von Clinton Callahan). Eines davon ist das breitgefächerte Thema Kommunikation und gerade da scheitert es oft schon an kleinen aber feinen Grundlagen. Zwei dieser grundlegenden Themen sind:
  1. Gorilla und Wildcat Basics: Wann spreche ich mit meinem Partner?
  2. König(in) oder Schwein: Was ist meine Absicht?

Lassen Sie uns diese beiden Aspekte einmal in Kurzform betrachten.

1.    Gorilla und Wildcat Basics
Der erste entscheidende Schritt bei einem Gespräch ist das Timing, d. h. wann sprechen Sie überhaupt mit Ihrem Partner/Ihrer Partnerin. Die Kenntnis über die sogenannten Gorilla Basics und Wildcat Basics ist an dieser Stelle sehr hilfreich und kann Ihre Beziehung maßgeblich verändern, wenn Sie bewusst Ihre Aufmerksamkeit darauf lenken. Gorilla und Wildcat Basics mögen im ersten Moment simpel erscheinen, doch interessanterweise führt die Missachtung dieser Basics sehr oft zu Unmut und Sammeln von Grollpunkten in vielen Beziehungen. Gorilla und Wildcat Basics sagen etwas darüber aus, wann Sie idealerweise mit Ihrem Partner sprechen  bzw. nicht sprechen.

Gorilla Basics
Versuche nicht mit einem Mann zu sprechen, wenn:
  • Er hungrig ist.
  • Er müde ist oder er morgens gerade erst die Augen aufgemacht hat.
  • Er genervt von der Arbeit kommt.
  • Er geil ist.
  • Das Fußballspiel im Fernsehen läuft (oder was immer seine Lieblingsportart ist)
  • Es Zeit ist, zu gehen/aufzubrechen (z. B. ins Restaurant, zur Arbeit, ins Kino…)
  • Er gerade mit etwas beschäftigt ist (einschließlich der Dinge, von denen Sie meinen, dass sie nicht wichtig sind)
Wildcat Basics:
Versuche nicht mit einer Frau ernsthaft zu sprechen, wenn:
  • Sie hungrig ist.
  • Sie müde ist.
  • Sie auf dem Sprung zu ihren Freundinnen ist oder die Freundinnen gleich vor der Tür stehen.
  • Kurz vor oder am 1. Tag ihrer Periode (klären Sie mit Ihrer Partnerin, welches der Tag ist, an dem sie deswegen emotional nicht zurechnungsfähig ist. Sie weiß es ganz genau).
  • Sie sich im Bad Zeit nimmt, um sich schön zu machen/zu pflegen.
  • Sie vor dem Kleiderschrank steht und sich fragt, was sie anziehen soll.

Es kann tatsächlich so einfach sein! Wenn Sie sich nicht sicher sind, ob es gerade das richtige Timing ist, fragen Sie Ihren Partner, indem Sie z. B. sagen „Hast Du gerade einen Moment Zeit? Ich würde gerne etwas mit Dir besprechen/ich habe eine Frage.“ Und nehmen Sie es nicht persönlich, wenn ein Nein als Antwort kommt. Immerhin ist die andere Person dann ehrlich. Schließlich hätte keiner von Ihnen etwas davon, wenn einer während des Gesprächs mit den Gedanken ganz woanders ist. Falls ein Nein kommt, könnten Sie z. B. fragen, wann es der anderen Person passt und sich entsprechend für später verabreden.

Angenommen, Sie haben das richtige Timing erwischt, so ist die nächste Frage, was ist Ihre Absicht?


2.    König(in) oder Schwein?
Machen Sie sich bewusst, was Ihre genaue Absicht bei einem Gespräch ist. Wenn Sie nicht wissen, was Ihre Absicht ist, schauen Sie sich das Resultat der Unterhaltung oder Ihre Beziehung insgesamt an.

Wenn Sie sich in einem Streit oder endlosen Diskussion wiederfinden oder Beschuldigungen  und Ausreden an der Tagesordnung sind, dann sind Sie dabei, sogenanntes niederes Drama zu kreieren, das Ihre Beziehung untergräbt. Ein niederes Drama ist jede Handlung die dazu dient, Verantwortung zu vermeiden und stattdessen Nähe und Vertrautheit zu zerstören und den Partner/die Partnerin zum Schwein zu machen. Niederes Drama impliziert, dass eine Person die sogenannte Opferrolle übernimmt. Es ist das klassische Täter-Retter-Opfer Spiel. Die Opferrolle kann dabei sehr bequem und lukrativ sein, denn als Opfer bekommen Sie Aufmerksamkeit und Mitleid, müssen keine Verantwortung übernehmen, können die „Ich Arme(r)“ Story erzählen und haben vor allem die Lizenz zur Rache. Wenn Sie beweisen können, dass Ihr Partner/Ihre Partnerin Sie ins Unrecht gesetzt oder angeblich verletzt hat, dann können Sie zum Gegenschlag ausholen. Weitere beliebte Anzeichen für niederes Drama in Beziehung sind Rechthaberei, Besserwisserei, Entschuldigungen und Rechtfertigungen.

Stellen Sie sich also vor und auch während des Gesprächs die Frage: Was ist jetzt gerade meine Absicht? Zum Beispiel:

·         Will ich meinen Partner/meine Partnerin manipulieren oder mit ihm/ihr authentisch und verletzlich in Kontakt sein? (Machen Sie sich einmal bewusst, dass Manipulation schon auf subtile Weise geschehen kann, z. B. durch die kleine Frage „Sollen wir spazieren gehen?“ anstatt klar zu äußern „Ich würde gerne raus an die frische Luft und einen Spaziergang machen, kommst Du mit?“)

·         Will ich gerade unbedingt recht haben oder kann ich von meinem Standpunkt runterkommen, damit Nähe und Vertrautheit möglich ist? (Vielleicht hilft Ihnen folgender Satz zur Erinnerung: Entweder Du haben Recht, oder Du bist in Beziehung. Beides gleichzeitig geht nicht.)

·         Will ich ihn/sie klein machen / zum Schwein machen, damit ich als Sieger aus dem Gespräch hervor gehe, oder kann ich den anderen SEIN lassen wie er ist und respektvoll und erwachsen agieren? (Wertschätzen Sie Ihren Partner z. B. dafür, dass er daran gedacht hat, eine Tüte Milch aus dem Supermarkt mitzubringen, oder tadeln Sie ihn stattdessen dafür, dass er die falsche Marke gekauft hat?)

·         Verhalte ich mich angepasst, um es ihm/ihr recht zu machen (und möglicherweise die Harmonie zu wahren), oder kann ich klar bei mir und in meiner Kraft sein und dadurch erwachsen und verantwortlich den Beziehungsraum halten und gestalten?

·         Projiziere ich gerade z. B. das Verhalten meiner Eltern auf meinen Partner/meine Partnerin oder sehe ich ihn/sie tatsächlich? (Gibt es z. B. nur eine Möglichkeit, die Spülmaschine einzuräumen oder gewisse Kommentare zu machen, oder können Sie gelassen bleiben?)

Was ist tatsächlich Ihre Absicht? Von einigen Klienten habe ich schon gehört „Ich möchte ja eine außergewöhnliche Beziehung, aber er/sie müsste sich ändern.“ Kennen Sie diesen Satz? Wenn Sie erwarten, dass der andere sich ändert: viel Erfolg! Es wird nicht funktionieren. Wenn Sie gewöhnliche Beziehung mit niederem Drama in Ihrem Leben vorfinden, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass Sie dies unbewusst selbst gestaltet haben. Fangen Sie also bei sich an. Wachen Sie auf! Werden Sie aufmerksam!

Es gibt einen Teil in uns – genannt unser Gremlin, der innere Schweinehund oder das kleine fiese Monster – dessen Leibspeise es ist, niederes Drama zu erzeugen und Beziehung zu zerstören. Es ist unsere Schattenseite, die genau das Täter-Retter-Opfer Spiel liebt. Der Gremlin ist sozusagen der König Ihrer eigenen Unterwelt und es ist sehr hilfreich, sich diesen Teil genau anzuschauen. Sobald wir nicht achtsam sind oder gar keine Kenntnis über diesen Teil in uns haben, der niederes Drama liebt, wird es herausfordernd sein, ein anderes Spiel zu spielen und außergewöhnliche Beziehung zu erschaffen. Mit dem Grad der Bewusstheit über diesen Mechanismus steht und fällt die Qualität Ihrer Beziehung.

Niederes Drama äußert sich übrigens auch in dem Aufrechterhalten von Erwartungen (seien sie nun ausgesprochen oder unausgesprochen). Erwartungen sind prädestiniert dafür enttäuscht zu werden. Gerade in Bezug auf Beziehungs-Kommunikation haben Frauen und Männer gleichermaßen Erwartungen. Der entscheidende Punkt ist: Ein Mann ist keine Frau und umgekehrt!!! „ACH!“ werden jetzt einige von Ihnen möglicherweise sagen. Doch diese Feststellung ist durchaus ernst gemeint, denn viele Frauen erwarten in Ihrer Beziehung unter anderem, dass der Mann

  1. genauso zuhört, wie die beste Freundin
  2. gerne viel und schnell erzählt
  3. in der Lage ist, 7 Themen gleichzeitig zu besprechen

während Männer gerne erwarten, dass ihre Frau

  1. endlich zum Punkt kommt
  2. auf eine Ja/Nein Frage einfach klar mit ja oder nein antwortet
  3. bei einem Thema bleibt.

Um es kurz zu machen: Ihr Mann wird nicht zuhören wie eine Frau, er antwortet anders auf Fragen und behandelt nur ein Thema nach dem anderen. Gleiches gilt umgekehrt: Ihre Frau wird nicht zuhören wie Ihr bester Freund und hat einfach die Tendenz gerne, viel zu erzählen.

Wenn Sie ein Mann sind und Ihre Partnerin Ihnen etwas erzählen möchte, das ihr am Herzen liegt, dann ist es sinnvoll erst einmal nur zuzuhören und nichts zu sagen, bis sie mit erzählen fertig ist. Lassen Sie Ihre Handwerkermütze im Schrank und kommen Sie nicht direkt mit Lösungsvorschlägen. Ihre Frau möchte Ihnen etwas erzählen! Wenn sie einen Rat oder eine Lösung braucht, wird sie es schon sagen. Frauen haben die Tendenz, das was in ihnen ist, vor sich auszubreiten. Es kommt wie ein riesiger Wasserschwall: alles auf einmal. 

Sind Sie hingegen eine Frau und Ihr Mann möchte Ihnen etwas erzählen, das ihm wichtig ist, so lautet die Empfehlung: Halten Sie sich an die 30 Sekunden Regel. Was ist damit gemeint? Nun während eine Frau eher wie ein Wasserfall sprudelt und alles sofort in einem Schwall erzählt, ist der Mann eher wie ein tiefer Brunnen. Er erzählt etwas – kippt sozusagen den ersten Eimer voll Wasser aus – doch dann muss er den Eimer im Brunnen erst wieder herunterlassen, um die nächste Fuhre Wasser (Gedanken/Information) hinauf zu befördern. Sein Motto ist: eine Schicht nach der anderen. Warten Sie also 30 Sekunden. Wenn Sie sich nach dem ersten Wassereimer als Frau nicht in Geduld üben und nach 10 Sekunden Stille schon mit einer Frage oder einem Kommentar dazwischen platzen, weil sie die Stille nicht aushalten, dann schlagen Sie die Tür zur nächst tieferen Ebene an Nähe und Intimität zu. Dann wird Ihr Mann nicht auf die nächste Ebene des Gesprächs gehen, weil der Raum dafür nicht stabil ist. Gleiches gilt, wenn Sie eine Frage gestellt haben: WARTEN Sie!!! Viele Frauen tendieren dazu, den Mann nach 5 Sekunden direkt mit den nächsten 3 Fragen zu bombardieren, bevor er überhaupt auf die erste Frage geantwortet hat, sodass er gar nicht mehr weiß, auf welche Frage er überhaupt antworten soll. Wenn er nach 30 Sekunden nichts mehr sagt, können Sie wieder in Aktion treten.

Es ist hilfreich sich bewusst zu machen, dass Gehirne von Männern und Frauen völlig unterschiedlich ticken. Das Gehirn der Frauen ist wie ein riesiges Knäuel an wirren Drähten. Alle Themen sind mit allen verbunden: der Job mit der Großmutter, die Großmutter mit dem Auto, das Auto mit den Kindern, die Kinder mit dem Haus…alles ist einfach mit allem verbunden. Deswegen können Frauen auch über viele Dinge gleichzeitig sprechen und zig Themen wie einen Haufen Jonglierbälle in der Luft halten. Versuchen Sie einmal als Mann einem Gespräch unter Freundinnen zu folgen. Ihnen wird nach wenigen Minuten wahrscheinlich schwindelig.

Männer hingegen ticken anders. Das Gehirn der Männer besteht aus vielen kleinen Boxen. Jede Box beinhaltet ein Thema und wenn sie über ein spezifisches Thema sprechen, ziehen sie die entsprechende Box heraus, öffnen sie und sprechen nur über das, was in dieser Box ist. Danach schließen sie die Themenbox wieder, schieben sie an ihren Platz und achten sorgfältig darauf, dass diese keine andere Themenbox berührt. Schauen Sie sich passend dazu das sensationelle Video von Marc Gungor auf Youtube an: http://www.youtube.com/watch?v=ulP6f9zXtTs

Das Thema Beziehung ist viel zu komplex, als dass es in einem Artikel abgehandelt werden könnte, das wissen Sie! Allein das Thema Kommunikation in Beziehung würde ein ganzes Buch füllen. Doch eine außergewöhnliche Beziehung zu erschaffen, beginnt immer mit dem ersten Schritt. Wie wäre es also, das neue Jahr mit dem Experiment zu beginnen, auf die Gorilla bzw. Wildcat Basics zu achten und einen Detektor für niederes Drama zu entwickeln? Nach welcher Art von Beziehung sehen Sie sich?

Herzliche Grüße,
Ihre Nicola Nagel


P. S. Die grundlegenden Fertigkeiten, um tatsächlich außergewöhnliche Beziehung zu erschaffen und voll präsent in Ihrer Kraft zu sein, können Sie übrigens in den sogenannten Expand The Box Trainings und Possibility Laboratorien erlernen und erfahren. Ein echtes Erlebnis! Mehr dazu finden Sie auf: http://www.viva-essenza.com/66/privattraining/expand-the-box-training




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Montag, 14. Dezember 2015

NEW WORK: Wer bin ich im Unternehmen? - Über eine andere Art von Job-Titel.



In den meisten Unternehmen wird ein alt hergebrachtes Konzept angewandt, das scheinbar die wenigsten hinterfragen. Es ist das Konzept der Position oder Stelle und damit einhergehend der entsprechende Titel eines Mitarbeiters. Über die Jahre hinweg haben sich in der Wirtschaft Begriffe für Jobbeschreibungen geformt, die mittlerweile gängig sind und von den meisten Menschen verstanden werden: Sachbearbeiterin, Entwickler, Geschäftsführer, Leiter Technik, Einkaufsleiter, Key Account Manager, Pressesprecherin, Marketingbeauftragter etc. Auf den ersten Blick scheint es durchaus sinnvoll zu sein, ein Aufgabenfeld mit einem Titel zu belegen und dadurch die Aufgaben zu normen. Doch den wenigsten scheint bewusst zu sein, wie einengend Standard-Titel sind und wie sehr sie das eigentlich vorhandene Potenzial begrenzen.

Über einen Standardtitel werden Mitarbeiter automatisch in bestimmte Schubladen gesteckt. Erhält beispielsweise eine Person den Titel „Sachbearbeiterin Materialwirtschaft“, so begrenzt dieser die Person auf das, was sie laut Jobbeschreibung zu tun hat. Eine Sachbearbeiterin hat in dem Fall kleine Dinge abzuarbeiten und Papierkram zu machen, ist jedoch in der Regel nicht „befugt“ visionär zu denken und außergewöhnliche Methoden anzuwenden. Anders ist es bei dem Titel „Einkaufsleiter“. Allein der Drall des Titels ermächtigt die entsprechende Person mehr Verantwortung zu übernehmen und andere Menschen zu führen. Dabei gibt es zahlreiche Menschen mit vermeintlich „hoch aufgehängten“ Titeln, die alles andere als tragfähige Führungsqualitäten haben und stattdessen meinen allein aufgrund des Leiter-Titels Macht ausüben zu können.

Standard-Titel fördern hierarchisches Denken und Konkurrenz. Sie werden „von oben“ übergeben oder zugeteilt bzw. angeordnet und dienen dazu Mitarbeiter zu kategorisieren. Durch hierarchisch zugeordnete Titel werden Mitarbeiter „messbar“, denn je höher der Titel, desto höher fällt in der Regel das Gehalt aus.

Zudem scheinen viele Menschen sich im Unternehmen über ihren Titel zu definieren. Ein höherer Title heißt in der Regel nicht nur mehr Geld auf dem Konto, sondern auch mehr Anerkennung. Somit ist es nicht verwunderlich, dass viele Menschen nach einem höheren Titel streben, um vermeintlich mehr Anerkennung zu bekommen. Mit jedem Titel geht eine unbewusste Wertung einher. Einer Person mit einem höher gestellten Titel wird oftmals mehr Respekt gezollt. Z. B. haben viele Mitarbeiter mehr Respekt vor einem Geschäftsführer als vor einem Sachbearbeiter oder Produktionsmitarbeiter. Diese Wertung spiegelt sich auch darin wider, dass in der modernen Gesellschaft eine der ersten Fragen beim Kennenlernen einer neuen Person in der Regel folgende ist: „Und, was machen Sie so?“ Es geht also in erster Linie darum, was jemand HAT (Geld, Besitz) und was jemand TUT (Position, Titel, etc.). In den seltensten Fällen geht es darum, wie jemand IST. Die essentiellen Seins-Qualitäten einer Person werden hinten angestellt bzw. vollständig vergessen.

In der Unternehmenswelt herrscht ein erbitterter hierarchischer Wettkampf um Positionen und damit einhergehende Titel, der manchmal ganz offensichtlich (z. B. kürzlich bei VW) und oftmals subtil gespielt wird. Wenn die Aussicht auf einen ruhmreichen Titel zum Greifen nahe ist, wird an Stühlen gesägt und versucht Mitarbeiter auszubooten, was das Zeug hält.

Dabei sind gewöhnliche Titel alles andere als ruhmreich, denn sie sind sehr auf Logik und Linearität beschränkt. Beispielsweise ist der Titel Leiter Materialwirtschaft in sich hierarchisch und die entsprechende Person hat in erster Linie die Möglichkeit, linear zu führen. Gleiches gilt für andere Titel-Bezeichnungen. Sie limitieren die Mitarbeiter durch die Linearität auf das Tun bestimmter Aufgaben, sodass der jeweilige Titelinhaber zu einer leicht ersetzbaren Ressource. Verlässt ein Mitarbeiter das Unternehmen, so ist es ein leichtes, die gleiche Stelle mit dem entsprechenden Standard-Titel wieder auszuschreiben und eine andere Person auf die Position zu setzen. Durch gewöhnliche Titel werden Menschen in Unternehmen austauschbar, während das Einzigartige, die menschlichen Seins-Qualitäten auf der Strecke bleiben.

Gewöhnliche Titel sind in der Regel in Stein gemeißelt. Es geht maßgeblich um die fachliche Kompetenz, die einem Titel zugeschrieben wird, und innerhalb derer sich ein Mitarbeiter bewegen kann. Gleichzeitig verlangen einige Titel heutzutage automatisch ein bestimmtes Agieren. Der Titel eines Geschäftsführers oder Abteilungsleiters bedeutet beispielsweise vielerorts, dass die entsprechende Person alles wissen muss, die Dinge im Griff haben muss und der einsame Wolf an der Spitze ist. Ein Sachbearbeiter darf hingegen auch schon einmal Dienst nach Vorschrift machen, denn schließlich ist er dazu da Papierkram abzuarbeiten.

Zu guter Letzt sind gewöhnlich Titel vor allem eines: langweilig und trocken.

Doch was nun? Wie würde denn eine andere Art der Titelvergabe aussehen? Und wie würden im Gegensatz zu gewöhnlichen Titeln außergewöhnliche Titel lauten, die beschreiben, was der jeweilige Mitarbeiter IST?

Ziehen Sie zunächst einmal in Betracht, dass es die Möglichkeit gibt, Titel zu erschaffen, die nicht auf dem Formular des Finanzamtes zu finden sind. Bei der Wahl eines außergewöhnlichen Titels geht es darum, den Fokus auf die Qualität der Seins-Eigenschaften des Mitarbeiters zu legen und ihn für das anzuerkennen, was er IST. Allein durch die Wahl des Titels wird der Mitarbeiter bereits ermächtigt, seine Talente und Qualitäten vollständig in das Unternehmen einzubringen.

Anders als bei einem gewöhnlichen Titel, der in der Regel von der Geschäftsleitung übergeben oder zugeordnet wird, wird ein außergewöhnlicher Titel vom Mitarbeiter selbst gewählt und enthält keinerlei hierarchischen Bezug. Es gibt weder Leiter, noch Manager, noch Geschäftsführer. Allein diese Idee könnte für viele Manager bereits ein apokalyptischer Albtraum sein, denn worüber sollen sie sich definieren, wenn nicht über ihre hierarische Machtposition?

Was es bei dem Experiment der außergewöhnlichen Titel zu beachten gilt, ist dass die alten hierarchischen Strukturen tief in uns Menschen verankert sind. Es würde also nicht funktionieren, die Mitarbeiter zu zwingen, ad hoc selbst einen neuen Titel zu wählen. Vielmehr ist es ein Experiment für kühne Pioniere, die bereit sind, eine andere Art von Arbeitswelt zu erschaffen und voran zu gehen. Die anderen Mitarbeiter werden in ihrem eigenen Tempo folgen. Ein mittelständisches, fränkisches Unternehmen hat dieses Experiment im Rahmen einer größeren Umstrukturierung begonnen und die Ergebnisse sind verblüffend.

Begonnen hat es mit der Frage einer Mitarbeiterin „Wer bin ich eigentlich im Unternehmen, wenn wir jetzt umstrukturieren?“ (An dieser Stelle sei erwähnt, dass es sich bei der Umstrukturierung um den evolutionären Wandel des Unternehmens von einer hierarchischen Organisation in zu einer sogenannte Netzwerk oder Galaxie-Organisation handelt.).

In einem ca. 1-stündigen, angeleiteten Prozess, filterte sie selbst heraus, was ihre tatsächlichen Seins-Eigenschaften sind, die sie in das Unternehmen einbringt und welches ihre Prinzipien sind, die ihre Arbeit unterstützen. Es handelt sich um einen kreativen, nicht-linearen Prozess, der Mitarbeiter ermächtigt, Verantwortung zu übernehmen und selbst einen Titel wählen, der ihnen entspricht, der jedoch gleichzeitig nichts mit einem gewöhnlichen Titel zu tun hat (beispielsweise kann ein Mitarbeiter nicht aus Gutdünken heraus den Titel „Manager“ oder „Abteilungsleiter“ wählen). Hier sind einige Beispiele für außergewöhnliche Titel, die Mitarbeiter in besagtem Unternehmen gewählt haben: 

  • Knotenpunkt Organisatorin
  • Menschen-Zahlen-und Event-Koordinatorin
  • Evolutions-Architekt
  • Möglichkeits-Abenteurerin
  • Netzwerk-Mediatorin
  • Verbindungs- und Koordinations-Designerin
  • Struktur- und Verbindungsgeberin
  • Möglichkeitsgenerierender Organisator
  • Team- und Produktions-Koordinator
  • Möglichkeiten- und Struktur Schmied
  • Holistischer Bewusstmacher

Nehmen sie den anderen Drall wahr? Außergewöhnliche Titel sind inspirierend und ermächtigend. Eine „Struktur und Verbindungsgeberin“ ist z. B. etwas anderes als eine „Sachbearbeiterin Archivierung“. Eine Möglichkeits-Abenteurerin ist etwas anderes als eine klassische „Geschäftsführerin“ (und um das Experiment in der o. g. Firma zu vervollständigen: in einer Betriebsversammlung legte die Inhaberin offiziell ihren Titel als Geschäftsführerin nieder, um die hierarchische Struktur weiter aufzulösen und so den Mitarbeitern auf Augenhöhe zu begegnen. Sie setzte den neuen Titel sogar umgehend auf ihre Visitenkarte. Der Geschäftsführer Titel wird nur noch aus rechtlichen Gründen in Finanzamts-Angelegenheiten verwendet). Ein außergewöhnlicher Titel macht den Titelinhaber zu einem einzigartigen Menschen mit individuellen sog. Hellen Prinzipien, Vorlieben, Fähigkeiten und Aufgaben. Somit ist er nicht mehr eine schnell austauschbare Ressource, sondern ein menschliches Unikat. 

Ein außergewöhnlicher Titel ist nicht hierarchisch und ermöglicht dadurch ein neues Spiel mit mehr Möglichkeiten. Er ist flexibel und weit und beschreibt die „Seins-Qualitäten“ einer Person, d. h. wie ein Mitarbeiter im Unternehmen tatsächlich wirkt (im Sinne von kreieren).

Solch eine Art Titel beschreibt das Wesen und Potenzial der Mitarbeiter und ermöglicht ihnen ihre tatsächlichen Talente einzubringen und zu entwickeln und kreativ und nichtlinear vorzugehen. Durch außergewöhnliche Titel können Mitarbeiter nicht mehr in eine Schublade gesteckt und dadurch limitiert und klein gemacht werden. Im Gegenteil: die neuen Titel lassen die Mitarbeiter für etwas weitaus Größeres stehen. Und das ist spürbar. Diejenigen, die bereits einen außergewöhnlichen Titel bewusst gewählt haben, beginnen plötzlich sich in ihre neue Rolle hinein zu entfalten und zu wachsen. Sie strahlen mehr, fühlen sich in ihrem Sein gesehen und sind dadurch viel inspirierter.

Nun mögen Bedenkenträger sagen, dass dies ja lächerlich sei und in der Außenwirkung (beispielsweise gegenüber Kunden) nicht vertretbar sei. Nun, der Vorschlag an dieser Stelle ist: probieren Sie es aus! In dem mittelständischen, fränkischen Unternehmen haben die Mitarbeiter, die bereits einen neuen Titel gewählt haben, diesen nicht nur in der digitalen Signatur ihrer Emails stehen, sondern auch auf ihren Visitenkarten. Die bisherige Erfahrung ist, dass die neuen Titel Türöffner für sehr interessante Gespräche sind. Dadurch, dass die Mitarbeiter auch für Außenstehende nicht mehr in eine gewöhnliche Titel-Schublade gesteckt werden können, treten die Menschen, der Kontakt und der Austausch wieder in den Vordergrund.

Und noch einmal: dieser Schritt ist wagemutig. Und ja, es gibt Mitarbeiter, die diesen Schritt nicht sofort gehen möchten, weil die alten Strukturen einfach noch zu stark in ihnen wirken und die Idee, das Altbekannte zu verlassen noch zu gefährlich ist. Und das ist absolut in Ordnung. Bei Evolution gibt es immer einige Pioniere, die in das Unbekannte Gebiet vorangehen und Dinge zuerst neu ausprobieren, bevor andere nachkommen können. Und auch das ist Teil der nächsten Arbeitskultur: Neue Vorgehensweisen werden nicht einfach von oben vorgegeben, sondern entstehen aus dem Team heraus.

Im Folgenden finden Sie nochmals eine Aufstellung der Unterschiede zwischen einem gewöhnlichen, hierarchischen Standardtitel und einem außergewöhnlichen Seins-Titel.

Gewöhnlicher, hierarchischer
Standard-Titel
Außergewöhnlicher
Seins-Titel
Hierarchisch, weil von „oben“ übergeben, angeordnet.
Nicht hierarchisch, selbst gewählt.
Gehalt wird am Titel festgemacht.
Gehalt wird nicht mehr am Titel festgemacht.
Mitarbeiter definiert sich und das Maß an Anerkennung über den Titel. Je höher der Titel, desto höher die Anerkennung.
Mitarbeiter definiert sich über seine einzigartigen Seins-Qualitäten.
Fördert Konkurrenz.
Fördert Miteinander.
Macht Mitarbeiter klein.

Ermächtigt Mitarbeiter zu Verantwortung.



Entzieht Kraft, weil die Verantwortung für den Titel nicht beim Inhaber ist.
Gibt Kraft, weil der Titelinhaber den Titel selbstverantwortlich gewählt hat.
Macht den Titelinhaber zu einer leicht ersetzbaren, da austauschbaren Ressource.
Macht den Titelinhaber zu einem einzigartigen Mensch mit individuellen Hellen Prinzipien, Vorlieben, Fähigkeiten und Aufgaben. So ist er niemals ersetzbar.
Kann Verwirrung erzeugen. Z. B. kann ein Geschäftsführer über Vertrieb, Organisation, Technik usw. führen. Absicht ist oft nicht klar und lässt ein Gegenüber im Unklaren.
Gibt Klarheit über das, was ist.
Ist nur zufällig authentisch.
Ist authentisch.
Macht unfrei, weil eher in „Stein gemeißelt“
Macht frei und ist veränderbar.
Der Titel „Leiter XXX“ ist in sich hierarchisch und hat hauptsächlich die Möglichkeit, linear zu führen.
Neuer Titel ist nicht hierarchisch und ermöglicht ein neues Spiel mit mehr Möglichkeiten.
Beschreibt nur das Tun laut vorgegebener Jobbeschreibung.
Beschreibt die „Seins-Qualitäten“, d. h. wie ein Mitarbeiter im Unternehmen tatsächlich ist und wirkt (im Sinne von kreieren).
Ermöglicht Mitarbeitern nur im Rahmen der fachlichen Kompetenz zu agieren, die dem Titel zugeschrieben werden.
Ermöglicht Mitarbeitern ihre tatsächlichen Talente und Visionen einzubringen und zu entwickeln.
Ist starr und limitierend.
Ist flexibel und weit.
Ist auf Logik und Linearität begrenzt.
Ermöglicht Entfaltung und Nicht-Linearität.
Ist trocken und langweilig
Ist inspirierend, kreativ und ermächtigend.
Über alten Titel wird der Mitarbeiter bei Kunden und Kollegen sofort in eine bekannte „Schublade“ gesteckt. Der Mensch tritt in den Hintergrund.
Neuer Titel beschreibt das Wesen und Potenzial des Mitarbeiters und ist Türöffner für interessante Gespräche. Der Mensch tritt in den Vordergrund.

Sind Sie bereit für dieses außergewöhnliche Experiment?                                    

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