Freitag, 13. Juni 2014

Bedürftigkeit versus Notwendigkeit in Beziehung.



Beziehungen sind bekanntlich prädestiniert für Konfliktpotential. Das liegt schon allein daran, dass in einer Beziehung zwei Menschen mit unterschiedlicher Erziehung, Erfahrungen und Meinungen aufeinander treffen. Es ist relativ unwahrscheinlich, dass zwei Menschen in allen Punkten das gleiche denken oder über alles die gleiche Meinung haben.

Häufig entstehen Konflikte in Beziehungen jedoch auch, weil den Partnern der Unterschied zwischen Bedürftigkeit und Notwendigkeit nicht klar ist. Kennen Sie Menschen in Ihrem Umfeld, die sich bedürftig verhalten und ihren Partner verantwortlich dafür machen, dass es ihnen gut geht? Das können z. B. Menschen sein, die Erwartungen haben, dass der Partner dieses oder jenes tut, oder sich auf eine bestimmte Art und Weise verhalten soll.

Was genau bedeutet Bedürftigkeit in Beziehung? Wenn Sie bedürftig sind, dann machen Sie Ihren Partner für Ihr Wohlergehen verantwortlich. Ihre Laune ist abhängig von der Laune Ihres Partners und davon, ob er Ihren (meist unausgesprochenen) Erwartungen gerecht wird. Es gibt z. B. Menschen, die ein unglaubliches Bedürfnis nach Liebe und Anerkennung haben und denen es nur gut geht, wenn sie beides auch von ihrem Partner in großen Mengen bekommen. Doch genau dieser Schuss geht schnell nach hinten los.

Die spannende Frage ist in diesem Zusammenhang vielmehr, woher die Bedürftigkeit kommt. Wer ist normalerweise bedürftig? …Es sind kleine Kinder. Wenn Sie sich bedürftig verhalten, dann agieren Sie also in dem Modus eines Kleinkindes, das auf die Eltern angewiesen ist und nicht selbst das generieren kann, was es braucht. Und da liegt der Hase im Pfeffer begraben.  

Viele Menschen versuchen in einer Partnerschaft das zu kompensieren, was sie in der Kindheit nicht bekommen haben. Wenn jemand also nicht genug Liebe, genug Zeit oder genug Anerkennung von den Eltern bekommen hat, kann es durchaus sein, dass sich diese Person in einer Partnerschaft nichts sehnlicher wünscht, als genau dieses Bedürfnis nach Liebe zu stillen. In dem Moment machen Sie Ihren Partner dafür verantwortlich, diese Lücke zu schließen und Sie richten alle Sensoren darauf aus, ob er bzw. sie das auch wirklich tut. Und wehe es gibt Beweise, dass der Partner dem nicht gerecht wird, dann schlägt in Windeseile das unverantwortliche kleine Monster in uns zu mit Sätzen wie „Nie hast Du Zeit“ oder „Warum hast Du nicht angerufen?“ oder „Du kümmerst Dich überhaupt nicht um mich“. Vielleicht kennen Sie solche Sätze. Alternativ dazu kann es auch sein, dass die bedürftige Person im Kindheitsmodus sich einfach schmollend in die Ecke zurück zieht, sich isoliert und nicht mehr mit dem Partner spricht.

Wenn Sie bedürftig sind, dann sind Sie Opfer der Umstände. Sie jammern oder beschweren sich über das, was Ihr Partner tut oder nicht tut und versuchen möglicherweise den Partner geschickt zu manipulieren, um das zu bekommen, was Sie wollen. Sie werden in solchen Momenten von alten Emotionen gesteuert, die Ihr Partner in Ihnen ausgelöst hat und geben somit auch ihm die Schuld, wenn er Ihren Erwartungen nicht gerecht wird. Schließlich hat er doch diese Emotion und dieses Bedürfnis in Ihnen ausgelöst, oder nicht?

Fakt ist jedoch, wenn Sie sich bedürftig verhalten, dann sind Sie weder zentriert, noch im Hier und Jetzt präsent und damit auch nicht in Ihrer Kraft.

Natürlich ist es unglaublich bequem, in der bedürftigen Opferrolle zu sein. Schließlich dürfen Sie sich dann beschweren, jammern, den Partner als Idioten abstempeln, weil er Ihnen schon wieder nicht das gegeben hat, was Sie brauchen und vor allem müssen Sie keine Verantwortung übernehmen. Doch das einzige Resultat, das Bedürftigkeit produziert ist Abhängigkeit. Bedürftigkeit verhindert authentische, erwachsene Beziehung und Intimität.

Lassen Sie uns an dieser Stelle ein kleines Experiment machen:

Experiment: Lassen Sie die Vergangenheit los
Nehmen Sie einen tiefen Atemzug, schließen Sie für einen Moment die Augen und stellen Sie sich vor, dass vor Ihnen ein Fluss vorbei fließt. Nun spüren Sie einmal in sich hinein. Irgendwo da drin gibt es möglicherweise ein Loch aus der Vergangenheit. Vielleicht ist es ein Loch, das Ihnen sagt, dass Sie nicht genug Liebe, Nähe, Wärme, Anerkennung, Zärtlichkeit oder Unterstützung bekommen haben. Was auch immer es sein mag, sprechen Sie das Wort jetzt kurz aus.

Nun haben Sie Klarheit über dieses Loch. Sie haben es sich gerade bewusst gemacht. Nehmen Sie einmal bildlich dieses große schwarze Loch aus Ihrem Körper heraus und halten Sie es vor sich. Dieses Loch hat Sie ein Leben lang begleitet und viele Ihrer Interaktionen in Beziehung beeinflusst. Jetzt haben Sie Klarheit darüber.

Schauen Sie sich dieses Loch weiter an. Es gibt nun eine gute und eine schlechte Nachricht.

Die schlechte Nachricht ist: Mama und Papa werden nie wieder kommen, um dieses Loch zu füllen!

Die gute Nachricht ist: Mama und Papa werden nie wieder kommen, um dieses Loch zu füllen!

Ja, Sie haben richtig gelesen, die schlechte Nachricht ist gleichzeitig die gute Nachricht. Dieses Loch ist Vergangenheit. Sie können es nicht mehr füllen. Stellen Sie sich vor, Sie hatten letzte Woche Mittwoch unglaublichen Durst. Es war eine körperliche Erfahrung. Sie können sich heute noch daran erinnern. Hilft es Ihnen, wenn Sie heute einen Liter Wasser trinken, um den Durst von letzter Woche zu löschen? Nein! Sie können also ab sofort damit aufhören, Ihren Partner dafür verantwortlich zu machen das Loch aus Ihrer Vergangenheit zu füllen. Das wird nicht funktionieren. Diese Haltung produziert lediglich Abhängigkeit,  emotionalen Stress und Distanz in Ihrer Beziehung.

Sind Sie bereit, dieses Loch der Vergangenheit ein für alle Mal gehen zu lassen? Falls ja, dann setzen Sie dieses dunkle Loch, das Sie noch vor sich halten, in den Fluss und sehen Sie zu, wie es mit dem Flusslauf zurück in die Vergangenheit driftet. Es ist vorbei.

Um die Bedürftigkeit vollständig zu transformieren ist es vor allem wichtig, dass Sie Ihre Wutkraft wieder in Besitzt nehmen. Diese Kraft, ermöglicht Ihnen, auf sich Acht zu geben, Grenzen zu setzen, Entscheidungen zu treffen und Notwendigkeit von Bedürftigkeit zu unterscheiden. Wenn Sie die Wutkraft in Besitz nehmen und den Modus der Bedürftigkeit hinter sich lassen, dann macht sich nach und nach Klarheit und Präsenz breit. Dann können Sie erkennen, ob und wann es in Ihrer Beziehung eine tatsächliche Notwendigkeit gibt. Eine Notwendigkeit kommt aus dem Sein, nicht aus dem Ego (bzw. Ihrer Box). Wenn Sie das deutsche Wort einmal auseinandernehmen, wird der Unterschied sogar klar: Not-Wendig-Keit. Es gibt also im Hier und Jetzt eine gewisse „Not“, die es zu „wenden“ gilt. Der Unterschied liegt in der Absicht. Bei der Bedürftigkeit ist die Absicht unbewusst und unverantwortlich, weil Sie versuchen, Ihr eigenes Ego-Bedürfnis aus der Vergangenheit zu stillen. Bei der Notwendigkeit ist die Absicht bewusst und verantwortlich und sie lässt Sie in Aktion treten, möglicherweise Grenzen setzen und Lösungen kreieren.

Hier ein simples Beispiel: Angenommen Sie haben sich eine üble Grippe eingefangen und Ihr Job ist es normalerweise die Kinder zu betreuen. Nun kommt Ihr Partner abends völlig müde von der Arbeit nach Hause. Wenn Sie bedürftig sind, jammern Sie erst einmal, wie schlecht es Ihnen geht, versuchen Aufmerksamkeit zu bekommen und Ihren Partner dadurch zu manipulieren, damit er hoffentlich selbst auf die Idee kommt, sich um die Kinder zu kümmern. Sie erwarten sozusagen von ihm, dass er sich um Sie und um die Kinder kümmert. Wenn Sie hingegen im verantwortlichen Modus sind, nehmen Sie ganz klar wahr, dass Sie körperlich nicht in der Lage sind, die Kinder zu betreuen. Sie erkennen, dass es NOTWENDIG ist, eine andere Lösung zu finden. Aus dieser Notwendigkeit heraus bitten Sie nun Ihren Partner klar und deutlich um das, was sie brauchen, anstatt zu erwarten, dass er es errät.

Oder ein noch alltägliches Beispiel. Sie haben zwei Wasserkästen gekauft, die Sie selbst nicht die Treppen hochtragen können. Also lassen Sie sie unten am Fuß der Treppe stehen. Bedürftigkeit würde sich z. B. darin äußern, dass Sie entweder gar nichts sagen, sondern darauf hoffen, dass der Partner die Kästen sieht und hoch trägt, oder aber in Ihrer Aussage „Es stehen noch 2 Wasserkästen unten an der Treppe.“ Durch diese Haltung erzeugen Sie in Ihrem Partner jedoch keinerlei Notwendigkeit die Wasserkästen zu holen. Hat der Partner sie nach 30 Minuten dann noch nicht herauf getragen kommt der nächste bedürftige Satz „Mann, ständig muss ich Dich doppelt und dreifach bitten. Nie nimmst Du mich ernst“.
Eine Notwendigkeit entsteht erst, wenn Sie diese ganz klar ausdrücken: „Würdest Du für mich bitte die Wasserkästen in die Küche tragen? Sie stehen unten an der Treppe. Danke.“

Es könnte so einfach sein, oder? Beobachten Sie ab sofort einmal, wann Sie dazu neigen, sich bedürftig zu verhalten. Bedürftigkeit und Kleinkind-Modus haben früher bei Mama und Papa vielleicht prima funktioniert, aber heute kreieren Sie damit nur gewöhnliche Beziehung, in der Abhängigkeit und Mangel herrschen, es Diskussionen und möglicherweise Streit gibt und Sie auf Dauer Distanz statt Nähe und Vertrautheit schaffen.

Das ist nicht gut und nicht schlecht. Die Frage ist einfach, welche Art von Beziehung Sie kreieren möchten. Eine erwachsene, erfüllende Partnerschaft ist nicht möglich, wenn Sie im Bedürftigkeitsmodus stecken.  

Wenn Ihr Partner das nächste Mal also einen roten Knopf bei Ihnen drückt, oder Sie sich dabei ertappen, dass Sie jammern und sich über ihn/sie beschweren (selbst wenn es nur in Gedanken ist!!!), dann gehen Sie noch einmal einen Schritt zurück. Welches Bedürfnis wurde in Ihnen angestoßen? Erwarten Sie von ihrem Partner, dass er dieses Bedürfnis erfüllt? Wo kommt das Bedürfnis eigentlich her? Schauen Sie bei SICH. Die Antwort ist in IHNEN.

Im Folgenden finden Sie einige Unterscheidungen zu Bedürftigkeit und Notwendigkeit.

Bedürftigkeit
Notwendigkeit
Kommt aus der Box / dem Ego.
Kommt aus dem Sein.
Sie agieren unverantwortlich.
Sie agieren verantwortlich.
Sie sind das Opfer der Umstände.
Sie sind die Quelle der Ressourcen.
Sie manipulieren Ihren Partner / andere, um Ihr Bedürfnis erfüllt zu bekommen.
Sie setzen klare Grenzen und bitten um Unterstützung.
Sie machen Ihren Partner für Ihr Wohlergehen verantwortlich.
Sie sind selbst für Ihr Wohlergehen verantwortlich.
Sie jammern oder beschweren sich.
Sie beobachten neutral, was passiert.
Sie versuchen ein „Loch“ aus der Vergangenheit zu füllen.
Sie sind im Jetzt präsent mit dem, was ist.
Sie verhalten sich angepasst.
Sie sind zentriert.
Ihr Gremlin sitzt am Steuer Ihres Lebens.
Sie sitzen am Steuer Ihres Lebens.
Sie kreieren Niederes Drama
Sie kreieren sog. Hohes Drama.
Sie werden von alten Emotionen gesteuert.
Sie nutzen bewusst Ihre Gefühle in der Gegenwart.
Sie vertrauen sich selbst nicht.
Sie vertrauen sich selbst.
Sie geben dem Partner die Schuld.
Sie schauen grundsätzlich zuerst bei sich selbst.
Sie warten darauf, dass etwas passiert bzw. Sie jemand rettet.
Sie kreieren selbst und treten in Aktion.
Sie haben Erwartungen an andere.
Bitten Sie klar um das, was Sie brauchen.
Sie machen sich klein.
Sie nutzen Ihre Kraft der Klarheit.
Sie verfolgen eine unbewusste Absicht.
Sie haben eine bewusste Absicht.
Sie leben in Gedanken des Mangels „Es gibt nicht genug Liebe, Anerkennung, etc.“
Sie leben in Gedanken der Fülle.
Sie sind im Kleinkind-Modus
Sie sind im erwachsenen Modus.
Sie nutzen Ihre Gefühle unverantwortlich.
Sie nutzen Ihre Gefühle verantwortlich.


In einer erwachsenen Beziehung sind die Partner nicht voneinander abhängig. Stattdessen steht jeder für sich mit beiden Beinen im Leben und kann auch für sich selbst glücklich sein. Sie nutzen Ihr „Schwert der Klarheit“ um ganz klar Bedürftigkeit von Notwendigkeit zu unterscheiden. Vielleicht haben Sie schon einmal den Satz gehört „Zwei unglückliche Menschen können nicht gemeinsam glücklich werden.“ Wenn Sie also ohne Partner unglücklich sind, weil dann niemand Ihre Bedürfnisse erfüllt, dann wäre es an der Zeit, sich damit zu befassen. Schauen Sie, dass Sie zunächst selbst in Ihre Kraft kommen (versuchen Sie also nicht, Ihren Partner zu manipulieren, in dem Versuch, ihn zu ändern. Das funktioniert nicht.). Sollten Sie wieder einmal feststellen, dass Ihr Partner gerade einen Bedürftigkeits-Knopf gedrückt hat und Sie meinen, dass Sie z. B. nicht genug Liebe bekommen, dann wechseln Sie in den verantwortlichen Modus und erschaffen Sie einen Moment der Liebe. Gehen Sie nicht in die Abhängigkeit. Sie sind die Quelle. Nehmen Sie z. B. seine oder ihre Hand.

Sie wünschen sich mehr Wertschätzung und Anerkennung in Ihrer Beziehung? Dann beginnen Sie damit, Ihren Partner wertzuschätzen. Sie können nur das empfangen, was Sie selbst aussenden. Sie kennen vielleicht den Satz „Wie oben, so unten. Wie innen, so außen.“ Die Unterscheidung zwischen Bedürftigkeit und Notwendigkeit trifft auf das gesamte Universum zu. Sie erzeugen sozusagen durch Ihre innere Haltung eine Notwendigkeit im Universum. Wenn Sie in Mangel und Bedürftigkeit denken, dann geht dieses Denken raus ins morphogenetische Feld und das Universum kann nicht anders, als Mangel und weitere Bedürftigkeit zu generieren. Wenn Sie jedoch in den verantwortlichen Modus wechseln und selbst zur Quelle von Liebe und Anerkennung werden, dann erzeugen Sie im morphogenetischen Feld genau die Notwendigkeit, dass sich das auch in Ihrem Leben manifestiert.

Welche Haltung wählen Sie?

Herzliche Grüße,
Ihre Nicola Nagel

CREATING POSSIBILITIES!
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Donnerstag, 15. Mai 2014

Respekt und ‚Nett-Sein‘ schließen sich gegenseitig aus!



Haben Sie sich schon einmal die Frage gestellt, warum einige Menschen natürliche ‚Respekt-Personen‘ sind, während andere, die wirklich richtig nett sind, keinerlei Respekt von ihren Mitmenschen bekommen? Ist es Ihnen womöglich selbst schon einmal so ergangen, dass Sie sich gewundert haben, warum jemand Sie nicht respektvoll behandelt, obwohl Sie doch unglaublich nett waren? Oder Sie haben in der Vergangenheit freundlich eine Grenze gesetzt und können nicht verstehen, warum die andere Person diese Grenze immer wieder überschreitet?

Die Sache ist die: Nett-Sein und Respekt schließen sich gegenseitig aus.

Verstehen Sie das bitte nicht falsch. Das bedeutet nicht, dass Sie ab sofort nicht mehr nett sein sollen. Nett-Sein ist auch nicht gut oder schlecht. Es produziert einfach nur bestimmte Resultate in Ihrem Leben. Mit Nett-Sein meine ich hier konkret das ‚dauerhafte‘ Nett-Sein, bei dem Sie Ihre Kraft an eine andere Person abgeben und das ganz einfach eine Überlebensstrategie ist. Kennen Sie Menschen, die permanent versuchen, es anderen recht zu machen, oder womöglich alles für den Partner, den Chef, etc. zu tun? Von diesem Nett-Sein spreche ich, das Nett-Sein, bei dem Sie sich angepasst verhalten.

Diese Art Nett-Sein, von dem ich hier spreche, ist ein Konzept, das viele Menschen wie eine Maske tragen und meist schon in jungen Jahren angenommen haben, z. B. weil sie damals nur Anerkennung von den Eltern oder anderen Autoritätspersonen bekamen, wenn sie eben nett waren. Sobald Sie aber ihren eigenen Kopf hatten, wurde es möglicherweise gefährlich.

Kürzlich erzählte mir eine Klientin, dass sie es überhaupt nicht verstehen könne, warum eine Kollegin die Grenze, die sie schon mehrmals gesetzt hat, einfach ignoriert. Ich bat sie, mir gegenüber einmal die Grenze zu setzen, die sie ihrer Kollegin gesetzt hatte. Sofort war klar, warum diese Grenze überhaupt keinen Bestand haben konnte. Die Klientin war viel zu nett. Um es bildlich auszudrücken stürzten die Worte regelrecht ab und landeten auf dem Boden, noch während sie die Worte aussprach. Die Botschaft kam bei der Kollegin in keinster Weise an. Viele Menschen – besonders Frauen – neigen immer wieder dazu möglichst nett zu anderen zu sein, sei es zum Partner, zu Kollegen oder zu Freunden. Es scheint eine regelrechte Angst zu kursieren, dass sie möglicherweise nicht mehr geliebt oder gemocht werden, wenn sie aufhören nett zu sein. Und wissen Sie was? Ja, das ist sogar durchaus möglich. Doch wenn jemand ein Problem damit hat, dass Sie sich nicht mehr alles gefallen lassen, Klarheit schaffen, Grenzen setzen und Ihre eigene Autorität sind, wessen Problem ist es dann? Richtig, das Problem der anderen Person. Es ist nicht Ihr Problem.

Wenn Sie grundsätzlich nett sind, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Sie Ihr sogenanntes Zentrum abgeben, das bedeutet Ihre Kraft, Ihre eigene Autorität. Wenn sie nett sind, fühlen Sie sich vermeintlich sicher und meinen, die andere Person können Ihnen nichts tun.



Frauen sind z. B. gerne nett zu Männern. In Beziehungen neigen Frauen häufig dazu, ihre Autorität an den Mann abzugeben, lieb und nett zu sein, den Fokus komplett auf die Beziehung zu legen, am besten dem Mann noch hinterher zu räumen, permanent verfügbar zu sein, seine Probleme zu ihren eigenen zu machen und ihr eigenes Leben komplett aufzugeben. Glauben Sie mir, ich weiß wovon ich spreche, denn ich war früher selbst ein ‚total nettes Mädchen‘. Dieser Schuss geht jedoch früher oder später nach hinten los. Egal ob in einer Paarbeziehung oder in Beziehung zu anderen Mitmenschen; wenn Sie permanent nett sind, schießen Sie sich ins eigene Knie, verpulvern Ihre Energie und können womöglich hinterher gar nicht verstehen, warum die andere Person Sie so respektlos behandelt.

Doch mal ehrlich: Wenn Sie den dauer-netten Fußabtreter mimen, jederzeit verfügbar sind und die andere Person weiß, dass sie Sie komplett in der Hand hat und Sie ihr aus selbiger fressen, wie soll die andere Person da bitteschön Respekt vor Ihnen haben können?

Wenn Sie permanent versuchen nett zu sein, werden Sie sehr schnell zu einem Spielball für andere. Ihr Partner, die Kollegen oder der Chef durchschauen, dass Sie manipulierbar sind. Menschen, die dauerhaft nett und damit nicht in der Lage sind Grenzen zu setzen, kann nämlich alles abverlangt werden und dann kommen plötzlich im Büro solche Bitten wie „Duuuu, kannst Du diese 5 Aufgaben für mich übernehmen, ich schaffe das nicht!“ oder in der Beziehung „Hey Schatz, wasch doch bitte meine Wäsche mit, ach und könntest Du mir bitte noch ein Bier aus der Küche bringen.“ Nette Menschen machen es anderen gerne recht und beschweren sich klammheimlich – wenn sie es denn merken – dass sie ausgenutzt werden.

Dauer-nette Menschen haben einen unglaublichen Drang nach Harmonie. Alles, was nicht harmonisch ist, scheint gefährlich und bei dem leisesten Anzeichen von Disharmonie tun sie sofort alles, um die Harmonie wieder herzustellen. Der Fokus liegt komplett darauf, ob es dem anderen gut geht und ob es ihm gerade zeitlich oder wie auch immer passt. Dabei mischt sich auch schnell die Tendenz mit rein, Dinge zu kontrollieren. Sobald die dauer-nette Person eine Grenze gesetzt bekommt, oder der andere gar auf Distanz geht, werden die „Netten“ in ihren Grundfesten erschüttert und tun sofort alles dafür, um noch netter zu der anderen Person zu sein, damit sie ja wieder die Gunst gewinnen und hoffentlich Respekt erlangen.

Das Problem an der Sache ist jedoch, dass das genau die falsche Richtung ist. Sie können Respekt nicht durch dauerhaftes Nett-Sein erlangen. Respekt verschaffen Sie sich nur, wenn Sie in der Lage sind, Ihr sogenanntes Zentrum zu behalten, also Ihre eigene Autorität zu sein. Respekt verschaffen Sie sich, indem Sie bewusst den Zugang zu Ihrer Wutkraft erschließen und lernen glasklare Grenzen zu setzen, die auch beim Gegenüber landen. Für eine Respektperson steht ihre eigene Würde an erster Stelle. Sie vertraut sich selbst und ist nicht abhängig von den Launen oder der Zeit anderer Personen. Stattdessen trägt sie eine gewisse, natürliche Gelassenheit in sich, übernimmt Verantwortung und kümmert sich um ihr eigenes Leben.

Es kann durchaus sein, dass ein Mensch das ‚Nettigkeits-Syndrom‘ nur in gewissen Bereichen anwendet. So kann es z. B. sein, dass Sie beruflich, in Ihrer Firma eine Respekt-Person sind, privat jedoch unterm Pantoffel stehen und aaaaallles für den Partner tun, um ja die private Harmonie nicht zu stören. Gleichzeitig wundern Sie sich, warum Ihre Beziehung gewöhnlich ist.

Im Folgenden finden Sie eine Übersicht der gravierendsten Unterschiede zwischen einer Respekt-Person und einer Person die „dauer-nett‘ ist.

Wenn Sie „dauer-nett“ sind, dann:
Wenn Sie eine wahre Respekt-Person sind, dann:
Verhalten Sie sich angepasst.
Sind Sie Ihre eigene Autorität und geben nicht Ihr Zentrum/Ihre Kraft an eine andere Person ab.

Versuchen Sie, es anderen Leuten recht zu machen (Ihrem Partner, Chef, Eltern, Kollegen…).

Setzen Sie Grenzen und sagen klar JA und Nein / Stopp.

Stellen Sie Ihr Fähnchen nach dem Wind, in der Hoffnung die Gunst des anderen zu gewinnen.

Haben Sie eine eigene Meinung und stehen dafür ein.
Tragen Sie Ihre Nettigkeit wie eine Maske und sind nicht authentisch (d. h. Sie sagen z. B. Ja, wenn Sie Nein meinen).

Sind Sie absolut authentisch (sagen Ja, wenn Sie Ja meinen und Nein, wenn Sie Nein meinen)

Sind Sie Fußabtreter für andere und lassen alles mit sich machen.

Achten Sie auf sich und können sich abgrenzen.
Räumen Ihrem Partner, Kollegen oder sonstigen Personen hinterher und tun alles für ihn/sie.

Lassen Sie die anderen ihre eigenen Aufgaben erledigen.

Verkaufen Sie Ihre Würde.
Steht Ihre Würde für Sie an oberster Stelle.

Verbiegen Sie sich, um anderen zu gefallen.
Sind Sie Sie selbst.

Versuchen Sie andere zu verändern.
Lassen Sie die anderen sie selbst sein.

Lächeln Sie meist automatisch.

Lächeln Sie nur, wenn Ihnen danach ist.
Machen Sie sich selbst klein.
Strahlen Sie in Ihrer vollen Kraft und Größe.

Geben Sie Verantwortung ab.

Übernehmen Sie absolute Verantwortung.
Machen Sie das Problem von jemand
anderem zu Ihrem eigenen.
Unterscheiden Sie klar, wer ein Problem hat: Entweder Sie haben ein Problem, oder der  andere hat ein Problem, oder es gibt keins.
Wenn Sie „dauer-nett“ sind, dann:
Wenn Sie eine wahre Respekt-Person sind, dann:
Reagieren Sie emotional, wenn auch nur innerlich (nach außen müssen Sie schließlich nett sein und sich nichts anmerken lassen).

Agieren Sie weise (und lassen sich nicht von Emotionen mitreißen, sondern können klar zwischen gegenwärtigen Gefühlen und alten Emotionen unterscheiden).

Werden Sie zum Spielball anderer Personen.

Durchschauen  Sie Spiele und steigen nicht ein.

Unterdrücken Sie Ihre Gefühle.

Haben Sie Klarheit über Ihre Gefühle und kommunizieren diese.

Liegt Ihr Fokus komplett auf der anderen Person.

Liegt der Fokus auf Ihnen selbst.
Sind Sie manipulierbar.

Sind Sie klar und nicht manipulierbar.
Sind Sie abhängig von den Launen/der Gunst anderer.

Bewahren Sie Ihre Unabhängigkeit.
Verhalten Sie sich möglicherweise bedürftig und erwarten viel von anderen.

Sind Sie gelassen und kümmern sich um Ihre eigenen Bedürfnisse.
Kontrollieren Sie.
Vertrauen Sie (sich selbst und anderen).

Werden Sie sehr schnell als ‚langweilig‘ abgestempelt.

Sind Sie immer für Überraschungen gut.
Versuchen Sie akkurat und perfekt zu sein und leugnen unbewusst, dass es in Ihnen auch eine Schattenseite gibt.

Können Sie auch Fünfe gerade sein lassen und wissen, dass niemand perfekt ist, sondern auch Schattenseiten hat.

Tragen Sie Ihre Nettigkeit wie eine Maske und sind nicht authentisch.

Sind Sie absolut authentisch.

Und noch einmal, es geht nicht darum, dass Sie ab sofort nur noch ernst sind. Es handelt sich vielmehr um eine innere Haltung.

An dieser Stelle sei noch erwähnt, dass es einen großen Unterschied zwischen Respekt und Macht gibt. Es gibt Menschen – häufig in Firmen anzutreffen – die meinen, Sie könnten sich allein durch ihre Statur oder ihre Position in einer Firma Respekt verschaffen. Vielleicht fällt Ihnen jetzt gerade schon eine Person in Ihrem Umfeld ein. Bei dieser Sorte handelt es sich jedoch nicht um ‚wahre‘ Respekt-Personen. Es handelt sich dabei vielmehr um angstbesessene Machthaber, die versuchen, andere Menschen klein zu halten, um ihre eigene Schwäche zu vertuschen. ‚Wahre‘ Respekt-Personen haben ein sogenanntes ‚Standing‘, d. h. sie stehen für das ein, was sie sagen und tun (oder auch nicht tun) und sind absolut vertrauenswürdig.

Zum Abschluss möchte ich Sie zu einem kleinen Experiment einladen:

Experiment:

·         Schritt 1:
Zu welcher Kategorie würden Sie sich spontan zählen, zur ‚Nett-Sein‘ Fraktion oder zu den ‚wahren Respekt-Personen‘? (Seien Sie ehrlich!)
Ist es identisch für Privat- und Berufsleben, oder gibt es da einen Unterschied?

·         Schritt 2:
Beobachten Sie in den nächsten Tagen einmal genau
o    WANN,
o    WO und
o    bei WEM

Sie dazu tendieren, nett zu sein.

·         Schritt 3:
Suchen Sie sich einen Punkt unter Schritt 2 raus und hören Sie auf, genau in dieser Situation mit dieser Person automatisch nett zu sein. Sie können auch erst einmal in einer ungefährlichen Situation üben. Wenn Sie z. B. dazu tendieren, automatisch zu lächeln, sobald Ihnen Ihr Chef entgegen kommt, dann lächeln Sie nicht mehr automatisch.

Die entscheidende Frage ist: Können Sie okay damit sein, nicht mehr dauerhaft nett zu sein?

Falls die Antwort JA ist, dann werden Sie in der Lage sein, sich Respekt zu verschaffen. Ist die Antwort NEIN – nun ja, dann viel Erfolg! Dann werden die anderen Menschen weiter über Ihre Grenzen latschen, Ihnen noch mehr Arbeit auftischen oder Sie als Spielball benutzen, den sie hin und herschieben können, wie sie möchten. 

Die gute Nachricht ist: Sie können lernen Ihre eigene Autorität und Ihre Gefühlskraft wieder vollständig in Besitz zu nehmen und dadurch zu einer natürlichen Respekt-Person zu werden. Die Entscheidung liegt allein bei Ihnen.

In diesem Sinne respektvolle Grüße, 
Ihre Nicola Nagel



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