Samstag, 12. Oktober 2013

Katharsis versus Kathexis - Wohin mit den ganzen Gefühlen?



Es brodelt in vielen Menschen. Es rumort, es kocht, es zwickt, es ist kurz vorm Explodieren. Was ist dieses ES? ES sind Gefühle und Emotionen, die immer mehr hochkochen. Dies zeigt sich in unterschiedlichen Ausprägungen. Die einen explodieren tatsächlich, indem sie z. B. jemanden anschreien oder einen Streit über Belanglosigkeiten anzetteln, die nächsten fressen Gefühle still in sich hinein und haben früher oder später körperliche Symptome, und eine große Anzahl Menschen versucht die Gefühle mit Shopping, Konsum, Alkohol und Ablenkung zu vertuschen. Wen wundert’s, schließlich sind wir dahin gehend in unserer Gesellschaft manipuliert worden, dass es nicht okay ist, Gefühle zu haben oder zu zeigen. Man muss stark, verlässlich und professionell sein und da passen Gefühle nun einmal nicht hinein. Was sollen denn die Nachbarn und Kollegen sonst denken! Gefühle sind negativ, albern, kindisch und destruktiv. Doch viele Menschen sind am Anschlag und der Versuch, das, was da innen drin brodelt zu unterdrücken, geht irgendwann voll nach hinten los.

Es ist Zeit, sich zu besinnen und zwar darauf, dass Gefühle und Emotionen kein Design-Fehler von Gott sind, sondern ein wesentlicher Bestandteil von uns. Sie sind gewollt. Sie gehören zu uns. Es sind archetypische Kräfte, die uns dienen. Das scheint eine große Anzahl von Menschen jedoch zu verdrängen. Wie viele Bücher und Workshops gibt es, in denen Sie lernen können gaaanz ruhig zu sein und Ihre Wut zu kontrollieren oder wie viele Seminare versprechen Ihnen, dass Sie nach Besuch der selbigen weniger Angst haben. Es ist wirklich erschreckend. Kürzlich erzählte mir ein junger Mann, dass er für ein Jahr in einem Ashram in Indien war und dort eine bestimmte Art von Mediation lernte, um letztendlich ganz ruhig und gelassen zu sein. Das funktionierte auch zunächst prima. Und dann, so erzählte er, kam nach einem Jahr der Tag, an dem seine Mutter und seine Schwester ihn in Indien besuchten… und – Sie ahnen es - innerhalb von 2 Stunden triggerten die beiden das komplette alte Programm in ihm und all seine unterdrückten Gefühle wurden in rasender Geschwindigkeit zum Kochen gebracht. Vorbei war’s mit der Gelassenheit. Lassen Sie uns daher eine Sache klarstellen: Wut, Traurigkeit, Angst und Freude sind archetypische, d. h. ursprüngliche Gefühlsterritorien. Sie gehen niemals weg. Vielleicht schaffen Sie es, diese Ur-Kräfte über einen bestimmten Zeitraum zu kontrollieren oder zu unterdrücken, doch irgendwann kommt der Punkt, an dem alles, was verdrängt wurde, wie ein Boomerang zurück kommt. Es ist Zeit, die Kraft der Gefühle wieder in Besitz zu nehmen und zu nutzen.

Dieses Thema wird insofern immer brisanter, als dass die nationalen und weltweiten politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen alles andere als vertrauenswürdig sind und Instabilität und Unsicherheit zunehmen. Was können Sie also tun, wenn in Ihnen ein Gefühls-Cocktail brodelt und scheinbar alles zu viel wird?

Grundsätzlich haben Sie zwei Möglichkeiten: Katharsis oder Kathexis.

Lassen Sie uns zunächst Katharsis betrachten. Stellen Sie sich vor, Sie haben Ihre Gefühle über diverse große und kleine Dinge bisher gedeckelt. Die meisten Menschen tun dies. Sie bauen eine sogenannte Taubheitsschwelle auf, um Gefühle nicht fühlen zu müssen, um in einer Großstadt überleben oder in einer bestimmten Firma arbeiten zu können, kurzum: um im Alltags-Dschungel der modernen Gesellschaft zu überleben. Auf einer Skala von 0 bis 100% Gefühls-Maximum haben viele Menschen Ihre Taubheitsschwelle bei ca. 80% liegen, d. h. alle Gefühle, die weniger als 80% groß sind, können sie nicht bewusst fühlen. Das ist nicht gut und nicht schlecht. Es produziert lediglich bestimmte Resultate. Wenn dann in einem bestimmten Moment der besagte Tropfen Ihr Fass zum Überlaufen bringt und das Gefühl in dem Moment die 80% Marke übersteigt, dann kommt es zum Vulkanausbruch. Sie brüllen vielleicht das Büro zusammen oder greifen Ihren Partner an, schnauzen die Verkäuferin im Supermarkt an oder wettern gegen Ihren Geschäftspartner. Genau das ist Katharsis. Katharsis ist ein unkontrollierter Gefühlsausbruch, um die Gefühle eben „einfach mal raus zu lassen“. Manche leben Katharsis gegenüber anderen Menschen aus, wieder andere gehen in den Wald und schreien einen Baum an oder prügeln auf einen Box-Sack ein. Der Ausbruch fühlt sich oftmals so groß an, dass Sie danach womöglich denken „Was war das denn? Ohje, da muss ich mich aber das nächste Mal besser im Griff haben.“ Und dann setzen Sie Ihre Taubheitsschwelle wieder nach oben und deckeln die Gefühle erneut. Schließlich wollen Sie ja nicht, dass die anderen Sie als jähzornig, Heulsuse oder armen Irren betiteln.

Doch noch einmal: Sie können die Gefühle nicht loswerden. Der Mensch hat einen emotionalen Körper mit einem Herz, das Gefühle hat. Und so lange Sie nicht Davy Jones sind (der skurrile Kapitän der Flying Dutchman  aus dem Film „Der Fluch der Karibik“), können Sie ohne Herz und damit ohne Gefühle nicht leben. Es ist vergebens zu probieren, die Gefühle abzustellen. Katharsis ist also nicht wirklich zielführend. Es ist vielleicht ein temporärer Nutzen, doch Sie haben dadurch die tatsächlich Gefühlskraft nicht wieder in Besitz genommen. Ergo steht Sie ihnen nicht dauerhaft nützlich zur Verfügung. Bei Katharsis hat das Gefühl Sie im Griff.

Lassen Sie uns an dieser Stelle ein Experiment machen.

Experiment 1: Wie lenken Sie sich ab?
Erinnern Sie sich einmal an Momente, in denen Gefühle in Ihnen hochkochten und Sie sie souverän kontrolliert haben. Wie haben Sie das gemacht? Wie haben Sie sich abgelenkt, um die Gefühle nicht zu fühlen. Vielleicht sind Sie eine Runde Joggen gegangen oder haben sich im Fitness-Studio abreagiert. Oder Sie haben sich vor den Fernseher gesetzt, im Internet gesurft, eine Flasche Rotwein oder Bier aufgemacht oder Schokolade und Pizza gefuttert. Manche Menschen nutzen auch Sex als Ablenkung, andere wiederum Zigaretten oder sonstige Drogen. Jeder hat Lieblingsstrategien, um sich abzulenken und „zu vergessen“.
Schreiben Sie einmal auf, wie Sie versuchen, die „negativen“ Gefühle verschwinden zu lassen.

Die Ablenkungsstrategie, genauso wie Katharsis, beruhen auf der alten Sichtweise über Gefühle. Die alte Sichtweise besagt, dass Gefühle schlecht sind. Wut ist negativ, destruktiv, kindisch, zerstörerisch, gefährlich und bedrohlich. Wenn Sie traurig sind, sind Sie eine Heulsuse, ziehen andere runter, sind unprofessionell und nicht in der Lage Entscheidungen zu treffen. Bewegen Sie sich im Gebiet der Angst sind Sie feige, verbreiten womöglich Panik und mal ehrlich, Angst möchte doch keiner haben, also gilt es, diese zu vermeiden. Und Freude? Nun ja, dieses Gefühl geht gerade noch. Das ist eventuell noch positiv, oder? Aber was passiert, wenn Sie den ganzen Tag grinsend im Büro sitzen? Dann sind Sie albern, naiv, haben etwas geraucht, nicht genug Arbeit oder einen Clown gefrühstückt. Auf jeden Fall sind Sie dann nicht ernst zu nehmen.

Soweit die alte Sichtweise, die uns beigebracht wurde und uns nach wie vor versucht wird einzutrichtern.

Eine andere Möglichkeit, mit aufkommenden klaren oder vermischten Gefühlen umzugehen, ist die sogenannte Kathexis. Kathexis bedeutet, dass Sie Ihre Gefühle bewusst fühlen, Ihre Taubheitsschwelle schrittweise herabsetzen und in einem weiteren Schritt die Information und Energie, die hinter den Gefühlen stecken, verantwortlich nutzen. Um das tun zu können, ist eine neue Sichtweise auf die vier genannten Gefühlsterritorien Wut, Traurigkeit, Freude und Angst notwendig.

Die neue Sichtweise lautet, dass Gefühle NEUTRALE Energie und Information sind -  so neutral wie die vier Himmelsrichtungen auf einem Kompass – und ihnen auf wertvolle Art und Weise dienen. Sie sind wie ein goldener Schlüssel, wie ein inneres Navigationssystem, das Sie zielsicher durchs Leben leitet.

Mit Wut können Sie z. B. Grenzen setzen, Unterscheidungen treffen, in Aktion treten, Entscheidungen fällen, vorwärts gehen, ausmisten, Dinge erledigen, Ja und Nein sagen, etwas beginnen und stopp sagen. Mit Traurigkeit können Sie AUTHENTISCH in Kontakt mit anderen Menschen gehen, Mitgefühl entwickeln, Dinge loslassen oder verabschieden, sich offen und verletzlich zeigen. Angst ermöglicht Ihnen zu planen, kreativ zu werden, in unbekanntes Gebiet zu gehen, innovativ zu sein, wach, präsent und aufmerksam zu sein. Freude dient Ihnen, um zu führen, sich selbst und andere zu begeistern, über den Tellerrand zu schauen, zu motivieren und vorwärts zu gehen.*

Mit dieser neuen Sichtweise ist Kathexis möglich. Kathexis bedeutet, dass Sie den Schatz z. B. des Territoriums der Traurigkeit erforschen und in einem geschützten Raum in Gegenwart einer anderen Person wirklich traurig sein können und zwar nicht als Opfer, sondern verantwortlich. Sie beginnen bewusst und hören bewusst auf. Sie kommunizieren klar, worüber Sie traurig sind („Ich bin traurig weil, …“) und es wird von der anderen Person gehört. Es funktioniert gleichermaßen mit Wut, Angst und Freude. Entscheidend ist, dass Sie bewusst lernen zu fühlen und den facettenreichen Schatz der Gefühle ausgraben.

Katharsis hat also die Absicht etwas loszuwerden, während Kathexis die Absicht hat, den Schatz zu bewahren, den Sie erhalten, wenn Sie bewusst und klar die verschiedenen Gefühlsterritorien erfahren und erforschen.* Der Schatz den Sie erhalten ist Klarheit über Ihre Gefühle und deren Nutzen. Sie erfahren, dass Sie größer sind als ein Gefühl. Sie nehmen die Gefühle und ihre Energie wieder in Besitz. Und vor allem erhalten Sie dadurch Ihre Kraft zurück und können an Ihr tatsächliches Potenzial andocken.

Experiment 2: Gefühle bewusst machen
SCHRITT 1: Wenn Sie das nächste Mal eine Ihrer oben genannten Strategien anwenden wollen, um etwas nicht zu fühlen, widerstehen Sie bewusst. Halten Sie inne und versuchen Sie bewusst wahrzunehmen, welches Gefühl da gerade in Ihrem Körper aufsteigt. Ist es Wut, Traurigkeit, Angst oder Freude? Vielleicht fühlen Sie auch mehrere über die gleiche Situation, also z. B. Angst und Traurigkeit.

SCHRITT 2: Bitten Sie nun eine Person Ihres Vertrauens für den nächsten Schritt zur Verfügung zu stehen. Das einzige, was diese Person machen muss ist zuhören (keine Rückfragen, Analysen oder Diskussionen). Sagen Sie dieser Person nun, zu wie viel Prozent und warum Sie etwas gerade fühlen. Also z. B. „Ich fühle mich 5% wütend, weil es schon wieder so spät ist und ich mich nicht mehr auf meinen Termin vorbereiten kann“ oder „ich fühle10% Traurigkeit, weil ich heute Abend nicht mit Dir essen gehen kann“. Es wird sich im ersten Moment vielleicht etwas komisch anfühlen, doch das ist ein entscheidender Schritt, um wieder bewusst fühlen zu lernen. Lassen Sie die Gefühle für dieses Experiment nur maximal 15% groß werden. Sobald Sie einen weiteren Schritt gehen möchten, suchen Sie sich eine Person, die den Raum für bewusst Gefühlsarbeit für Sie sicher machen kann, also jemand, der sich damit auskennt. Probieren Sie nicht alleine zuhause auf dem Sofa 50% oder 80% oder gar 100% Maximum Wut, Traurigkeit oder Angst zu fühlen. Zum einen könnten Sie sich verletzen, zum anderen könnten die Nachbarn die Polizei rufen (Denken Sie daran, dass Ihre Nachbarn womöglich auch in der Annahme leben, dass es nicht okay ist so große Gefühle zu haben).

Entscheidend ist, dass Sie bei Kathexis bewusst nach innen gehen. Sie suchen keine Ablenkung mehr im Außen oder schreien Ihre Gefühle unkontrolliert heraus. Sie gehen bewusst nach innen, um den Schatz der Gefühlskraft zu heben und diese Schatztruhe zu öffnen, sodass Ihnen die Kraft Ihrer Gefühle wieder als inneres Navigationssystem zur Verfügung steht und sie diese bewusst und verantwortlich nutzen können.

Katharsis
Kathexis
  • Gefühle sind nicht okay.

  • „Negative“ Gefühle loswerden.

  • Unkontrollierter Gefühlsausbruch.

  • Verpulvern von Energie.

  • Taubheitsschwelle hoch halten.

  • Die Information und der Nutzen der Gefühle bleiben verschlossen.

  • Nach außen gerichtet. Keine Klarheit über die Intensität der Gefühle.

  • Das Gefühl besitzt mich. Das Gefühl ist größer als ich.
  • Gefühle sind neutrale Energie & Information, die mir dienen.
  • Die Kraft der Gefühle halten.

  • Bewusst anfangen und aufhören zu fühlen.
  • Aktivieren und halten der Energie.

  • Herabsetzen der Taubheitsschwelle.

  • Information der Gefühle wird er-schlossen und verantwortlich genutzt.
  • Nach innen gerichtet. Die Gefühle werden im Innern zwischen 0% und 100% Maximum bewusst erfahren.
  • Ich besitze das Gefühl. Ich bin größer als das Gefühl.


Lassen Sie sich inspirieren.

In diesem Sinne herzliche Grüße,
Ihre Nicola Neumann-Mangoldt




*Ein großartiges Buch zum Thema ist „Die Kraft des bewussten Fühlens“ von Clinton Callahan.


POTENZIALE LEBEN!
www.viva-essenza.com 



 

Montag, 16. September 2013

Die Krux von Akzeptanz und Ertragen.



Kennen Sie Menschen, die gelegentlich JA sagen, aber innerlich eigentlich NEIN meinen? Waren Sie womöglich selbst schon einmal in der Situation, dass Sie JA gesagt haben, obwohl Sie mit etwas nicht wirklich einverstanden waren?

Hier ein simples Beispiel: Stellen Sie sich vor eine Gruppe von 6 Freunden hat sich zum Abendessen in der Stadt verabredet, ohne vorher die Lokalität festzulegen. Am vereinbarten Treffpunkt beginnt eine wilde Ideen-Sammlung und schnell steht fest, dass drei Leute gerne zum Italiener möchten, während die andere Hälfte lieber zum Asiaten möchte. Oh-Ha! Was nun? 2 Positionen mit jeweils wirklich guten Argumenten. Letztendlich stellt sich heraus, dass einer der 3 Asiaten-Befürworter eigentlich indifferent ist und durchaus auch zum Italiener gehen würde. Somit wird kurzerhand das Mehrheitsprinzip angewandt, die 2 verbleibenden Asiaten-Fans überstimmt und die Meute bricht Richtung Italiener auf.

Nun könnte man meinen, dass die Mehrheit ja für den Italiener gestimmt hat und damit alles gut ist. Doch ist es das tatsächlich? Der Mehrheitsentscheid ist Gang und Gäbe in unserer Gesellschaft. Wer ist dafür, wer ist dagegen. Zack, die Mehrheit gewinnt. Ich gewinne – Du verlierst, lautet das beliebteste Spiel.

Im Beispiel „gewinnt“ die Gruppe, die für den Italiener ist. Nun wird es spannend: Was ist mit den 2 Personen, die lieber zum Asiaten wollten und nun als Schlusslichter der Gruppe hinterher trotten? Ertragen sie die Entscheidung oder akzeptieren sie diese? Wie sieht es aus mit diversen Gegebenheiten oder Situationen in der Partnerschaft, dem Job, in der Freizeit mit Freunden, mit dem Nachbarn? Es ist eine Frage, die alle Lebensbereiche betrifft.  Ertragen Sie Entscheidungen, Gegebenheiten, Situationen? Oder akzeptieren Sie sie voll und ganz.

Lassen Sie uns einmal schauen, was der Unterschied ist.

Wenn Sie etwas akzeptieren, dann:
·         sind Sie in Ihrer Kraft.
·         sind Sie im Hier und Jetzt präsent mit dem was ist.
·         sind Sie ein JA.
·         können Sie kreativ sein und in Aktion treten .
·         können Sie verantwortlich agieren.
·         können Sie neutral sein.
·         können Sie spielerisch sein.
·         sind Sie flexibel.
·         sind Sie zentriert.
·         können Sie den nächsten Schritt gehen.
·         Können Sie die nächste Entscheidung treffen.

Wenn Sie hingegen etwas ertragen, dann
·         sind Sie in der Opferrolle; Sie sind das Opfer der Umstände.
·         sind Sie innerlich ein Nein.
·         bauen Sie unbewusst Groll auf.
·         zerstören Sie Nähe und Vertrautheit.
·         sind Sie nicht authentisch.
·         verhalten Sie sich angepasst.
·         vergeuden Sie Ihre Energie und Kraft.
·         sind Sie in Abwehr-Position.
·         machen Sie andere für die Umstände verantwortlich.
·         können Sie keine klaren Entscheidungen treffen.
·         stecken Sie im Sumpf fest.
·         sind sie unflexibel und starr.

Das Wort birgt es schon in sich: ER-TRAGEN. Sie tragen etwas, das Sie nicht wollen. Es ist wie eine Last. Wie viele Menschen kennen Sie in Ihrem Umfeld, die im Job, in der Familie, ja sogar in ihrer Freizeit verschiedenste Dinge ertragen? Wenn Sie etwas ertragen, dann sind Sie innerlich gegen das, was gerade passiert. Und genau das ist der kraftzehrende Akt: Sie kämpfen innerlich gegen etwas, das für Sie nicht in Ordnung ist und grummeln – mal mehr, mal weniger – vor sich hin.

AKZEP-TANZ hingegen hat in der Tat etwas mit Tanz zu tun. Wenn Sie eine Gegebenheit voll und ganz akzeptieren, d. h. innerlich bejahen und sagen können „Ja, okay es ist wie es ist, das ist jetzt die Situation“, dann wird Ihr Agieren zu einem spielerischen Tanz mit dem, was ist. Sie bleiben flexibel, spontan, kreativ. Doch wie kommen Sie zu Akzeptanz?

Lassen Sie uns an dieser Stelle mit den beiden folgenden Experimenten weitermachen.

Experiment 1: Was ertragen Sie?
Schreiben Sie einmal auf, welche Dinge oder Situationen Sie in Ihrem Leben ertragen. Das können kleine oder große Dinge sein. Angefangen beim Nachbarn, der zu laut Musik hört, Sie jedoch aus Höflichkeit und Toleranz lieber nichts sagen, bis hin zum Job, der Sie eigentlich alles andere als erfüllt, der aber sehr lukrativ ist und die Miete, das Auto und den nächsten Urlaub sichert. Es geht wie gesagt um Gegebenheiten oder Situationen, bezüglich derer Sie lieber nichts sagen, jedoch auch nicht einverstanden sind. Was ertragen oder dulden Sie?

Experiment 2: Welchen Nutzen haben Sie davon?
Uuuh, jetzt wird es herausfordernder. Denn jetzt geht es darum, dass Sie schonungslos ehrlich aufschreiben, welchen Nutzen Sie davon haben, etwas zu ertragen, zu erdulden. Ihr Gremlin (Sie wissen ja, dieses kleine Monster in jedem, der innere Schweinehund) könnte zum Beispiel den großen Nutzen haben, Nähe und Vertrautheit zu zerstören, authentischen Kontakt zu vermeiden, Rache zu üben, das arme Opfer zu spielen, das ja doch nicht bekommt, was es will. Oder er könnte den großartigen Grund erfinden, dass im Leben eben nicht alles so einfach ist und rund läuft, insbesondere nicht für Sie und dass Sie eben einfach gewisse Dinge ertragen müssen. Tolle Opfergeschichte! ER-TRAGEN… Manche Menschen ziehen den herrlichen, versteckten Nutzen daraus, dass andere Personen in ihrem Umfeld sehen, wie vermeintlich stark sie sind und sie dadurch Anerkennung bekommen, getreu dem Motto „Schaut her, was ich alles zu ertragen habe bzw. ertragen kann!“

Seien sie wirklich ehrlich. Ihr Gremlin wird diese Übung hassen. Das ist okay. Geben Sie ihm ein Stück Schokolade oder einen Kaffee, damit er für diese Übung etwas zu fressen hat und Sie nicht von dem Experiment abhält. Oder geben Sie ihm die interessante Aufgabe, Ihnen mindestens 5 seiner Schattenabsichten zu nennen, wenn Sie etwas in Ihrem Leben erragen.


Die entscheidende Frage ist oftmals, wie Sie dahin kommen, dass Sie Veränderungen oder Gegebenheiten akzeptieren können.

Insbesondere bei spontanen Veränderungen ist es entscheidend, die verschiedenen Phasen des Veränderungsprozesses* zu durchlaufen. Es handelt sich um insgesamt 5 Phasen, die mit jeweils einem Gefühl verbunden sind. Lassen Sie uns einmal zu dem Restaurant-Beispiel „Italiener vs. Asiate“ zurückkehren und die 5 Phasen betrachten:

1.    Phase 1: Verleugnung – Angst
Verleugnung ist meist die erste Phase bei Veränderung. Die 2 Personen, die zum Asiaten wollen, könnten das z. B. wie folgt ausdrücken: „Was? Oh nein! Ihr wollt doch nicht im Ernst zum Italiener, oder?“ Das dahinter steckende Gefühl ist Angst. Angst, dass das, was sie sich vorgestellt haben, zusammenbricht und nicht mehr relevant ist, übergangen wird oder sie ihre Position verlieren könnten.

2.    Phase 2: Empörung – Wut
Nachdem der erste Schock verdaut wurde, kommt der Zustand der Empörung. Ein innerer Mechanismus springt an, der Sie die eigene Position verteidigen lässt. Es kommt u. U. zur Diskussion und die eigene Position wird mit Argumenten untermauert. Die Asiaten-Fans könnten z. B. sagen: „Oh man, immer muss es der Italiener sein. Das nervt. Beim Italiener waren wir doch neulich erst.“

3.    Phase 3: Verhandlung – vermischte Gefühle
Das ist die Phase in der Sie, wenn Sie Ihre Position gefährdet sehen, einen Kompromiss vorschlagen. Genauer gesagt ist es der Gremlin, der mit cleveren Mitteln versucht „faule“ Kompromisse ins Spiel zu bringen, sodass die andere Person auch nicht gewinnt. Im Restaurant-Beispiel könnten die Befürworter des asiatischen Restaurants z. B. sagen: „Hey, wieso gehen wir nicht einfach mal ganz woanders hin, zum Beispiel zum Afghanen? Da waren wir noch nie!“ In dieser Phase sind oftmals verschiedene Gefühle vermischt.

4.    Phase 4: Gram – Traurigkeit
In der vierten Phase erkennen Sie, dass Sie Ihre Position aufgeben müssen. Das damit einhergehende Gefühl ist Traurigkeit. Im Falle des Restaurants ist das die Erkenntnis, dass die Mehrheit zum Italiener möchte. Es ist die traurige Erkenntnis, dass Sie das, worauf Sie sich vielleicht so sehr gefreut haben, nicht bekommen.

5.    Phase 5: Akzeptanz – Freude
Schließlich gelangen Sie zur Phase der Akzeptanz. Das damit zusammenhängende Gefühl ist Freude. Doch genau diese Phase birgt die größte Herausforderung. Die Falle die in dieser Phase lauert, ist die sogenannte vermeintliche Akzeptanz. Das bedeutet, dass Sie zwar „Jaja“ sagen, doch innerlich nicht wirklich zustimmen. Es ist eine Pseudo-Akzeptanz. Und Sie sind garantiert in der Pseudo-Akzeptanz, wenn Sie innerlich weiter wütend sind, oder diese netten Stimmen in Ihrem Kopf Sätze plappern wie „Oh man, das nächste Mal gehe ich alleine essen. Immer das gleiche.“


Um zur wahren Akzeptanz zu gelangen, ist es entscheidend, dass Sie sich klar machen, was Sie tatsächlich wollen und was Ihre wahre, helle Absicht ist, nicht Ihre sogenannte Gremlin Schattenabsicht. Sie werden vielleicht lachen, doch die wenigsten Menschen sind in der Lage zu sagen, was sie wollen.

Experiment 3: Was wollen Sie wirklich?
Schauen Sie sich noch einmal die Liste aus Experiment 1 an. Das sind die Dinge, die Sie in Ihrem Leben aktuell ertragen. Nun schreiben Sie auf, was Sie stattdessen tatsächlich wollen. Legen Sie los und lesen Sie erst weiter, wenn Sie Ihre Liste erstellt haben.



Haben Sie alles aufgeschrieben? Nun zählen Sie einmal folgendes:

·         Wie viele Punkte haben Sie, die eine Negierung enthalten? (Also z. B. „Ich will keinen Streit mehr mit meinem Mann um das Aufräumen der Garage“ oder „Ich will nicht ständig mit meinem Chef diskutieren müssen“).

·         Wie viele Punkte haben Sie, die andere Menschen einbeziehen? (Z. B. „Ich will, dass mein Nachbar leiser Musik hört“ oder „Ich will, dass mein Partner mehr klare Grenzen gegenüber den Kindern setzt.“)

Gut, hier die Auflösung: Alle Punkte, die in die beiden soeben genannten Kategorien fallen, sagen NICHTS darüber aus, was SIE wollen. Stattdessen sagen diese Punkte aus, was Sie nicht wollen, bzw. was Sie wollen, dass andere Leute tun. Es ist erstaunlich, dass viele Menschen ad hoc Schwierigkeiten haben, das auszudrücken, was sie selbst wollen.

Formulieren Sie diese Punkte nun so um, dass sie genau aussagen, was Sie wollen. Z. B. „Ich möchte mehr Harmonie in meiner Partnerschaft“, oder „Ich möchte mehr Teamwork in der Firma“, oder „Ich möchte eine nette Nachbarschafts-Beziehung“ oder „Ich möchte mehr Klarheit und Grenzen in der Familie“.

Klarheit darüber zu haben, was Sie wollen, ist der erste Schritt, um aus dem „Ich-Ertrage-Es-Opfer-Modus“ heraus zukommen. Wenn sie wissen, wo Sie hin möchten, können Sie im zweiten Schritt klar sehen, wo Sie in Aktion treten müssen.  Sie kommen vom „Wollen“ ins „Tun“. Vielleicht ist es an der Zeit Grenzen zu setzen, oder Entscheidungen zu treffen. Seien Sie authentisch. Bleiben Sie nicht in der vermeintlichen Akzeptanz, im Ertragen hängen, nur um zu vermeiden, Grenzen zu setzen oder klare Entscheidungen zu treffen. Wie viel Zeit wollen Sie noch vergeuden mit dem Ertragen von Situationen? Wie viel unbewussten Groll wollen Sie noch aufbauen? Etwas zu ertragen schürt unbewusst das Aufbauen von Groll. Nutzen Sie stattdessen Ihre Wut bewusst, um in Aktion zu treten oder Grenzen zu setzen. Wenn Sie mehr Harmonie in der Partnerschaft wollen, denn spiegelt Ihnen das Universum genau das wieder, nämlich die Erfahrung von „es wollen, aber nicht haben“. Können Sie akzeptieren, dass Sie im Augenblick keine Harmonie in der Partnerschaft haben? Und wenn ja, was tun Sie im nächsten Schritt, um verantwortlich die helle Absicht von Harmonie in Ihre Partnerschaft zu bringen?

Der Gremlin ist clever. Er liebt es etwas zu er-tragen, um jammern zu können, um ja keine Verantwortung übernehmen zu müssen, oder um Beziehung durch Groll zu zerstören. Welche Schattenabsichten sind beim Er-TRAGEN am Werk und um welche hellen Absichten geht es Ihnen tatsächlich? Im einfachen Beispiel des Restaurants könnten Sie zum Beispiel die Frage stellen: „Worum geht es wirklich?“ Geht es darum Recht zu haben und Ihren Willen durchzusetzen und es zu ertragen, wenn es dann doch zum Italiener anstatt zu Ihrem Asiaten geht (unverantwortliche Schattenabsicht)? Oder geht es Ihnen tatsächlich darum, gemeinsam mit Freunden essen zu gehen (verantwortliche Helle Absicht)? Was wollen Sie wirklich? Und wenn letzteres Ihre helle Absicht wäre, wie leicht wäre es dann, die Wahl für das Italienische Restaurant voll und ganz zu akzeptieren, um verantwortlich Gemeinschaft mit Freunden zu kreieren?

Hat (akzep-)TANZEN oder (er-)TRAGEN in Ihrem Leben die Oberhand? Tanzen oder Tragen, Authentizität oder Farce, Kreieren oder Feststecken, es liegt in Ihrer Hand.

In diesem Sinne herzlich tanzende Grüße,
Ihre Nicola Nagel

* Die 5 Phasen zur Anpassung an Veränderung stammen ursprünglich von Elisabeth Kübler-Ross und wurden im Rahmen des Possibility Managements abgewandelt und auf andere Themenbereiche übertragen.