Freitag, 11. November 2011

(Visionär) sein oder nicht sein? …Das ist immer noch die Frage…

Kürzlich war ich auf einem interessanten und zugleich verrückten Vortrag von einem der weltbesten Kletterer, dem Amerikaner Dean Potter. Dean hatte seit seiner Kindheit – bedingt durch einen wiederkehrenden Alptraum – die Vision, als Mensch fliegen zu können, ohne hart auf dem Boden aufzuschlagen und zu sterben. Er begann die Angst vor dem Fallen zu bannen, indem er schon als kleiner Junge versuchte Felsen hochzuklettern, ohne zu wissen, wie es geht. Stück für Stück kam er seinem Traum näher, indem er immer waghalsigere Klettermanöver in immer luftigerer Höhe durchführte. Er wurde bekannt für seine Solo-Begehungen diverser Kletterrouten und seine große Naturverbundenheit. Schließlich realisierte er seine Vision, indem er Klettern und Base-Jumping verband. Was heißt das? Er klettert alleine, ohne jegliche Sicherung, z. B. die Eiger-Nordwand soweit es geht mit seinen bloßen Fingern hoch und hat nichts als einen kleinen Fallschirm auf dem Rücken. Sollte er den Halt verlieren, dreht er sich in Lichtgeschwindigkeit in die richtige Position und fliegt zunächst in freiem Fall und schließlich mit dem Fallschirm zum Boden zurück.

Der ein oder andere mag jetzt denken: „So etwas Verrücktes. Das ist ja lebensgefährlich.“ Ja, das ist es. Und: darum geht es nicht. Es geht darum, dass Dean Potter einer der Menschen ist, die ihre Vision stetig verfolgt und schließlich realisiert haben. Wie schaut es mit Ihnen aus?

Ich möchte Sie direkt zu einem Experiment einladen:

Experiment 1: Was ist Ihre Vision?
Lassen Sie uns einmal annehmen, es gäbe keine Bedingungen, keine Verpflichtungen oder ähnliches? Welche Vision haben Sie? Oder welche Vision hatten Sie einmal, die jedoch irgendwann leise in der Schublade verstaubt ist und die Sie nicht verfolgt haben? Kommen Sie, gönnen Sie sich einen kurzen Augenblick, darüber nachzudenken. Schließen Sie für einen Moment die Augen, stellen Sie sich diese Frage und schauen Sie, was an Vision oder Inspiration hochkommt. Sie dürfen für die Länge dieses Artikels einfach einmal „rumspinnen“. Was würden Sie am liebsten einmal machen? Was würde Sie inspirieren? Wofür brennen Sie wirklich? Was würden Sie bereuen, nicht getan zu haben, wenn heute Ihr letzter Tag wäre? Wofür hätten Sie sich wirklich gerne eingesetzt?

Falls Ihr Verstand Ihnen jetzt sagt „Ich habe keine Vision“, dann antworten Sie einfach „Danke für den Kommentar“ und verbannen ihn für dieses Experiment ins Wartezimmer. Sie können dazu auch den Stimmen-Colt benutzen (siehe Artikel „Der Verstand ist ein Zoo“ vom Oktober 2011).

Die Vision, das wofür ein Mensch brennt und was ihn inspiriert, kommt nicht aus dem Verstand. Ihre Vision kommt aus Ihrem Sein. Erschrecken Sie daher nicht, wenn die Vision größer ist, als Sie (bzw. Ihr Verstand) im ersten Augenblick meinen, bewältigen zu können. Das haben Visionen so an sich. Visionen sind größer als wir. Um sie zu realisieren, müssen wir ein gewaltiges Stück über uns hinauswachsen. Das ist der Sinn der Sache: Evolution und Wachstum.

Schreiben Sie Ihre Vision einmal auf. Es kann sich für die eine Person um klare, detaillierte Sätze handeln, während andere Leser vielleicht nur einzelne Worte oder Stichpunkte zu Papier bringen. Schreiben Sie einfach einmal auf, was Ihnen spontan einfällt, egal ob Sie meinen, es sei eine „riesige“ Vision, oder ein „Visiönchen“.


Experiment 2: Gründe, die gegen Ihre Vision sprechen
Haben Sie Ihre Vision aufgeschrieben? Prima. Jetzt holen Sie Ihren Verstand aus dem Wartezimmer wieder ab. Diesmal lassen Sie die Augen offen. Der Verstand darf jetzt alle Gründe und Argumente liefern, die klar belegen, dass es definitiv NICHT möglich ist, Ihre Vision oder Ihren Traum umzusetzen. Schreiben Sie es jetzt auf.

Ist es nicht beeindruckend, wie viele Gründe Sie sofort parat haben? Als ich dieses Experiment machte, konnte ich so schnell gar nicht schreiben, wie mein Verstand mit Gründen aufwartete. Ein regelrechtes Maschinengewehr ratterte los. Die meisten Gründe, die uns der Verstand liefert, fallen in eine der folgenden 3 Hauptkategorien:
  1. Ich weiß nicht wie / das kann ich nicht.
  2. Die Umstände lassen das nicht zu (z. B. ich bin verheiratet, habe Kinder, einen Job, etc.).
  3. Was sollen denn die Leute denken (z. B. Familie, Freunde, Nachbarn, Kollegen, etc.)?
Hach, das sind aber auch alles absolut logische Gründe, an denen es nichts zu rütteln gibt, nicht wahr?

Die weniger gute Nachricht ist, dass die Liste, die Sie vor sich haben, einfach nur IHRE Geschichte ist, die Sie aufrecht erhalten, um Ihre Vision und damit Ihr Potenzial nicht zu leben. Alles, was Sie in Experiment 1 zu Ihrer Vision aufgeschrieben haben, können Sie nämlich erreichen, sonst wäre es Ihnen gar nicht in den Sinn gekommen. Es wäre nicht im Feld Ihres Vorstellungsvermögens, wenn es nicht Ihrem Potenzial entspräche.

Unser Ego (unsere Box) findet es jedoch viel bequemer, sich in sicheren Gefilden, einer gewohnten Umgebung, oder einer Komfortzone zu bewegen, als eine Vision zu verfolgen. Sicherheit und Überleben ist das oberste Ziel unserer Box. Eine Vision bringt Sie jedoch in immer neue Situationen, in denen Sie lernen, neue Erfahrungen machen und sich nicht unbedingt auf sicherem Terrain befinden. Eine Vision zu verfolgen, ist mitunter sehr intensiv. Davor hat unser Ego Angst. Um es noch klarer zu formulieren: Unser Ego hat Angst vor der Intensität, die entsteht, wenn wir unser Potenzial leben.

Lassen Sie das einmal sacken: Ihr Ego hat Angst vor der Intensität, die entsteht, wenn Sie Ihr Potenzial leben.

Das Ego ist deswegen unglaublich clever darin, eine etablierte Lebensgeschichte aufrecht zu erhalten. Wir sind große Geschichtenmacher. Wir kreieren unsere vertraute Geschichte von Sekunde zu Sekunde, indem wir unsere Gedanken immer wieder auf das Gleiche ausrichten und Meinungen, Glaubenssätze oder Erfahrungen aufrecht erhalten durch die Deklaration „Das IST so.“ Und wenn etwas nach unserer Meinung so IST, dann IST es damit auch unumstößlich. Lassen Sie uns noch einmal auf die 3 Hauptkategorien an Gründen zurück kommen, die Sie daran hindern, Ihre Vision zu verfolgen.

1. Ich weiß nicht wie/Ich kann das nicht.
Dachten Sie Dean Potter hätte von Anfang an gewusst, wie er schwierige Berge erklettert, ohne sich zu sichern? Dachten Sie Einstein hätte alles gewusst? Sie müssen nicht wissen, WIE etwas geht. Entscheidend ist Ihre VERPFLICHTUNG. Verpflichten Sie sich, Ihre Vision zu verfolgen, bevor Sie wissen wie es geht. Das WIE kommt dann ganz von selbst. Wie viele Menschen stecken fest, bevor sie überhaupt losgehen, weil sie nicht wissen, wie etwas geht? Da werden stunden-, wochen- oder monatelang Pläne geschmiedet und Bücher gewälzt, um mit dem Verstand herauszufinden wie etwas funktioniert, um dann im Moment des Starts festzustellen, dass die Bedingungen sich geändert haben. Haben Sie das schon einmal erlebt? Das ist ungefähr so, als hätten Sie monatelang eine tolle Reise genau geplant, stellten aber dann am 1. Tag der Reise fest, dass der Zubringer zur Autobahn gesperrt ist und blasen deswegen die ganze Reise ab. Entscheidend ist, dass Sie sich verpflichten, überhaupt loszugehen (im konkreten Fall, die Reise zu machen). Alle Herausforderungen, die es dann auf dem Weg gibt, werden Sie schon meistern, weil Sie von Ihrer Verpflichtung getragen werden. Zum Beispiel würden Sie im Fall des gesperrten Autobahnzubringers, die Karte oder das Navi zücken und schauen, wo Sie an anderer Stelle auf die Autobahn kommen. Und wer weiß, was Sie auf diesem alternativen Weg alles für tolle Dinge sehen würden, die Ihre Reise bereichern. Im Gegensatz zu dem, was uns in unserer Gesellschaft das ganze Leben lang eingetrichtert wird, nämlich im Vorfeld schon alles wissen zu müssen, lade ich Sie ein, den Satz „Ich weiß nicht wie / Ich kann das nicht“ ein für allemal den Abfluss hinunterzuspülen. Er blockiert Sie nur. Er blockiert Ihr ganzes Leben.

2. Die Umstände lassen es nicht zu, meine Vision zu leben.
Jaja, die Umstände…Wer, denken Sie, hat die Umstände in Ihrem Leben kreiert?...Na? „Natürlich DIE ANDEREN!“ höre ich da schon einige Stimmen.

Kommen Sie, es ist zwecklos, an dieser alten Geschichte festzuhalten. Sie ist zugegebenermaßen sehr bequem, denn wenn die anderen an meiner Situation Schuld sind, dann muss ich ja keine Verantwortung für mein Leben übernehmen. Doch damit stecken Sie in einem fiesen, klebrigen Abhängigkeitssumpf fest und machen andere für Ihr Glück und Wohlergehen verantwortlich. Damit sind Sie in der armen, kleinen Opferrolle (oder schnell auch in der Täterrolle) und agieren absolut unverantwortlich. Das einzige, was aus dieser Position heraus möglich ist, ist niederes Drama mit Rechtfertigungen, Schuldzuweisungen, Lamentieren, Beschwerden, Ausreden suchen, andere ins Unrecht setzen, etc. Doch damit erreichen Sie gar nichts, außer, dass das Leben an Ihnen vorüber zieht und Sie graue Haare kriegen.

Sie kennen die wahre Antwort auf die Frage, wer die Umstände in Ihrem Leben kreiert hat: Alles, was Sie in Ihrem Leben vorfinden, ist auf IHREM Mist gewachsen. Sie haben alles selbst kreiert. Die spannende Frage an der Stelle wäre: Warum? Welchen Nutzen ziehen Sie aus den verschiedenen Ereignissen, auch wenn es unangenehme Situationen sind und Ihr Chef Ihnen gerade gekündigt hat, Sie einen Unfall haben, oder der Partner wütend die Wohnung verlässt. Übernehmen Sie Verantwortung. Sie haben alles selbst kreiert. Es scheint unfair zu sein, doch genau das ist absolute Verantwortung, es gibt keine Hintertürchen. Damit holen Sie sich Ihre Kraft zurück und nehmen das Ruder Ihres Lebens wieder selbst in die Hand, anstatt im Opferdasein zu verkümmern. Sie können in jeder Sekunde entscheiden, welche Geschichte Sie erzählen. Die Opfergeschichte, oder die verantwortliche Geschichte. Alles was passiert, ist an sich neutral. Sie haben es einfach durch Ihre Gedankenmuster kreiert. Wenn Sie also etwas anderes in Ihrem Leben kreieren möchten, legen Sie los. Richten Sie Ihren Fokus neu aus, zum Beispiel auf Ihre Vision und übernehmen dafür Verantwortung.

Anstatt also zu dem sicherheitsbedachten Ego die Kraft zu geben, das sagt „Ich glaube es, weil ich es (die Umstände) sehe“ probieren Sie es doch einmal mit der Haltung „Ich sehe es, WEIL ICH ES GLAUBE.“ Denn das ist die Quintessenz: Alles, was Sie in Ihrem Leben vorfinden, ist das, was Sie - bewusst der unbewusst – glauben. Achten Sie also auf Ihre Gedanken- und Glaubensmuster.

3. Was sollen denn die Leute denken?
Das ist ein sehr beliebter Grund, den unser Verstand vorschiebt, um eine Vision, die vielleicht ungewöhnlich, riesig oder riskant erscheinen mag, nicht zu verfolgen. Unsere Angst davor, von anderen Menschen abgewiesen zu werden, die diese Vision nicht teilen, ist groß. Es ist die Angst, nicht dazu zu gehören. Und wer weiß, vielleicht passiert es tatsächlich, dass sich Menschen abwenden, wenn Sie anfangen, Ihre Vision zu leben. Dean Potter hat das erlebt und ich kenne einige Menschen, die Ihrer Vision gefolgt sind, denen es ebenso erging. Sogar ich selbst habe es erlebt. Aber mal ehrlich: Welchen Wert haben Beziehungen zu Personen, die Sie in Ihrem Sein, in Ihrer Art, mit Ihrem Potenzial und Ihrer Vision nicht akzeptieren? Es ist sogar oftmals so, dass sich Menschen nur abwenden, weil Sie Angst haben. Sie werden nämlich durch Sie an Ihre eigenen, nicht gelebten Visionen und Potenziale erinnert und möchten das auf jeden Fall vermeiden. Somit versuchen diese Menschen gerne, Sie klein zu halten und von Ihrer Vision abzubringen. Doch wenn jemand ein massives Problem damit hat, dass Sie Ihre Vision verfolgen, BITTE lassen Sie diese Person ihr Problem haben. Sie hat hart dafür gearbeitet, sich dieses Problem zu kreieren. Und der Witz ist, dass es noch nicht einmal wirklich etwas mit Ihrer Person zu tun hat. Sie sind in dem Moment einfach nur der Auslöser, der Spiegel für die Person, die ein Problem hat. Also lassen Sie sich von diesem Gedanken „Was sollen denn die Leute denken (vielleicht hat jemand ein Problem damit)?“ nicht abhalten.

Glauben Sie mir, wenn ich diesem Satz Kraft gegeben hätte, hätte ich viele Dinge in meinem Leben nicht gemacht: ich hätte z. B. nie einen 4800m hohen Berg bestiegen, wäre niemals nach Nepal gereist, wäre nicht im Dschungel gewesen und wäre heute auch nicht als Trainerin selbständig. Ehrlich, machen Sie das Problem anderer Menschen nicht zu Ihrem Problem und übernehmen Sie auch nicht die Ängste anderer Personen. Gehen Sie Ihren Weg und leben Sie Ihr Leben, nicht das Ihrer Eltern, Freunde, Nachbarn oder Kollegen, auch wenn Sie vielleicht Gegenwind bekommen. Die gute Nachricht ist übrigens: selbst, wenn sich der ein oder andere von Ihnen abwendet, werden Sie bald merken, das neue, bereichernde Personen in Ihr Leben treten, die von Ihrer Vision inspiriert sind und Sie unterstützen. Und es passiert, dass Personen, die sich zunächst vor lauter Schreck gegen Sie gestellt haben, nach einiger Zeit stillen Grübelns plötzlich um die Ecke kommen und wieder an Ihrer Seite sind. So wie Sie sich verändern, verändert sich auch Ihr Umfeld.

Experiment 3: Seien Sie Ihre Vision
Tja, nachdem nun alle Gründe auf Ihrer Liste hinfällig sind, stellt sich die Frage, was tun? Das Geheimnis ist, das Sie gar nichts TUN müssen. Entscheidend ist, dass Sie Ihre Vision SIND. Dazu ist es wichtig, ein klares Bild Ihrer realisierten Vision mit einem Gefühl zu verknüpfen. Das bedeutet, Sie verbinden sich innerlich nicht nur mit dem Bild der final realisierten Vision (sehen sie sozusagen vor sich), sondern auch mit dem Gefühl, das damit einhergeht. Achten Sie darauf, dass es sich um ein Gefühl der Freude, Begeisterung oder Ekstase handelt. Angst, Wut und Traurigkeit mit der Realisierung Ihrer Vision zu verbinden, wäre kontraproduktiv. Es geht darum, dass Sie Ihr Sein auf Ihre Vision einschwingen. Sie werden erstaunt sein, welche Resultate dies hat und wie viel mehr Energie und Inspiration Sie plötzlich in sich haben. Wiederholen Sie dies mindestens einmal die Woche. SEIN Sie Ihre Vision und beanspruchen Sie diese Realität. An dieser Stelle möchte ich Ihnen gerne ein Buch empfehlen, das sich im Detail damit beschäftigt. Es trägt den Title „Reality Creation Coaching für Fortgeschrittene“ von Frederick Dodson.

Dean Potter sagte in seinem Vortrag: „First you have a vision – then you make it happen”, zuerst haben Sie also die Vision bzw. sind die Vision und dann setzen Sie sie um.

An dieser Stelle habe ich den Eindruck, dass noch eine Frage in der Luft hängt, die einigen Lesern unter den Nägeln brennt: Was ist denn meine Vision?

Meine Vision ist es, eine neue Kultur zu kreieren, in der Menschen und Unternehmen in jeder Hinsicht respektvoll und nachhaltig miteinander und mit der Erde umgehen und ihr volles, individuelles Potenzial leben. Ist diese Vision größer als mein Ego oder mein Verstand? Himmel, ja, definitiv. Aber ich habe mich dieser Vision verpflichtet, weil sie mich inspiriert. Habe ich manchmal Angst vor dieser großen Vision? Ja, es gab gerade zu Beginn meines Visions-Weges Momente, da habe ich mich wahrscheinlich wie Dean Potter gefühlt, wenn er an nur zwei Fingern in der Eiger Nordwand hängt. Doch um es mit einem Zitat von Clinton Callahan, dem Begründer von Possibility Management, zu sagen: „Mut ist nicht das Ausbleiben von Angst. Mut ist die Entscheidung, dass etwas anderes wichtiger ist, als Angst.“

In diesem Sinne, wünsche ich Ihnen den Mut, Ihre Vision Realität werden zu lassen. SEIEN Sie VISIONÄR!

Herzlich inspirierte Grüße,
Ihre Nicola Nagel


www.viva-essenza.com

Sonntag, 16. Oktober 2011

Der Verstand ist ein Zoo - Wie uns Stimmen im Kopf manipulieren

Der Verstand ist ja schon brillant. Er produziert unaufhörlich Gedanken, kann komplexe Dinge analysieren und beleuchten oder gar logische Argumente in einer Diskussion liefern. Wir haben ihn all die Jahre wohl genährt: in der Schule, in der Uni, in der Ausbildung, im Job, durch zig Bücher, Zeitungen oder das Internet. Manchmal kann der Verstand aber auch zur echten Qual werden. Sie kennen das vielleicht: Sie liegen abends im Bett, sind eigentlich hundemüde, aber die Gedanken rasen unaufhörlich weiter. Oder Sie wollen eine Entscheidung treffen und hören in Ihrem Kopf permanent die Argumente für und wider.

Der Verstand rattert und rattert und rattert. Selbst wenn wir nicht aktiv mit jemandem sprechen, ist trotzdem oftmals eine Konversation im Kopf zugange. Es scheint als würde permanent eine Stimme plappern: „Mach dies so….Nein, tu das lieber nicht…Das kann ich nicht…Wie soll ich mich nur entscheiden…ob das wohl richtig war…ich bin überfordert…ja, da geht’s lang…was wäre, wenn… ich bin nicht gut genug…das kann man doch nicht machen, …etc.“ Die Stimmen reden, gehen noch einmal die Situation vorhin mit dem Partner durch oder kommentieren das, was der Chef heute Morgen gesagt hat. Sie werden vielleicht sagen „Nun ja, es sind einfach die Gedanken, die fortlaufend durch den Kopf schießen.“ Wie wäre es jedoch für Sie, wenn es Stimmen sind, die nicht Ihnen gehören und die nur die Absicht haben, Sie fortlaufend zu manipulieren?

Wie bitte? Stimmen, die nicht mir gehören? Richard David Precht, Philosoph, Publizist und Autor hat einen Buchtitel heraus gebracht, den ich an dieser Stelle gerne ausleihen möchte, denn der Titel fasst das heutige Thema genial zusammen: „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“

Sie werden womöglich die Frage stellen, ob es jetzt um Schizophrenie geht. Doch darum geht es keineswegs. Jeder Mensch hat verschiedene Identitäten, die er in bestimmten Situationen annimmt. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, Sie unterhalten sich mit einem Bekannten. Das Telefon klingelt, er geht ran und sagt: „Hallo Mama,…“ Sie können genau beobachten, welche Stimme, Rolle und Haltung er einnimmt, während er mit seiner Mutter spricht. 5 Minuten später geht wieder das Telefon und es ist sein Geschäftspartner. Sie werden merken, wie er auf eine ganz andere Art und Weise mit ihm spricht. Die Tonlage, die Wortwahl, die Mimik und die Gestik werden eine andere sein. Wir können also verschiedene Identitäten annehmen, je nachdem, was die Situation erfordert.

Genauso, wie es diverse Rollen gibt, die wir einnehmen können, gibt es zahlreiche Stimmen, die uns im Leben unbewusst dirigieren. Wie viele von Ihnen kennen zum Beispiel eine Stimme, die gelegentlich sagt „Das kann ich nicht“ oder „Ich weiß nicht, wie ich das machen soll“? Na, seien Sie ehrlich. Fast jeder hat diese Stimme schon einmal gehört. Das kann sich auf ganz unterschiedliche Situationen beziehen, z. B. sollen sie eine Rede halten, ein Menü für 30 Personen kochen, das neue Großkundenprojekt übernehmen, ihrem Partner eine Grenze setzen oder auf eine Party gehen, wo sie keinen Menschen kennen.

Es gibt beliebig viele Beispiele, die wir hier auflisten könnten. Angenommen also Sie stehen vor einer Herausforderung, z. B. sollen Sie das erste Mal über eine Slack-Line laufen. Das ist dieses neuartige, trendige Band, das zwischen zwei Bäumen gespannt wird und über das Sie balancieren können. Was geht dann in Ihrem Kopf ab? Vielleicht sagt eine Stimme „Ich kann das nicht“, „So ein Quatsch.“ Vielleicht sagt auch eine Stimme „Okay, los geht’s“, oder aber „Oh, ich weiß nicht ob das gut geht. Ich könnte runterfallen und mich verletzen.“ Angenommen, sie wagen das Experiment balancieren zwei Schritte auf dem Seil, verlieren das Gleichgewicht und plumpsen auf den harten Boden. Was sagt der Verstand? Hören Sie z. B.: „Siehste, habe ich doch gleich gesagt, dass das eine Schnapsidee ist“ oder „Oh, das war wohl nichts. Los, gleich noch einmal probieren.“

Es gibt nicht nur eine Stimme, die in unserem Kopf rumspukt. Es gibt eine ganze Stimmenkultur. Der Verstand ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Zoo und die Konversationen dieser Stimmen sind sehr unterhaltsam. Da können Sie jedes Kabarett und jede Comedy Sendung im Fernsehen vergessen. Die Comedy im Kopf ist spannender als Kino. Es ist sehr nützlich, sich der Hauptcharaktere in Ihrem Kopf bewusst zu werden, denn noch einmal: es sind Stimmen, die nicht Ihnen gehören und die Sie entweder blockieren oder manipulieren können.

Lassen Sie mich ein persönliches Beispiel geben: Bei mir gibt es neben diversen Nebendarstellern, 4 Haupt-Stimmen, die sich gerne einmischen. Die erste Stimme habe ich Püppi getauft. Püppi ist die Stimme vom kleinen, schüchternen Mädchen, das sagt: „Ich weiß nicht, ob ich das kann. Das lass ich lieber. Das ist vielleicht keine gute Idee.“ Als zweites gibt es Lola. Lola ist der derbe Charakter, der immer noch in die Kerbe von Püppi reinhaut: „Wie soll das auch funktionieren. So ein Quatsch. Habe ich Dir doch gleich gesagt, dass das nicht funktioniert. Das wird nie was.“ Die 3. Stimme gehört Goofy (sie kennen vielleicht noch diesen tolpatschigen, schläfrigen Hund aus der Mickey Maus Zeit). Goofey ist ein bißchen träge und sagt manchmal: „Och nööö, lass uns das später machen. Ich mag jetzt nicht.“ Schließlich gibt es noch eine 4. Stimme ganz anderer Ausrichtung. Diese Stimme habe ich Rickie getauft. Rickie ist die Stimme einer robusten Antreiberin, die alles andere als aus Zucker ist. Wenn Rickie die Bühne betritt, können Püppi, Lola und Goofy sich warm einpacken, denn Rickie sagt in etwa folgendes: „Püppi, Lola, Goofy Klappe halten. Nicola, beweg Dich uns zwar pronto“.

Die Stimmen sind sehr vielfältig und es ist sehr lohnenswert, sich bewusst zu machen, welche Stimme gerade aktiv ist. Ich möchte Sie daher zu folgendem Experiment einladen:

EXPERIMENT 1: Welche Stimmen sind aktiv und wem gehören sie?
Setzen Sie sich einen Moment ruhig hin. Beobachten Sie nun bewusst Ihren Verstand. Welche Stimmen kommen jetzt gerade auf, während Sie z. B. so da sitzen und nichts tun? Was sagen die? Der ein oder andere mag jetzt sagen „Ich höre keine Stimmen.“ In dem Fall lade ich Sie ein, einfach einmal simpel an die Wand zu starren. Wenn Sie das tun, wird schon die erste Stimme fragen: „So ein Quatsch, warum soll ich jetzt an die Wand starren?“ Sie können auch Situationen vom Tag Revue passieren lassen. Die Diskussion mit dem Kollegen, den Streit mit dem Partner, das nette Gespräch mit dem Chef. Achten Sie einfach einmal bewusst darauf, welche Gedanken dazu hochkommen und welche Stimmen diese Situationen kommentieren.

Identifizieren Sie im zweiten Schritt diese Stimmen. Wem gehören Sie? Gehört die Stimme einer Autoritätsperson, einem Elternteil, Lehrer, Chef, der genau das immer gesagt hat? Gehört die Stimme eher einem kleinen bedürftigen Kind? Sie können auch Charaktere aus der Geschichte oder aus Film und Fernsehen nehmen. Wem gehört die Stimme? Geben Sie jeder markanten Stimme einen konkreten Namen, z. B. „Das hat mein Vater Otto immer zu mir gesagt, diese Stimme heißt Otto.“ Oder „Diese Stimme erinnert mich an einen patzigen, kleinen Jungen, der nur Unfug im Kopf hatte, ich nenne ihn Suppenkasper.“ Seien Sie ehrlich und konkret. Vielleicht gibt es auch eine Stimme, die arrogant von oben herab redet und Sie an einen Schulkollegen erinnert, der Sie regelmäßig gepiesackt hat. Vergeben Sie wirklich konkrete Namen. Dadurch haben Sie die Möglichkeit, jede Stimme, sobald sie auftaucht, genau zu identifizieren. Jede Stimme stellt ein ICH dar.

EXPERIMENT 2: Welches ICH spricht gerade?
Wenn Sie sich das nächste Mal in einer Situation befinden, in der Sie etwas bewerten („Wie kann man nur so handeln. Der Kollege hat wohl nicht alle Tassen im Schrank) oder zögern, weil Sie meinen, Sie könnten etwas nicht („Ich kann das nicht. Ich bin nicht gut genug. Das wird nie was.“), oder auch wenn Sie sich nicht entscheiden können und diverse Stimmen in Ihrem Kopf eine Argumentation für und wider etwas starten, dann sagen Sie in dem Moment einmal STOP! Halten Sie inne und fragen Sie sich, welches ICH gerade am Steuer sitzt. Ist es eine ängstliche, weinerliche Kinderstimme, die Sie manipuliert und Ihrer Kraft beraubt? Oder ist es vielleicht die Stimme einer Autorität, die Ihnen sagt, dass es eine absolute Schnapsidee ist, Ihrer Freude zu folgen und eine verrückte Unternehmung zu machen? Was immer es auch für eine Stimme sein mag, werden Sie sich Ihres Zoos bewusst. Werden Sie sich der Stimmen bewusst, die Sie manipulieren. Es sind nicht Ihre Stimmen und mit diesen Stimmen im Kopf haben Sie keine Kraft.

„AHA!“ werden jetzt einige Leser denken. „Und was mache ich nun, wenn diese Stimmen da sind und nicht aufhören zu plappern?“ Eine berechtigte Frage, die mich gleich zum nächsten Experiment bringt.

EXPERIMENT 3: Benutzen Sie Ihren Stimmen-Colt
Für dieses Experiment brauchen Sie Ihre Vorstellungskraft. Idealerweise machen Sie dieses Experiment im ersten Schritt für sich in einem Raum, wo keine anderen Menschen sind. Es könnte für andere nämlich ziemlich verrückt aussehen, da Sie in diesem Experiment die Stimmen, die permanent in Ihrem Kopf quasseln, mit einem sogenannten STIMMEN-COLT abschießen werden. Stellen Sie sich vor, sie haben einen imaginären Werkzeuggürtel mit allerlei Utensilien um Ihre Hüfte hängen. An diesem Gürtel befindet sich rechts hinten, in Höhe der rechten Pobacke ein imaginärer Revolver. Greifen Sie nun einmal nach hinten und ziehen Sie ihn langsam aus dem Halfter. Halten Sie ihn vor sich und schauen Sie sich Ihren ganz persönlichen Stimmen-Colt an. Wie sieht er aus?

Los, machen Sie sich diesen Spaß. Wir sind in unserer Gesellschaft so von Normen, Regeln und Vorgaben eingeengt, dass wir in Momenten, in denen wir etwas machen sollen, was wir normalerweise nicht tun, denken „So ein Quatsch!“. Wenn Sie diesen Satz, diese Stimme jetzt gerade in Ihrem Verstand hören, ziehen Sie sofort Ihren Stimmen-Colt, richten ihn in die Luft auf die Stimme und knallen sie mit dem Wort „PENG!“ ab. Es ist ein Spaß, ehrlich und es funktioniert auch noch. Probieren Sie das einmal.

Wir waren also dabei, wie Ihr Colt aussieht. Welche Farbe hat er? Wie groß ist er? Aus welchem Material ist er? Wie sieht der Griff aus? Ist er aus dem gleichen Material, wie der Lauf oder vielleicht aus Holz? Haben Sie Ihren Colt ganz klar vor Augen? Prima. Achten Sie darauf, dass er nicht die Größe eines Gewehrs hat, denn das ist etwas hinderlich mitzuschleppen. Er sollte von der Größe her so sein, dass Sie ihn immer schnell ziehen können, jederzeit.

Jedes Mal, wenn Sie also Stimmen (Gedanken) in Ihrem Kopf haben, die Sie an etwas hindern, Sie zögern lassen, Sie runterziehen, Sie rum-eiern und keine Entscheidung fällen lassen, Dinge hinaus zögern, oder ähnliches, ziehen Sie sofort Ihren Stimmen-Colt. PENG! Die Stimmen kommen oftmals auch in sehr kurzen Abständen hintereinander, dann schießen Sie sie einfach hintereinander ab PENG! PENG! PENG! Und machen Sie für’s erste wirklich die Bewegung und das Geräusch: Colt ziehen, die Hand in die Luft strecken und auf die Stimme zielen, PENG!. Vergessen Sie danach nicht, den Rauch aus dem Revolver-Lauf kurz wegzublasen und den Colt wieder in den Halfter zu stecken.

Sie können auch bewusst einmal 5 Minuten durch Ihre Wohnung oder Ihr Haus laufen und die einzelnen Stimme im Verstand wahrnehmen, jedes Mal innehalten, sie abschießen und dann wieder weiterlaufen. Das kann sich z. B. folgendermaßen anhören: „Oh man, wie sieht’s denn hier aus? PENG! Das Bild hängt schief. PENG! Du müsstest echt mal wieder saubermachen. PENG! Die Rechnung auf dem Schreibtisch ist immer noch nicht bezahlt. PENG!...“

Das Tolle ist, Sie haben eine unbegrenzte Anzahl an Kugeln in dem Stimmen-Colt. Sie brauchen also nicht sparsam sein, wenn Sie Stimmen abschießen und Sie müssen sich auch keine Gedanken über das Nachladen machen. Achten Sie wirklich einmal auf all die Stimmen in Ihrem Verstand. Welche Stimme sagt Ihnen genau was? Wem gehört die Stimme? Wer hat das in der Vergangenheit oft zu Ihnen gesagt, sodass sich diese Stimme in Ihrem Verstand einnisten konnte?

Die Sache ist die: Wenn Sie fortlaufend Stimmen hören und im Kopf Diskussionen führen, dann sind Sie nicht wirklich im JETZT präsent. Stimmen und Geschichten passieren auf einer Zeitlinie, also entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Sie passieren nicht im JETZT, in diesem Augenblick. Wenn Sie also eine herrliche Konversation im Verstand führen, dann denken Sie entweder über etwas nach, dass schon passiert ist, also in der Vergangenheit liegt, oder über etwas, das in der Zukunft liegt. Wenn Sie zum Beispiel heute schon eine Konversation im Verstand durchgehen, die Sie morgen real mit Ihrem Kollegen in der Arbeit führen wollen, dann sind Sie nicht im JETZT präsent. Sie leben in der Zukunft oder in der Vergangenheit und da haben Sie keine Kraft. Sie können nicht verändern, was vor 3 Sekunden passiert ist und auch nicht, was in 3 Sekunden sein wird, weil es noch nicht da ist.

Wenn Sie wirklich im JETZT präsent und damit in Ihrer Kraft sind, dann hören Sie keine Stimmen, sondern können sich bewusst und zentriert bewegen und als Erwachsener so agieren, wie es die Situation erfordert. Es kann übrigens sein, dass einige Stimmen in Ihrem Verstand immer wiederkehren, obwohl Sie diese bereits abgeschossen haben. Lassen Sie sich davon nicht irritieren. Wenn uns über viele Jahre von verschiedenen Autoritätspersonen immer wieder Kommentare oder Sätze eingetrichtert wurden, dann können diese Stimmen sehr hartnäckig sein. Schießen Sie sie einfach erneut ab. PENG! Mit der Zeit werden die Stimmen weniger oder verschwinden.

Sie können das Stimmenspiel auch ausweiten. Wenn Sie z. B. das Menü für 30 Personen kochen sollen und Sie hören z. B. eine Stimme „Oh je, ich weiß nicht, wie. Ich kann das nicht.“, dann schießen Sie die Stimme zu nächst ab. PENG! Stellen Sie sich anschließend die Frage:“ „Wer könnte es?“ Dann kommen Sie vielleicht auf Alfons Schuhbeck. Stellen Sie sich dann die Frage: „Was würde Alfons Schuhbeck jetzt sagen oder tun?“ Wechseln Sie dann einfach für die Zeit des Menü-Kochens die Identität. Sie werden erstaunt sein, welche neuen Möglichkeiten sich plötzlich auftun.

Ich lege Ihnen sehr ans Herz, Ihren Stimmen-Colt regelmäßig zu benutzen. Legen Sie ihn niemals zur Seite, sondern haben Sie ihn jederzeit griffbereit, damit Sie alle Stimmen, die Sie manipulieren und runterziehen wollen, gleich ins Jenseits befördern können.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine experimentierfreudige Zeit.

Beste Grüße,
Ihre Nicola Nagel

Nicola Nagel ist Possibility Management Trainerin aus Berufung und bietet außergewöhnliche Trainings an, in denen die Teilnehmer in einem geschützten Raum nachhaltig ihr Potenzial entfalten können.

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