Mittwoch, 15. Juni 2011

Die Angst vor der Angst - Wie unsere Komfortzone uns an Veränderung hindert.

Kürzlich war ich mit einem lieben Freund zum Essen verabredet. Wir betraten ein italienisches Restaurant und setzten uns an einen schön gedeckten Tisch, auf dem alles hergerichtet war, von Besteck, Gläsern über die Servietten bis hin zu Salz- und Pfeffermühle. Kaum hatten wir Platz genommen, rückte der Freund wie ferngesteuert das Glas, das zu seinem Gedeck gehörte, um einen Zentimeter nach rechts. Als ich ihn fragte, welchen Unterschied es für ihn macht, dass das Glas nun einen Tick weiter rechts steht, sagte er „Das habe ich gar nicht bewusst gemacht. Das gehört einfach so.“ Aha. Das gehört einfach so. Kennen Sie so etwas?

Der Mensch ist ja bekanntlich ein Gewohnheitstier, das heißt er liebt es, wenn Dinge stabil, komfortabel und bequem sind. Haben Sie Dinge auch gerne an einem bestimmten Platz? Fühlen Sie sich auch wohl, wenn Dinge nach Plan laufen und Sie wissen, was sie erwartet? Haben Sie es auch gerne schön, komfortabel, bequem und sicher im Leben?

Jeder Mensch hat seine persönliche Komfortzone. Lassen Sie uns einmal gemeinsam schauen, wie wir unsere Komfortzone definieren. Wir fühlen uns ja dann wohl, wenn wir mit Dingen konform gehen, d. h. wenn sie unserem Weltbild entsprechen. Was macht aber unser Weltbild genau aus? Unser Weltbild formen wir basierend auf Erfahrungen, Meinungen, Erziehung, Kultur, Religion, Geschichten, Gründen, Mustern, Glaubenssätzen, Annahmen, Erwartungen, Werten, Ideen etc. All das zusammen gefasst formt unser Weltbild, unsere Überlebensstrategie, unser Ego, unsere Identität oder kurz gesagt unsere „Box“. Jeder Mensch hat eine Box. Sie haben eine, Ihr Nachbar und Ihr Partner haben eine, ich habe eine. Wir alle leben in einer individuellen Box.

Die spannende Frage ist, „Wer hat die Box gemacht?“
Es gibt zwei Optionen: 1) Ich selbst habe sie gemacht oder 2) Die anderen haben Sie gemacht.

Worin besteht der Unterschied? Der Unterschied liegt in der Verantwortung. Wenn ich meine Box gemacht habe, dann kann ich sie auch verändern. Wenn Sie meinen, die anderen haben Ihre Box gemacht, dann sind Sie Opfer der Umstände und warten darauf, dass sich Ihre Eltern, Ihr Partner oder wer auch immer ändert, damit es Ihnen besser geht. Viel Erfolg. Zum Glück sind sich Wissenschaftler noch nicht einig über diese beiden Optionen. Im Possibility Management* wählen wir deswegen die Option Nummer eins „Ich habe sie gemacht“, also kann ich Verantwortung dafür übernehmen meine Box zu ändern.

Der ein oder andere mag jetzt denken „Ja okay, ich habe meine Box gemacht und in meiner super Komfortzone möchte ich auch gerne bleiben.“ Und glauben Sie mir, die Box ist sehr clever und um keine Ausrede verlegen, um die Dinge so sicher und bequem zu belassen, wie sie sind (z. B. warum Sie jemanden nicht anrufen, oder keinen Vortrag halten wollen, oder lieber wieder an den bekannten Urlaubsort fahren).

Das Ding ist bloß, dass Sie sich nicht weiter entwickeln, wenn Sie in Ihrer Komfortzone bleiben. Dann leben Sie nicht wirklich. „Wie bitte?“ Richtig gelesen, Sie leben nicht, wenn Sie sich nur in Ihrer Komfortzone bewegen, denn dann ist Ihr Leben nichts anderes als ein einziger logischer Plan, der auf Sicherheit basiert. Das ist nicht gut oder schlecht. Es führt lediglich zu ganz bestimmten Resultaten, und zwar den immer gleichen Resultaten.

Der ursprüngliche Zweck unserer Box ist „Überleben“. Das hat auch bisher prima funktioniert, denn Sie haben schließlich überlebt. Im Alter von etwa 15 Jahren ist unsere Box jedoch dazu entworfen, vom defensiven Überlebensmodus in den expansiven Modus zu wechseln, also von Sicherheit hin zu Entwicklung und Evolution. In der modernen Kultur wird uns dies jedoch nicht vermittelt. Es gibt keinen Übergangsritus, keine Schule, die uns darauf vorbereitet (oder hatten Sie zum Beispiel einen Kurs in „Gefühlen“?). Das heißt, wir bleiben im defensiven Modus stecken.

Im defensiven Modus hindert uns die Box jedoch an Veränderung und Entwicklung. Das wird besonders in schnell-lebigen Zeiten, wie wir sie aktuell erleben, zu einem echten Problem. Die Box möchte alles stabil und sicher halten, während um uns herum die Dinge zusammenbrechen, Finanz- und Wirtschaftskrisen sich abwechseln, Klimakatastrophen und gesundheits-bedrohliche Erreger sich ausweiten. Keine guten Zeiten für unsere Box. Und dennoch ziehen sich die meisten Menschen in ihre Box zurück wie in ein Schneckenhaus. Sie stehen nicht etwa am Rand der Box, nein, sie leben in der Mitte der Box, in der Wattezone, da wo es heimelig, kuschelig und vertraut ist. Sie versuchen für sich die Dinge zusammen zu halten, Sicherheit herzustellen und zu leugnen, was um sie herum passiert. Sprüche wie „Die Wirtschaftslage wird sich auch wieder bessern“ oder „Schlimm für die Menschen in Japan, aber zum Glücke lebe ich ja nicht dort“, oder der allseits bekannte Spruch „Jaja, das wird schon wieder, alles wird gut“ sind populär.

Kürzlich war ich auf einer größeren Veranstaltung in München. Nach der Veranstaltung ging ich mit Freunden in einem Pulk von Menschen zurück zur U-Bahn, als vor mir ein Mann eine leere Bierdose achtlos in die Wiese schmiss, obwohl 30 Meter weiter der nächste Mülleimer kam. Da wurde mir wieder schmerzlich bewusst, wie sehr sich die Menschen in ihrer Sicherheitszone bewegen und es ihnen egal ist, was außerhalb dessen passiert. Irgendwer wird halt den Dreck schon wegräumen. In welch abgestumpfter, watte-gepolsterten Sicherheits-Box muss jemand leben, der in der heutigen Zeit, so achtlos und unbewusst mit der Erde umgeht? Und das ist nur ein Beispiel.

Es gibt viele kleine Beispiele im Alltag, in der uns unsere Box ausbremst. Es kann etwas ganz harmloses sein, z. B. hält es Ihre Box vielleicht nicht aus, dass der Partner die Gabeln nun in das rechte Besteckfach anstatt in das linke getan hat. Oder, wie es neulich einer Freundin passierte: Sie hatte sich fest vorgenommen, einfach etwas Neues auszuprobieren und zu einem Netzwerktreffen zu gehen, wo sie niemanden kannte. Sie hatte sich zurecht gemacht und steuerte das Lokal an, in dem das Treffen stattfand. Anstatt jedoch beherzt die Klinke in die Hand zu nehmen, ging sie an der Tür vorbei direkt wieder nach Hause, ohne das Lokal betreten zu haben. Schöne Grüße von der Box.

Dass wir uns in die defensive Komfortzone zurückziehen ist in unserer Gesellschaft Gang und Gäbe, sicherlich in den verschiedensten Ausprägungen. Das fängt bei Privatpersonen an und zieht sich durch die gesamte Unternehmens- und Politikwelt. Denn nicht nur einzelne Personen haben eine Box, auch Unternehmen haben eine Box (Unternehmenskultur genannt), einzelne Abteilungen in Firmen, ja sogar Familien, Sportvereine, politische Parteien und Länder (Sie können bestimmt genau sagen, welche Box z. B. die Franzosen oder Briten haben). Boxen kommen in Schichten. Doch nur eine Box ist einzigartig. Es ist die Box des Individuums. Warum? Nun, weil nur die Box des Individuums Verantwortung übernehmen kann. Unternehmen können z. B. nicht verantwortlich sein. Es gibt kein „wir“, wenn es um Verantwortung geht (Sie kennen das vielleicht: wenn in einer Firmen-Besprechung festgehalten wird „okay, dann müssen wir das mal angehen“, dann können Sie davon ausgehen, dass es keiner macht). Nur Sie alleine können Verantwortung übernehmen und Veränderung herbeiführen.

Die Sache ist die: Das Universum ist auf Evolution ausgerichtet und wir leben aktuell in Zeiten massiver Veränderung. Wenn Sie sich nicht verändern und lieber in Ihrem defensiven Box-Modus bleiben wollen, verliert das Universum früher oder später die Geduld. Wenn Sie als Bremsblock der Evolution agieren, dann könnte es ungemütlich werden, weil das Universum dann dafür sorgen wird, dass Sie sich verändern und Verantwortung übernehmen. Sie können sich das so vorstellen, als würde das Universum mit einem riesigen Hammer plötzlich auf Ihre Box einschlagen und zack haben Sie einen Unfall, Ihr Haus brennt ab, Sie verlieren Ihren Job oder erleben sonstige Unannehmlichkeiten, damit Sie aufwachen und sich verändern. Das Universum ist auf verantwortliche Evolution ausgerichtet.

Was ist es aber, das uns abhält, über den Rand unsere Box hinauszugehen und die Sicherheitszone gänzlich zu verlassen? Schließen Sie einmal kurz die Augen. Spüren Sie einmal in sich hinein und fühlen Sie den Komfort und die weiche Watte in Ihrer Box. Sicherheitszone. Angenehm, oder? Merken Sie, dass Sie in der Mitte der Box stehen? Begeben Sie sich jetzt einmal an den Rand der Box und spüren Sie, wie sich Ihr Befinden ändert. Gehen Sie bis zum Rand. Welches Gefühl macht sich breit? Vielleicht kommen Ihnen Wörter wie „Unbehagen“, „Irritation“, „Nervosität“ oder ähnliches. Alle Begriffe lassen sich jedoch in einem einzigen Gefühl zusammenfassen: ANGST.

Wenn wir an den Rand unserer Box treten haben wir Angst, weil wir das bekannte, komfortable Terrain verlassen. Angst zu haben ist in unserer Gesellschaft jedoch nicht akzeptabel. Angst ist gefährlich, blockiert, man ist ein Angsthase, Schattenparker und Feigling. Es ist in unserer Gesellschaft einfach nicht in Ordnung, Angst zu fühlen (geschweige denn die anderen Gefühle Wut, Traurigkeit und Freude). Angst ist zu vermeiden. Somit haben wir Angst vor der Angst und gehen lieber wieder schnell einen Schritt von unserem Box-Rand zurück, begeben uns erneut in die Wattezone und harren dort der Dinge die kommen.

Diese Strategie könnte sich jedoch in Zeiten radikaler Veränderung und Wandlung, in der die Dinge eher chaotischer als ruhiger werden, als fatal erweisen. Stattdessen könnte es nützlicher sein, sich mit dem Gefühl der Angst vertraut zu machen. Dazu kann folgendes Experiment sehr hilfreich sein:

EXPERIMENT 1: ANGST NEU VERKABELN
Lassen Sie uns eine etwas ungewöhnliche, kleine Reise machen. Schließen Sie die Augen und nehmen Sie einen tiefen Atemzug. Stellen Sie sich vor, Sie könnten Ihren Kopf oben aufklappen und tun Sie das vor Ihrem inneren Auge. Nun schauen Sie einmal in Ihr Gehirn rein und suchen Sie das rote Kabel, auf dem ANGST steht. Wenn Sie es gefunden haben, ziehen Sie es ein Stück heraus. Und jetzt schauen Sie einmal, mit welchem anderen Kabel es verbunden ist. Welche Farbe hat das andere Kabel und welches Wort steht dort drauf? Zum Beispiel könnte das rote Kabel der Angst mit dem gelben Kabel verbunden sein, auf dem „gefährlich“ steht. Dann würde die Definition ergeben „Angst ist gefährlich“. Schauen Sie in Ruhe, mit welchem Kabel das rote Kabel der Angst verbunden ist und sprechen Sie die Definition, die Sie über Angst haben laut aus: „Angst ist…“ Was ist Angst für Sie? Das ist die Definition, die Sie von Angst haben. Viele haben z. B. die Verkabelung „Angst ist bedrohlich“, „Angst ist lebensgefährlich“, „Angst ist schlecht“, etc.

Nun trennen Sie diese beiden Kabel vor Ihrem inneren Auge mit Hilfe eines Werkzeugs Ihrer Wahl (das kann eine Schere, ein Messer oder etwas anderes sein). Sobald Sie die beiden Kabel getrennt haben, halten Sie das rote Kabel der Angst in der Hand und lassen Sie das andere einfach los.

Welches Kabel würde exakt zu dem roten Kabelteil passen? Welche Farbe müsste der zweite Teil haben, um einwandfrei zu passen, um eine Einheit zu sein? Achtung, es ist nicht ein z. B. blaues Kabel mit der Aufschrift „okay“ oder „harmlos“. Dann hätten Sie plötzlich die Definition „Angst ist harmlos“, was in Gefahrensituationen übel ausgehen könnte.

Welches zweite Kabel wäre also genau passend? Richtig, das andere rote Kabel. Suchen Sie jetzt also das andere rote Kabelstück und halten Sie beide roten Kabel aneinander. Wie lautet die Definition? Angst ist…? Genau, ANGST IST ANGST.

Verschweißen Sie nun diese beiden Kabel fest miteinander. „Angst ist Angst“ und nur das. Angst ist nicht gut und nicht schlecht. Angst ist einfach Angst. Packen Sie nun diese neue Verkabelung zurück in Ihren Kopf und schließen Sie ihn wieder. Nehmen Sie einen tiefen Atemzug und öffnen Sie dann langsam die Augen. ANGST IST ANGST.

Wenn Sie jetzt das nächste Mal an den Rand Ihrer Box gehen und Angst spüren, dann wissen Sie „Angst ist Angst“, sie ist absolut neutral. Sie können dann, anstatt dem alten defensiven Box-Mechanismus von „Angst ist gefährlich“ zu folgen, der Angst vertrauen und sich von ihr führen lassen. Gehen Sie einfach dahin, wo die Angst ist. Für den leichten Einstieg sind hier einige Beispiel, die Sie ausprobieren können, um Ihre Boxgrenze zu überschreiten:

  • Putzen Sie sich mit Ihrer nicht-dominanten Hand die Zähne (bei Rechtshändern wäre das die linke Hand)
  • Tragen Sie Ihre Uhr an dem anderen Handgelenk.
  • Wenn Sie Socken mit Markierungen für links und rechts haben, tragen Sie die rechte Socke links und die linke Socke rechts.
  • Nehmen Sie einen anderen Heimweg als gewöhnlich.
  • Wenn jemand niest, sagen Sie irgendein Wort (z. B. Apfelkuchen) anstatt Gesundheit.
  • Gehen Sie in ein exotisches Restaurant, dass Sie sonst nie besuchen würden (z. B. afrikanisches, arabisches, afghanisches Essen) und bestellen Sie etwas, von dem Sie keine Ahnung haben, wie es schmeckt.
  • Sprechen Sie die Dame im Supermarkt mit ihrem Namen an (die haben alle diese netten Namensschildchen am Kittel).
  • Bitten Sie eine fremde Person um Hilfe.
  • Wenn Sie irgendwo warten müssen, z. B. am Flughafen, in der Post, im Hotel, sprechen Sie eine fremde Person an und unterhalten Sie sich nett.
  • Gehen Sie ohne Ihr Handy, Blackberry oder Smartphone aus dem Haus.
  • Wenn Sie merken, dass Sie eine fremde Person anschaut, dann winken Sie ihr fröhlich zu.
Das sind einige Übungen zum Aufwärmen, bei denen Sie vielleicht merken, dass Ihre Box rebelliert und fragt „So ein Quatsch, was soll denn das?“. Entscheidend ist jedoch, dass Sie zwar eine Box haben, aber nicht Ihre Box sind. Es geht um Veränderung. Vertrauen Sie der Angst vor Veränderung. Hier nun die fortgeschrittene Variante:

EXPERIMENT 2: PIRATEN-ABKOMMEN TREFFEN
Sie möchten gerne etwas Wesentliches in Ihrem Leben verändern, aber Ihre Box hat Sie bisher erfolgreich davon abgehalten? Zum Beispiel wissen Sie, dass Sie seit einem Jahr Ihre Internetseite überarbeiten müssen, um attraktiver für Kunden zu sein, aber Ihre Box hatte bisher prima Gründe, es nicht zu tun? Oder Sie wollen sich schon lange nach einem neuen Job umsehen, waren aber bisher zu bequem? Vielleicht ist es auch etwas kleineres, wie Garage ausmisten, Wohnung streichen oder ähnliches, was dringend ansteht, die Box aber bisher wirklich erfolgreich verhindert hat. Wie groß oder klein es auch sein mag spielt keine Rolle.

Haben Sie etwas gefunden, wo Sie aus dem gewöhnlichen Box-Verteidigungs-Mechanismus aussteigen und endlich etwas verändern wollen? Prima. Setzen Sie sich jetzt einen sportlichen, aber doch realistischen Termin, bis wann Sie die Veränderung durchgeführt haben möchten. ACHTUNG: Die Box ist clever und wird versuchen einen Termin in weiter Zukunft vorzuschieben. Unterliegen Sie nicht dieser Versuchung. Setzen Sie einen realistischen, knackigen Termin, bei dem Sie „aus den Puschen kommen“ müssen und Ihre Box keine Gelegenheit hat, erst noch 3 Wochen zu warten.

Gehen Sie jetzt zum Telefon und rufen Sie eine Person an, von der Sie wissen, dass Sie sich auf sie verlassen können. Wählen Sie die Nummer und vereinbaren Sie dann ein sogenanntes Piraten-Abkommen, das wie folgt aussieht: „Hallo xy. Ich würde gerne ein Piraten-Abkommen mit Dir schließen. Das bedeutet folgendes: Ich habe das-und-das vor… (beschreiben Sie Ihr Vorhaben). Die Frist ist der … (nennen Sie das konkrete Datum). Würdest Du mich bitte alle 3 Tage anrufen und mir in den Hintern treten? Wenn ich die Veränderung/das Ziel nicht bis zu dem Termin geschafft habe, bekommst Du meine Kreditkarte und kannst so lange damit einkaufen, bis ich die Veränderung/das Ziel erreicht habe.“

Das nennt man Piraten-Abkommen. Das nicht Durchführen der Veränderung muss schmerzhaft für Sie sein, sonst gewinnt die Box wieder die Oberhand und schiebt die Dinge hinaus. In diesem Sinne, ermutige ich Sie, in den expansiven Box-Modus zu wechseln, denn heute gilt mehr denn je, dass nichts ist so beständig ist, wie der Wandel.

Herzliche Grüße,
Ihre Nicola Nagel

* Possibility Mangement wurde von Clinton Callahan begründet und basiert auf einem Spektrum neuartiger, innovativer Soft-Skills, die es ermöglichen, Ihre inneren Ressourcen freizusetzen und zur Anwendung zu bringen. Ein wertvolles Buch zum Thema Angst und Gefühle ist „Die Kraft des bewussten Fühlens“ von Clinton Callahan.

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Donnerstag, 12. Mai 2011

Die Kraft Ihrer Aufmerksamkeit - Wie Sie Ihre Ziele und Wünsche verwirklichen

Haben Sie es schon einmal erlebt, dass Sie in die Stadt zum Einkaufen gefahren sind, Sie wussten genau, was Sie wollten und im Endeffekt kamen Sie mit etwas ganz anderem nach Hause? Oder Sie haben zwar das gekauft, was Sie wollten, aber zusätzlich noch 5 weitere, ungeplante Sachen? Und auch wenn Frauen jetzt genau wissen, wovon ich spreche, so trifft es die Männer doch gleichermaßen. Die Männer kommen vielleicht nicht mit einem 3. Paar Schuhe nach Hause, stattdessen aber vielleicht mit einem neuen DVD Player, mit dem ultimativen Smart Phone, oder sonstigen technischen Finessen. Aber mal ehrlich: Haben Sie sich schon einmal gefragt, wieso das passiert?

Es hat etwas mit Ihrer Aufmerksamkeit zu tun. Ihre Aufmerksamkeit ist Ihre wertvollste Ressource überhaupt, denn Ihre Aufmerksamkeit ist das einzig essentielle Mittel, mit dem Sie etwas tun können. Wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit nicht gebrauchen, dann wird sie von etwas anderem gebraucht. Denken Sie einmal an all die Agenten und Medien, die versuchen, Ihre Aufmerksamkeit zu bekommen: Werbetafeln, Magazine, Fernsehen, Radios, Kataloge, sexy Frauen, knackige Männer, schreiende Kinder, schnurrende Katzen… Warum würden sie versuchen, Ihre Aufmerksamkeit zu bekommen, wenn Ihre Aufmerksamkeit keinen Wert hätte?

Was sie wirklich zu bekommen versuchen, ist Ihre Energie. Wo Ihre Aufmerksamkeit hingeht, da fließt Ihre Energie hin, oder im Zweifel Ihr Portemonnaie.

Lassen Sie uns diesen Gedanken einmal gemeinsam weiterspinnen. Lassen Sie uns das Ganze einmal ausweiten, über die Einkäufe hinaus auf Ihr Leben. Gibt es Dinge in Ihrem Leben, die Ihnen nicht passen, die aber scheinbar festgefahren sind? Oder gibt es etwas, ein Ziel, einen Wunsch, den Sie schon lange hegen, aber er lässt sich einfach nicht in die Tat umsetzen?

Die Frage ist: Wo ist Ihre Aufmerksamkeit, wenn es um Ihr Leben geht, um Ihre Wünsche, um Ihre Ziele? Ihre Aufmerksamkeit ist die Kraft, die Sie benötigen, um Ihr Leben zu kreieren und nach Ihren Wünschen zu gestalten. Das, was Sie im Augenblick in Ihrem Leben haben, ist genau das, worauf Sie Ihre Aufmerksamkeit die ganze Zeit gerichtet haben. Sie kennen diesen ausgelutschten Spruch „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Doch er enthält wahres Gold. „Oh bitte, nicht schon wieder dieser Spruch“, höre ich da jetzt einige sagen. „Ich kann doch nichts dazu, dass ich keine Kunden gewinne, ich keinen passenden Partner finde oder ich Stress mit meinen Nachbarn habe.“

Tut mir leid, schlechte Nachrichten: Es ist alles auf Ihrem Mist gewachsen. Alles, was Sie in Ihrem Leben vorfinden, haben Sie selbst kreiert. Die gute Nachricht: Sie können mit Verantwortung und Aufmerksamkeit etwas anderes in Ihr Leben bringen. Ihnen schmeckt das Drehbuch des Lebens nicht, das Sie gerade haben? Dann schreiben Sie ein neues.

Hier eine Anekdote aus meinem Leben: Als ich meine Trainer-Karriere begann, habe ich mir die Frage gestellt „Wie komme ich an Kunden?“. Das war die essentielle Frage, die mich beschäftigt hat. Trotz meiner ganzen Bemühungen gingen die Dinge nur schleppend voran. Es war mühsam, an die Leute zu kommen, obwohl ich so viel Energie in das Akquirieren, das Tun steckte. Irgendwann kam ich dann auf die glorreiche Idee zu schauen, wo meine Aufmerksamkeit hinging. Die Frage „Wie komme ich an Kunden?“ verriet es mir sofort. Meine ganze Aufmerksamkeit war darauf gerichtet „zu versuchen, Kunden zu bekommen.“ Mein Fokus lag somit auf dem Versuch, auf dem Mangel, darauf, dass ich keine Kunden hatte. Das Resultat war, dass ich genau das weiterhin in meinem Leben kreierte.

Das ist so wie mit dem Schoko- und Vanilleeis. Wenn Sie gefragt werden, welches Eis Sie möchten und Sie sagen „Ich will kein Schoko-Eis“, dann ist Ihre Aufmerksamkeit weiterhin auf dem Schokoeis. Sie geben dem, was Sie nicht wollen weiterhin Aufmerksamkeit und damit Ihre Energie. Stattdessen können Sie Ihre Aufmerksamkeit verlagern und den Fokus darauf richten, was Sie wirklich wollen. Im Beispiel entscheiden Sie sich also für Vanilleeis, kaufen es und genießen es schließlich. In dem Moment, in dem Sie Ihren Fokus auf Vanille richten und sich dafür entscheiden, hat Schokolade keine Relevanz mehr, sondern verblasst automatisch.

Ich habe damals meine Aufmerksamkeit also neu ausgerichtet und mir eine andere Frage gestellt: „Was tut ein erfolgreicher Trainer, wie ist er in seinem Sein?“ Das war der Schlüssel. Damit lag meine Aufmerksamkeit auf „erfolgreicher Trainer“, auf der Fülle und nicht mehr auf dem Mangel. Ich habe meine Aufmerksamkeit immer wieder bewusst gedanklich und emotional auf die Rolle der erfolgreichen Trainerin gelenkt. Ich habe mich sozusagen in die Rolle hineinversetzt. Und es hat keine Woche gedauert, bis die Kunden bei mir anriefen und ich seither mit zahlreichen Trainings und Coaching-Terminen ausgebucht bin.

Wo Ihre Aufmerksamkeit hingeht, da geht Ihre Energie hin. Hier ein anderes Beispiel: Vor einigen Monaten sprach ich mit einer Freundin, die mir ihr Leid klagte: „Ich finde keinen gescheiten Partner. Ich kriege es einfach nicht hin. Dabei bemühe ich mich doch wirklich, ich bin sogar in einer dieser Internet-Partnerbörsen unterwegs.“ Ihre ganze Aufmerksamkeit ging in diesen Satz. Obwohl sie sich einen Partner wünschte, war der Fokus auf dem Mangel, auf dem Gedanken „Ich finde sowieso keinen.“ Stellte sie sich vor, mit ihrem Herzenspartner Hand in Hand spazieren zu gehen? Nein. Nahm sie selbst die Rolle einer Traumfrau ein? Nein, sie war lieber das kleine, traurige Häufchen Elend und suhlte sich in ihrer Opferrolle.

Du kriegst, was Du bist. Oder um es mit den Worten Frederick Dodsons auszudrücken „Realität ist nicht das, was Dir passiert ist, sondern das, was Du heute entscheidest zu SEIN. Alles andere ist der Versuch, einen Spiegel zum Lächeln zu bringen, bevor Du lächelst.“(*) Wenn Sie also versuchen, vom Leben Beweise zu fordern, dass sich doch bitteschön etwas ändert oder Sie einen Schritt machen können, dann machen Sie genau das: Sie stehen vor dem Spiegel und warten darauf, dass das Spiegelbild zuerst lacht. Viel Erfolg!

Die traurige, einsame Freundin ist übrigens mittlerweile glücklich verheiratet. Sie richtete ihre Aufmerksamkeit darauf, selbst eine strahlende Traumfrau zu sein und in einer glücklichen, erfüllten Partnerschaft zu leben.

Zeit zu experimentieren! Sie können lernen, auf Ihre Aufmerksamkeit zu achten, indem Sie Ihre Aufmerksamkeit bewusst von einer Sache auf die andere lenken. Probieren Sie doch einmal folgendes Experiment aus:

SCHRITT 1:
Nehmen Sie sich einen Moment Zeit und setzen Sie sich ganz entspannt hin. Schauen Sie sich nun im Raum um und lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit auf einen ganz konkreten Gegenstand. Es spielt keine Rolle ob es ein Buch, ein Glas, ein Schrank oder eine Blume ist. Schauen Sie nur diesen Gegenstand für etwa 15 Sekunden ganz bewusst an. Suchen Sie dann einen neuen Gegenstand aus und lenken Sie Ihre gesamte Aufmerksamkeit nun für 30 Sekunden darauf. Spüren Sie dabei, wie der erste Gegenstand plötzlich gar keine Relevanz mehr hat. Lassen Sie sich nicht von Geräuschen oder anderen Dingen ablenken (das geht so schnell). Wählen Sie schließlich einen dritten Gegenstand oder ein Bild aus und konzentrieren Sie sich weitere 45 Sekunden nur darauf.

Ist es Ihnen gelungen? Prima, Sie haben damit 1 ½ Minuten ganz bewusst die Kraft Ihrer Aufmerksamkeit genutzt. Großartig. Wie wäre es für Sie, das ab sofort für den Rest Ihres Lebens zu tun? Wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit wieder bewusst in Besitz nehmen, holen Sie sich einen entscheidenden Teil Ihrer Energie zurück. Vor allem aber holen Sie sich Ihre Kraft des Kreierens zurück.

Es kann übrigens sehr hilfreich sein, wenn Sie sich einen kleinen Erinnerungsfaktor, z. B. einen kleinen Stein, in die Hosentasche stecken. Jedes Mal, wenn Sie ihn berühren und bewusst spüren, wissen Sie, wo gerade Ihre Aufmerksamkeit ist. Sie können sich auch ein kleines Zeichen auf den Handrücken malen oder einen roten Bindfaden um den Finger binden. Was immer Sie darin unterstützen würde, sich an Ihre Aufmerksamkeit zu erinnern.

SCHRITT 2:
Wählen Sie jetzt einen Bereich aus Ihrem Leben, in dem es „klemmt“, wo etwas nicht im Fluss ist, oder wo Sie sich ein anderes Resultat wünschen. Stellen Sie sich nun nacheinander folgende Fragen:

Wo ist meine Aufmerksamkeit gerade?
Worauf ist sie am meisten gerichtet? Welche Gedanken haben Sie zu dem konkreten Thema? (Es kann übrigens auch „klemmen“, wenn Sie sich mit einem Thema einfach gar nicht beschäftigen, weil Sie scheinbar keine Zeit dafür haben). Richten Sie sozusagen Ihre Aufmerksamkeit auf Ihre Aufmerksamkeit. Wo steckt sie fest? Wo geben Sie Ihre Energie hin und damit Ihre Kraft? Beobachten Sie wirklich in Ruhe und werten Sie nicht (starten Sie also nicht den „Selbstgeißelungs-Modus“, getreu dem Motto „wie kann ich nur so blöd sein, ich richte meine Aufmerksamkeit die ganze Zeit auf etwas, das ich nicht möchte.“). Es ist entscheidend, dass Sie anerkennen, wo Ihre Aufmerksamkeit hingeht. Was Sie feststellen, ist nicht gut oder schlecht. Es ist wie es ist und produziert bestimmte Resultate in Ihrem Leben. Seien Sie sich selbst gegenüber ehrlich. Anerkennen Sie, dass Ihre Aufmerksamkeit vielleicht in eine unerwünschte Richtung geht.

Wo möchte ich meine Aufmerksamkeit und Energie tatsächlich hinlenken?
Was ist Ihnen wichtig? Was erfüllt Sie mit Freude? Lassen Sie zu, dass dabei Gedanken oder Bilder aufkommen, die vielleicht mit Ihrer aktuellen Situation nicht zusammenpassen. Es muss nicht logisch sein. Es geht nur darum, dass Sie Ihre Aufmerksamkeit auf das lenken, was Sie sich wünschen, was Sie tatsächlich erfüllt, was Sie erreichen wollen. Spüren Sie dabei, wie sich Ihre Stimmung verändert, wenn Sie den Fokus darauf richten, was Sie wirklich wollen. Stellen Sie es sich ganz konkret vor. Schlüpfen Sie in das Neue hinein, als wäre es schon real und verbinden Sie sich mit dem Gefühl, das dabei entsteht. Verbinden Sie sich mit der Freude, der Begeisterung, der Leichtigkeit.

Diese Übung können Sie in jedem Moment machen. Sobald Sie merken, dass Ihre Energie nachlässt oder Dinge wieder ins Stocken geraten, können Sie sich direkt diese beiden Fragen stellen. Wo ist meine Aufmerksamkeit gerade und wo möchte ich, dass sie hingeht. Welchem Gedanken möchte ich Energie geben? Was übrigens nicht funktioniert ist Manipulation. Wenn Sie versuchen, Ihre Aufmerksamkeit auf etwas Bestimmtes zu richten mit der Absicht, die Dinge oder Personen für sich zu manipulieren, schießen Sie sich ins eigene Knie. Wenn Sie z. B. Ihre Aufmerksamkeit darauf richten, dass Ihr Nachbar Sie nicht mehr anbrüllt oder Ihr Partner etwas Bestimmtes macht, damit Sie sich besser fühlen, dann geht der Schuss nach hinten los. Hier kommt genau das Thema Verantwortung ins Spiel. Es geht darum, dass Sie für Ihr Tun und Handeln Verantwortung übernehmen und nicht versuchen andere Menschen zu ändern. Wenn Sie versuchen, andere zu verändern, involviert das eine klebrige Manipulations-Energie, deren Fokus darauf gerichtet ist, dass die anderen nicht in Ordnung sind. Die Aufmerksamkeit bewusst auf etwas zu lenken hat nichts mit Manipulation zu tun.

Die Aufmerksamkeit auf die Aufmerksamkeit zu richten, erweist sich übrigens auch als sehr nützlich im Hinblick auf jede zwischenmenschliche Beziehung, sei es mit Freunden, mit Kollegen, mit den Nachbarn oder mit Ihrem Partner. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit darauf, was Ihr Partner alles falsch macht, was er nicht kann, was ständig schief geht? Oder richten Sie sich auf das aus, was wirklich großartig ist und auf das Potenzial, dass in Ihrer Beziehung steckt? Um es ganz flapsig auszudrücken: Machen Sie Ihren Partner zu einem Schwein oder zu einem König. Leben Sie mit Ihren Nachbarn auf Distanz oder in Gemeinschaft?

Und Männer, falls Sie immer schon mal wissen wollten, was Sie tun müssen, um mit Ihrer Frau oder Partnerin eine erfüllte Beziehung zu leben, so haben Sie nun den goldenen Schlüssel in der Hand. Wenn Sie mit ihr zusammen sind, legen Sie 100% Ihrer Aufmerksamkeit auf Ihre Partnerin. Sie spürt es, kann sich entspannen und ganz entfalten. Aber das ist ein anderes großes Kapitel und verdient einen eigenen Artikel oder gar ein Buch.

In diesem Sinne nutzen Sie die Kraft Ihrer Aufmerksamkeit und kreieren Sie sich ein Leben nach Ihren Wünschen.

Aufmerksame Herzensgrüße,
Ihre Nicola Nagel

(*) Frederick E. Dodson, Buch „Reality Creation Coaching – Synchronisiere die Welt nach Deinen Wünschen“


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Freitag, 15. April 2011

Oh wie schön ist es zu leiden – Über das tägliche zwischenmenschliche Drama

Neulich im Supermarkt: Ich stehe an der Fisch-Theke und möchte frischen Fisch kaufen. Nachdem die Verkäuferin diesen erst in Frischepapier eingewickelt hatte, wollte sie den Fisch zusätzlich in eine spezielle aluminiumbeschichtete Frischhalte-Plastiktüte verpacken. Ich fragte Sie, ob es möglich sei, die Tüte wegzulassen. Darauf sagte eine zweite Verkäuferin, die in 3 Meter Entfernung einen ganz anderen Kunden bediente, zu ihr: „Das darfst Du nicht, wir haben eine Vorschrift und aus Hygienegründen muss der Fisch in die Spezialtüte.“ Die Verkäuferin schaute mich fragend und verunsichert an und sagt dann zur Verkäufern B: „Aber, aber, aber die Dame möchte die Tüte nicht.“ Darauf Verkäuferin B wieder zu Verkäuferin A: „Wenn Du diese Vorschrift nicht befolgst, dann kriegst Du Ärger. Da würde ich mal lieber den Chef fragen.“ Es wurde langsam richtig spannend. Mittlerweile schauten mich nämlich 3 weitere Kunden mit einem Gesichtsausdruck an, der so viel sagte wie „Was ist das denn für eine, warum kann die nicht einfach den Fisch kaufen?“ Verkäuferin A ging also verunsichert und kopfhängend zum Chef, der ihr antwortete, dass es auch in Ordnung sei, wenn ich mir den Fisch in die Hosentasche stecken wolle. Wenn ich darum gebeten hätte, könne sie den Fisch auch ohne Tüte aushändigen. Daraufhin Verkäuferin B: „Was für Vorschriften gelten hier jetzt eigentlich noch. Ständig ändert sich was. Da weiß man ja gar nicht mehr, was man machen soll.“

Diese kleine Anekdote ließ in mir folgende Frage aufkommen: Warum machen wir uns tagtäglich das Leben selbst schwer, indem wir kleine oder große Dramen inszenieren, wenn doch die meisten Menschen eigentlich nur glücklich sein wollen? Das ist doch irgendwie absurd, oder?

Jetzt mögen Sie denken „Also ich bin nicht in solchen Dramen und gifte niemanden an.“ Lassen Sie uns daher gleich mit einem Experiment beginnen.

Experiment 1: Niederes Drama erkennen
Blicken Sie einmal auf die letzten 2 Tage zurück und beantworten Sie ganz ehrlich folgende Frage: Wie oft haben Sie in den letzten 48
  • sich gerechtfertigt,
  • eine Erklärung oder Ausrede angebracht,
  • jemand anderen beschuldigt,
  • eine andere Person ins Unrecht gesetzt,
  • sich über etwas oder jemanden beschwert,
  • darauf bestanden, dass Sie Recht haben,
  • über jemand anderen gelästert,
  • Groll gegen jemanden gehegt,
  • jemanden versucht zu manipulieren oder zu kontrollieren, oder
  • eine Diskussion mit jemandem geführt?
Hand auf’s Herz: haben Sie einen oder mehrere Treffer? Dann waren Sie im niederen Drama. Dabei ist es völlig unerheblich, ob Sie direkt mit einer Person im Gespräch waren, oder einen Dialog im Kopf geführt haben. Beides ist sogenanntes niederes Drama und entzieht Ihnen Energie. Was bedeutet niederes Drama nun genau?

Die Ursprünge stammen von Dr. Stephen Karpman, der das sogenannte Drama-Dreieck entwickelt hat. Er fand heraus, dass wir tagtäglich in verschiedene Rollen schlüpfen, die – wie bei einem Krimi - aus 3 Haupt-Charakteren bestehen: Opfer, Täter und Retter. Was denken Sie ist der stärkste Charakter?... Es ist das Opfer. Ohne Opfer gäbe es kein niederes Drama. Das Opfer besitzt zudem die Macht, jeden zum Täter zu machen.

Niederes Drama ist jede Handlung, die darauf ausgerichtet ist, Verantwortung zu vermeiden. Dieses Spiel basiert auf einem Mangel-Denken. Es gibt nicht genug Liebe, nicht genug tolle Jobs, nicht genug vom größten Tortenstück, nicht genug Anerkennung und Wertschätzung, nicht genug Urlaub und nicht genug Sonnentage. Kennen Sie jemanden, der sich schon einmal beschwert hat, dass das Wetter wieder einmal abscheulich und viel zu kalt sei? BEEP – niederes Drama. Waren Sie vielleicht schon einmal mit einem Bekannten verabredet, der zu spät kam und hörten sich sagen: „Mann, immer bist Du zu spät.“ Oder wie ist es mit Ihrem Partner? Hat er schon einmal die Tomaten falsch geschnitten oder die Zahnpasta Tube falsch ausgedrückt? Voilà, niederes Drama. Verfluchen Sie gelegentlich beim Autofahren einen anderen Fahrer, der Sie gerade geschnitten hat, oder beschweren Sie sich gerne, wenn Sie im Stau stehen? BEEP – auch das ist niederes Drama.

Jeder Streit, jeder abwertende Gedanke, jede Beschwerde, jede Rechtfertigung ist niederes Drama. Und – traurig genug - es ist das beliebteste Spiel in unserer Gesellschaft. Wenn Ihnen die Dramen im eigenen Leben ausgehen, brauchen Sie nur die Zeitung aufschlagen oder den Fernseher einschalten. Warum denken Sie sind die ganzen täglichen Soap Operas wie Lindenstraße oder Gute Zeiten-Schlechte Zeiten so beliebt?

Jede Charakterrolle im niederen Drama agiert aus einem bestimmten Gefühl heraus. Das Opfer agiert aus unbewusster Traurigkeit und denkt „Ich bin nicht okay, ich kann es nicht, ich bin nicht gut genug.“ Der Täter hingegen agiert aus der unbewussten Wut heraus und sagt über das Opfer (überspitzt formuliert) „Du bist nicht okay, also werde ich dich los.“ Der Retter hingegen agiert aus dem unbewussten Gefühl der Angst heraus und sagt über das Opfer „Du bist nicht okay, Du kannst es nicht und deswegen mache ich es für Dich.“

Neulich fragte mich ein Bekannter: „Moment, warum bin ich im niederen Drama, wenn ich jemandem doch nur helfen möchte?“ Das ist in der Tat ein guter Einwand. Gehören Sie auch zu den Menschen mit Helfersyndrom? Ich gehörte lange dazu. Ich hatte immer gleich eine Lösung parat, wenn jemand ein Problem hatte und habe unglaublich gerne für andere die Dinge gelöst. Wenn Sie jedoch jemanden retten, dann bieten Sie ungefragte Hilfe an. Das ist gegenüber dem Opfer absolut respektlos, denn damit kommunizieren Sie unterschwellig, dass das Opfer es Ihrer Meinung nach sowieso nicht kann. Eltern retten gerne ihre Kinder. Haben Sie einmal einen 3-Jährigen gesehen, der versucht hat, einen Turm aus Bauklötzen zu bauen? Wenn ein Erwachsener jetzt zu ihm kommt und sagt: „Schau mal, das geht so“ und den Turm einfach baut, was passiert dann? Richtig, der Knirps wird im nächsten Moment den Turm umhauen, weil er es selbst rausfinden und lernen möchte. Das gleiche können wir auf die Welt der Erwachsenen übertragen, nur dass unsere Probleme ein wenig komplexer sind.

Ein Trainingsteilnehmer sagte kürzlich „Moment, wenn mein Nachbar, mein Partner und ein Kollege sich anders verhalten würden, dann wäre ich auch wirklich glücklich und bräuchte mich nicht beschweren.“ Geht es Ihnen ähnlich oder haben Sie dies schon einmal gedacht? Warten Sie darauf, dass jemand anderes sich ändert, damit es Ihnen besser geht? Viel Erfolg. Damit sind Sie gerade in der Opferrolle und machen andere für Ihr Unglück oder Unwohlsein verantwortlich. Sie vermeiden die Verantwortung für Ihr eigenes Leben.

Die Frage ist, warum wir ständig diese Dramen inszenieren? Welchen Nutzen ziehen wir daraus?

Experiment 2: Welchen Nutzen ziehen Sie aus niederem Drama?
Nehmen Sie sich einmal ein Blatt Papier und lassen Sie eine der Situationen von niederem Drama, die Sie im ersten Experiment aufgedeckt haben, Revue passieren. Rufen Sie sich die Situation noch einmal genau vor Augen. Und jetzt stellen Sie sich einmal die Frage, welchen Nutzen oder Vorteil Sie daraus gezogen haben. Was hatten Sie davon? Schauen Sie genau hin und seien Sie ehrlich. Was hat Ihnen der Streit, die Diskussion, die Rechtfertigung, die Beschwerde gebracht? Warum haben Sie das gemacht?

Na, haben Sie offen und ehrlich Ihren Nutzen darlegen können? Hier einige Beispiele, warum niederes Drama so attraktiv erscheint:
  • Ich muss mich nicht verändern, sondern kann auf meinem alten Standpunkt beharren.
  • Ich fühle mich sicher.
  • Ich bekomme dadurch Aufmerksamkeit.
  • Ich bekomme dadurch Mitgefühl.
  • Ich muss keine Verantwortung übernehmen.
  • Ich fühle mich stark.Ich kann dominieren.
  • Ich muss meine Schwäche nicht zugeben.
  • Ich kann die Intensität von Nähe und Vertrautheit vermeiden.
  • Ich kann Rache üben (denn als Opfer kann ich sofort beweisen, dass jemand der Täter ist und dann habe ich das Recht mich zu rächen)
  • Ich kann beweisen, dass ich Recht habe.
Diese Punkte klingen wirklich attraktiv, oder? Aber ehrlich, durch niederes Drama ändert sich gar nichts. Das einzige, was Sie durch niederes Drama erreichen ist, dass Sie älter werden. Niederes Drama ist ein Festmahl für den Gremlin in uns, das kleine Monster, das Liebe, Nähe, Vertrautheit und Beziehung auffrisst (mehr darüber in meinem Artikel „Nehmen Sie Ihr Monster an die Leine“).

Nun höre ich die durchaus berechtigte Frage: „Ja und? Wie kann ich das jetzt vermeiden?“

Experiment 3: Wie Sie niederes Drama vermeiden
Entscheidend ist, dass Sie Ihre Wahrnehmung zunächst einmal schärfen, damit Sie niederes Drama erkennen. Schauen Sie zur Übung zum Beispiel einmal ganz bewusst eine Daily Soap Fernsehserie an. Sie können in jeder Szene glasklar die verschiedenen Rollen zuordnen: Opfer, Täter, Retter. Niederes Drama pur! Probieren Sie es einmal aus. Anschließend schauen Sie einmal bewusst Ihre eigenen zwischenmenschlichen Aktionen an. Wo, wann und mit wem sind Sie im niederen Drama?

Sie werden vielleicht die Erfahrung machen, dass Sie im Nachhinein niederes Drama erkennen: „Oh man, vorhin war ich tatsächlich im niederen Drama. Ich habe mit Gerhard gestritten.“ Geißeln Sie sich in dem Fall nicht selbst, sondern seien dankbar, dass Sie es gemerkt haben. Das ist ein entscheidender Schritt.

Dann wird der Moment kommen, in dem Sie feststellen, dass Sie jetzt gerade, in diesem Augenblick in einem niederen Drama sind und dann wird es spannend. Wenn Sie schon am Drama-Haken sind, oder Ihr Gegenüber Sie in ein Drama hineinziehen möchte, wie kommen Sie da heraus? Wie umschiffen Sie das Ganze? Hier einige Möglichkeiten, die Sie ausprobieren können:
  1. Verlassen Sie kurz den Raum mit den Worten: „Du, entschuldige bitte, ich bin sofort wieder da. Ich gehe kurz auf die Toilette.“ Dann gehen Sie raus, drehen sich auf der Toilette einmal um sich selbst und kommen mit der Absicht in den Raum zurück, ein konstruktives, beziehungsförderndes Gespräch zu führen.

  2. Benennen Sie das, was gerade passiert: „Du, ich nehme wahr, dass wir uns in einem Drama befinden und streiten. Jeder von uns möchte Recht haben und das macht mich traurig. Worum geht es hier wirklich? Was ist unsere Absicht?“ Sofort ist das Gespräch auf einer anderen Ebene, der sogenannten Metaebene und Sie führen ein Gespräch über das Gespräch.

  3. Bringen Sie Humor ins Spiel. Damit ist nicht gemeint, dass Sie den anderen lächerlich machen, sondern einen anderen „Drall“ in die Unterhaltung bringen, z. B. „Wusstest Du, dass man pro Stunde 1 neues graues Haar generiert, wenn man so diskutiert wie wir gerade?“

  4. Gehen Sie nicht-linear und kreativ vor und lenken Sie das Gespräch weg vom Drama. Wenn sich z. B. jemand bei Ihnen beschwert „Oh man, hier gibt es mal wieder nichts zu trinken in dieser Besprechung. Wie immer. Das finde ich so ätzend. Was sagst Du denn dazu?“ Greifen Sie ein Wort oder einen Gedanken aus dem Drama auf und gehen Sie mit der Unterhaltung ganz woanders hin: „Apropos trinken, neulich habe ich gelesen, dass die Tiere in der afrikanischen Savanne mehrere Tage ohne Wasser auskommen können. Warst Du schon mal in Afrika?“

  5. Weichen Sie dem Drama-Haken, den jemand ausschmeißt aus, indem Sie zustimmen. Viele Dramen entstehen allein dadurch, dass jemand sagt „Ja, aber…“ Es ist in unserer Gesellschaft so normal, „Ja, aber“ zu sagen. Damit geben Sie jedoch tatsächlich zu verstehen, dass alles, was der andere vorher ausgeführt hat, hinfällig ist und keinerlei Gültigkeit hat. Die Macht der Formulierung „Ja, aber“ ist sehr subtil und unglaublich kraftvoll, denn damit setzen Sie die andere Person herab. Wenn Sie zu einem Thema eine andere Meinung haben, wäre eine Möglichkeit mit „Ja, UND wie wäre es mit dieser Idee: …“zu antworten. Damit kann der Drama Haken bei Ihnen nicht landen, weil Sie in dem Moment ein JA für die andere Person sind. Sie erkennen an, was Ihr Gegenüber gesagt hat und können anschließend Ihren Aspekt anführen.

  6. Ein ganz entscheidender Punkt, um niederes Drama zu vermeiden ist zudem, dass Sie VON SICH SELBST SPRECHEN. Vermeiden Sie zu sagen „Du hast ja das-und-das gemacht/gesagt.“Sagen Sie der anderen Person stattdessen, wie es Ihnen geht und was bei Ihnen angekommen ist: „Was ich Dich habe sagen hören, ist ...“ oder „Bei mir kommt es so-und-so an und das macht mich wütend / ängstlich / traurig / froh, weil….“Dadurch kommen Sie erst gar nicht in diese bleischwere Rechtfertigungs- und Beschuldigungsschleife.“

  7. Bleiben Sie neutral. Vielleicht ist der andere gerade gestresst oder hatte einfach einen schlechten Tag. Versuchen Sie in einer neutralen Lücke zu bleiben. Das können Sie z. B. üben, indem Sie Ihren Partner oder eine Freundin bitten zu versuchen, Sie zum Lachen zu bringen. Finden Sie die neutrale Lücke in Ihrem Kopf, sodass Sie nicht lachen. Gleiches können Sie dann auf das niedere Drama übertragen. Sie sehen, wie der andere im Drama ist und sich aufregt, aber müssen nicht mit einsteigen. Sie können auch bildhaft im Kopf ein Schild aufstellen mit der Aufschrift „STOP! Da nicht hingehen!“

Mit ein wenig Übung werden Sie schon bald niederes Drama aus 10 Meter Entfernung erkennen und sagen können: „Oh, da hinten kommt ein niederes Drama“. Und das ist dann der Moment, wo Sie niederes Drama schon im Vorfeld vermeiden und eine völlig neue Art des Kontakts und der Beziehung erschaffen können.

Wundern Sie sich übrigens nicht, wenn sie plötzlich viel mehr Energie zur Verfügung haben und nicht mehr so gestresst sind. Niederes Drama entzieht uns unglaublich viel Energie und die steht ihnen zur freien Verfügung, sobald sich Ihr inneres Monster nicht mehr von niederem Drama ernährt.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine entspannte, Drama-freie Zeit und viel Energie.

Herzliche Grüße,
Ihre Nicola Nagel



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Dienstag, 15. März 2011

„Darf es ein bisschen mehr sein?“ - Wie Gefühle uns professionell dienen

Die Technologie ist heutzutage ja schon sagenhaft. Die meisten Dinge in unserem Leben funktionieren vollautomatisch. Morgens bekommen wir per Knopfdruck einen Espresso, dank Handy sind wir überall erreichbar, wir können im Internet einkaufen und falls wir doch einmal irgendwo hinfahren müssen, weist uns das Navigationssystem den Weg. Ist das nicht toll? Es ist so normal in unserer modernen Gesellschaft, diese ganze fortschrittliche Technologie tagtäglich einzusetzen, dass wir vollkommen vergessen haben, welch komplexe und unglaubliche Technologie wir in uns tragen.

Wie wäre es zum Beispiel für Sie, ein Navigationssystem zu haben, das Sie sicher auf Ihrem Lebensweg leitet und sogar gänzlich ohne Strom auskommt? Das klingt nach einer verrückten Idee der Zukunft? Weit gefehlt. Es ist eine der ältesten menschlichen Technologien. Sie haben dieses Navi bereits in sich, Sie müssen es nur aktivieren.

Das Navigationssystem, von dem ich spreche, sind unsere Gefühle. Sie leiten uns zielsicher durchs Leben und geben uns klare Anweisungen, was zu tun ist. Die Gefühle sagen uns zum Beispiel, ob wir eine Entscheidung treffen oder eine Grenze setzen müssen. Sie ermöglichen uns mit anderen Menschen in Kontakt zu gehen und Herzensverbindungen aufzubauen. Sie befähigen uns in Aktion zu treten, andere zu begeistern, zu führen oder auch Dinge aus dem Nichts heraus zu kreieren.

Lassen Sie uns einmal gemeinsam schauen, wie dieses Gefühls-Navi funktioniert. Welche Gefühle gibt es überhaupt? Das Tolle ist, es gibt nur VIER Gefühle (das kriegen selbst die Männer hin):

WUT - TRAURIGKEIT – FREUDE - ANGST

Dies sind sogenannte Gefühls-Territorien, die verschiedene Begriffe beinhalten können. So würde zum Beispiel der Begriff Hass in das Territorium der Wut gehören, während Nervosität oder Unsicherheit dem Bereich der Angst zuzuordnen sind. Diese 4 archetypischen, also ursprünglichen Gefühls-Territorien sind in uns fest verankert, d. h. sie gehen niemals weg.

Neulich sagte jemand zu mir: „Ja, aber genau das ist ja die Krux, dass diese Gefühle niemals weggehen. Es wäre besser, sie wären nicht da, oder wenn überhaupt dann nur die Freude.“ Die Freude darf eventuell bleiben, aber die anderen 3 Gefühle können gelöscht werden? Friede, Freude, Eierkuchen? Viel Erfolg damit. Das ist ungefähr so, als würde man uns beide Beine und einen Arm gleichzeitig amputieren. Damit lebt es sich nicht wirklich vorteilhaft.

Die Frage ist vielmehr, wieso diese Meinung in unserer Gesellschaft vorherrscht, dass es nicht okay ist, zu fühlen. Denn genau so werden wir erzogen: es ist nicht in Ordnung, die Gefühle zu zeigen. Wir haben bitte zu funktionieren, so wie es einer hoch technisierten Gesellschaft gebührt. Kürzlich hat ein Bekannter auf diese Aussage hin protestiert. Er sagte: „Moment mal, ich wage zu behaupten, dass ich sehr wohl dahin gehend erzogen wurde, dass ich Gefühle zeigen darf. Vor allem Freude, das ist doch ein positives Gefühl. Aber auch Wut, Angst und Traurigkeit darf ich zeigen. Das ist zwar nicht so konstruktiv, aber ich darf sie zeigen.“ Würden Sie ähnliches sagen? Falls ja, hier die Anschlussfrage, die ich meinem Bekannten stellte: „Es gibt also ein positives und 3 negative Gefühle?“ In dem Moment ging ihm das Licht auf, dass auch er eine verurteilende Wertung über die Gefühle in sich trug und die als negativ abgestempelten Gefühle damit nicht okay waren.

Und genau darum geht es. Die Gefühle sind in unserem Denken und in unseren Nervenzellen negativ verankert. Lassen Sie uns diese alte Sichtweise einmal anschauen.

Experiment 1: Was denken Sie über die 4 Gefühle?
Nehmen Sie einmal ein leeres Blatt Papier und malen Sie mit einem Stift ein Kreuz darauf, welches das Blatt in 4 Quadranten einteilt. Schreiben Sie ganz oben als Überschrift „4 Gefühle – Alte Sicht“. Nun beschriften Sie jeden Quadranten. Beginnen Sie oben links und schreiben Sie im Uhrzeigersinn jeweils die Gefühle Wut, Traurigkeit, Freude und Angst als Überschrift. Stellen Sie sich jetzt die Frage: „Warum ist es nicht okay, Wut zu fühlen?“ Schreiben Sie in den Wut-Quadranten, was Ihnen dazu einfällt, z. B. zerstörerisch, kindisch, usw. Nehmen Sie sich Zeit. Machen Sie dann die gleiche Übung mit den Quadranten Traurigkeit, Angst und Freude, bevor Sie diesen Artikel weiterlesen.

Na, gemogelt und einfach weitergelesen? Ich lade Sie herzlich ein, erst die Liste zu erstellen, um das Größtmögliche aus diesem Artikel zu ziehen.

Hier sind einige Gründe, warum es nicht okay ist, eines der vier Gefühle zu fühlen:

1. WUT: ist zerstörerisch, kindisch, unkontrolliert, verletzend, negativ, unseriös, unzivilisiert, nicht logisch, gefährlich, zerstört Vertrauen + Nähe, ist zu vermeiden.

2. TRAURIGKEIT: ist kindisch, albern, negativ, introvertiert, nicht cool, zieht andere runter, Heulsuse, wir sind bitteschön eine Spaßgesellschaft.

3. ANGST: ist negativ, unprofessionell, blockiert, man ist feige und wird zum Weichei oder Schattenparker deklariert, man ist schwach und im Job kann man mit so einer Qualität nicht führen.

Jetzt wird es spannend: Warum ist es nicht okay Freude zu fühlen? Was passiert, wenn Sie den ganzen Tag grinsend im Büro sitzen?

4. FREUDE: ist kindisch, albern, unprofessionell, verursacht Neid bei anderen, man ist ein Clown und nicht ernst zu nehmen, man wird gefragt „Was grinst Du denn so? Hast Du was geraucht oder hast Du heute die Nachrichten noch nicht gehört?“

Haben Sie ähnliche Begriffe auf Ihrem Blatt? Sie sehen also, es ist in unserer Gesellschaft nicht in Ordnung zu fühlen. Fakt ist jedoch, dass Gefühle an sich neutral sind und zwar so neutral wie die 4 Himmelsrichtungen auf einem Kompass. Ist Norden gut und Süden schlecht?

Lassen Sie uns einmal das wilde Experiment machen, eine andere Annahme über Gefühle zu treffen.

Experiment 2: Wie können Ihnen die Gefühle dienen?
Nehmen Sie ein neues Blatt Papier und teilen Sie es wieder in 4 Quadranten ein. Beschriften Sie die Quadranten wieder mit Wut, Traurigkeit, Angst und Freude. Schreiben Sie diesmal oben als Überschrift „4 Gefühle – Neue Sicht“. Nun lassen Sie uns eine neue Annahme treffen und schreiben Sie diese direkt unter die Überschrift. Die Annahme lautet: Gefühle sind neutrale Energie und Information, die uns professionell dienen.

Überlegen Sie nun einmal, wie Ihnen Wut, Traurigkeit, Angst und Freude in Ihrem Leben, beruflich wie privat, professionell dienen könnten. Was könnten Sie z. B. mit Wut machen? Was mit Traurigkeit? Schreiben Sie wieder in jeden Quadranten, was Sie Ihrer Meinung nach mit dem jeweiligen Gefühl verantwortlich machen könnten.

Nicht mogeln…

Hier sind einige Beispiele, wie Gefühle uns professionell dienen und was Sie konkret damit machen können.

1. WUT: Grenzen setzen, Ja/Nein sagen, etwas beginnen oder beenden, in Aktion treten, Entscheidungen treffen, Aufräumen, Verantwortung übernehmen, Klarheit schaffen.

2. TRAURIGKEIT: Dinge loslassen, kommunizieren, akzeptieren, in Kontakt mit anderen sein, Herzensverbindungen aufbauen, Mitgefühl entwickeln, Nähe und Vertrautheit zulassen, verletzlich sein.

3. ANGST: kreativ sein, Dinge aus dem nichts heraus kreieren, in unbekanntes Gebiet gehen, mich neuen Erfahrungen aussetzen, Grenzen erforschen, Gefahren erkennen, planen.

4. FREUDE: motivieren, begeistern, Menschen zusammenführen, ein Team führen, in Aktion treten, Dinge leicht nehmen, im Fluss sein, Regeln brechen, über den Tellerrand schauen.

Erstaunlich, oder? Wir haben nur eine neue Annahme getroffen und schon haben Sie eine andere Sicht auf die Gefühle. Wie wäre es für Sie, sich die neue Sicht über Gefühle zu eigen zu machen? Es ist Ihre Wahl. Sie können Opfer der Gefühle sein, oder Sie können sich die Weisheit und Kraft Ihrer Gefühle zu Nutzen machen.

Die Gefühle müssen übrigens nicht erst riesig werden, damit Sie diese für sich nutzen können. Bereits mit 3% Wut können Sie z. B. eine Grenze setzen.

Hier ein Beispiel: Eines Tages saß ich auf dem Balkon und freute mich auf einen schönen lauen Sommerabend bei 28° Celsius. Herrlich. Kaum saß ich jedoch in der Stille des Abends, brach ein unglaublicher Lärm los. Die Fenster vom Nachbarhaus standen aufgrund der Hitze weit offen, es war 20:15 Uhr und es dröhnte plötzlich „Herzlich willkommen zu der Hitparade der Volksmusik“ – ufftata, ufftata lärmte sogleich die Blasmusik vom Fernseher herüber. Und schwupp war sie da, die Wut. Auf einer Skala von 0 bis 100% lag sie bei ca. 3%. Also überlegte ich, was ich damit machen könnte. Ich könnte reingehen und die Wohnung putzen, was aufgrund des schönen Wetters nicht sehr verlockend klang. Ich könnte diese Wut aber auch verantwortlich nutzen, zu dem Nachbarn herüber gehen, den ich bis dahin nicht kannte und ihm eine Grenze setzen. Gesagt, getan. Ich ging also rüber und klingelte, was zunächst niemand hörte, weil ja die Hitparade so laut dröhnte. Nachdem ich alle Klingeln am Haus durchprobiert hatte, öffnete ein Mann mittleren Alters.

Und jetzt Achtung: Wenn Sie eine Grenze setzen, empfehle ich Ihnen, den anderen nicht gleich anzublöken und ihn auch nicht an den Pranger zu stellen, sonst ist die Kommunikation zu Ende, bevor sie begonnen hat. Erzählen Sie stattdessen von sich. Wie geht es Ihnen in dem Moment?

Bei mir hörte sich das so an: „Hallo, mein Name ist Nicola Nagel…(der Nachbar grüßte zurück). Ich bin Ihre Nachbarin von schräg gegenüber. Wir hatten noch nicht die Gelegenheit, uns kennenzulernen. Ich habe eine Bitte. Ich sitze auf dem Balkon und mir ist aufgefallen, dass in Ihrem Haus bei offenem Fenster ein Fernseher sehr laut an ist, sodass ich das Fernsehprogramm sehr gut verfolgen kann. Ich bitte Sie, das Fenster zu schließen oder den Fernseher leiser zu machen? Denken Sie, das ist möglich?“ Ihm war die Lautstärke gar nicht bewusst. Er willigte sofort ein und bedankte sich sogar für den Hinweis. Ich saß noch nicht wieder auf meinem Balkon, da war das Fenster bereits zu und…meine Wut war weg.

Das ist das Spannende: Sobald Sie ein Gefühl verantwortlich genutzt haben, ist es weg, denn Sie haben die Energie und Information dann entsprechend umgewandelt.

Experiment 3: Beginnen Sie wieder bewusst zu fühlen
Machen Sie sich mit ihrem Gefühls-Navigationssystem wieder bewusst vertraut, z. B. mit folgendem Experiment: Bitten Sie Ihren Partner oder eine Freundin um 10 Minuten Zeit, um dieses Experiment des bewussten Fühlens durchführen zu können. Sie werden vielleicht Angst spüren, diese Bitte auszusprechen. Überlegen Sie jedoch auf welcher „Gefühls-Landkarte“ Sie sich bewegen. Wenn Sie sich von der Angst blockieren lassen und die Bitte nicht äußern, sind Sie auf der alten Karte der Gefühle. Wenn Sie die Angst wahrnehmen, ihr vertrauen und Sie den anderen trotzdem um dieses Experiment bitten, sind Sie auf der neuen Karte der Gefühle. Was kann Ihnen denn passieren, außer, dass Sie eine spannende neue Erfahrung im Fühlen machen? Gehen Sie mit dieser Angst ins Unbekannte und falls es zu intensiv wird, atmen Sie einfach weiter und versuchen Sie es auszuhalten.

Setzen Sie sich gegenüber hin, idealerweise ohne dass ein Tisch dazwischen steht. Bitten Sie die andere Person in einer offenen Körperhaltung einfach nur dazusitzen, Arme und Beine nicht zu verschränken und die Handflächen flach auf die Oberschenkel zu legen (gleiches gilt für Ihre Körperhaltung). Die Aufgabe des Partners ist es, in dieser Haltung da zu sein, Ihnen die ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken und NICHTS zu sagen, nicht zu lachen und auch nicht mit dem Kopf zu nicken.

Nun sind Sie dran. Was fühlen Sie? Spüren Sie in sich hinein und sprechen Sie es aus während Sie der anderen Person in die Augen schauen:. „Ich fühle mich (ängstlich/wütend/traurig/froh), … weil…“. Achten Sie darauf, dass Ihr Verstand das Gefühl nicht vorher editiert. Sagen Sie, was gerade da ist, z. B. „Ich fühle mich froh, weil Du Dir die Zeit nimmst, mit mir das Experiment zu machen.“ Und dann spüren Sie wieder hin und sagen gleich den nächsten Satz: „Ich fühle mich wütend, weil der Stuhl so hart ist und ich unbequem sitze.“ „Ich fühle mich traurig, weil Du so weit weg sitzt und ich mich dadurch getrennt fühle.“ „Ich fühle Angst, weil Du mich auslachen könntest, wenn ich so weiterrede.“ Versuchen Sie, alle kleinen Regungen in sich wahrzunehmen und diese einem der vier Gerfühls-Territorien zuzuordnen.

Kommen Sie dann nach 10 Minuten zum Ende und bleiben Sie eine weitere Minute über die Augen in Kontakt ohne zu sprechen. Bedanken Sie sich anschließend bei Ihrem Partner, dass er sich die Zeit genommen hat. Vielleicht mag er das Experiment nun umgekehrt auch ausprobieren.

Ich lade Sie ein, bei diesem Experiment ein Risiko einzugehen. Kommunizieren Sie das Gefühl, das Sie gerade in sich tragen. Sie werden erstaunt sein, welche subtilen Gefühle in Ihnen aktiv sind und wie sich durch diese Kommunikation die Qualität Ihrer Beziehungen verändert. Indem Sie nämlich Ihre Gefühle ausdrücken, teilen Sie etwas von sich mit, was der anderen Person erlaubt, sich gleichermaßen zu öffnen.

Machen Sie es sich zur Praxis, Ihre Gefühle auf diese Art und Weise mitzuteilen, damit Sie wieder Zugang zu Ihrem inneren Navigationssystem bekommen, in einer hochtechnisierten Gesellschaft authentisch menschlich bleiben können und auf die Frage „Darf es ein bisschen mehr sein?“ schon bald antworten können „Ja, bitte mehr Gefühl.“

Herzliche Grüße,

Ihre Nicola Nagel

Buchtipp: Falls Sie mehr über die Weisheit und Kraft der Gefühle wissen möchten, empfehle ich Ihnen das Buch „Die Kraft des bewussten Fühlens“ von Clinton Callahan.



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