Sonntag, 9. Januar 2011

Nehmen Sie Ihr Monster an die Leine

Um jegliche Missverständnisse vorweg zu nehmen: Ich meine mit Monster weder Ihre Schwiegermutter noch Ihren Partner. Heute geht es vielmehr um das Monster in Ihnen.

„Ich? Ein Monster? Ich habe kein Monster in mir! Ich bin ein total netter Mensch! Was soll denn das?“

Na, haben Sie gerade so etwas Ähnliches gedacht? Prima, das ist der beste Beweis dafür, dass Ihr Monster soeben aktiv war. Ehrlich. Ihr Monster ist vor lauter Schreck aufgewacht und tut gerade alles Mögliche, um nicht entlarvt zu werden. Sagen Sie Ihrem Monster einen schönen Gruß, jetzt geht es ans Eingemachte. Wir werden es im Laufe des Artikels beim Namen nennen und einige Machenschaften aufdecken, die Sie erkennen lassen, warum in Ihrem Leben manchmal einige Dinge vielleicht nicht so harmonisch verlaufen, ein Streit aus dem Nichts losbricht, Dinge nicht vorangehen oder Beziehungen an einem bestimmten Punkt stehenbleiben oder gar aufhören.

Sie sind übrigens nicht allein auf weiter Flur. Jeder Mensch hat ein Monster in sich. Ich nenne es auch gerne den Gremlin. Wir werden in unserer Spaßgesellschaft jedoch ständig darauf trainiert, diesen zu ignorieren, denn alles hat nach Möglichkeit bitteschön immer nett und harmonisch zu sein. Tatsache ist aber, wenn Sie Ihr Monster leugnen, dann leugnen Sie einen ganz wichtigen Teil von sich. Dann akzeptieren Sie sich nicht in Ihrer Vollständigkeit mit allen Aspekten, die Sie sind.

Und um mit einem ganz großen, weit verbreiteten Missverständnis endgültig aufzuräumen: DER GREMLIN IST NICHT SCHLECHT! Im Ernst, Sie brauchen Ihren Gremlin. Er ist Ihr Freund. Es geht jedoch darum, sich Ihres Gremlins bewusst zu werden, sodass er nicht länger Ihr Leben unbewusst beherrscht, sondern Sie ihn. Wenn Sie Ihren Gremlin nicht bewusst an die Leine nehmen, beherrscht er Ihr Leben, ohne dass Sie es mitbekommen, denn der Gremlin ist ein wahrer Künstler in unbewusst ausgeführten Aktionen.

Lassen Sie uns ein wenig konkreter werden. (Na, sagt Ihnen gerade eine Stimme, dass dieser Artikel ja Quatsch ist und Sie gar keine Lust oder Zeit haben, ihn weiterzulesen? Schöne Grüße vom Gremlin!)

Haben Sie schon einmal eine der folgenden Situationen erlebt?

Beispiel 1: Sie sitzen Sonntagmorgen gemütlich beim Frühstück mit dem Partner oder der Familie und genießen die Harmonie am Tisch. Plötzlich fällt ein Wort und eine Diskussion bricht los, die die eben noch wundervolle Harmonie komplett zerstört. Nach dem Frühstück beim Aufräumen fragen Sie sich dann, woher bloß diese Diskussion kam.

Beispiel 2: Sie genießen einen Abend mit Freunden in gemütlicher Runde. Sie haben eine angeregte Unterhaltung, die dabei ist, sehr tiefgründig zu werden. Plötzlich macht einer der Freunde (oder Sie) einen flapsigen Witz und das Gespräch geht in eine ganz andere, oberflächliche Richtung.

Beispiel 3: Sie stehen mit Kollegen zusammen bei einem Kaffee. Ehe Sie sich versehen, wird in der Unterhaltung über andere Kollegen ein bisschen gelästert, hier ein kleiner Witz über das Kleid der Kollegin, dort eine spitze Bemerkung über das Verhalten des Kollegen im Meeting.

Beispiel 4: Sie erzählen Ihrem Partner etwas und er sagt, „Nein, das war doch ganz anders.“ Sie sagen daraufhin:“Nein, ich bin mir sicher, dass es so war, wie ich gesagt habe.“ Darauf ihr Partner: „Nein, das stimmt nicht.“ Darauf Sie: „Doch, ich war doch dabei.“

Hand auf’s Herz, kommen Ihnen solche Situationen bekannt vor? DAS sind einige wenige Facetten des Gremlins. Lassen Sie uns noch klarer die Machenschaften des kleinen Monsters umreißen. Hier einige Dinge, die der Gremlin liebt:

Recht haben, andere klein machen, Witze über andere reißen, Nähe und Vertrautheit zerstören, ein Urteil über jemanden fällen ("so ein Idiot"), sich rechtfertigen, Intimität zerstören, Rachegedanken hegen oder sogar Rache üben, Groll hegen, Besserwissen, Lästern, übermäßig viel essen, Schokolade oder anderes ungesundes Zeug futtern, Alkohol trinken, arrogant sein, Dinge oder Menschen ignorieren, andere durch Worte verletzen oder durch Blicke töten, träge auf der Couch rumhängen, Fernsehschauen, Computerspiele, Internetsex, eifersüchtig sein, ein Drama inszenieren, schadenfroh sein, die guten Neujahrsvorsätze verschieben, faule Ausreden suchen, mit anderen konkurrieren, Lügen (vor allem die kleinen scheinbar harmlosen Notlügen), sich über andere stellen, beim Autofahren (oder auch sonst) über andere schimpfen, etc.

Ehrlich, wenn Sie im Auto fahren und Ihr Monster sitzt nicht neben Ihnen auf dem Beifahrersitz, raten Sie mal, wer fährt…

Na, war etwas Passendes in der Liste für Sie dabei? Wir können die Liste unendlich weiterführen. Die Facetten des Gremlins sind sehr vielfältig und seine Handlungen reichen von ganz offensichtlich bis subtil und kaum erkennbar. Es gibt dabei auch unterschiedliche Arten von Monstern. Da gibt es die, die einmal im Monat einen richtig satten Streit mit dem Partner oder den Kollegen brauchen, der dann durchaus schon mal 2-3 Tage dauern kann. Dann ist alles Mist, alles geht schief, die anderen sind an allem Schuld und überhaupt, wenn die anderen nicht wären, würde es Ihnen sowieso besser gehen. Dann gibt es die Gremlins, die sich einmal die Woche von einem größeren Drama ernähren oder Groll gegen andere hegen. Und dann wäre da noch die Kategorie der Snacker. Die Snacker-Gremlins reißen mehrmals täglich mal hier ein kleines Witzchen über jemanden, lassen da eine spitze Bemerkung fallen, ziehen dort etwas ins lächerliche, oder futtern hier gern noch ein Stückchen Schokolade. Apropos Schokolade: haben Sie das schon einmal erlebt, dass Ihre Hand wie ferngesteuert den Küchenschrank aufmacht, die Schokolade greift, schwupps einen Riegel verschlingt und Sie sich hinterher sagen „Mann, eigentlich wollte ich doch gar keine Schokolade essen“? Das funktioniert auch mit Wurst, Käse, Kuchen, Bier, Wein, oder sonstigen Leibspeisen des Gremlins.

Der Gremlin ist wirklich clever! Umso wichtiger ist es, dass Sie ihn kennenlernen. Studieren Sie Ihren Gremlin. Seien Sie ehrlich mit sich und beginnen Sie einmal mit diesen Experimenten, um sich Ihres Gremlins bewusst zu werden:

Experiment 1: Welchen Typ Gremlin besitzen Sie?
Lassen Sie den letzten Monat einmal Revue passieren. Schließen Sie vor allem auch die Weihnachtszeit mit ein, denn da veranstaltet der Gremlin nämlich gerne einen Festschmaus. Finden Sie heraus, welche Art Gremlin Sie haben. Ist er ein Drama-König der selten aber dafür richtig saftig zuschlägt, oder ist er eher ein Snacker, der regelmäßig durch kleine Witze und Diskussionen Nähe und Vertrautheit zerstört? Vielleicht ist er auch eine Typ-Mischung.

Experiment 2: Was ist die Lieblingsspeise Ihres Gremlins?
Schauen Sie einmal genau hin, was die Lieblingsspeise Ihres Gremlins ist. Wo, wann, wie oft und mit wem zerstört Ihr Gremlin Nähe und Vertrautheit. Schreiben Sie es auf (Ihr Gremlin wird das hassen). Gibt es vielleicht eine Person, die einen bestimmten Trigger-Effekt auf Sie hat, die also quasi einen roten Knopf bei Ihnen drückt und Ihr Monster dann gleich wie ein HB-Männchen aufspringen und zum Gegenangriff übergehen lässt? Oder tötet Ihr Gremlin vielleicht andere durch Besserwisserei und Rechthaben? Schauen Sie sich oben noch einmal die Beispiel-Liste an. Sie werden erstaunt sein, wie gut Sie bereits wissen, was Ihr Gremlin gerne mag. Schließen Sie auch die physische Nahrung mit ein. Mag Ihr Gremlin gerne Bier, Wein, Schokolade, oder Salami am Stück? Worauf greift er immer wieder zurück? Mein Gremlin ist z. B. ein perfektionistischer und manchmal besserwisserischer Herrscher, der sich am liebsten nur von Käse und Nudeln in allen Variationen ernähren würde.

Experiment 3: Machen Sie eine kleine Skizze von Ihrem Monster und geben Sie ihm einen Namen
Ja, wirklich, gönnen Sie sich diesen Spaß. Mein Monster hat zum Beispiel den Namen Fuchsia. Es ist weiblich, hat messerscharfe Krallen, feuerglühende Augen, Dämonen-Ohren, spitze Reißzähne und eine ledrige Haut. Nehmen Sie sich doch einmal einen Moment Zeit und beschreiben Sie, wie Ihr Monster aussieht. Malen Sie eine kleine Skizze, einfach so zum Spaß. Das mag Ihr Monster übrigens gar nicht, also wundern Sie sich nicht, wenn Sie gerade einen Widerstand spüren, das zu tun oder eine Stimme, die da sagt „Ich kann nicht malen, so ein Quatsch…“ Malen Sie es trotzdem. Ihr Monster zu kennen, ist von unschätzbarem Wert.

Nun kennen Sie Ihren Gremlin schon ziemlich gut. Und noch einmal: Der Gremlin ist nicht schlecht! Wenn er jedoch unbewusst Ihr Leben dominiert, erhalten Sie die entsprechenden Ergebnisse. Fangen Sie jetzt stattdessen an, Ihren Gremlin bewusst an die Leine zu nehmen. Wie geht das? Hier 3 Übungen für den Anfang:

1. Richten Sie bewusste Fütterungszeiten ein.
Wenn Sie das tun, dann muss das Monster sich nicht mehr unkontrolliert von Dramen ernähren und vielleicht in Momenten zuschlagen, wenn Sie es nicht gebrauchen können. Setzen Sie einen konkreten Tag und eine konkrete Uhrzeit fest. Die Fütterungszeit von meinem Gremlin Fuchsia ist z. B. Samstag zwischen 10 und 22 Uhr. Und bitte: legen SIE die Fütterungszeit fest. Wenn eine kleine Stimme sagt „Ok, Fütterungszeit ist jetzt jeden Tag von 10 bis 20 Uhr“ dann raten Sie mal, wer diese Zeit vorgibt.

2. Wählen Sie bewusst die Nahrung für Ihren Gremlin.
Erlauben Sie z. B. keine Streits oder Diskussionen mit dem Partner. Machen Sie Ihr zuhause definitiv zur Gremlin-freien Zone. Wählen Sie stattdessen, dass Ihr Gremlin Kuchen oder Schokolade essen darf, einen Film im Fernsehen anschauen oder ein Computerspiel spielen darf. Vielleicht möchten Sie ihm auch erlauben, ein Glas leckeren Rotwein zu sich zu nehmen. Ihr Gremlin wird das am Anfang wirklich blöd finden. Er wird versuchen, diese Fütterungsregel zu brechen und z. B. aus einem Glas Rotwein eine ganze Flasche zu machen oder noch andere Tage als Fütterungszeit auszuwählen. Bleiben Sie konsequent! Auch wenn Sie z. B. am Samstag vergessen haben, Ihren Gremlin zu füttern, holen Sie das nicht am Sonntag nach, sondern warten Sie bis nächsten Samstag. Ihr Gremlin wird irgendwann aufgeben, weil er merkt, dass Sie jetzt das Zepter in der Hand haben und sich um ihn kümmern.

3. Geben Sie ihrem Gremlin interessante Aufgaben.
Vielleicht haben Sie sich schon folgende Frage gestellt: „Was mache ich denn den Rest der Zeit, wenn ich merke, dass mein Monster am liebsten aufspringen würde?“ Sagen Sie wie bei einem Hund ganz einfach, aber bestimmt „Sitz!“ und geben Sie ihm stattdessen attraktive Aufgaben. Sie können ihn z. B. damit beauftragen, etwas bestimmtes, was sie seit längerem suchen, ausfindig zu machen. Sie können ihn dafür benutzen den Vorstand in der Firma oder eine andere wichtige Person anzurufen und endlich Ihr Anliegen vorzubringen, wovor Sie bisher zurückgeschreckt sind. Ihr Gremlin kennt keine Grenzen und kann ganz sicher zum Hörer greifen. Lassen Sie ihn die Garage aufräumen oder Klarheit in Ihr Büro bringen. Und um noch einmal auf das Beispiel beim Autofahren zurückzukommen: sagen Sie ihrem Monster, es soll die Autos ausfindig machen, in denen andere Gremlins am Steuer und nicht auf dem Beifahrersitz sitzen (z. B. wenn Sie eine Lichthupe hinter sich haben, Sie geschnitten werden, Sie angehupt werden, weil Sie einparken wollen usw.).

Und: seien Sie sanft mit sich selbst. Wenn sie merken, dass Ihr Gremlin mal wieder zugeschlagen hat, aber keine Fütterungszeit war, geben Sie sich nicht selbst Schelte. Machen Sie sich einfach bewusst „Ah, stimmt, das war der Gremlin“ und seien Sie dankbar dafür, dass Sie ihn erkannt haben. Wenn Sie sich Ihres Gremlins immer mehr bewusst werden, dann erleben Sie eine völlig neue Qualität in Ihren Beziehungen, sei es zu Ihrem Partner, Freunden, Kollegen oder auch zur Schwiegermutter. Ehrlich, bisher hat Ihr Gremlin nichts lieber getan, als Nähe und Vertrautheit und damit Beziehung zu zerstören, es war Ihnen nur nicht bewusst. Jetzt können Sie ihn bewusst an die Leine nehmen und ein neues Spiel spielen.

In diesem Sinne, neckisch-lachende Gremlin-Grüße,

Ihre Nicola Nagel

Sonntag, 12. Dezember 2010

Wenn es in der Stillen Nacht zuhause mal so richtig kracht…

Bald ist Weihnachten. Freuen Sie sich auch schon auf ein paar ruhige, harmonische Tage mit Ihrem Partner oder Ihrer Familie? Gerade vor Weihnachten scheinen die Menschen noch gehetzter zu sein, als das restliche Jahr. Die Kaufhäuser sind überfüllt, jeder ist auf der Suche nach dem richtigen Geschenk, es ist ein Schieben und Drängeln in der Stadt und es scheint, als sei alles nur noch auf Konsum ausgerichtet. Wie schön, wenn dann endlich Weihnachten ist und der Stress für einige Tage aufhört. Doch das ist leichter gesagt als getan. Denn kaum sind die Weihnachtsgeschenke organisiert und die festlichen Tage beginnen, gibt es die nächste Herausforderung: Die Familie, der Partner, die Oma, die Onkel und Tanten, die Geschwister und alle anderen Lieben, die so um uns herum schwirren. Da kann die harmonische, besinnliche Stille Nacht schon einmal zu einem Desaster werden.

Interessanterweise wünschen sich die meisten Menschen, dass sie ein friedliches und harmonisches Weihnachtsfest verleben. Wieso also kracht es zu Weihnachten dann so häufig?

Es beginnt schon im Vorfeld. Sobald die Adventszeit eingeläutet ist, bauen wir diese Erwartung auf, dass alles schön besinnlich, harmonisch, friedlich sein soll. Wir malen uns aus, wie schön es wäre, friedlich unter dem Tannenbaum mit all den Geschenken zu sitzen und uns mit Partner und Familie einfach zu freuen. Nun ist das aber mit den Erwartungen so eine Sache. Erwartungen und Annahmen sind prädestiniert dafür, nicht erfüllt zu werden, denn diese treffen wir still und heimlich, um uns eine Welt zu erschaffen, wie wir sie gerne hätten. Wir erwarten z. B. dass sich unser Partner riesig freut, wenn er unser Geschenk öffnet, oder dass er zuvorkommend ist, wenn wir gemeinsam am festlich gedeckten Tisch sitzen. Vielleicht erwarten wir auch von unserer Familie, dass sich z. B. die Kinder wenigstens an diesem Abend nicht raufen, Tante Elfi nicht wieder mit ihrer Krankengeschichte anfängt und Onkel Paul nicht wieder muffelig ist. Wenn alle unsere Erwartungen erfüllt würden, ja dann wären wir wirklich glücklich.

Viel Erfolg damit! Erwartungen werden in den wenigsten Fällen erfüllt. Und nicht nur das, ERWARTUNGEN KILLEN BEZIEHUNG. Wenn Sie Ihre Beziehung zu Ihrem Partner und zu Ihrer Familie auf Erwartungen und Annahmen aufbauen, können Sie nicht wahrhaftig in Beziehung sein. Eine Erwartung ist nichts anderes als Wunschdenken und damit versuchen Sie, eine andere Person nach Ihren Vorstellungen zu manipulieren. Sie sind nicht mehr offen dafür, wenn etwas anderes passiert, denn Sie schauen nur darauf, ob Ihre Erwartung erfüllt wird oder nicht.

Wird sie nicht erfüllt, dann fühlen wir uns verletzt, verärgert, unzulänglich, traurig oder genervt, was wiederum dazu führt, dass wir – bewusst oder unbewusst – Groll gegen die andere Person hegen. Das passiert übrigens nicht nur zu Weihnachten, sondern das ganze Jahr über. Passiert dies mehrmals und sprechen wir nicht mit der Person, die diesen Groll in uns auslöst, so sammeln wir persönliche Rabattmarken oder Grollpunkte und kleben diese in unser imaginäres Rabattmarken-Heftchen. Haben wir für die Person dann genug Rabattmarken oder Grollpunkte gesammelt, holen wir aus, um die richtig große Prämie zu kassieren. Wir benutzen unsere Rabattmarken, um zu beweisen, dass wir Opfer sind und von dem anderen betrogen oder verletzt wurden, dass der andere dumm und wir überlegen sind, oder dass wir Recht haben und der andere Unrecht. Nur eins steht fest: „ENTWEDER DU HAST RECHT, ODER DU BIST IN BEZIEUNG!

Wenn Sie stattdessen keinerlei Erwartungen haben oder Annahmen treffen, dann können Sie im JETZT präsent sein und mit dem sein, was gerade da ist. Kürzlich fragte mich jemand: „Ja, aber wenn ich jetzt zu Weihnachten von meinem Partner etwas geschenkt bekomme, was ich total scheußlich finde, dann bin ich nun mal sauer, was soll ich denn da machen.“ Ich stellte folgende Gegenfrage: „Warum denkst Du, schenkt Dein Partner Dir überhaupt etwas?“

Wir sehen oftmals nur das Vordergründige. Wir werden in unserer Gesellschaft dazu erzogen, dass eine Person daran gemessen wird, was sie hat oder tut. Sie wissen schon: mein Haus, mein Auto, meine Jacht. Jemand in einer Vorstandsposition wird als „besser“ angesehen, als jemand, der am Postschalter arbeitet.

Ich lade Sie zu einem Experiment ein:

Teil 1:
Schreiben Sie einmal alle Erwartungen auf, die Sie an Ihren Partner oder an Ihre Familie und Freunde haben, sei es jetzt zur Weihnachtszeit oder generell. Machen Sie eine wirklich detaillierte Liste. Wenn Sie die Liste erstellt haben, überprüfen Sie einmal, wie viele Grollpunkte Sie schon gesammelt haben, weil die eine oder andere Erwartung einmal oder mehrmals nicht erfüllt wurde. Sprechen Sie dann mit Ihrem Partner oder der Person, an die Sie eine Erwartung haben, darüber.

Teil 2:
Schauen Sie einmal hinter die Haben-Tun-Maske und sehen Sie, was das SEIN der Person ausmacht. Dazu schauen Sie mit Ihren energetischen Augen in die Augen der anderen Person und sagen ihr, was Sie in ihr sehen. Dabei geht es nicht darum zu sagen „Du hast schöne Haare“ oder „Dein Pulli gefällt mir“. Es geht um die Seins-Eigenschaften. Gehen Sie mit Ihrem Gegenüber wahrhaftig in Kontakt und schauen Sie ihm in die Augen. Sie werden überrascht sein, was Sie in den Augen einer Person alles lesen können. Machen Sie dieses Wertschätzungs-Experiment einmal 3 Minuten lang mit Ihrem Partner, Ihrer Freundin, Mutter, dem Nachbarn, dem Kollegen oder auch dem muffeligen Onkel Paul. Sie werden erstaunt sein, wie das Ihre Beziehung zu dieser Person ändert. Sehen Sie das Wesen der anderen Person anstatt ihre Box, ihr Ego oder ihre Weltanschauung.

Um auf das Beispiel des scheußlichen Geschenks zurückzukommen, sehen Sie die Wertschätzung, die dahinter steckt, das liebevolle, große Herz, das eine Seins-Eigenschaft Ihres Partners sein könnte. Wenn Sie der anderen Person egal wären, würde sie Ihnen gar kein Geschenk machen, geschweige denn Zeit mit Ihnen verbringen.

„Ja, aber wenn ich mit dem Geschenk nun mal nichts anfangen kann? Dann wäre es doch ehrlicher zu sagen, dass ich es scheußlich finde und umtauschen möchte.“ Ja, und: Es gibt auch so etwas wie TIMING. Wenn Sie ein scheußliches Geschenk erhalten, dann können Sie zunächst einmal „Vielen Dank“ sagen und damit den anderen dafür wertschätzen, dass er an Sie gedacht hat. Wenn Sie das Geschenk dann umtauschen möchten, erspüren Sie den richtigen Moment, um dieses delikate Thema anzusprechen. Eine Möglichkeit, es dem anderen „beizubringen“ wäre dann anstatt zu sagen: „Ich finde es doof!“ eher wertschätzende Worte zu verwenden. Seien Sie ein JA für den anderen, anstatt ein NEIN. In einer ruhigen Minute nach dem Auspacken oder besser noch am nächsten Tag könnte sich das z. B. so anhören: „Ich möchte mich nochmals bei Dir dafür bedanken, dass Du mir ein Geschenk gemacht hast. Ich schätze es sehr, dass Du an mich gedacht hast. Und ich schätze es, dass Du Dir Gedanken gemacht hast, was mir gefallen könnte. Meinen Geschmack zu treffen ist nicht ganz leicht und ich muss zugeben, dass, obwohl ich Deine Geste so sehr schätze, die Trockenhaube (der Pullover, die Socken, das Buch….) leider nicht meinen Geschmack trifft. Wie wäre es daher für Dich, wenn wir nach Weihnachten gemeinsam etwas anderes aussuchen und uns dabei einen tollen Nachmittag machen?“

Seien Sie einfach ein JA für die Menschen um Sie herum und bleiben Sie erwartungsfrei im JETZT. Sehen Sie die Essenz, die in jedem Menschen und in jedem Augenblick steckt. Und: lassen Sie sich nicht von Onkel Pauls und Tante Elfis Drama-Geschichte an den Haken nehmen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen von Herzen ein besinnliches Weihnachtsfest.

Ihre Nicola Nagel


Sonntag, 14. November 2010

Stell Dir vor, es gibt kein Problem...

Ja, was dann? Was machen Sie, wenn es kein Problem gibt?

Neulich war ich Zeugin einer beispielhaften Situation, wie sie sich leider nur allzu oft in unserem täglichen Leben abspielt. Ich bezeichne es gerne als den ganz alltäglichen Wahnsinn. Ich war unterwegs in einer Stadt, wo ich ein Hotelzimmer gebucht hatte. Als ich im Hotel ankam, standen 3 Gäste an der Rezeption und es schien zunächst alles friedlich. Mit einem Mal jedoch entstand aus dem Nichts heraus eine unglaubliche Diskussion zwischen den 3 Gästen und der Dame an der Rezeption. Es ging darum, dass die 3 Gäste zu einer Reisegruppe von 10 Personen gehörten, die 3 Doppelzimmer, 1 Dreibettzimmer und 1 Einzelzimmer bestellt hatten. Die Dame an der Rezeption erklärte ihnen, dass ein Doppelzimmer bereits bezogen sei und somit noch 2 Doppelzimmer, 1 Dreibettzimmer und ein 1 Einzelzimmer zu vergeben seien. Aufgrund der unterschiedlichen Formulierung gingen die Gäste nun davon aus, dass es ein Zimmer zu wenig gab und beschuldigten die Rezeptionsdame, falsch reserviert zu haben. Ich betrachtete die Diskussion aus 2 Meter Entfernung und war fasziniert, denn alle sprachen vom Gleichen und trotzdem suhlten sie sich in einem Problem. Plötzlich schauten mich alle an. Ich sagte „Hallo! Möchten Sie Klarheit?“ Vier entgeisterte Augenpaare schauten mich an und ich hörte schließlich ein „Ja!“. Ich fragte also die Gäste, wie viele Zimmer sie bestellt hatten. „Fünf“, war die Antwort. Schließlich fragte ich die Rezeptionsdame, wie viele Zimmer sie für die Reisegruppe reserviert hatte und wie viele davon bereits bezogen seien. „Fünf und davon ist eines bereits bezogen.“ Also stellte ich die gewagte Frage: „Wo ist dann das Problem?“ Totenstille. Es gab keins. Kaum waren jedoch einige Sekunden der Stille verstrichen, in der alle einfach friedlich miteinander sein konnten, sagte einer der Gäste: „Ja dann ist doch alles gut. Warum regen Sie (Rezeptionsdame) sich denn so auf?“ Und schon ging es von vorne los mit einer neuen Diskussion.

Sie lachen jetzt vielleicht und sagen „Oh je, wie können die nur so ein Problem kreieren, wenn keines da ist.“ Aber mal ehrlich, Hand auf’s Herz: Kennen Sie so etwas aus Ihrem Alltag nicht auch? Passiert es Ihnen gelegentlich, dass Sie mit jemandem über ein Problem diskutieren und hinterher gar nicht mehr wissen, wo eigentlich das Problem war? Oder passiert es Ihnen sogar, dass Ihnen jemand anderes von einem Problem erzählt und Sie meinen, es lösen zu müssen? Seien Sie ehrlich. Wie oft übernehmen Sie ein Problem von Ihrem Partner, ihrer besten Freundin, ihrem Kind, ihren Eltern, ihrem Chef, oder ihrem Kollegen? Wie oft machen Sie ein Problem einer anderen Person zu Ihrem eigenen und verpulvern damit Ihre wertvolle Energie und Zeit?

Probleme sind nicht einfach da. Probleme haben immer einen Besitzer. Eine unglaubliche Leichtigkeit kann in Ihrem Leben Einzug halten, wenn Sie sich bewusst machen, wer eigentlich ein Problem hat. Es gibt drei Varianten:

1) ICH HABE EIN PROBLEM
Wenn Sie erkennen, dass Sie ein Problem haben, dann können Sie damit machen, was Sie wollen. Sie können es lösen, sie können es wunderbar ausschmücken oder verdrängen. Sie können um Hilfe bitten oder es alleine lösen. Vor allem aber können Sie es so lange behalten wie Sie wollen. Sie können sich tage- oder wochenlang darin suhlen und anderen vorjammern, wie schlecht es Ihnen geht, oder Sie können Verantwortung übernehmen und es in kürzester Zeit lösen und dann einfach zur nächsten Herausforderung übergehen. Es liegt ganz bei Ihnen, was Sie mit dem Problem machen.

2) DER ANDERE HAT EIN PROBLEM
Jetzt wird es schon spannender, vor allem wenn eine Person in unserem näheren Umfeld ein Problem hat. Wir sind oft sehr schnell versucht, dem anderen zu helfen. Wir wollen doch nur das Beste für ihn. Vergessen Sie es! Wenn Sie einer Person helfen, ohne dass sie darum gebeten hat, dann retten Sie diese Person. Retten ist das Anbieten von ungefragter Hilfe und das ist gegenüber der Person, die ein Problem hat, absolut respektlos. Damit signalisieren Sie der Person unbewusst, dass sie das Problem selbst nicht lösen kann und Sie es deswegen für sie tun. Eltern retten gerne ihre Kinder: „Komm mal her, den Pullover zieht man doch anders an!“. Und in einer Beziehung rettet der eine Partner gerne den anderen: „Schatz, lass mal. Ich drehe die Glühbirne schon rein.“

Hier ist ein neuer Ansatz:
Wenn Sie erkennen, dass jemand anderes ein Problem hat, dann lassen sie ihn sein Problem haben. Für Sie bleibt in dem Moment nichts mehr zu tun. Oftmals treffen wir diese Unterscheidung nicht. Machen Sie sich klar, dass die andere Person hart für ihr Problem gearbeitet hat. Jedes Problem ist die Aufforderung, im Leben zu lernen und sich dadurch weiterzuentwickeln. Wenn Sie jetzt das Problem der anderen Person lösen, dann muss diese sich ein neues Problem erschaffen, um das zu lernen, was sie zu lernen hat. Das ist der Effekt, wenn jemand immer wieder die gleichen Situationen im Leben anzieht. Das passiert so lange, bis er oder sie das Problem endlich angeschaut und gelöst hat.

Was einige Menschen, die ein Problem haben, sehr gerne machen, ist die stolze Präsentation des Problems. Haben Sie das schon einmal erlebt? Sie treffen sich mit einem Freund und das erste, was er macht ist, er holt sein Problem aus der Glasvitrine. Sobald er dann unsere ungeteilte Aufmerksamkeit hat, fängt er an, sein Kunstwerk zu präsentieren, es auszuschmücken und zu erweitern, sodass es den ganzen Raum einnimmt („Stell Dir vor, was mir passiert ist….“). Die größte Genugtuung erhält er durch die Bewunderung und Anteilnahme von uns. Und wehe wir zeigen keine Wertschätzung für das Problem.

Noch einmal Hand auf’s Herz: wie oft haben Sie selbst schon ihre Probleme anderen präsentiert um Mitleid oder Zuneigung einzuheimsen?

Jetzt höre ich einige schon empört sagen: „Ja, Moment mal, ich muss dem anderen doch helfen. Ich kann doch nicht einfach nichts tun und die kalte Schulter zeigen.“ Ja, Sie haben absolut Recht und es gibt einen Unterschied zwischen Mitleid und Mitgefühl. Ein verantwortlicher, mitfühlender Weg mit Problemen anderer umzugehen, ist ihnen zuzuhören. Und zwar nur das! Keine Lösungsvorschläge, keine Diskussion, keine Ratschläge. Seien Sie einfach nur mit dem anderen und hören Sie ihm zu.

„Ja und wenn der andere mich bittet, ihm zu helfen?“, fragen Sie sich jetzt vielleicht. Das ist ein sehr guter Punkt. Wenn der andere Sie um Hilfe bittet, entsteht eine neue Situation. Wenn er Sie bittet, haben Sie ein Problem und können wieder entscheiden, was Sie damit machen. Sie können zustimmen, ihm zu helfen, oder Sie können nein sagen. Dann retten Sie auch nicht, denn der andere hat Sie um Hilfe gebeten.

Ich ertappe mich oft, dass ich eine ganz einfache Lösung für ein Problem einer anderen Person sehe, sie aber nicht respektlos retten möchte. In dem Fall höre ich erst einmal nur zu und frage, nachdem die Person mit dem Erzählen fertig ist: „Möchtest Du eine Möglichkeit haben?“ Erst wenn sie darauf hin „Ja“ sagt, lege ich die Möglichkeit dar.

So, das waren jetzt 2 Varianten des Problembesitztums. Ich habe ein Problem, oder der andere hat ein Problem. Was denken Sie ist die dritte Möglichkeit?

Wenn ich diese Frage gelegentlich stelle, höre ich oft als Antwort „WIR haben ein Problem.“ BIEP! Diese Illusion muss ich Ihnen leider nehmen. Es gibt kein „WIR“, wenn es um Verantwortung geht. Entweder habe ich ein Problem und muss es lösen, oder der andere. Die Floskel „wir haben ein Problem“ finden Sie besonders häufig in Unternehmen. Kennen Sie das? Sie sitzen in einem Meeting, das Problem wird präsentiert und dann heißt es: „Ja, dann müssen wir das lösen.“ Wenn ich in solch einem Meeting anwesend bin, ist meine erste Frage: „Wer ist wir?“ Ehrlich, „wir müssen es lösen“ ist gleichbedeutend mit „keiner übernimmt die Verantwortung“. Es gibt kein „Wir“ wenn es um Verantwortung geht.

Das als kleiner Exkurs. Wir waren jedoch bei der dritten Möglichkeit des Problembesitztums. Die dritte Variante lautet:

3) ES GIBT KEIN PROBLEM
Ja, können Sie sich das vorstellen? Das ist die Zeit, die Gesellschaft der anderen einfach zu genießen. Kein Problem zu haben ist unser ursprünglicher Seins-Zustand. Tibetanische Mönche nennen diesen Zustand „Grundlegendes Gutsein“. Was passiert jedoch, wenn es kein Problem gibt? Es entsteht Nähe, Verbundenheit, Vertrautheit und Intimität. Oft verweilen wir nicht lange an dem Ort, wo es kein Problem gibt, denn dieser Zustand kann sehr intensiv werden. Um zu große Intensität zu vermeiden ist unser Gremlin (das kleine Monster in jedem von uns, das z. B. kleine Witze über andere reißt) sehr findig. Er kann sofort ein Problem aus dem Nichts erzeugen, zu jeder Zeit und ohne Grund. Für den Gremlin ist ein Zustand ohne Problem ein echtes Problem. Der Gremlin liebt es, Nähe und Vertrautheit zu zerstören.

Ich möchte Sie gerne zu zwei Experimenten einladen:

Experiment 1:
Wenn Sie sich das nächste Mal in einer Problemsituation befinden, beobachten Sie die Situation einmal von außen, so als würden Sie ein Augenpaar seitlich außerhalb Ihres Kopfes positionieren und sich selbst und die Situation mit Abstand betrachten. Schauen Sie genau hin und machen Sie sich bewusst, wer gerade das Problem hat. Haben Sie ein Problem? Hat jemand anderes ein Problem? Oder gibt es gar kein Problem? Hat Ihr Gremlin vielleicht nur schnell ein Pseudo-Problem aus dem Hut gezaubert, um zu viel Nähe mit der anderen Person zu vermeiden? Machen Sie sich jederzeit das Problembesitztum klar, egal ob Sie mit Ihrem Partner diskutieren, Ihr Chef Sie anblökt oder die Kinder gerade brüllen, weil Sie das Eis nicht bekommen (in dem Fall ist es z. B. das Problem des Kindes, das lernen muss, Ihre Grenze zu akzeptieren. Es ist NICHT ihr Problem, also lassen Sie das Kind toben und halten Sie den Wutanfall aus).

Experiment 2:
Wie erwähnt kann ein Zustand ohne Problem sehr intensiv werden. Dieses Experiment dient dazu eine höhere Intensität im Miteinander aushalten zu können und dadurch eine neue Qualität in Ihren Beziehungen zu erlangen. Suchen Sie sich für dieses Experiment Ihren Partner aus oder eine gute Freundin bzw. einen guten Freund. Setzen Sie sich auf dem Boden oder auf dem Stuhl gegenüber. Es ist hilfreich, wenn nichts zwischen Ihnen steht. Setzen Sie sich so nah wie möglich zusammen, achten Sie jedoch drauf, dass sich Ihre Knie oder Hände nicht berühren. Suchen Sie sich ein Auge Ihres Gegenübers aus. Schauen Sie nun der Person 5 Minuten lang in das Auge. Schauen Sie direkt in die Pupille. Wechseln Sie nicht zwischen den Augen hin und her. Wir sind das nicht gewohnt. Oftmals schauen wir einer Person, die wir treffen auf die Stirn oder die Nase. Schauen Sie diesmal direkt in die Pupille. Sprechen Sie während der 5 Minuten nicht und lachen Sie auch nicht. Nach einigen Sekunden werden Sie vielleicht versucht sein, kurz wegzuschauen, oder Sie verspüren Angst aufgrund der großen Nähe. Nehmen Sie dies wahr, atmen Sie tief ein und aus und erliegen Sie nicht der Versuchung wegzuschauen. Halten Sie es aus. Wenn Sie diesen Punkt überwinden, werden Sie erstaunt sein, was sich Ihnen plötzlich offenbart und was Sie über die andere Person alles erfahren, ohne dass ein Wort gesprochen wird. Sie können die Person wahrhaftig sehen, wie sie ist, ohne die sonst übliche Maske. Bedanken Sie sich nach 5 Minuten bei Ihrem Gegenüber und tauschen Sie sich kurz über Ihre Erfahrungen aus. Verabreden Sie sich dann für die nächsten Tage, um das Experiment mehrmals zu wiederholen und spüren Sie, wie es für Sie „normaler“ wird, mit jemandem einfach zu sein, ohne ein Problem zu haben.

In diesem Sinne, genießen Sie es, einfach mal kein Problem zu haben.

Herzliche Seins-Grüße,

Ihre Nicola Nagel

www.viva-essenza.com

Freitag, 15. Oktober 2010

Bist Du noch nett oder lebst Du schon?

??? Wie bitte???


Ja, Sie haben richtig gelesen. Die Frage, die ich Ihnen heute stellen möchte lautet „Sind Sie noch nett oder leben Sie schon?“ Diese Frage ist zugegebenermaßen provokativ. Da werden einige Leser jetzt denken „Was soll das denn, ich bin nett UND lebe“.


Lassen Sie mich die Frage daher etwas anders formulieren: Wie authentisch sind Sie?


Neulich erzählte mir eine Bekannte, dass Sie am Abend bei geschätzten Freunden zum Essen eingeladen sei, aber überhaupt keine Lust habe hinzugehen. Sie sei den ganzen Tag so eingespannt, dass Sie abends einfach nur Zeit für sich haben wolle und ihr das Abendessen gar nicht passe. Sie habe schon keine Lust gehabt, als die Freunde sie anriefen, doch sie habe eben zugesagt. Ich fragte Sie, wieso Sie hinginge, wenn sie doch keine Lust habe. Darauf hatte Sie eine ganze Batterie an Gründen parat: Sie habe die Freunde lange nicht gesehen und es sei wirklich Zeit, dass sie mal vorbeischaue. Außerdem seien das wirklich sehr enge Freunde und die wolle sie nicht vor den Kopf stoßen. Und da war noch das geliehene Buch, das Sie endlich einmal zurück geben wollte.


Kennen Sie solche Situationen auch?


Lassen Sie uns einmal gemeinsam schauen, was es eigentlich bedeutet, authentisch zu sein. Es wird deutlich, wenn Sie sich überlegen, was für Sie im Leben ganz klar akzeptabel ist und was für Sie ganz klar inakzeptabel ist. Wenn sich eine Situation in Ihrem Leben ereignet, die für Sie akzeptabel ist und Sie ganz klar mit einem JA dahinter stehen, dann sind Sie authentisch. Gleiches gilt, wenn eine Situation für Sie nicht akzeptabel ist und Sie das mit einer klaren Grenze, einem NEIN untermauern und die Konsequenz ziehen. Dann sind Sie auch authentisch. Doch zwischen diesen beiden Bereichen AKZEPTABEL und INAKZEPTABEL gibt es diesen großen Bereich, den ich gerne als „Nebel“ bezeichne. Das ist der Bereich, in dem Sie innerlich ein NEIN spüren, aber mit einem JA reagieren oder ganz klar ein JA spüren und ein NEIN zum Ausdruck bringen. Oft verhalten wir uns so, als ob wir Dinge akzeptieren würden, obwohl wir sie eigentlich nicht akzeptieren. Das ist die sogenannte falsche Akzeptanz. Wenn wir so handeln, als ob wir etwas akzeptieren, was wir eigentlich nicht akzeptieren, sind wir nicht authentisch.


Nehmen Sie sich einmal einen Moment Zeit und beantworten Sie für sich ganz ehrlich folgende Fragen:

  • Wie oft antworten Sie auf die Frage "Na, wie geht's?" mit dem kleinen Wörtchen "Gut", obwohl Sie innerlich mit einem privaten oder beruflichen Problem kämpfen?
  • Wie oft lächeln Sie freundlich, obwohl Ihnen gar nicht nach Lächeln zumute ist?
  • Wie oft geben Sie einfach nach, um des lieben Friedens willen?
  • Wie oft sagen Sie JA und meinen eigentlich NEIN?
  • Wie oft handeln Sie auf eine bestimmte Art und Weise, weil "man es halt so macht"?
  • Wie oft verhalten Sie sich angepasst, damit sich andere wohl fühlen? Wie oft versuchen Sie die Erwartungen anderer zu erfüllen, obwohl Sie viel lieber etwas machen würden, was Sie erfüllt und Ihnen Freude bereitet?
  • Wie oft schlucken Sie Dinge herunter, die eigentlich gesagt werden müssten?

Na, konnten Sie sich an die eine oder andere Situation erinnern, wo Sie nicht authentisch waren? Normalerweise sind wir nicht ehrlich zu uns selbst oder anderen in Bezug auf unsere falsche Akzeptanz. Wir sind nicht authentisch in Bezug auf unsere Inauthentizität.


Gestern
sprach ich mit einem Bekannten, der mir ein schönes Beispiel gab, was passieren kann, wenn wir nicht authentisch sind. Er hat einen Freund, der alles dafür tut, um ein Bild zu erschaffen, das die Leute glauben lässt, er sei ein sehr erfolgreicher, großzügiger Geschäftsmann, der sein Leben im Griff hat. Um seinem vermeintlichen Erfolg Nachdruck zu verleihen, redet er ununterbrochen und überrollt sein Gegenüber regelrecht mit Worten. Die Wahrheit sieht jedoch ganz anders aus: Er ist alles andere als erfolgreich, fährt lieber mit einem Oldtimer durch die Gegend und ist geizig. Das einzige, was er mit seiner Inauthentizität erreicht ist, dass die Menschen einen Bogen um ihn machen und Groll gegen ihn hegen, weil er ein falsches Spiel spielt. Er ist ziemlich einsam.


Es muss jedoch nicht immer so offensichtlich sein, dass jemand nicht authentisch ist. Es ist vor allem auch die subitle Inauthentizität, die uns unserer Energie beraubt. Wenn wir nicht authentisch sind, schneiden wir uns von unserem eigenen Sein ab. Das kostet nicht nur Kraft sondern macht uns auf Dauer auch unglücklich.


Und jetzt? Wenn wir erforschen, wo wir nicht authentisch sind, wenn wir also authentisch in Bezug auf unsere Inauthentizität werden, geschieht etwas Besonderes in unserer Kommunikation und unserem Verhalten. Unsere Beziehung zu uns selbst und zu anderen Menschen gewinnt eine neue Qualität. Wir können also anfangen, authentisch in Bezug auf unsere Inauthentizität zu werden. Es gibt jedoch eine gute und eine schlechte Nachricht:


Die gute Nachricht ist, dass Sie einen Detektor für Inauthentizität haben. Dieser mag vielleicht etwas eingerostet sein, doch Sie können ihn durch ein bisschen Übung wieder aktivieren. Er sitzt in Höhe des Brustbeins und Sie können ihn sich wie eine Nadel vorstellen, die auf einer Anzeige von links bis rechts ausschlagen kann. Im Ruhezustand zeigt die Nadel auf den Wert Null (=authentisch) und wenn sie bis ganz rechts ausschlägt, erreicht sie den Wert 100% (=absolut inauthentisch). Der Detektor funktioniert jedoch nicht mit dem Verstand. Inauthentizität, insbesondere die sehr subtilen Formen, nehmen Sie mit Ihrem Sein war. Sie können sofort spüren, wenn Ihr Gegenüber nicht authentisch ist. Probieren Sie das einmal aus und „scannen“ Sie mit ihrem Detektor die Menschen, denen Sie begegnen auf Inauthentizität.


Haben Sie schon einmal mit einer Person gesprochen und Sie wussten einfach intuitiv, dass sie lügt? Ja, genau so fühlt es sich auch an, wenn jemand nicht authentisch ist. Sie wissen es einfach dank Ihres Detektors. Und ganz direkt gesagt: Inauthentizität ist nichts anderes als Lügen. Sie belügen sich selbst und andere, wenn Sie nicht authentisch sind.


Die schlechte Nachricht ist, dass Sie zwar schnell die Inauthentizität anderer wahrnehmen können, jedoch nicht die eigene. Oft sind wir so eingefahren in unseren Verhaltensweisen, dass wir gar nicht merken, wann wir inauthentisch sind. Um sich dessen wieder mehr bewusst zu werden, lade ich Sie zu folgendem Experiment ein:


Der erste Teil des Experiments besteht darin, dass Sie sich 3 Personen in ihrem engen Umfeld aussuchen, denen Sie vertrauen und mit denen Sie gerne Zeit verbringen. Treffen Sie sich jeweils mit einer Person und stellen Sie ihr folgende Fragen:

  • Wann war ich in Deinen Augen nicht authentisch?
  • Woran erkennst Du, dass ich nicht authentisch bin?
  • Wie fühlt es sich für Dich an, wenn Du merkst, dass ich nicht authentisch bin?

Bitten Sie die Person dann darum, Ihnen in Zukunft sofort Rückmeldung zu geben, wenn sie wahrnimmt, dass Sie nicht authentisch sind.


Der zweite Teil des Experiments besteht darin, dass Sie beginnen sich selbst zu beobachten. Erforschen Sie den Inauthentizitäts-Mechanismus in sich. Wann sagen Sie JA, obwohl Sie NEIN meinen und umgekehrt. Spüren Sie in sich rein. Wann lächeln Sie jemanden an, weil sie es einfach so gewohnt sind? Sie werden erstaunt sein, wie gut der Mechanismus funktioniert, denn wir sind in unserer Gesellschaft dazu erzogen worden, bestimmten Regeln zu folgen und Bildern zu entsprechen.


Angenommen, Sie haben jetzt die Entscheidung getroffen, ab sofort nur noch authentisch zu sein, also ja zu sagen, wenn Sie ja spüren und nein zu sagen, wenn Sie nein spüren. Dann gibt es da noch diese kleine Falle genannt GRÜNDE!


Lassen Sie uns noch einmal das Beispiel der Freundin nehmen, die zum Abendessen eingeladen war. Sie rief mich am nächsten Tag an und erzählte mir freudig, sie habe das Abendessen kurzfristig abgesagt und einen wunderbaren, entspannten Abend für sich genossen. Ich fragte sie, was sie den Freunden gesagt habe. Sie antwortete, sie habe ihnen mitgeteilt, sie könne nicht kommen, weil sie noch einiges an Hausarbeit zu tun und für den nächsten Tag etwas vorzubereiten hätte. BIEP! – INAUTHENTISCH!


Wenn Sie sich einen Grund einfallen lassen, um Ihr eigentlich authentisches Gefühl oder ihre authentische Entscheidung zu „legalisieren“, dann sind Sie nicht authentisch. Wenn Sie kleine Notlügen, Ausflüchte oder Gründe heranziehen, um Ihr JA oder NEIN zu „rechtfertigen“, sind Sie nicht authentisch. Und mal ehrlich: wenn ihr Gegenüber einen funktionierenden Detektor für Inauthentizität hat, merkt er sowieso, dass es ein fadenscheiniger Grund ist.


Sie sehen also, es lohnt sich gar nicht, diese anstrengende Maske der falschen Akzeptanz aufrecht zu halten. Spüren Sie stattdessen in sich hinein, finden Sie heraus, was Sie wirklich möchten und handeln Sie dann verantwortlich authentisch.


Authentisch herzliche Grüße,


Ihre Nicola Nagel